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Wie wir die Erde noch retten können

WELT-Logo WELT 14.11.2018

Diesel-Fahrverbote in Städten, Proteste im Hambacher Forst – in Deutschland scheint Umweltschutz gut zu funktionieren. Stimmt nicht, sagt der Jurist James Thornton. Er erklärt, was besser werden muss.

Southern Scandinavia just before midnight under a full moon, showing the Northern lights aurora in 2015. (Photo by: Universal History Archive/ UIG via Getty Images) © UIG via Getty Images Southern Scandinavia just before midnight under a full moon, showing the Northern lights aurora in 2015. (Photo by: Universal History Archive/ UIG via Getty Images)

James Thornton gilt als ein Mann, der die Welt verändern kann. Als Umweltaktivist setzt der Brite dazu vor allem auf die Kraft des Rechtes. Vor zehn Jahren hat er sich entschieden, die Erde vor dem Kollaps zu retten – und zwar mithilfe der Gesetze. In seiner Organisation arbeiten Juristen, die Bürger und Umweltschutzorganisationen, aber auch Regierungen wie China beraten. Gerade in Europa und Deutschland müsse beim Umweltschutz noch viel nachgebessert werden.

WELT: Herr Thornton, das britische Magazin "The Statesman" hat Sie vor einiger Zeit zu einer Person gekürt, die die Welt verändern kann. Haben Sie das?

James Thornton: Ja, allerdings natürlich nicht allein. Aber ich glaube tatsächlich, dass wir mit unserer Organisation ClientEarth schon einiges geschafft haben. Wir haben in Brüssel beispielsweise dafür gesorgt, dass die Fangquoten für Fische in Europa besser geregelt werden – und kümmern uns darum, dass sie auch eingehalten werden.

WELT: Wie ist Ihnen das als spendenfinanzierte Nichtregierungsorganisation gelungen?

Thornton: Dazu haben wir uns im ersten Schritt tatsächlich Hilfe von Wissenschaftlern einholen müssen. Wir sind ja eine Gruppe von Umweltjuristen, wir kennen uns also mit Fischen eher nicht aus. Und da unser Mandant die Erde ist, die uns leider nicht erzählen kann, was gut für sie ist und was nicht, haben wir Wissenschaftler gefragt. Sie kennen die Bedürfnisse von Fischen, wissen, wie viele man fangen kann, ohne dass die Bestände oder sogar die Ökosysteme zusammenbrechen. Wissenschaftler sind das Sprachrohr unserer Mandantin. Sie haben Daten geliefert und uns geholfen, zu definieren, welche Mengen Fisch von welchen Arten gefangen werden können, damit es in 20 oder 50 Jahren noch Fische im Meer gibt.

WELT: Warum haben Sie ausgerechnet mit Fisch angefangen?

Thornton: Weil die Artenvielfalt im Meer eines der größten Probleme in der Europäischen Union ist – und weil dort gerade eine Novellierung der Fangquoten anstand. Wir haben aus den Daten der Biologen und Fischereiwissenschaftler dann konkrete Zahlen gemacht – und sind damit ins Europäische Parlament gegangen, um sie in gesetzliche Regelungen umzusetzen. Das ist der Unterschied zwischen uns und den vielen Umweltschutzgruppen, die es in der EU gibt: Sie machen gute Kampagnen, sind aber nicht geübt darin, die Sachen bis zum Schluss durchzuziehen. Sie schaffen es oft nicht, Forderungen einen rechtlichen Rahmen zu geben. Wir gucken, wo unser Eingreifen eine Chance auf Erfolg hat, wo wir wirklich etwas bewegen können.

WELT: Sie sind derzeit auch in Polen ziemlich aktiv und haben dort erwirkt, dass der Urwald im Bialowieza-Nationalpark nicht weiter abgeholzt werden darf. Und dann gibt es dort auch noch den Streit über den Bau neuer Kohlekraftwerke ...

Thornton: Ja, dieser Fall ist beispielhaft für unsere Arbeit. Der Kraftwerkbetreiber Enea wollte ein neues Kohlekraftwerk in Betrieb nehmen. Wir haben rechtzeitig Anteile der Aktiengesellschaft gekauft und bei der Aktionärsversammlung dafür plädiert, die Inbetriebnahme des Werkes zu verhindern. Denn nach Einschätzung auch unabhängiger Analysten wie Bloomberg würde ein Kohlekraftwerk ein Verlustgeschäft werden. Wegen der steigenden Kohlendioxidabgaben, der schärferen Konkurrenz durch erneuerbare Energien und der seit der EU-Energiereform nicht mehr so einfach durchzusetzenden staatlichen Subventionen für Kohlekraft wäre das finanzielle Risiko sehr hoch gewesen. Als Minderheitsaktionäre konnten wir den Druck auf Enea nun enorm erhöhen. Das Unternehmen muss sich nun vor Gericht verantworten.

WELT: Kampagnen von Kohlegegnern hätten das vermutlich nicht erreicht.

Thornton: Stimmt, deshalb ist das, was wir tun, effizient. Aber wir brauchen die Kampagnen von Umweltschutzorganisationen natürlich trotzdem. Erst durch sie wird die Öffentlichkeit überhaupt auf Probleme aufmerksam. Wir unterstützen sie dann mit juristischer Kompetenz.

WELT: Klimawandel, Plastikmüll, Luftverschmutzung – es gibt viele Krankheiten, an denen die Erde leidet. Welches Problem muss am schnellsten angegangen werden?

Thornton: Die intensive Landwirtschaft steht weit oben auf der Liste. Sie trägt zu einem Drittel zum Klimawandel bei, sie laugt Böden aus, sorgt für Wasserverschmutzung und trägt zum Artenschwund bei. Die Staaten müssen endlich aufhören, die intensive Landwirtschaft zu subventionieren. Nach der Dürre in diesem Sommer haben alle Landwirte gleichermaßen Unterstützungen bekommen – egal, ob sie bereits ökologisch wirtschaften oder nicht. Das ist nicht zukunftsweisend.

Tractor besproeit veld met koolzaad (Brassica napus) met pesticiden in de lente Tractor with crop sprayer spraying rapeseed (Brassica napus) with pesticides in spring. (Photo by: Arterra/UIG via Getty Images) © UIG via Getty Images Tractor besproeit veld met koolzaad (Brassica napus) met pesticiden in de lente Tractor with crop sprayer spraying rapeseed (Brassica napus) with pesticides in spring. (Photo by: Arterra/UIG via Getty Images)

WELT: Nach London, Brüssel und Warschau eröffnen Sie nun eine Dependance in Berlin. Ist Deutschland so schlecht im Umweltschutz?

Thornton: Sagen wir so: Ein paar neue Impulse wären vielleicht nicht schlecht. Ich war zum Beispiel irritiert, als die Bundesregierung kurz vor der Hessenwahl erklärte, die Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Frankfurt aufheben zu wollen. Es ist ein Recht der Bevölkerung, saubere Luft zu atmen – und Luftverschmutzung ist weltweit ein massives Problem, nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist sie verantwortlich für viele Todesfälle. Deshalb ist es die Pflicht von Regierungen, die Bürger vor schlechter Luft zu schützen – auch wenn das gegen die Interessen der Wirtschaft geht. Wenn nicht mehr für bessere Luft getan wird, sind Klagen gegen die Regierung nicht aussichtslos.

WELT: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) setzt gerade in einer Innenstadt nach der nächsten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge durch, der BUND kämpft um den Hambacher Forst. Was wird der erste juristische Fall für Ihr Berliner Büro sein?

Thornton: Die ersten Fälle hatten wir schon – wir unterstützen die DUH bei den Dieselklagen gegen deutsche Städte. Diesen Ansatz wollen wir ausweiten. Als Nächstes werden wir Umweltverbände dabei unterstützen, gegen Kohlekraftwerke vorzugehen: Diese Dreckschleudern müssen nicht nur aus klimapolitischen Gründen schnellstmöglich vom Netz, sondern verursachen ja auch massive gesundheitliche Probleme in ihrer Umgebung. Und mittelfristig haben wir den Bereich der Landwirtschaft im Blick. Die in Deutschland hauptsächlich praktizierte agrarindustrielle Landwirtschaft verseucht Böden sowie Gewässer und ist alles andere als klimafreundlich. Das muss sich ändern.

WELT: Einer der weltweit größten Luftverschmutzer ist China. Dort gibt es kaum Immissionsschutz, und da große Teile der Bevölkerung mittlerweile einen westlichen Lebensstil mit hohem Konsum führen, wird die Umwelt künftig noch mehr leiden. Sie beraten die chinesische Regierung – wie sieht dort die Zukunft aus?

Thornton: Es ist sehr wichtig, dieses Land eng beratend zu begleiten. Der gesellschaftliche Umschwung vollzieht sich rasant – und gerade wird unter anderem die Infrastruktur stark ausgebaut. Wenn man jetzt erneuerbare Energien, Elektromobilität und öffentlichen Nahverkehr geschickt fördert, lässt sich mittelfristig die Luftverschmutzung stark senken.

WELT: Hat man das in China erkannt?

Thornton: Man ist auf einem guten Weg. Die chinesische Regierung will die Gesellschaft zu einer ökologischen Zivilisation umbauen. Der Gedanke dahinter ist, dass es sie auch in 2500 Jahren noch geben soll. Lange war es das erste Ziel, die Bevölkerung aus der Armut zu holen. Nun hat man erkannt, dass man so aber den Planeten zerstört. Nun sind wir dabei, die Gesetze so zu gestalten und vor allem auch öffentlich zu publizieren, dass Bürger und Umweltschutzorganisationen sich künftig darauf berufen können.

WELT: Wer ökologisch leben will, der muss auf so vieles verzichten. Er darf nicht so viel Auto fahren, nicht so viel fliegen, er darf nicht so viel Fleisch und keinen Thunfisch essen. Ökologisch korrekt leben bedeutet: Verzicht. Das ist ziemlich unsexy ...

Thornton: Das kann man so sehen. Aber man könnte ein ökologisches Leben auch als einen Mehrwert betrachten: Wenn die Erde nicht so stark ausgebeutet würde, dann können mehr Menschen gut leben. Man muss den Blickwinkel ändern. Freiheit sollte nicht länger als Konsumfreiheit des Einzelnen begriffen werden. Freiheit bedeutet, dass Menschen gesund in einer gesunden Umwelt leben dürfen.

WELT: Aber selbst wenn in Deutschland viel mehr Menschen ökologisch leben wollten – es geht oft nicht so einfach. Die Infrastruktur ist gar nicht dafür ausgelegt. Das Benzin ist billig und der öffentliche Nahverkehr nicht überall optimal, E-Busse sind eher Modellprojekte. Zudem macht sich der Frust breit, dass ein wenig Öko im Alltag ja doch nichts ändert ...

Thornton: Jeder Einzelne kann etwas ändern, davon bin ich überzeugt. Man muss nur wissen, wie. Vor 20 Jahren, da standen wir etwas hilflos vor den Folgen der Umweltzerstörung. Aber mittlerweile hat sich das geändert: Heute haben wir die Mittel, etwas zu tun. Die Technologie ist da. Die technischen Lösungen für erneuerbare Energien sind weit fortgeschritten, es gibt Elektroautos, die Forschung bringt uns viele neue umweltfreundliche Lösungen. Wenn wir aber darauf warten, dass sie langsam im Alltag ankommen, dann wird das zu lange dauern. Da könnte es für die Rettung des Planeten zu spät sein.

WELT: Und nun?

Thornton: Wir müssen schnell zu einer nachhaltigen Lebensweise kommen – und das geht nur über Gesetze. Wenn rechtlich geregelt ist, dass die Menschen ein Recht auf ein gesundes Leben haben, dann müssen die Regierungen auch alles dafür tun. Dann müssen sie beispielsweise den Druck auf die Autoindustrie erhöhen, dass sie keine Dieselfahrzeuge mehr auf den Markt bringt, sondern sauberere Alternativen. Nur über gesetzliche Regelungen und ihre konsequente Umsetzung ist eine ökologische Wende schnell zu erreichen.

WELT: Was raten Sie Nicht-Juristen, die auch ein wenig für die Rettung der Erde tun wollen?

Thornton: Dass sie es einfach machen sollen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen sollen. Sie sollten Umweltschutzorganisationen unterstützen und sich mehr für ihr Recht auf ein gesundes Leben starkmachen.

James Thornton, 63, ist Jurist, Schriftsteller und Zen-Priester. Der Brite setzt sich seit Jahren für eine Stärkung der Umweltschutzgesetze weltweit ein. Er schreibt auch Bücher.

Der Umweltjurist James Thornton kämpft nicht nur mit Gesetzestexten für den Umweltschutz: Er schreibt auch Bücher © Getty Images Der Umweltjurist James Thornton kämpft nicht nur mit Gesetzestexten für den Umweltschutz: Er schreibt auch Bücher

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