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Wir erleben in diesen Tagen die Neuordnung der Welt

DIE WELT-Logo DIE WELT 11.01.2017
Die City of London: Großbritannien hat Europa mit seinem Brexit-Votum in die Krise gestürzt © Getty Images/Digital Vision Die City of London: Großbritannien hat Europa mit seinem Brexit-Votum in die Krise gestürzt

Während Europa gespalten wirkt, teilen die USA, China und Russland die Welt unter sich auf. Der "Welt"-Wirtschaftsgipfel soll Ideen liefern, wie der Alte Kontinent wieder zur globalen Macht wird.

Die Russen sind selbstbewusst wie nie. China plant, zur globalen Supermacht aufzusteigen. Und die Töne aus den USA sind forscher denn je. Wir erleben in diesen Tagen die Neuordnung der Welt. Doch ein Schwergewicht droht bei der Verteilung von politischem und wirtschaftlichem Einfluss leer auszugehen: Europa. Der Kontinent ist handlungsunfähig. Statt sich im globalen Konzert einen entscheidenden Platz zu sichern, beschäftigen sich die Nationen der Alten Welt lediglich mit sich selbst.

Die Briten wollen die EU verlassen. Doch das ist bislang die einzige Gewissheit. Einen echten Plan, wie der Brexit ablaufen soll, scheint in Westminster niemand zu haben. Auf der Insel sind jedoch wenigstens die Machtverhältnisse geklärt. Davon kann in Italien keine Rede sein. Nach dem Rücktritt von Premier Matteo Renzi ist eine Übergangsregierung im Amt, die vor großen Aufgaben steht. Sie musste zuletzt die maroden Banken mit Staatsgeld retten und hat damit der europäischen Idee einen Bärendienst erwiesen. Rom dehnte die Regeln der Bankenunion, die erst im Januar 2016 in Kraft getreten waren. Jede Bank der EU kann jetzt im Krisenfall ebenfalls auf eine Rettung mit dem Geld der Steuerzahler hoffen – genau das sollte eigentlich verhindert werden.

Eskapaden wie diese sind Wasser auf die Mühlen der Populisten, die ohnehin als größte EU-Kritiker auftreten. Mehr Nationalismus, weniger Führung aus Brüssel. Mit diesem Credo gehen sie derzeit europaweit auf Stimmenfang. In Frankreich will Marine Le Pen den Euro abschaffen, Gleiches gilt für die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien. Sogar in den Niederlanden ist inzwischen vom "Nexit" die Rede. Die historische Errungenschaft des grenzenlosen Europa ist stärker gefährdet denn je.

Krisenmanager treffen sich bei der "Welt"

Die Erwartungen sind groß, wenn wichtige Akteure und Krisenmanager Europas auf dem "Welt"-Wirtschaftsgipfel zusammentreffen. Zum neunten Mal findet im Axel-Springer-Haus in Berlins politischer Mitte das Gipfeltreffen von Politik und Wirtschaft statt.

Der Ort, an dem Europas Probleme auf den Tisch kommen, könnte symbolträchtiger kaum sein. Wenige Meter von der ehemaligen Mauer entfernt, die Ost- und West-Berlin 28 Jahre lang voneinander trennte, diskutieren Politik und Wirtschaft über die Neuordnung der Welt. Seit dem Fall der Mauer haben wir gelernt, dass es politisch und meistens auch ökonomisch stetig aufwärtsgeht. Nun ist dieses Selbstverständnis zumindest erschüttert, die Fragen entsprechend drängend.

Die Teilnehmer könnten kaum prominenter sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird die wichtigsten Ministerinnen und Minister ihres Kabinetts mitbringen. Aus Europa haben sich die Finanzminister aus Großbritannien und Italien sowie ein französischer Präsidentschaftskandidat angekündigt. Die Spitzen von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz werden über die Terrorgefahren informieren – der Rede- und Klärungsbedarf ist groß.

Unternehmen stellen sich auf Unsicherheit ein

Auch für viele führende Wirtschaftslenker sind die politischen Entwicklungen relevanter denn je. Das offenbart das Allianz Risiko Barometer 2017, das der "Welt" vorab vorliegt. Mehr als 1200 Risikoexperten aus über 50 Ländern identifizieren jährlich die wichtigsten Risiken für Konzerne. Demnach finden sich politische Ereignisse wie Terrorismus und die Angst vor dem Zerfall der Euro-Zone erstmals unter den Top-Ten-Gefahren in Deutschland.

© Infografik Die Welt

"Unternehmen weltweit stellen sich auf ein Jahr der Unsicherheit ein", sagt Chris Fischer Hirs, Vorstandschef von Allianz Global Corporate & Specialty. Laut der Allianz-Umfrage müssen Unternehmen damit rechnen, dass durch die jüngsten politischen Weichenstellungen Populismus und Protektionismus weiteren Auftrieb erhalten und sich nachteilig auf ihr Geschäft auswirken könnten.

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Die Agenda des Gipfels liest sich wie die ökonomische und politische Agenda des Planeten. Die Sorge vor Abschottungspolitik dürfte insbesondere die deutschen Unternehmen umtreiben. Kaum eine Ökonomie ist stärker vom Export ihrer Waren abhängig. Am Tag des Gipfels wird auch der künftige US-Präsident Donald Trump in seiner ersten öffentlichen Pressekonferenz seine künftigen Strategie skizzieren. Die Konzernlenker, die in Berlin zusammenkommen, werden von den politischen Entscheidern wissen wollen, wie die Antwort auf etwaige Abschottungsmanöver gegenüber auch deutschen Konzernen aussieht.

Die Euro-Zone ist zerstritten

Auch für Philip Hammond dürfte der Besuch in der deutschen Hauptstadt kein leichter werden. Vom britischen Schatzkanzler erwarten sich die Teilnehmer des "Welt"-Gipfels endlich verbindlichere Pläne, wie der Brexit aussehen soll. Großbritannien möchte zwar dem Binnenmarkt gern weiter angehören, jedoch die Einreise von ausländischen Personen streng regulieren. Das ist aber mit den europäischen Standards nicht vereinbar. Ob die Briten in diesem Punkt nachgeben oder lieber einen harten Brexit riskieren, ist bislang nicht klar.

Auch die Finanzmärkte tappen im Dunkeln und sind wenig angetan vom britischen Hin und Her. Das Pfund hat zuletzt deutlich nachgegeben. Der Wert des Sterling gegenüber den wichtigsten britischen Handelspartnern ist so niedrig wie nach dem Ausstieg Großbritanniens aus dem Europäischen Währungssystem (ERM) Anfang der 90er-Jahre oder zur Hochzeit der Finanzkrise 2009. Einen Pfund-Kollaps können sich die Briten nicht leisten. Schließlich erwirtschaften sie ein riesiges Leistungsbilanzdefizit und sind so auf ausländisches Kapital angewiesen.

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Die Euro-Zone hat andere Sorgen. Sie erwirtschaftet mit dem Rest der Welt einen riesigen Überschuss, was vor allem auf die exportstarken Volkswirtschaften Deutschland und Niederlande zurückzuführen ist. Allerdings fehlt der Euro-Zone der klare Wille und die klare Führung, eine wichtige Rolle in der neuen Welt einzunehmen. Lieber streiten die einzelnen Regierungen über Regeln und deren Einhaltung. So dürfte Italien auch in diesem Jahr das Defizitziel verfehlen, viele Experten erwarten das Gleiche für Frankreich.

Hier dürfte sich die Diskussion darum drehen, ob man die Schuldensünder stärker bestrafen sollte oder lieber ein Auge zudrückt, um in Europa endlich die wichtigen Fragen zu adressieren. Eine davon ist die Digitalisierung. Hier hinkt gerade Deutschland hinterher. Unter den führenden 500 börsennotierten Tech-Konzernen der Welt finden sich nach einer Übersicht des Börsendienstes Bloomberg lediglich zehn deutsche Firmen – und das auch weit abgeschlagen. Eine technologische Führerschaft, die das Rückgrat des deutschen Exporterfolgs ist, sieht anders aus. Antworten werden hier insbesondere von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) erwartet.

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