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IAA 2017: Mit Elektro-Offensive gegen den Vertrauensverlust

dw.com-Logo dw.com 13.09.2017 Henrik Böhme (z.Zt. Frankfurt/Main)
© picture-alliance/dpa/A. Arnold

Auf den ersten Blick ist auf der mittlerweile 67. Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main alles wie immer. Die Musik wummert aus großen Boxen, die Boliden glänzen im Scheinwerferlicht. Aber wenn die Chefs der großen deutschen Hersteller die Bühne betreten, dann sind ungewohnte Töne zu vernehmen: Von Vertrauensverlust ist da die Rede, von Bedauern, und das nun ein neue Zeitrechnung beginne.

Denn die Zeiten, so drückt es VW-Chef Matthias Müller aus, in denen man sich auf Messen wie der IAA "im eigenen Glanze gesonnt" habe, seien "ein für allemal vorbei". Und so ist Frankfurt im Spätsommer des Jahres 2017 vielleicht doch ein Meilenstein für die deutschen Autobauer. Sie, die sich immer wieder vorwerfen lassen mussten, alternative Antriebsformen zu vernachlässigen, starten nun die große Offensive in Sachen E-Auto. Bei Volkswagen investiert man 20 Milliarden Euro und will so bis zum Jahr 2025 jedes vierte Auto elektrisch fahren lassen, das wären dann immerhin drei Millionen Stück pro Jahr. Freilich müssen die Kunden das auch wollen.

Mit attraktiven Produkten gegen die Vertrauenskrise

Er sei überzeugt, so Müller zur DW, dass die Kunden das mitgingen. "Der Kunde ist ein sensibles Gebilde. Der will überzeugt werden." Es sei Volkswagen in der Vergangenheit immer gelungen, mit attraktiven Produkten zu überzeugen. Auf der IAA könne man an allen Ständen des Konzerns "höchst attraktive" Angebote finden. "Und das wird auch in den nächsten Jahren so weitergehen."

Es ist, zwei Jahre nach dem Ausbruch von Dieselgate, der Versuch der Wiedergutmachung. Darauf hofft auch Matthias Wissmann, Cheflobbyist der deutschen Autoindustrie. Sein Verband, der VDA, ist Veranstalter der Messe. Zuletzt war Wissmann unter Beschuss geraten, wie er angeblich die Interessen der Branche, die für immerhin 850.000 direkte Jobs steht und eine der deutschen Schlüsselindustrien ist, in der Dieselkrise nicht ausreichend vertreten habe. Im Interview einer großen Sonntagszeitung setzte Wissmann dann auf Attacke ("Gegen Öko-Fanatiker müssen wir uns wehren"), zum Auftakt der IAA klang er dann etwas moderater.

Auf der Messe seien 1000 Aussteller - Hersteller und Zulieferer, so Wissmann zur DW. "Schwere Fehler sind bei einigen gemacht worden, aber nicht bei allen. Und zwar bei einigen deutschen, aber auch bei einigen ausländischen Herstellern." Und die würden ihre Antworten auf den Ständen "durch überzeugende Produkte" geben. "Ich glaube, die beste Antwort, die man geben kann, wenn Fehler gemacht worden sind, ist Innovation, Erneuerung, Lernen aus Fehlern." Gerade bei den betroffenen Unternehmen werde das auf der IAA "ziemlich deutlich".

Daimler goes electric

Das wird in der Tat deutlich, zum Beispiel bei Mercedes Benz, der PKW-Tochter des Daimler-Konzerns. Auch dort soll es ab 2022 alle Modelle auch in einer elektrischen Version geben. Den Stadtflitzer Smart soll es ab 2020 nur noch mit E-Antrieb geben, verkündet Daimler-Chef Dieter Zetsche, wie immer im Silicon-Valley-Look mit Sneakers und Jeans. "Die Transformation hin zum emissionsfreien Fahren hat bei Mercedes längst begonnen." Das sei ihm wichtig, so Zetsche auf der Auftakt-Pressekonferenz am Dienstag, denn in der Diskussion der letzten Monate sei ohne Zweifel Vertrauen verloren gegangen, "nicht zuletzt in die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie. Sie können mir glauben: Ich bedaure das sehr. Es liegt jetzt an uns zu belegen, dass wir Teil der Lösung sind." 

Sagt's und präsentiert am Ende der Show dann doch einen Formel 1-Boliden für die Straße mit 1000 PS. Immerhin sind als Alibi auch vier kleine Elektroantriebe eingebaut.

"Eine schizophrene Situation"

Für den Autoexperten Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach kommt der Strategiewechsel der deutschen Hersteller sehr spät, aber womöglich gerade noch rechtzeitig.

Es sei eine "schizophrene Situation", beschreibt Bratzel im DW-Gespräch die Lage. "Wir haben ja zum einen die besten Jahre der Automobilgeschichte, was Absatz und Gewinne angeht." Auf der anderen Seite befinde sich die Branche in einer extremen Glaubwürdigkeitskrise. "Ich glaube, die deutschen Hersteller haben zumindest gelernt, dass es so nicht weitergeht." Das Thema E-Mobilität sei in der Vergangenheit eher als Stiefkind betrachtet worden, "vielleicht mit Ausnahme von BMW". Jetzt gehe man das Thema mit sehr viel Investitionen sehr breit an. "Und das muss man auch tun, sonst wird man zurückfallen."

BMW mit dem "Tesla-Killer"

BMW, die erwähnte Ausnahme, hat mit dem i3 und dem i8 schon länger zwei eigenständige E-Autos auf der Straße, allerdings halten sich die Verkaufszahlen in Grenzen. In Frankfurt zeigen die Bayern den lange erwarteten sogenannten Tesla-Killer namens i-Vision Dynamics: 600 Kilometer Reichweite, 200 Stundenkilometer schnell. Damit sei die Elektromobilität im Kern der Marke angekommen, heißt es bei den Bayern im schönsten PR-Deutsch. BMW-Chef Harald Krüger, der sein Unternehmen für die Verfehlungen anderer in Sippenhaft genommen sieht, will lieber nach vorne schauen.

"Dass Vertrauen verloren gegangen ist, davon sind wir natürlich auch betroffen", so Krüger zur DW. Aber BMW-Diesel hätten eben kein 'Defeat Device' eingebaut, jene Abschaltvorrichtung, mit der Abgaswerte manipuliert wurden. "Wir haben nicht manipuliert - und dafür stehen wir." Aber man sei Herausforderungen gewöhnt und schaue nach vorne. Müller kündigte auf der IAA 25 neue Elektromodelle bis 2025 an. "Wir schauen in eine nachhaltige, erfolgreiche Zukunft mit Elektrofahrzeugen - aber gleichzeitig auch mit einer sauberen Dieseltechnologie."

Der Diesel bleibt also trotz aller Elektro-Offensiven in aller Munde. Sein von manchem gefordertes Ableben wird sich wohl noch eine Weile hinziehen, da sind sich zumindest die Autobosse in Frankfurt einig. Aber klar wird in Frankfurt auch, dass der Dieselskandal für die selbstzufriedenen deutschen Hersteller offenbar ein Weckruf war, auch wenn Matthias Müller, der VW-Chef, das böse Wort vom Dieselgate nach wie vor nicht in den Mund nehmen will: "Ich bin mir nicht sicher, ob viele Dinge - nicht nur im Zusammenhang mit dem Diesel, sondern auch Veränderung von Geschäftsprozessen, Veränderung der Unternehmenskultur - so schnell hätten gestartet werden können, wie es eben durch diesen Sachverhalt der Fall war."

Autor: Henrik Böhme (z.Zt. Frankfurt/Main)

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