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Falsche Erinnerungen: Wie uns das Gedächtnis täuscht

Welt der Wunder-Logo Welt der Wunder 29.01.2019 Welt der Wunder

"So war es, ich habe es selbst erlebt!" Diese Annahme ist trügerisch: Auf unser Gedächtnis ist nicht immer Verlass. Oft glauben wir uns an Dinge zu erinnern, die wir nie erlebt haben. Und: Jeder kann unser Gedächtnis manipulieren.

1_Erinnerung © iStock-Slphotography 1_Erinnerung
Wer glaubt, unser Gedächtnis zeichne unser Leben eins zu eins wie eine Kamera auf, der hat sich getäuscht. Nicht nur, dass wir vieles vergessen – das Gehirn erfindet auch Neues hinzu. Wo Wissenslücken klaffen, ergänzt es Erinnerungen. Und diese sind oft gar nicht unsere eigenen, sondern stammen stattdessen zum Beispiel aus Erzählungen, Fotos oder Filmen.
 
Wie leicht dieser Mechanismus zu aktivieren ist, hat die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus gezeigt. In einem Experiment wollte sie Versuchspersonen weismachen, sie seien als Kind in einem Kaufhaus verloren gegangen – obwohl dies tatsächlich niemals der Fall war. Ein vorher eingeweihtes Familienmitglied erzählte den Probanden, sie hätten sich damals verlaufen und seien von einer älteren Dame zurückgebracht worden. 29 Prozent der Testpersonen glaubten anschließend wirklich, dies als Kind erlebt zu haben.

Das Gehirn siebt aus

Solche "False Memories", also falsche Erinnerungen, sind kein psychisches Problem, sondern ein völlig alltägliches Phänomen. Müsste sich unser Gehirn alles merken, was wir täglich erleben, wäre es bald überlastet. Deshalb merkt es sich gewissermaßen nur das Gröbste – was mal mehr, mal weniger weit von der Realität entfernt sein kann. 
 
Bereits in den fünfziger Jahren machte der amerikanische Psychologe James Deese eine interessante Entdeckung: Er legte Versuchspersonen eine Liste mit Begriffen vor, die sie auswendig lernen sollten. Diese Liste enthielt Begriffe wie Stechen, Spritze oder Injektion, nicht aber das Wort Nadel. Dennoch gaben die Probanden später an, auch dieses Wort auf der Liste gesehen zu haben. Offensichtlich, so stellte Deese fest, neigt unser Gedächtnis dazu, Wissenslücken durch scheinbar logische Ergänzungen aufzufüllen. Auf diese Weise entstehen "False Memories": Obwohl ein Ereignis nie stattgefunden hat, scheint es rückblickend so, als ob wir es erlebt hätten – weil es logisch in unseren Erinnerungskontext passt.
 

Auch Elizabeth Loftus untersucht schon lange, wie unser Gedächtnis uns täuschen kann. In einem Experiment legte sie Probanden Fotos vor, auf denen diese jeweils als Kind in einem Heißluftballon zu sehen waren. Bei den Bildern handelte es sich allerdings um Montagen; in Wahrheit waren die Versuchspersonen nie mit einem Heißluftballon geflogen. Dennoch glaubte die Hälfte der Probanden später, den Flug wirklich erlebt zu haben. All diese Versuche zeigen: Allein der Glaube, etwas Bestimmtes erlebt zu haben, bedeutet noch lange nicht, dass dies auch wirklich geschehen ist.

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Das Gehirn spielt Puzzle

"False Memories" entstehen nicht absichtlich. Von der Fülle an Informationen, die täglich auf uns einprasseln, kann sich unser Gehirn nur einen Bruchteil dauerhaft merken. So entstehen Wissenslücken. Kommen neue Informationen hinzu, die zum bereits vorhandenen Wissen passen, ordnet sie das Gedächtnis dort automatisch ein. So kommt es, dass man bei länger zurückliegenden Ereignissen oft nicht mehr weiß, ob man von ihnen nur gelesen oder gehört oder sie tatsächlich selbst erlebt hat.
 
Auch die jeweilige Situation, in der das Wissen abgerufen wird, kann dieses verändern. Viele Leute schmücken eine Geschichte aus ihrer Jugend ein wenig aus, um ihr Gegenüber zu beeindrucken. Erzählen sie diese Story wieder und wieder, glauben sie irgendwann selbst, dass sich alles so zugetragen hat.
 
Besonders problematisch sind falsche Erinnerungen, wenn es um Zeugenaussagen geht. Immer wieder werden Fälle bekannt, dass Verbrechensopfer bei Gegenüberstellungen Unschuldige als Täter identifiziert haben. Die Betroffenen sehen einen Menschen, der dem Täter ähnlich sieht und sind sich plötzlich sicher, dass er es war. Ihr Gehirn hat einige Basisinformationen gespeichert, zum Beispiel: Der Täter war groß, dunkelhaarig und trug einen Bart. Bei einer Gegenüberstellung werden diese originalen, oftmals jedoch schwammigen Erinnerungen mit neuen Informationen vermischt. Das Gedächtnis setzt sie wie Puzzleteile zu einem vollständigen Bild zusammen, das mit der Wahrheit oft nur noch wenig zu tun hat.

Neun Jahre unschuldig im Gefängnis

Auf diese Weise werden immer wieder Unschuldige verurteilt, wie etwa im Fall des Amerikaners Kirk Bloodsworth. Dieser saß neun Jahre lang unschuldig im Gefängnis, weil Augenzeugen ihn als den Mörder eines kleinen Mädchens erkannt haben wollten. Erst eine DNA-Analyse ergab, dass Bloodsworth unschuldig war.
 
Am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen untersuchen der Neurowissenschaftler Hans Joachim Markowitsch und der Sozialpsychologe Harald Welzer gemeinsam, welche Faktoren auf unser Gedächtnis einwirken können. Mit einem Kernspintomographen beispielsweise analysierten sie die Hirnaktivitäten bei verschiedenen Versuchspersonen, während diese Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit erzählten. Dabei stellten sie fest, dass sich junge Menschen anders erinnern als ältere und dass in jedem Alter andere Erinnerungen wichtig sind. Auch psychische und soziale Faktoren hatten offensichtlich Auswirkungen auf das Gedächtnis der Probanden.
 
Besonders gut merken wir uns Erlebnisse, die mit starken Gefühlen verknüpft sind. Viele Menschen können sich noch in allen Einzelheiten daran erinnern, wie sie ihren Partner kennengelernt haben oder wie sehr sie ein Todesfall getroffen hat. Emotionale Ereignisse werden vom Gehirn als besonders bedeutsam eingestuft und besser in unserem Langzeitgedächtnis verankert. 
2_Erinnerung © iStock-kcslagle 2_Erinnerung

Fotos verdrängen reale Erinnerungen

Viele kennen das Phänomen: Je länger ein Urlaub zurückliegt, umso mehr erinnern wir uns nur noch an die Bilder, die wir auf Fotopapier gebannt haben. Für das Gehirn sind Fotos sehr praktisch: Was normalerweise in unserem Gedächtnis nur noch schwammig erhalten bleiben würde, kann durch die Bilder immer wieder aufgefrischt werden. Das Experiment von Elizabeth Loftus hat jedoch auch gezeigt, wie trügerisch Fotos sein können. Im schlimmsten Fall verdrängen sie unsere reale Erinnerung.
 
So kommt es auch, dass viele Menschen ihre eigenen Erinnerungen mit Szenen durcheinanderbringen, die sie beispielsweise in Filmen gesehen haben. Berühmt wurde das Beispiel des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der im Wahlkampf von Kriegserinnerungen berichtete. Seine Schilderungen zeigten jedoch eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Film "A Wing And A Prayer". Offensichtlich hatte Reagan seine eigenen Erinnerungen mit den Filmbildern vermengt.
 
Gerade Historiker kennen dieses Problem. Bei Berichten von Zeitzeugen können sie oftmals nur schwer unterscheiden, ob der Betreffende etwas wirklich erlebt hat oder vielleicht mit Schilderungen aus Medien oder Erzählungen anderer durcheinanderbringt. Wobei die Befragten nicht selten dazu tendieren, dunkle Stellen der eigenen Vergangenheit zu vertuschen – manchmal ganz unbewusst. Bestes Beispiel dafür ist das Dritte Reich: Nach dessen Zusammenbruch konnte sich fast niemand mehr daran erinnern, ein Nazi gewesen zu sein.
 
Viele Menschen verdrängen schlimme Erlebnisse, etwa einen Missbrauch in der Kindheit. Das liegt daran, dass Stresshormone in einem solchen Fall die Rezeptoren im Gehirn lahmlegen, die für die Übermittlung von Informationen vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis verantwortlich sind. Mittels Psychoanalyse oder Hypnose haben Betroffene allerdings später die Möglichkeit, auf die verschüttete Erinnerung zurückzugreifen.

Erfinden statt Erinnern

Allerdings bergen solche Methoden auch Risiken. Denn es kann passieren, dass ein Patient sich an einen Missbrauch zu erinnern glaubt, der nie stattgefunden hat. Fehlinterpretationen beispielsweise von Träumen oder Suggestivfragen während einer Therapie könnten so etwas bewirken, warnen Gegner solcher Verfahren. Die US-Psychologin Elizabeth Loftus, die in ihren Experimenten immer wieder die Kraft falscher Erinnerungen belegt, setzt sich deshalb aktiv für Beschuldigte ein.
 
Die Experimente von Elizabeth Loftus und ihrer Kollegen zeigen: Es ist durchaus möglich, die Erinnerungen anderer Menschen zu manipulieren. Mit einfachen Mitteln wie Fotos, Filmen oder glaubhaften Erzählungen kann man nahezu jedem falsche Erinnerungen einpflanzen. Jedoch: Dies funktioniert nur begrenzt. Die neuen Informationen müssen in einen bereits vorhandenen Kontext passen, damit das Gehirn Verknüpfungen erstellen kann. Meist sind es nämlich Details, an die wir uns nicht mehr erinnern können; eine zentrale Idee oder ein grober Eindruck bleiben. Wissenschaftler hoffen trotzdem, dass sie mit diesen Erkenntnissen in Zukunft besser gegen Demenzerkrankungen vorgehen können.

Am besten und umfangreichsten können wir unsere eigene Erinnerung gestalten und zwar positiv. Unser Gedächtnis behält nämlich angenehme Eindrücke eher in Erinnerung, wohingegen negative leichter verblassen. Ein sehr wirkungsvoller Mechanismus, auf den auch in Psychotherapien zurückgegriffen wird: Der Patient lernt, die eigene Vergangenheit mit mehr positiven Attributen zu besetzen, indem er sich an schöne Erlebnisse erinnert. Negative Erinnerungen geraten dann leichter ins Vergessen. So können wir uns die Strategien unseres Gehirns ganz bewusst zunutze machen.  

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