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Krankheitserreger: Willkommen im Zeitalter der Epidemien

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 10.09.2018 Jakob Simmank


Ebola, Zika oder Dengue gefährden mehr Menschen als je zuvor. Sie verschwinden nicht mehr. Fünf Gründe, warum es Erregern immer leichter fällt, uns zu infizieren.

Die Ärztin Ewelina Krol erforscht sichere und kostengünstige Impfungen gegen das Virus Zika. © Foto: Adam Warzawa Die Ärztin Ewelina Krol erforscht sichere und kostengünstige Impfungen gegen das Virus Zika.

Noch in den Siebzigerjahren galt: Verheerende Infektionskrankheiten würden bald besiegt sein (Clinical Infectious Diseases: Fauci, 2001). Damals ging es vor allem um die Pocken, Polio und Malaria, die stark zurückgedrängt worden waren. Doch der Optimismus verpuffte. Heute, vierzig Jahre später, ist nichts mehr von ihm geblieben. Im Gegenteil: Forscherinnen und Forscher warnen vor einem Zeitalter der Epidemien, vor großen Seuchen, an deren Folgen Tausende Menschen sterben könnten. Sind ihre Warnungen übertrieben? Nein. Aids und Tuberkulose töten jedes Jahr Hunderttausende Menschen. Ausbrüche von Dengue und Cholera werden häufiger (siehe Grafik; Royal Society: Smith et al., 2014). 2009, 2014 und 2016 rief die Weltgesundheitsorganisation WHO wegen der Schweinegrippe, Ebola und Zika den internationalen Gesundheitsnotstand aus.

Und ganz aktuell: In Brasilien folgt seit 2017 ein Gelbfieberausbruch auf den nächsten, ein Ausbruch des Lassa-Virus in Nigeria tötete dieses Jahr mehr als hundert Menschen, im Jemen steckten sich seit dem vergangenen Jahr mehr als 1,1 Millionen Menschen mit Cholera an (WHO: Weekly Epidemiological Bulletin, 2018) und Ende letzten Jahres starben mehr als hundert Menschen auf Madagaskar an der Lungenpest.

Auf den ersten Blick könnten all diese Ausbrüche unterschiedlicher nicht sein. Die Erreger sind mal Bakterien, mal Viren, mal Parasiten, mal werden sie von Mensch zu Mensch weitergegeben, mal von Mücken. Auch die Länder, die sie betreffen, sind sehr unterschiedlich. Und doch es gibt etwas, das alle Epidemien gleichermaßen begünstigt: die Lebensweise der Menschheit. Der Mensch hat den Planeten maßgeblich verändert, er hat ihm ein neues Erdzeitalter aufgedrängt, sagen Forscher, das Anthropozän (Science: Waters et al., 2016). Sie sagen auch: Weil die Massentierhaltung zunimmt, der Planet sich aufheizt, Menschen in Städte drängen und rasch um die Welt reisen können – alles charakteristisch für das Menschenzeitalter –, haben es gefährliche Krankheitserreger heute so leicht wie nie, für eine Katastrophe zu sorgen (PLoS Neglected Tropical Diseases: Hotez, 2017). Fünf Erklärungen für ein globales Phänomen:

1. Mensch und Tier kommen sich näher

Rund 60 Prozent aller Krankheiten, die Menschen haben können, stammen ursprünglich vom Tier (DFID: Grace et al., 2012). Daher betrachten Wissenschaftlerinnen und Forscher mit Sorge, wie nah sich Mensch und Tier in den vergangenen Jahrzehnten gekommen sind. Sie sind sicher: Die Intensivierung der Landwirtschaft ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine gesundheitliche Gefahr (siehe Grafik). Denn dort, wo besonders viele Tiere aufeinander leben, steigt das Risiko, dass ein gefährlicher Virus entsteht und weitergegeben wird (Environmental Health Perspectives: Liverani et al., 2013).

Eindrückliches Beispiel dafür ist Malaysia, wo sich zwischen den Sechziger- und den Neunzigerjahren die Zahl der Mastschweine verdreifacht hat. Eingebettet zwischen Mangobäumen musste für jeden Schweinestall Urwald weichen. Das wiederum vertrieb Flughunde aus ihrer Heimat. Sie flogen fortan auf die Farmen, um Mangos zu fressen und brachten bei ihren Besuchen das Nipah-Virus mit; ein laut WHO besonders gefährlicher Erreger. Über Urin, Kot oder Speichel, der an den angebissenen Mangos klebte, übertrugen die Flughunde das Virus auf die Schweine. Die wiederum gaben es – meist, ohne daran zu sterben – an Menschen weiter (Royal Society Interface: Pulliam et al., 2012). In der Folge infizierte das Virus die Gehirne von 250 Farmbewohnern, 100 starben.

Weitere Belege sind die Vogelgrippe von 2013 sowie die verheerende Ebola-Epidemie von 2014/2015, die durch die Abholzung des Regenwalds in Guinea wahrscheinlicher wurde (PLoS Neglected Tropical Diseases: Bausch & Schwarz, 2014). Ebenso könnten Ausbrüche des gefährlichen Sars-Virus, das die Atemwege befällt, durch Abholzung von Wäldern verstärkt worden sein (PLoS Neglected Tropical Diseases: Hotez, 2017).

Und dann sind da noch Staudämme, Bauwerke, die aus Flüssen Seen machen, entweder, um Strom herzustellen oder für die Bewässerung von Feldern. Denn Wasser, das an deren Mauern stehen bleibt, ist eine fruchtbare Umgebung für Einzeller wie Amöben, die Durchfall verursachen, und Pärchenegel, die den Erreger der gefährlichen Bilharziose übertragen (PLoS Neglected Tropical Diseases: Ziegler et al., 2013).

2. Die Erde erwärmt sich, was Mücken freut

Weil immer mehr Treibhausgase aus fossilen Brennstoffen in die Atmosphäre gelangen, wird der Planet wärmer. Das verändert den Lebensraum vieler Arten. Korallen und Eisbären mögen darunter leiden, Mücken jedoch – die weltweit bedeutendsten Krankheitsüberträger – profitieren, allen voran Aedes aegypti und Aedes albopictus. Sie können sich weiter ausbreiten und vermehren. Denn je milder die Winter sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Larven überleben.

So überwintert die asiatische Tigermücke Aedes albopictus mittlerweile in weiten Teilen Südeuropas, wie die Europäische Seuchenschutzbehörde ECDC mitteilt. Auch im Süden Deutschlands haben Forscherinnen sie gefunden. Inzwischen seien Aedes-Mücken auf allen Kontinenten heimisch und so weit verbreitet wie noch nie, seit Forscher nach ihnen suchen (PLoS One: Rochlin et al., 2018 & eLife: Kraemer et al., 2015).

Welche globalen Auswirkungen das hat, zeigt unter anderem das Dengue-Virus, das von Aedes-Mücken übertragen wird: War es in den Sechzigerjahren noch auf wenige Länder beschränkt, sind heute ganz Lateinamerika und Südostasien von ihm betroffen (siehe Grafik). Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung von einer Infektion bedroht ist. Jährlich stecken sich fast 400.000 Menschen mit dem Virus an, Zehntausende sterben.

Nicht nur Mücken breiten sich mit den höheren Temperaturen aus, sondern auch Zecken (Journal of Travel Medicine: Süss et al., 2015). Sie sind schon jetzt die zweitwichtigsten Überträger von Infektionskrankheiten (Environmental Health Perspectives: Ogden et al., 2014 & Neto et al., 2015) und "die Last von Krankheiten, die Zecken übertragen, wird wahrscheinlich substanziell steigen", heißt es im New England Journal of Medicine (Paules et al., 2018).

3. Die Städte wachsen rasant

Schon heute lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. Bis 2050 könnten es laut den Vereinten Nationen mehr als zwei Drittel sein. Nicht selten handelt es sich dabei um Metropolen, deren Kanalisation, Stromversorgung und Wasserleitungen unzureichend sind. Zu rasch, zu unkontrolliert war das Wachstum. Laut Duane Gubler, emeritierter Professor für Infektionskrankheiten, bieten die unhygienischen Bedingungen die perfekte Voraussetzung für Erreger jeglicher Art: Für die, die von Person zu Person weitergegeben werden wie Ebola, für die, die wie Cholera über verschmutztes Wasser übertragen werden und sogar für jene, die die Aedes-Mücken übertragen (Tropical Medicine and Health: Gubler, 2011). Denn die Aedes-Mücke fühlt sich in der Stadt sehr wohl. Sie braucht nicht viel mehr als eine Pfütze oder einen vollgelaufenen Autoreifen, um Eier zu legen und sich zu vermehren.

Das renommierte Medizinfachblatt New England Journal of Medicine nannte die Urbanisierung deshalb gar "eine aufziehende humanitäre Katastrophe" (Patel & Burke, 2009). Dabei geht es weniger um gut geplante Reihenhaussiedlungen, sondern vor allem um Armutsviertel. Eine Milliarde Menschen, schätzt ein Bericht der UN, lebt in Slums. Ihre Bewohner seien besonders gefährdet,

sagt der Arzt Peter Hotez: "Armut ist noch immer die Mutter aller Krankheiten."

4. Menschen kämpfen

Auch instabile Staaten begünstigen Epidemien, weil die Regierungen oft nicht für die Gesundheit ihrer Bürger sorgen können. Wo Krankenschwestern und Ärzte aus Angst um ihre eigene Gesundheit fliehen und Menschen deshalb nur begrenzt Zugang zu Behandlung und Medikamenten haben, breitet sich eine Epidemie schnell aus. Auch ist es in solchen Regionen besonders schwierig, Kontaktpersonen aufzupüren und Infizierte zu isolieren – die Grundlage der Seuchenbekämpfung.

Im Jemen, wo seit Jahren Krieg herrscht und Kontrolleure Medikamente an den Grenzen zurückhalten, steckten sich zwischen April 2017 und heute mehr als 1,1 Millionen Menschen mit Cholera an (WHO: Weekly Epidemiological Bulletin, 2018). Und der aktuelle Ebola-Ausbruch in der demokratischen Republik Kongo ist auch deshalb so besorgniserregend, weil er mitten in einem Konfliktgebiet liegt.

5. Menschen wandern

Früher rollten Epidemien langsam über das Land. Von einer Stadt zur nächsten brauchte die Pest im Mittelalter Tage. Heute kann ein Infizierter theoretisch aus einem lokalen Ausbruch eine Pandemie machen, indem er mit einem Flugzeug rund um die Welt fliegt. Das ist in Zeiten, in denen die Zahl der Fluggäste stetig steigt (s. Grafik), ein Grund zur Besorgnis.

Migration ist ein weiterer Faktor. Es gilt als gesichert, dass indigene Amerikaner an den Erkrankungen der spanischen Kolonisierer starben: an Influenza, Masern und Pocken (Sciencemag: Pringle, 2015). Aber auch bei Ereignissen wie der muslimische Hadsch, der Pilgerfahrt nach Mekka und Medina, werden Krankheitserreger durch die Welt transportiert. Forscherinnen und Forscher wiesen an Hand einer Genomsequenzierung des Dengue-Virus nach, dass es wohl Pilger waren, die das Virus aus Afrika nach Saudi-Arabien brachten (Virology Journal: Azhar et al., 2015).

Die gute Nachricht: Der Mensch kann sich rüsten

Die Erkenntnis von alldem? Die Anzahl der Ausbrüche wird zunehmen. Im Chaos wird der Planet dennoch nicht versinken. Denn die Menschheit hat gelernt, Ausbrüche früher zu erkennen und wirksame Impfstoffe und Heilmittel zu entwickeln. Bei jedem Ausbruch sterben heute im Schnitt deutlich weniger Menschen als noch in den Achtzigerjahren (Royal Society: Smith et al., 2014). Doch es gibt eben besagte Schwächen, die die Menschheit anfällig machen.

Um Seuchen vorzubeugen, sagt Duane Gubler, "müssen Staaten mehr in ihre öffentlichen Gesundheitsbehörden investieren". Sie müssten gute Labors einrichten und Teams ins Leben rufen, die Mücken zurückdrängen. Mehr Geld müsse in die Früherkennung von Infektionskrankheiten und in die Erforschung von Impfstoffen fließen. Denn wenn man Ausbrüche schon nicht verhindern kann, dann doch zumindest im Keim ersticken und so eine Epidemie verhindern.

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