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Coming Out: Wie ich lernte mit meiner Depression zu leben

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 27.03.2019 Laura Schindler

Rund 4,1 Millionen Menschen leiden laut WHO an Depressionen. Kaum einer wagt es, offen über seine Krankheit zu sprechen.

Photo by Yuris Alhumaydy on Unsplash © ZEITjUNG Photo by Yuris Alhumaydy on Unsplash

8 Uhr. Aufstehen. Ich kann nicht aufstehen. Etwas zwingt mich an die Matratze. Alles fühlt sich so schwer an. Minuten vergehen im Stundentakt. Es ist 10:21 Uhr. Endlich habe ich es aus dem Bett geschafft. Wie, das weiß ich nicht mehr. Taumelnd bewege ich mich in Richtung Küche, um mir etwas zu essen zu machen. Nicht weil ich Hunger habe, sondern weil ich weiß, dass ich essen muss. Doch was? Es fällt mir schwer. Die einfachsten Dinge fallen mir so schwer. Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir etwas anzuziehen, mir ein Müsli herunter zu würgen und zu duschen. Ich habe die Zeit nicht im Blick, komme verschwitzt und verwirrt in die Vorlesung, suche mir einen Platz in der letzten Reihe, alleine. Was der Professor vorne referiert, geht einfach an mir vorbei. Ich versuche mitzuschreiben, doch bin viel zu langsam. Ich versuche mich zu konzentrieren, doch mein Gehirn sagt nein. Es ist zu einer trägen Masse geworden. Meine Blicke schweifen umher, ich verfolge fassungslos, wie meine Kommilitonen mit interessiertem Blick dem Vortrag lauschen.

Depressionen: Von falschen Wahrheiten und Mauern im Kopf

Essen wurde zu einer Qual für mich

Irgendwann ist die Stunde endlich vorbei und es geht in die Mensa. Es gibt Gnocchi. Ich versuche eine Gnocchi nach der anderen runterzuschlucken, es fällt mir schwer. Mein Mund ist trocken, zu trocken – wann wurde das Essen für mich zu solch einer Qual? Alle sind längst fertig, doch mein Teller ist noch mehr als randvoll. Ich habe das Gefühl, sie starren mich an und fragen sich, was mit mir los ist. Ist sie magersüchtig, hat sie keinen Hunger? Warum isst sie nichts? Endlich ist auch das vorbei und ich kann nach Hause gehen. Nach Hause, wo ich mich zurückziehen kann. Dort, wo ich einfach nur ins Bett gehen und die Augen vor der Welt verschließen, verdrängen kann. Ich liege da, den Blick auf die weiße Wand gerichtet. In mir Leere. Stunden um Stunden vergehen und nichts regt, nichts verändert sich. Ab und zu weine ich, doch meistens fühle ich nichts. Anna, meine Mitbewohnerin, kommt in mein Zimmer, fragt besorgt, wie es mir gehe und ob sie mir helfen könne, doch ich weiß nicht, wie sie mir helfen kann. Ich weiß nicht, wie ich mir helfen kann. Oder ob das Ganze überhaupt noch einen Sinn hat.

Marco, 21, spricht offen über seine Depression und Essstörung

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Vom extremen Hoch ins Tief

Doch stopp. Wie konnte es eigentlich soweit kommen? Was ist mit mir passiert? Angefangen hatte alles im Sommer. Ich hatte Deutschland für eine längere Zeit den Rücken gekehrt und gemeinsam mit meinem Freund viele Länder bereist. Da ich noch nicht genug vom Reisen hatte, fuhr ich mit einer Freundin drei Wochen mit dem Zug durch Europa. Doch nicht nur das. Nach der Reise nahm ich einen Vollzeit-Ferienjob am Flughafen München an. Zehn Tage Schichtarbeit ohne Pause – ich gab mir die volle Dröhnung und war dabei, das letzte Quäntchen Energie in meinem Körper aufzubrauchen, ohne es zu merken. Und ich veränderte mich. Ich war aufgedreht, voller Energie. Wollte am liebsten alles gleichzeitig machen. Mein Partner, meine Freunde, meine Familie – alle waren genervt von meiner anstrengenden, impulsiven Art. Von alldem bekam ich wenig mit, ich hatte so viel Energie, gefühlt hätte ich Berge versetzen können.

Depression ist keine Modeerscheinung

Kein Schlaf, keine Freude – Plötzlich ging nichts mehr

Dann der Einbruch. Ich stehe an der Kasse im Kiosk und bekomme Herzrasen. Mir wird schwindelig. Schweißausbrüche. Meine Gedanken reißen ab. Ich bekomme Panik. So etwas kenne ich nicht von mir. Ich rufe meine Mutter an, arbeite weiter, zwölf Stunden an diesem Tag. Verschwitzt und völlig erschöpft komme ich nach Hause, will einfach nur ins Bett. Doch ich kann nicht schlafen, die ganze Nacht kann ich nicht schlafen. Auch die nächste und die darauf Folgende nicht. Mein Herz rast, meine Gedanken rasen schneller. Ich mache mir Sorgen. Nie hatte ich Probleme mit dem Schlaf. Tagsüber spüre ich, dass mich meine Energie verlässt. Ich schob die Schuld auf den Job und kündigte, in der Hoffnung, es würde dann besser. Doch es wurde schlimmer.

Ich wünschte, ich könnte über meine Depression reden wie über eine Grippe

Keiner konnte mir helfen

Innerlich spürte ich, dass ich wieder auf ein weiteres Tief zusteuerte, von denen ich bereits viele hatte. Ich hatte Angst. Äußerlich sagte mir eine Stimme, dass ich jetzt nicht einbrechen darf. Nicht jetzt, bevor mein Studium losgeht. Es warteten so viele Dinge auf mich, für die ich bereit und gewappnet sein musste. Ich wandte mich an meine Familie, hilfesuchend. Doch auch das höchste Maß an Mitgefühl konnte mir nicht helfen, keiner konnte mir helfen. Mit jedem Tag wurde es schlimmer, der Kloß in meinem Hals größer, das Gewicht an meinem Herz schwerer. Mit jedem Tag wurde ich unproduktiver. Zum Arzt gehen? Deswegen? Das habe ich mich nie getraut. Diesmal rief ich verzweifelt nur unter dem Vorwand ‚Schlafstörungen‘ an. Gebracht hat mir dieser erste Termin nicht viel. Das Antidepressivum half mir zwar einzuschlafen, allerdings war dies ein dumpfer, künstlicher Schlaf ohne Erholung. Das miese Gefühl tagsüber blieb. Schlechte Laune ist dafür eine Untertreibung. Ich brach innerlich ein, da alles, das mich einst zusammengehalten hat, plötzlich weg war. Irgendwann lag ich fast nur noch im Bett, hatte keine Energie, um aufzustehen und mich anzuziehen. Es machte keinen Sinn so zu studieren. Ich musste pausieren. Erst mal ausziehen und wieder zuhause einziehen. Ein Rückschritt. Dachte ich damals. Heute sehe ich es als ersten Schritt auf dem Weg zur Besserung. Allein hätte ich da nicht mehr herausgefunden. Dazu fehlte mir die Kraft.

Wie ich es aus der Depression geschafft habe

Zuhause bei meinen Eltern wurde es zunächst schlimmer, ich zog mich mehr und mehr zurück, wurde noch unsicherer, wenn ich einen Schritt vor die Haustür wagte. Wie sollte ich den anderen erklären, dass ich wieder zuhause bin? Dass ich bereits nach zwei Wochen mein Studium unterbrechen musste? Ich musste lügen. Ich konnte nicht anders. Ich schämte mich. Weil ich versagt habe. Irgendwann war es so schlimm, dass ich wusste – entweder ich handle nun, oder es wird nicht mehr besser. Also rief ich an, mit der allerletzten Kraft rief ich in einer Klinik an. Ich sage lieber Klinik als Psychiatrie, es klingt normaler, harmloser. Die Leute verstehen es besser, können besser damit umgehen. Der Schritt fiel mir nicht leicht, doch gleichzeitig war mir zu dem Zeitpunkt schon alles egal. Ich musste handeln, damit es besser werden würde. Die ersten Wochen in der Tagesklinik gingen zäh voran. Ich war planlos, konnte mich schwer auf den Ablauf konzentrieren und ihm folgen. Ich klammerte mich an die anderen Patienten und folgte ihnen überall hin. Lesen, mich selbst orientieren, das war noch zu viel. Medikamententraining, Ergotherapie, Sport, Einzelgespräche, Gruppentherapie, Holztherapie, Musiktherapie, Yoga – ich hatte volles Programm, im Gegensatz zu meiner Zeit zuhause, als ich nur im Bett lag und aufs Handy blickte. Der strukturierte Tagesablauf und der Kontakt zu Menschen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatten, halfen mir, mich aus meinem Loch zu ziehen. Es dauerte lange. Doch irgendwann kam mein persönlicher Break-Even-Point. Nach über zwei Monaten in der Klinik ging es endlich bergauf, ich konnte wieder lachen, mich freuen, Dinge planen, kochen, Spaß haben. Es fühlte sich gut an, zu leben. Leben zu dürfen. Ich hatte wieder Hoffnung, spürte Freude und hatte Lust, weiterzumachen. Endlich wurde es besser. Wenn auch mit Unterstützung durch Medikamente.

Wie ich in Zukunft mit der Krankheit leben werde

Momentan verbringe ich die Tage zuhause, mit viel Energie, ich bin nicht ausgelastet. Ich koche, treibe Sport, mache Yoga, treffe Freunde, schreibe, versuche mich abzulenken. Wenn alles gut läuft, darf ich bald eine Langzeit-Reha im Allgäu antreten, in der ich mehr über mich und meine Krankheit lernen werde. Und lerne, wie ich damit in Zukunft leben und umgehen kann. Mich stabilisieren kann, wieder zu mir finden kann. Und dann? Dann möchte ich gerne zurück an die Uni, allen zeigen, was ich kann. Meinen Traum verwirklichen. Selbstständig werden. Und vor allem eins: gesund bleiben.

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