Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Coronavirus: Was bedeutet die Omikron-Welle für die Intensivstationen?

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL vor 2 Tagen Marthe Ruddat

Die Corona-Neuinfektionen haben einen neuen Höchstwert erreicht. Die Zahl der Menschen auf den Intensivstationen ist aber leicht rückläufig. Grund zur Entwarnung ist das jedoch nicht, warnen Fachleute.

© Ina Fassbender / AFP

Die Omikron-Variante des Coronavirus ist in Deutschland mittlerweile vorherrschend und das Robert Koch-Institut meldete am Freitagmorgen mit 92.223 Neuinfektionen einen neuen Höchstwert. Bisher schlägt sich die Omikron-Welle nicht auf den Intensivstationen nieder. Expertinnen und Experten sehen aber noch keinen Grund zur Entwarnung für die nächsten Wochen, unter anderem weil eine weitere Zunahme der Ansteckungen erwartet wird und einige Fragen zu Omikron noch unbeantwortet sind.

Aufnahme auf der Intensivstation mit zeitlicher Verzögerung

Die Zahl der auf den Intensivstationen behandelten Coronainfizierten ist erstmals seit Mitte November wieder knapp unter die 3000er-Marke gesunken, wie aus Daten des Divi-Intensivregisters hervorgeht (Stand: Donnerstag). Seit dem Höhepunkt der vierten Welle im Dezember mit rund 5000 Corona-Intensivpatienten gleichzeitig ist die Zahl stetig zurückgegangen. Auch bei den gemeldeten Erstaufnahmen ist der Trend rückläufig.

Generell gibt es jedoch einen Zeitverzug, bis ein Infizierter – im schlimmsten Fall – auf der Intensivstation landet. Die Dauer kann je nach Variante variieren, von gut einer Woche bis mehr als zwei. In Bezug auf Omikron gibt es noch keine Gewissheit.

»Einen Wiederanstieg der Zahl der Intensivpatienten in Deutschland dürften wir noch nicht ganz so schnell sehen«, erwartet Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters. Während bei der Delta-Variante rund jeder Fünfte Coronapatient, der in ein Krankenhaus kam, intensivmedizinische Behandlung benötigt habe, sei es bei Omikron nur noch ungefähr jeder Zehnte, sagte er. Hinzu kämen die vergleichsweise strengen Maßnahmen in Deutschland, die womöglich zu einer nicht ganz so explosionsartigen Zunahme von Ansteckungen wie in anderen Ländern führen könnten.


Video: Lauterbach: Omikron-Welle kommt "sicher" (AFP)

Video wiedergeben

Der Kölner Professor warnte jedoch davor, Omikron als mild abzutun, auch wenn die Variante per se tatsächlich weniger krank machend sei als Delta. »Es besteht ein Risiko auch bei Omikron, insbesondere für Menschen ohne Impfung«, sagte Karagiannidis. »Ungeimpfte sind derzeit die Hauptklientel auf Intensivstationen.« Mit einer Grundimmunisierung oder nach durchgemachter Infektion plus Impfung hingegen sei man gut vor einem schweren Verlauf geschützt.

Eine Datenauswertung der Divi und des RKI hat ergeben, dass 62 Prozent der zwischen dem 14. Dezember 2021 und dem 12. Januar dieses Jahres auf den Intensivstationen aufgenommenen Coronapatientinnen und -patienten ungeimpft waren. 10 Prozent hatten demnach einen unvollständigen Immunschutz (Genesen ohne Impfung beziehungsweise Teil-Immunisierung), 28 Prozent hatten eine vollständige Grundimmunisierung oder bereits eine Auffrischimpfung.

Noch seien auch nicht alle Fragen in Hinblick auf deutsche Besonderheiten geklärt, sagte Karagiannidis: »Offen ist: Was passiert, wenn Omikron bei älteren und hochaltrigen Menschen ankommt? Das bereitet mir noch Sorgen.« Deutschland habe eine relativ alte Bevölkerung – zum Beispiel im Vergleich zu Südafrika, wo Omikron entdeckt worden war.

Wie sich die Omikron-Variante in anderen Ländern auf die Belegung der Intensivstationen oder auch die Todesfälle auswirkt, lässt sich nur bedingt auf Deutschland übertragen. (Lesen Sie hier mehr zu der Frage, wie gut sich die Erkenntnisse aus Südafrika, London und dem Rest der Welt auf Deutschland übertragen lassen.) Darauf verweist auch der Expertenrat der Bundesregierung in seiner letzten Stellungnahme. Darin heißt es, dass es im Vergleich zu anderen Ländern mit ähnlicher Bevölkerungsstruktur in Deutschland immer noch einen größeren Anteil ohne Immunschutz gebe. Das betreffe auch eine signifikante Zahl von Menschen, die einer vulnerablen Gruppe zuzuordnen sind. »Gerade bei Menschen, die älter als 60 Jahre sind, ist dieser Anteil im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wie z.B. Großbritannien oder Spanien höher. Diese Faktoren könnten zu einer stärkeren intensivmedizinischen Belastung als in vergleichbaren Ländern führen.«

Dass die Belastung auf den Intensivstationen auch mit aktuell 3000 Fällen hoch sei, schreibt das RKI in seinem Wochenbericht von Donnerstagabend. »Obwohl die Belegungszahlen zurzeit noch rückläufig sind, kann es weiterhin zu regionalen Kapazitätsengpässen im intensivmedizinischen Bereich kommen«. Erste Studien deuten laut RKI auf einen geringeren Anteil an Hospitalisierten im Vergleich zu Infektionen mit der Deltavariante bei Infizierten mit vollständiger Impfung beziehungsweise Auffrischimpfung hin. Für eine abschließende Bewertung zur Krankheitsschwere sei die Datenlage aber noch nicht ausreichend. In den nächsten Wochen werde mit einer starken Zunahme der Ansteckungen gerechnet.

Die steigenden Zahlen könnten Berlins Krankenhäuser schon bald vor eine Belastungsprobe stellen. »Wir haben Personal eingebüßt, und das Personal, was noch da ist – da kann ja keiner mehr. Wenn wir wieder Patientenzahlen wie aus der zweiten Welle haben – egal auf welchen Stationen –, dann droht wirklich eine Überlastung«, sagte der Chefarzt am Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf, Jörg Weimann, der Tageszeitung »taz«.

»Wir haben jetzt schon nahezu alle verschiebbaren Behandlungen verschoben. Das wird noch weitergehen. Und diese Welle, die jetzt kommt, ist mit den vergangenen Wellen kaum vergleichbar«, so Weimann, der das Save-Berlin-Netzwerk koordiniert, in dem die Berliner und Brandenburger Intensivstationen vertreten sind. »Nun sind wir Intensivmediziner von Hause aus aber eher Pessimisten und bereiten uns aufs Schlimmste vor«, sagte der Intensivmediziner.

Seriös lasse sich nicht sagen, wie schlimm es werde. »Aber wenn wir tatsächlich gleichzeitig einen hohen Ausfall in allen Lebensbereichen inklusive der Krankenhäuser haben und viele Patienten kommen – selbst wenn die nur Sauerstoff brauchen und jemanden, der nach ihnen schaut –, dann sind wir in einer Situation, in der gar nicht mehr viel geht.«

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von DER SPIEGEL

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon