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Darum leiden immer mehr Männer an Essstörungen und Sport-Bulimie - Essstörung bei Männern

Men’s Health-Logo Men’s Health vor 2 Tagen Ben Kendal
Immer mehr Männer leiden unter Essattacken, oft kombiniert mit einer Sportsucht © Asier Romero / Shutterstock.com Immer mehr Männer leiden unter Essattacken, oft kombiniert mit einer Sportsucht

Magersucht und Bulimie betreffen nur Frauen? Von wegen. Inzwischen erkranken zunehmend mehr Männer an Essstörungen: Bei über 40-jährigen Männern waren es zwischen 2008 und 2018 ganze 96 Prozent mehr, die sich wegen einer Essstörung behandeln ließen, so eine Studie der Kaufmännischen Krankenkasse in Hannover. Sogar bei den 12- bis 17-jährigen Jungen gab es einen Anstieg von 60 Prozent. Essstörungen gelten längst nicht mehr als ein reines Frauenproblem – und waren es vielleicht auch nie.

In diesem Artikel:

  • Warum steigt die Zahl der Essstörungen bei Männern?
  • Worunter leiden Männer besonders häufig?
  • Warum sind viele Essgestörte auch sportsüchtig?
  • Welche Unterschiede gibt es bei Essstörungen zwischen Frauen und Männern?
  • Was sind die Ursachen für eine Sport-Bulimie?
  • Was sind die Folgen?
  • Was hilft bei Essstörungen?

Warum steigt die Zahl der Männer mit einer Essstörung?

"Es ist schwer zu sagen, ob Männer sich mittlerweile häufiger behandeln lassen oder es einfach mehr Männer betrifft", sagt Prof. Thomas J. Huber, Chefarzt an der Klinik am Korso, die sich ausschließlich auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert hat. Wahrscheinlich treffe beides zu. Einerseits hat der Druck für Männer zugenommen, einen muskulösen, ästhetischen Körper zu haben. Mittlerweile lassen sich andererseits aber einfach auch mehr Männer behandeln – ähnlich wie bei anderen psychischen Erkrankungen. Dennoch begeben sich immer noch viele betroffene Männer nicht oder erst spät in Behandlung, weil sie sich schämen. "Manche Betroffene wissen aber auch zunächst gar nicht, dass sie an einer Essstörung leiden. Häufig sind es andere, die ein gestörtes Essverhalten erkennen", so Huber.

Unter welchen Essstörungen leiden Männer besonders häufig?

"Bei Männern ist das Binge Eating die häufigste Essstörung", sagt der Experte. Hierbei leiden Betroffene unter wiederholten Essattacken. Klar, gelegentliche Heißhungerattacken sind wahrscheinlich jedem bekannt. Beim Binge-Eating treten diese Attacken aber zu häufig auf – etwa zweimal in der Woche. Dabei essen Menschen, die an der Störung leiden, deutlich mehr und verlieren gar die Kontrolle darüber, was sie alles zu sich nehmen. Hinzu kommt, dass Betroffene keine Maßnahmen wie Sport ergreifen oder ihre Ernährung umstellen. Die häufige Folge: Übergewicht.

"Auch an Magersucht und Bulimie erkranken mittlerweile mehr Männer, wobei immer noch deutlich mehr Frauen betroffen sind", sagt Huber. Bei der Magersucht, oder Anorexie, hat man große Angst davor, dick zu werden. Das Körpergewicht spielt für das Selbstwertgefühl eine entscheidende Rolle: Betroffene hungern, um ihre sehr niedrig gesetzte Gewichtsschwelle zu erreichen. 90 Prozent der Erkrankten sind Mädchen und junge Frauen, 10 Prozent sind Männer.

Die Bulimie zählt als Variante der Magersucht: Isst du in kurzer Zeit Unmengen an Essen? Übergibst du dich dann häufig aus Angst davor, dick zu werden? Nimmst du regelmäßig Abführmittel ein? Oder treibst du übertrieben viel Sport, um dünn zu bleiben und weiter abzunehmen? Das alles können Anzeichen einer Bulimie sein. Erkrankte treten zwar in der Öffentlichkeit oft als selbstbewusst auf – und auch ihr Essverhalten haben sie vor anderen meist unter Kontrolle. Doch die Essattacken, gefolgt von den Maßnahmen, um nicht zuzunehmen, werden heimlich ausgelebt.

Warum gehen Essstörungen häufig mit einer Sportsucht einher?

Eine Form der Bulimie nennt sich Sport-Bulimie, die auch viele Männer betrifft. Hierbei kombiniert sich eine Sportsucht mit einer Bulimie. Wer daran leidet, hat ein ungesundes Sportverhalten. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Sport aus Zwang getrieben wird – und man sehr unzufrieden ist, wenn man mal nicht ins Gym geht oder losjoggt. Viele betroffene Männer treiben zudem auch dann Sport, wenn sie krank sind oder Verletzungen haben und sich eigentlich schonen sollten. Das tückische an der Erkrankung: "Betroffene sind nicht immer mit ihrer Sport-Bulimie unglücklich und merken auch oft nicht, dass ihr Sport-Verhalten ungesund ist", sagt Huber. "Aber irgendwann kippt das erfahrungsgemäß: Zum Beispiel bei einer Verletzung oder wenn die Erfolge ausbleiben."

Essstörungen gehen auch häufig mit einer Muskeldysmorphophobie einher. Sie wird auch Muskelsucht oder Adonis-Komplex genannt und zeichnet sich dadurch aus, dass Betroffene ein verzerrtes Bild von ihrem Körper haben: "Sie fühlen sich selbst dann schmächtig und unattraktiv, wenn sie einen durchtrainierten Körper haben", sagt Huber. Das führt dazu, dass sie übermäßig viel Sport treiben – und an ihre absoluten Grenzen gehen. Wer an einer Muskelsucht leidet, isst zudem oft zwanghaft gesund oder benutzt gar Steroide, um seine Höchstleistungen zu erreichen.

Welche Unterschiede gibt es bei Essstörungen zwischen Frauen und Männern?

"Betroffenen Männern geht es zum Beispiel weniger um das 'Dünnsein', sondern eher darum, sehr fit zu sein und besonders viel Muskelmasse zu haben", betont der Arzt. Das liegt nicht zuletzt am heutigen Schönheitsideal. Früher hieß es noch, dass ein Mann ohne Bauch kein Mann ist. "Heute hat der gesellschaftliche Drang nach einem muskulösen, ästhetischen Körper bei Männern zugenommen", so Huber.

Was sind die häufigsten Ursachen von Essstörungen?

Die Ursachen von Essstörungen sind so individuell wie die betroffenen Menschen, sagt Experte Huber. "Eine häufige Ursache ist ein geringes Selbstwertgefühl. Betroffene messen ihren Wert daran, ob sie fit oder dünn genug sind." Ein schlechtes Selbstbewusstsein kann aber auch Binge-Eating begünstigen. Bei Essstörungen spielen zudem psychische Erkrankungen wie Depressionen eine große Rolle – doch hier ist in vielen Fällen nicht klar, ob Essstörungen eine Folgeerscheinung oder die Auslöser der psychischen Probleme sind. Ein großes Problem sei auch sexuelle Misshandlung, so Huber, da Menschen eher zu Essstörungen neigen, wenn sie missbraucht wurden.

Was sind die Folgen von Essstörungen?

Die Folgen sind je nach Essstörung unterschiedlich. Jedoch erstrecken sich die Folgen in allen Fällen von körperlichen, psychischen bis hin zu sozialen Beeinträchtigungen. Eine Magersucht kann vor allem auch schwere Folgen für deinen Körper haben: Die Anorexie könnte deiner Potenz oder deiner Libido schaden. Zudem musst du mit Hormonstörungen rechnen. Magersucht kann für dich aber auch bedeuten, dass du dich von früheren Interessen und Freunden zurückziehst.

Eine Bulimie kann neben Depressionen auch körperliche Erkrankungen zur Folge haben, wie etwa Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand, oder auch Schäden an der Speiseröhre durch das häufige Erbrechen. Bei einer Sport-Bulimie kommt der quälende Bewegungsdrang hinzu, der oft zu negativen Gefühlen und einem schlechten Gewissen führt. Manchen Betroffenen ist es fast gar nicht möglich, sich auszuruhen. Zu den Folgen von Binge-Eating gehören neben Übergewicht auch Schuldgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl.

Wie können Essstörungen behandelt werden?

Essstörungen gilt es, auf mehreren Ebenen zu behandeln, sagt Huber. Die Behandlung ist aber von der Art der Erkrankung abhängig.

  1. Bei Sport-Bulimie zu einem normalen Sportverhalten zurückkehren.

    Bei der Sport-Bulimie gibt es beispielsweise drei Ansätze, die bei der Behandlung verfolgt werden. "Dabei gilt es, zu einem normalen Sportverhalten zurückzukehren. Also Sport aus Lust zu treiben und nicht aus Zwang. Das kann ein bisschen wie ein Entzug sein", betont der Experte. In einem weiteren Schritt ist es wichtig zu lernen, ausgewogener zu essen. Dabei zählen primär die Bedürfnisse des Körpers. Hast du also zuvor krankhaft zu viel oder zu wenig gegessen, lernst du bei der Behandlung in einer Fachklinik, wie du wieder zu einem gesunden Essverhalten zurückkehren kannst. Ein anderer Behandlungsansatz ist die Psychotherapie: Hierbei geht es vor allem darum, die Hintergründe der Essstörung zu verstehen. Zudem soll das Selbstwertgefühl der Betroffenen gestärkt werden.

  2. Binge-Eating: ausgewogener Essen und Essattacken unter Kontrolle bekommen.

    Diese drei Behandlungsschritte werden auch bei der Behandlung von Binge-Eating verfolgt: Betroffene müssen allerdings überhaupt erst ein Sportverhalten aufbauen, um die Folgen des Übergewichts zu bekämpfen. Zudem lernen Erkrankte, wie sie ausgewogener essen und Essattacken unter Kontrolle bekommen können. Und auch die Psychotherapie ist – wie bei allen Essstörungen – wichtig, um den psychischen Hintergründen des Essverhaltens auf den Grund gehen zu können.

  3. Magersucht: wieder Lust auf Essen bekommen.

    Bei der Magersucht ist es notwendig, 'Verbotslisten' abzubauen. Damit sind Lebensmittel gemeint, die man sich selbst verboten hat, um nicht zuzunehmen. Zudem sollen Betroffene bei der Behandlung lernen, wieder Freude am Essen zu empfinden.

  4. Bei Bulimie aus Teufelskreis von Essattacken und Erbrechen rauskommen.

    Wenn du an Bulimie leidest, ist das Ziel deiner Behandlung, den Teufelskreis zu durchbrechen. Sprich: die wiederholten Essattacken, gefolgt von den Maßnahmen wie Erbrechen oder zwanghaftem Sport. Dabei ist es Erkrankten in Kliniken zur Behandlung erst einmal verboten, Lebensmittel im Zimmer zu horten oder zu kaufen. Betroffene essen nur mit anderen gemeinsam. Dadurch lernen sie, einen Weg aus dem Teufelskreis und zurück zu einem gesunden Essverhalten zu finden.

Fazit: Essstörungen gehen bei Männern häufig mit einer Sportsucht einher

Immer mehr Männer haben heutzutage mit Essstörungen zu kämpfen. Zwar geht es den meisten Betroffenen weniger darum, dünn zu sein – doch der Drang nach einem durchtrainierten Körper kann zu einem ungesunden Sportverhalten in Kombination mit einem gestörten Essverhalten führen. Und das kann wiederum schwere Folgen für deinen Körper und deine Psyche haben. Hubers Appell: "Für Betroffene lohnt es sich, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und sich die Erkrankung zunächst einzugestehen", rät der Experte. Unter anderem eine Psychotherapie oder ein Aufenthalt in einer Fachklinik kann dann dabei helfen, die Einstellung zu sich selbst zu ändern.


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