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Demenz-Forschung: Können Infektionen Alzheimer auslösen?

DER SPIEGEL 22.09.2022 Veronika Hackenbroch

Der Neurologe Michael Heneka erklärt, was das Immunsystem mit der Entstehung einer Demenz zu tun hat – und warum er sich Sorgen um die neurologischen Folgen der Coronapandemie macht.

© Friso Gentsch / dpa

SPIEGEL: Herr Heneka, Menschen, die wegen einer Infektion ins Krankenhaus mussten, haben später im Leben ein höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. Das zeigt eine aktuelle Studie in der Zeitschrift PLOS Medicine. Können Infektionskrankheiten eine Demenz auslösen?

Michael Heneka: Es gibt inzwischen viele Untersuchungen, die da einen Zusammenhang zeigen. Auch experimentelle Studien haben ergeben, dass Entzündungen zu Veränderungen in der Lern- und Gedächtnisleistung führen können. Aber wahrscheinlich sind die Beziehungen zwischen Infektionen, den Immunprozessen, die sie anstoßen, und Demenz sehr vielfältig. Einerseits können durch eine Infektion degenerative Prozesse, die im Gehirn sowieso schon ablaufen, beschleunigt werden. Mitunter könnte der geistige Verfall auch neu angestoßen werden. Oder normale Alterungsprozesse des Gehirns könnten durch die Infektion in krankhafte degenerative Prozesse umgewandelt werden.

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SPIEGEL: Wie läuft so etwas ab?

Heneka: Zunächst einmal richtet eine schwere Infektion – und vor allem diese Infektionen erhöhen ja, wie auch die aktuelle Studie zeigte, das Demenzrisiko – vorübergehend oder auch dauerhaft Schäden an Organen wie Niere, Leber oder Schilddrüse an. Allein diese Organschäden können die Gehirnfunktion nachhaltig negativ beeinflussen. Vor allem aber wird bei einer Infektion die Blut-Hirn-Schranke durchlässiger, Botenstoffe des Immunsystems und auch Immunzellen können vom Blut ins Gehirn übertreten und dort die Aktivität der sogenannten Mikroglia, der gehirneigenen Immunzellen, beeinflussen.

SPIEGEL: Galt nicht immer das Dogma, dass es eine strikte Trennung zwischen Immunsystem und Gehirn gibt?

Heneka: Dieses Dogma ist längst überholt. Wir wissen inzwischen, dass die Mikroglia eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielt – und wir haben in den Gehirnen von Mäusen live beobachten können, wie eine Infektion diesen Prozess beschleunigen kann.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Heneka: In den Gehirnen von Alzheimerpatienten finden sich schon Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit Eiweiß-Ablagerungen, die sogenannten Amyloid-Plaques. Die Mikroglia, also die Immunzellen des Gehirns, versuchen, das Amyloid aus dem Gehirn zu entfernen. Mithilfe der Laserscanning-Mikroskopie konnten wir bei Mäusen direkt ins Gehirn schauen und beobachten, was mit den Mikroglia-Zellen passiert, wenn im Körper eine Infektion abläuft: Die Mäuse wurden regelrecht paralysiert – die Immunabwehr des Gehirns war durch die Infektion im Körper vorübergehend lahmgelegt. So nahm die Amyloidbelastung des Gehirns weiter zu. Weil es der Mikroglia auf Dauer nicht gelingt, die Amyloid-Plaques vollständig zu entfernen, läuft die Reaktion dieser Immunzellen im Alzheimer-Gehirn irgendwann wie ein Schwelbrand immer weiter, und ab einem gewissen Punkt überwiegen die negativen Wirkungen. Entzündliche Botenstoffe schädigen die empfindlichen Nervenzellen, und Entzündungsproteine treiben die Verklumpung und Ausbreitung des Amyloids voran.

SPIEGEL: Sind dabei Infektionen mit bestimmten Erregern besonders schädlich?

Heneka: Soweit man weiß, nein. Viren, Bakterien, sogar Pilze können das Risiko für eine Demenz erhöhen. Voraussetzung ist aber, dass es sich um eine schwere Infektion handelt. Bei einem Schnupfen hat man diesbezüglich nichts zu befürchten.

SPIEGEL: Wie sieht es denn bei einer Sars-CoV-2-Infektion aus? Auch danach kann es ja zu Konzentrations- und Gedächtnisstörungen kommen.

Heneka: Ja, wir haben in Bonn schon im Sommer 2020 gemerkt, dass sich unsere Gedächtnissprechstunde mit Patienten füllte, die eine Covid-Erkrankung durchgemacht hatten. Uns hat überrascht, dass es sich hier vor allem um Patienten handelte, bei denen die Infektion vergleichsweise milde verlaufen war. Manche hatten als einziges Symptom den Verlust des Geruchssinns erlebt. Eine plausible Erklärung dafür habe ich immer noch nicht. Um mehr zu erfahren, haben wir eine Studie begonnen mit Coronapatienten, die wir sehr gründlich neurologisch untersucht haben. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht, aber eine erste Auswertung der Kernspinuntersuchungen, die wir bei ihnen gemacht haben, zeigt eine Volumenreduktion in den Hirnarealen, die für das Gedächtnis wichtig sind.

SPIEGEL: Könnte es sein, dass die Coronapandemie eine Welle an Demenzpatienten erzeugen wird?

Heneka: Ich halte das für denkbar, ich befürchte es sogar. Wirklich wissen werden wir das allerdings erst in einigen Jahren, vielleicht sogar erst in Jahrzehnten. Es wäre wichtig, jetzt Langzeitstudien durchzuführen, denn es gibt in diesem Bereich sehr viel, was noch unbekannt ist. Zum Beispiel auch die Frage, ob es Risikogene für neurologische Folgeschäden einer Covid-Erkrankung gibt, und was das für Gene sind. Dass es bei einer Pandemie überhaupt zu einer Häufung von neurologischen Störungen kommt, ist allerdings wenig überraschend: Nach der Russischen Grippe kam es zu einer Häufung von Psychosen, nach der Spanischen Grippe vermehrt zu Bewegungsstörungen. Auch das zeigt, wie sehr Infektionskrankheiten die Hirnfunktion beeinflussen können. Mehr darüber zu erfahren, ist allein deshalb schon wichtig, weil dies ja sicher nicht die letzte Pandemie war, die wir erleben.

SPIEGEL: Zu der Rolle des Immunsystems bei der Entstehung von Alzheimer ist inzwischen einiges bekannt. Werden auf der Basis dieser Erkenntnisse auch schon Medikamente entwickelt?

Heneka: Durchaus, es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Firmen, die an solchen Medikamenten arbeiten. Ich finde es aber wichtig, alles sehr gründlich zu erforschen und zu durchdenken. Das Immunsystem trägt ja nicht nur durch den Schwelbrand im Gehirn zur Entstehung von Alzheimer bei, sondern vermag es wahrscheinlich genauso, das Gehirn zu schützen. Wir haben eine Langzeitstudie durchgeführt, bei der wir Jahre vor dem Auftreten der Demenz ein Entzündungssignal im Hirnwasser feststellen konnten. Aber je stärker dieses Signal war, desto weniger ausgeprägt war hinterher der Gedächtnisverlust. Wenn man vorschnell ein Alzheimer-Medikament entwickelt, das die Immunreaktion in einer ungünstigen Art und Weise unterdrückt, könnte es also auch negative Auswirkungen haben. Da ist sicher noch sehr viel Forschung notwendig, das Thema wird uns noch lange beschäftigen.

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