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Die neue Krebstherapie nach Maß

futurezone-Logo futurezone 23.11.2020 andreea.iosa

Ein neues Verfahren hilft, das richtige Medikament zur richtigen Zeit mit der richtigen Dosis zu finden.

© Getty Images/FatCamera/istockphoto.com/futurezone

Diagnose: Krebs. Für jeden Betroffenen ein harter Schlag. In Österreich werden laut Statistik Austria jährlich etwa 40.000 Menschen mit diesem Befund konfrontiert – Männer etwas häufiger als Frauen. Die Diagnose bedeutet heute aber oft kein Todesurteil mehr. Denn obwohl die Zahl der Neuerkrankungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten angestiegen ist, hat sich die Krebssterblichkeit dank früherer Diagnosestellungen und neuer Therapiemethoden verringert. Besonders bei den häufigsten Tumorarten wie Brust-, Darm-, oder Prostatakrebs haben sich die Heilungschancen beziehungsweise die Überlebensrate in den vergangenen Jahren signifikant erhöht. 

Dennoch spricht nicht jeder Patient gleichermaßen auf eine Therapie an. Die Wirkung der Medikamente hängt unter anderem von der genetischen Ausstattung und individuellen Besonderheiten ab. In manchen Fällen hebeln die Tumorzellen den Wirkmechanismus von Medikamenten mit der Zeit auch aus. Daher braucht es auf den Patienten individuell abgestimmte Lösungen.

Bestmögliche Therapie

Einer verbesserten maßgeschneiderten Krebstherapie ist man am Grazer CBmed – Center for Biomarker Research in Medicine – in Kooperation mit Partnern aus Südkorea, Singapur und Japan nun einen großen Schritt nähergekommen. Hier wurde unlängst eine neuartige Wirkstoffscreening-Plattform installiert, in der die bestmögliche Therapie für den jeweiligen Patienten ausgewertet wird. Zehn Jahre lang wurde sie am Samsung Medical Center in Seoul entwickelt. 

© CBmed

Aus den Tumorzellen gewinnen die Forscher die jeweilige genetische Ausstattung (Genom) und das Stoffwechselprofil (Metabolom) des Patienten. Diese Analysen werden mit den Wirkprofilen gleich mehrerer Medikamente kombiniert. „Die Tumorzellen werden kurz kultiviert und dann unterschiedlichen Medikamenten ausgesetzt. So lernen wir, welche Zellen unter gewissen Behandlungen sterben oder überleben“, sagt Amin El-Heliebi, Forscher am CBmed.

Dass das Stoffwechselprofil in die Analyse integriert wird, ist die größte Besonderheit dieses Projekts. Laut El-Heliebi haben Daten gezeigt, dass die Stoffwechselprodukte schon sehr früh aussagen können, ob ein Tumor gegen eine Therapie resistent wird.

Völlig kontaktfrei

Der gesamte Vorgang findet voll automatisiert statt. Die technische Infrastruktur für die neuartige Integration der Stoffwechselprofile stammt von der japanischen Shimadzu Corporation aus Kyoto. Zum Einsatz kommt ein Roboterarm, der die Medikamente, die sich in einer Lösung befinden, den Zellen hinzufügt. „Da greift also niemand mit der Hand hinein“, so El-Heliebi. Nach voraussichtlich 3 Wochen seien die Resultate verfügbar. 

Das System soll in Zukunft bei jenen Krebspatienten angewandt werden, die auf eine Therapie gar nicht oder bei weit fortgeschrittener Erkrankung nicht mehr ansprechen. „Meist ist unklar, welche Therapie am besten funktionieren wird, da der Tumor bereits einige Resistenzen ausgebildet hat, die wir hier mit dem Drug-Screening-System vorab testen wollen“, sagt Forscher El-Heliebi gegenüber der futurezone. Zudem kämen jährlich neue Arzneimittel heraus, die sich auch kombinieren ließen. „Das macht eine Behandlung extrem komplex“, betont er.

© CBmed

Dadurch, dass mit diesem Verfahren Informationen direkt aus dem lebenden Material gezogen werden und nicht nur aus einer konventionellen DNA-Analyse, könnte es Onkologen in Zukunft eine größere Stütze bei der Wahl der richtigen Behandlung sein. Ziel sei es aber, diesen Ansatz in weiterer Zukunft  jedem Krebspatienten zu ermöglichen, sodass die passende Therapie umgehend nach der Diagnose personalisiert werden kann. 

2022 abgeschlossen

Das über das COMET-Programm geförderte Forschungsprojekt wurde unlängst gestartet und soll 2022 abgeschlossen sein. „Bis dahin erforschen wir, wie gut dieses System funktioniert und wann es tatsächlich zum Einsatz kommen könnte“, erklärt Robert Lobnig, Geschäftsführer von CBmed. Abgewickelt wird das COMET-Förderprogramm von der FFG und stellt somit die Basisfinanzierung für österreichische Spitzenforschung von Kompetenzzentren wie CBmed dar.

Wann die ersten Patienten von der Technologie profitieren werden, wird sich also in zwei Jahren abzeichnen. Das Interesse sei aber bereits groß: „Pharmafirmen und Onkologen hätten lieber heute als morgen erste Ergebnisse, um eine Zusatzinformation zur Entwicklung  von Therapien, insbesondere für Patienten im späten Stadium, zu bekommen“, sagt Lobnig. 

Eigene Zellen gentechnisch verändert

Auch das deutsche Uniklinikum Jena (UKJ) hat unlängst eine neue Form der Krebsbehandlung eingesetzt. Die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie darf allerdings nur dann zur Anwendung kommen, wenn Standardtherapien keine Wirkung zeigen oder unzureichend sind. Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene T-Zellen, also weiße Blutzellen, die der Immunabwehr dienen, dem Patienten entnommen und in der Folge gentechnisch verändert. Nach diesem Prozess werden sie dem Patienten wieder per Infusion in den Körper zugeführt. Durch die Mutation erkennen die T-Zellen die Krebszellen im Körper und können sie gezielt attackieren. 

Am UKJ wurden bislang 12 Patienten behandelt, bei denen der Einsatz einer herkömmlichen Chemotherapie keine Aussicht auf Heilung gebracht hätte. In einem Interview berichtet Ulf Schnetzke, Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin II, dass zwar nicht jeder Patient auf diese neuartige Therapie anspricht – bei einem signifikanten Teil sei jedoch keine Erkrankung mehr nachweisbar. 

Dauerhaft eingesetzt

Die neuen T-Zellen sollen dauerhaft im Körper bleiben. Sollten sich neue Krebszellen bilden, können sie somit umgehend wieder ihrer Funktion nachgehen und die Krebszellen zerstören. Zwar können bei dieser innovativen Therapiemethode Nebenwirkungen wie Fieber oder neurologische Ausfälle  auftreten, die Verträglichkeit hat sich bislang jedoch generell als gut erwiesen. 

Diese Serie erscheint in redaktioneller Unabhängigkeit mit finanzieller Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG).

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