Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Die Omikron-Variante BA.5 breitet sich jetzt in Europa und den USA aus – und sie ist etwas gefährlicher als frühere Omikron-Varianten

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland vor 5 Tagen Stephanie Lahrtz (Text), Eike Hoppmann und Nikolai Thelitz (Grafiken)
Ein Selbsttest erkennt auch eine Infektion mit der Variante ;BA.5. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Ein Selbsttest erkennt auch eine Infektion mit der Variante ;BA.5. Christian Beutler / Keystone

Die Untervariante BA.5 des Omikron-Coronavirus hat nun in mehreren Ländern Europas neue Infektionswellen ausgelöst. Auch die USA melden seit gut einer Woche einen erneuten Anstieg der Fallzahlen. Zuerst hatte die BA.5-Variante Anfang Mai für eine fünfte Welle in Südafrika gesorgt. Allerdings war diese bisher kleiner als die Omikron-Welle im letzten Winter. Zudem ist sie bereits wieder am Abklingen.

Dann zerstörten Nachrichten aus Portugal die Hoffnung, dass sich Omikron BA.5 in Europa nicht werde durchsetzen können. Dort stieg die 7-Tage-Inzidenz an Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner inzwischen auf über 1800. (Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Wert knapp 490, in der Schweiz über 283, Stand 22. Juni.)

Nun erobert BA.5 auch die Schweiz, Deutschland sowie andere Länder wie Grossbritannien. Das Königreich meldete diese Woche eine Zunahme der bestätigten Sars-CoV-2-Infektionen von 43 Prozent, mehr als 1,4 Millionen Menschen waren letzte Woche angesteckt.

Es gibt zwei weitere wichtige Indizien dafür, dass sich eine neue Welle aufbaut. So hat erstens der Anteil an positiven Sars-CoV-2-Tests – also an Tests, die eine Neuinfektion bestätigen – in den letzten Wochen stark zugenommen. Die Erfahrungen der zwei Pandemiejahre zeigen, dass ein höherer Anteil an positiven Tests eine zunehmende Zahl an Neuinfektionen angibt. Da sich nicht alle Menschen mit Covid-19-Symptomen testen lassen, werden nicht alle Infektionen erfasst. Die Rate an positiven Corona-Tests ist jedoch ein aussagekräftiger Ersatzwert.

Zweitens ist die Reproduktionszahl in den letzten Tagen wieder deutlich angestiegen. Sie liegt laut den neuesten Zahlen vom 7. Juni bei rund 1,4. Diese Zahl gibt an, wie viele Personen ein Infizierter ansteckt. Bleibt sie unter 1, ebbt die Pandemie ab. Liegt sie jedoch deutlich über 1, baut sich eine neue Welle auf.

BA.5 treibt die neue Welle

Gemäss den vorliegenden Daten gehen Tanja Stadler von der ETH Zürich sowie Isabella Eckerle von der Universität Genf davon aus, dass mittlerweile gut die Hälfte aller Corona-Neuinfektionen in der Schweiz auf BA.5 zurückzuführen ist. Darüber hinaus ist, wenn auch nur zu einem geringen Anteil, die Omikron-Variante BA.4 präsent. Auch sie breitet sich aus. Beide zusammen dominieren nun das Geschehen.

Da jedoch in der Schweiz nur noch sehr wenige Virusgenome entschlüsselt würden und generell wenig überwacht werde, könne man derzeit nur Abschätzungen durchführen, betonten beide Expertinnen auf Anfrage. Auch in Deutschland dominiert mittlerweile BA.5. Zudem gibt es ebenfalls einen kleinen und zunehmenden Anteil von Infektionen mit der BA.4-Variante.

Wegen der geringen Überwachung habe man den Anstieg an BA.5 in der Schweiz erst bemerkt, als diese Untervariante bereits 5 Prozent aller Neuinfektionen ausgemacht habe, erläutert Stadler. In Deutschland hingegen sei man schon bei einem Anteil von nur 1 Prozent aller Fälle aufmerksam geworden.

Die Anzahl an mit BA.5-Viren Infizierten habe sich in den letzten Wochen stetig erhöht. Zuletzt habe sie sich in der Schweiz innert weniger als zwei Wochen verdoppelt. Ähnlich schnelle Zunahmen meldet Deutschland. Daher ist davon auszugehen, dass in der Schweiz und in Deutschland die Omikron-Variante BA.5 jeweils die gerade entstehende Welle antreibt.

Ist BA.5 gefährlicher?

Möglicherweise. Allerdings ist noch völlig unklar, wie hoch die BA.5-Welle hierzulande ausfallen wird und wie viele Menschen mit einer schweren Covid-19-Erkrankung, ausgelöst durch BA.5, ins Spital müssen. In Südafrika gab es während der BA.5-Welle deutlich weniger Hospitalisierte als in der früheren Omikron-Welle.

In Portugal hingegen stieg die Zahl der hospitalisierten Patienten in der letzten Woche um 27 Prozent, auch die Sterberate nahm zu. Es waren vorwiegend ältere Menschen betroffen.

Auch in England steigt seit einigen Tagen die Anzahl an Covid-19-Patienten, die ins Spital müssen. Dort hat sich die Rate der Hospitalisierten um 33 Prozent im Vergleich zur Vorwoche erhöht. Allerdings ist die Gesamtzahl der mit Covid-19 hospitalisierten Menschen nach wie vor deutlich niedriger als während der letzten grossen Corona-Welle im April 2022.

Erste Schätzungen für Deutschland zeigen ebenfalls eine leicht erhöhte Hospitalisierungsrate. Stadler wie Eckerle betonen, dass man in den nächsten Wochen sehen werde, wie sich BA.5 hierzulande auswirken werde.

Da in den einzelnen Ländern die jeweiligen Bedingungen wie Impfquote, Anzahl Genesener, früher dominierende Corona-Varianten, Alter der Bevölkerung und anderes mehr sehr unterschiedlich sind, wird es künftig immer schwerer, die Auswirkungen einer bestimmten Variante in einem Land von der Art der Welle in einem anderen Land abzuleiten.

Was macht BA.5 gefährlicher?

Eine noch nicht von Experten begutachtete Studie aus Japan liefert eine Erklärung für die höhere Zahl an Hospitalisierten während der BA.5-Welle. BA.5-Viren weisen eine kleine genetische Veränderung an einem Punkt im Stachelprotein auf, dem Spike auf der Zelloberfläche. Dank dieser Veränderung können die Viren besser in Lungenzellen eindringen als frühere Omikron-Varianten. Auch die BA.4-Viren tragen diese genetische Veränderung. Die bekanntermassen gefährlichere Delta-Variante besitzt an der besagten Stelle die genau gleiche genetische Ausstattung wie BA.5 und BA.4.

Zudem vermehren sich BA.5- und BA.4-Viren in Lungenzellen schneller als BA.2-Viren. Versuche mit Hamstern bestätigten, dass BA.5- und BA.4-Viren etwas gefährlicher sind als ihre Vorgänger. So wurden die Tiere nach einer BA.5/BA.4-Infektion kränker, und ihre Lungen wiesen mehr Entzündungsherde auf als nach der Verabreichung von BA.2-Viren. Die Tiere mit den neuen Omikron-Varianten hatten zudem mehr virales Erbgut in ihrem Rachen und in ihren Lungen. Auch konnten sich die Coronaviren in der Lunge der Tiere schneller verbreiten.

Zwar sind nun weder BA.5- noch BA.4-Viren laut bisherigen Erkenntnissen eine sehr grosse Gefahr. Doch die Tatsache, dass zwei neue dominante Omikron-Varianten etwas pathogener sind als frühere Varianten, widerlegt die Annahme, dass sich Sars-CoV-2 kontinuierlich in Richtung «immer harmloser» entwickelt.

Schützen Impfung oder Genesung?

Vermutlich schützen weder eine Impfung noch eine frühere Infektion zuverlässig vor einer BA.5-Infektion. Denn erstens nimmt der Schutz vor Ansteckung ohnehin innert weniger Monate ab. Zweitens unterscheiden sich die jeweiligen Omikron-Varianten an einigen wichtigen Stellen in ihrem Erbgut. Gemäss den Experimenten der Japaner können die neuen Omikron-Varianten daher der Immunantwort, aufgebaut durch eine Infektion mit den früher zirkulierenden Omikron-Varianten BA.1 oder BA.2, gut entkommen.

BA.5 kann auch der Immunantwort, die entweder durch eine Infektion mit einer der «alten» Sars-CoV-2-Varianten oder durch eine Impfung entstanden ist, ein Schnippchen schlagen. Davon ist jedenfalls Tulio de Oliveira überzeugt, der oberste Virusüberwacher am südafrikanischen Centre for Epidemic Response and Innovation.

Es kann somit sehr gut sein, dass jemand, der im Januar eine Omikron-Infektion hatte, sich nun wieder ansteckt. Aber die bisher vorliegenden Daten zeigen, dass eine Impfung oder eine Genesung weitgehend vor einer schweren Covid-19-Erkrankung schützen – egal, von welcher Variante sie ausgelöst wird.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Neue Zürcher Zeitung Deutschland

Neue Zürcher Zeitung Deutschland
Neue Zürcher Zeitung Deutschland
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon