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Gefährlicher Feinstaub: Wie Waldbrände die Gesundheit gefährden

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 05.08.2022 Christian Schwager
© Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Was haben die Brände im Berliner Grunewald, in Falkenberg, Treuenbrietzen oder anderswo in Brandenburg mit Corona zu tun? Wenn man einer Studie aus den USA folgt, könnten sie die Krankheit verschlimmern. Dass Waldbrände Menschen krank machen können, gilt inzwischen immerhin als gesicherte Erkenntnis, nicht nur in der Wissenschaft. Der Rauch enthält eine tückische Mischung, transportiert giftige Gase, Chemikalien, verbreitet jede Menge Feinstaub. Und das buchstäblich meilenweit.

Sogar noch in 100 Kilometern Entfernung kann die Belastung so hoch sein, dass sie der Gesundheit schadet. Das hat zum Beispiel eine Forschungsgruppe um die US-Biologin Mary Prunicki herausgefunden. Sie untersuchte Menschen im Umfeld von Waldbränden und entdeckte veränderte Biomarker. Einige wiesen auf ein geschwächtes Immunsystem hin. Der Organismus wird anfälliger für Infekte, Atemwegserkrankungen können sich verstärken.

Die Biostatistikerin Francesca Dominici von der Havard T. H. Chan School of Public Health in Boston schätzt, dass die Brände 2020 in Kalifornien, Washington und Oregon insgesamt rund 19.700 Fälle von Covid-19 begünstigt haben, von denen 750 mit dem Tod endeten. Verantwortlich für die Verschlimmerung war der durch die Brände in die Luft geratene Feinstaub, kurz PM2,5 – Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern. Derart winzig, können sie in die dünnsten Verästelungen der Lunge eindringen. Schon kleinste Mengen PM2,5 stellen daher nach Dominicis Ansicht ein gesundheitliches Risiko dar.

Die Bostoner Wissenschaftlerin hält eine andere Hypothese dagegen für fragwürdig. Nämlich dass Viren wie Sars-CoV-2, sprich Corona, dem Feinstaub anhaften könnten. Erwiesen ist dagegen, dass Feinstaub auf Pflanzenpollen kleben bleibt und beides zu einer aggressiven Allianz wird. „Der Feinstaub entzieht den Pollen Eiweiße, es entsteht eine mikroskopisch winzige Mischung mit explosiver Wirkung“, sagt der Osnabrücker Kinderarzt Thomas Lob-Corzilius von der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPAU).

Der Körper erkennt die Eiweiße als Eindringlinge und versucht, sie abzuwehren. Er reagiert heftig, denn der Mini-Mix stößt bis weit in die Bronchien vor. „Das menschliche Immunsystem wird leichter sensibilisiert“, sagt Lob-Corzilius. Inzwischen entwickelt jeder Dritte hierzulande Allergien, knapp 90 Prozent davon werden durch Pollen ausgelöst. Deren Saison dauert in einigen Regionen Deutschlands mittlerweile von Januar bis November. Der Klimawandel macht’s möglich.

Die Waldbrandsaison setzt die Forstwirtschaft von März bis Oktober an. Nirgendwo brennt es häufiger als in Brandenburg, ein Drittel aller Feuer bundesweit lodern in dem Bundesland. In diesem Jahr hat sich ihre Zahl gegenüber 2020 bereits weit mehr als verdoppelt, von 158 auf gut 400, darunter fünf sogenannte Großschadenslagen.

Der Rauch, den diese Brände freisetzen, enthält Kohlenmonoxyd, polyzyklische-aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), vor allem aber Feinstaub und damit Pollen, Pilzsporen, Ammoniumsulfat, Nitrat, Salzsäure oder Schwefelsäure. Dieser toxische Dampf kann Herz und Kreislauf belasten und die Atmung beeinträchtigen. Er erhöht das Risiko, mit Beschwerden an diesen Organsystemen in einer Notaufnahme zu landen. Das zeigt eine Studie der Environmental Protection Agency in den USA (Epa). Je nach Symptom und Alter steigt die Gefahr um bis zu 25 Prozent.

Fay Johnston kam 2020 zu einem ähnlichen Befund, als sie die Folgen des sogenannten Black Summer in Australien mit seinen verheerenden Buschbränden untersuchte. Demnach wurden wegen dieser Naturkatastrophe 3340 Menschen mit Herz-Kreislauf- oder Atemproblemen in Krankenhäuser eingeliefert. Die Professorin der Universität Tasmaniens kam auf 445 Todesopfer. Rund 80 Prozent der Australier waren damals verstärkt Rauch ausgesetzt, gut 25 Millionen Einwohner.

Der Amerikaner Sam Heft-Neal wiederum stellte fest, dass sich Waldbrände auf Schwangerschaften negativ auswirken. Der Umweltökonom der Stanford University und sein Team führten 6974 Frühgeburten in Kalifornien in den Jahren 2007 bis 2012 auf den  giftigen Rauch zurück, ebenso Diabetes und Bluthochdruck bei werdenden Müttern sowie untergewichtige Babys. Das Risiko steige mit jedem Tag, den die Schwangeren den Schadstoffen ausgesetzt seien, um 0,49 Prozent, schreibt Heft-Neal.

In Berlin muss sich niemand im Blindflug durch die Waldbrandsaison bewegen. 15 Messstationen erfassen die Belastung der Luft mit Schadstoffen. Das Umweltbundesamt macht die Daten über eine App zugänglich. Nachzulesen sind die Werte außerdem im Internet, zum Beispiel unter www.luft.jetzt/Berlin.de.

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