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Hausarzttermin im Tölzer Land? „Ist kein Wunschkonzert“

Merkur-Logo Merkur 07.12.2022 Felicitas Bogner
Einen Termin beim Hausarzt zu ergattern ist nicht einfach. Die Ärzte arbeiten am Limit und plagen sich mit bürokratischen Hürden und Vorgaben der Kassen. Erleichterung durch Praxiseröffnung in Reichersbeuern „Viele Kassen sind nur für gesunde Menschen“ © dpa Einen Termin beim Hausarzt zu ergattern ist nicht einfach. Die Ärzte arbeiten am Limit und plagen sich mit bürokratischen Hürden und Vorgaben der Kassen. Erleichterung durch Praxiseröffnung in Reichersbeuern „Viele Kassen sind nur für gesunde Menschen“

Hausarzttermin im Tölzer Land? „Ist kein Wunschkonzert“

Eine Unmenge akute Infekte, viele ältere Menschen in der Region: Hausarzt-Praxen im Landkreis sind am Limit und das nicht nur im Moment. Für den Ärztemangel gibt es diverse Gründe.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Jeder braucht einen Hausarzt, doch wer aktuell in einer Praxis neu aufgenommen werden will, wird merken: Auch im Tölzer Land ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, als Neupatient einen Termin bei einem Hausarzt zu ergattern. In einigen Praxen gibt es bereits einen Aufnahmestopp. Die Ärzte sind im Dauerstress.

Aus Sicht von Dr. Matthias Bohnenberger, dem Vorsitzenden der „Tölzer Hausärzte“, ist das kein Wunder. „Die Situation ist nicht neu. Wir haben in der Umgebung einen hohen Versorgungsbedarf, da das gesamte Oberland einen Zuzug erfahren hat. Viele Menschen hier sind dazu 70 Jahre und älter“, erklärt er. Überdies habe Corona die Misere verschlimmert: „In den Praxen gibt es keine Coronaentspannung“, unterstreicht Bohnenberger. Dazu würden viele seiner Kollegen wegen der „Unmengen von akuten Infektpatienten“ stöhnen. Ein normales Arbeiten und Planen der Sprechstunden ist laut dem Tölzer Hausarzt unmöglich. Erschwerend komme hinzu, dass durch die vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen, wie der Feuchtdesinfektion nach jedem Patienten, die Praxisabläufe verlangsamt sind. Auch der Fachkräftemangel spiele übel mit rein. „Wir bekommen keine medizinische Fachangestellte mehr.“

Diese Umstände würden nun die Patienten zwangsweise zu spüren bekommen. „Es dauert nun alles länger und man muss als Patient bei der Terminvergabe flexibel sein“, sagt Bohnenberger und betont: „Einen Hausarzttermin zu bekommen, ist kein Wunschkonzert mehr.“

Erleichterung durch Praxiseröffnung in Reichersbeuern

Etwas Erleichterung habe in der vergangenen Zeit allerdings die Eröffnung der Reichersbeurer Hausarztpraxis von Dr. Johanna Eras im Mai dieses Jahres gebracht, berichtet er. „Nach der Lücke, die die Schließung von Dr. Sebastian Schindeles Praxis hinterlassen hat, füllt sich meine Praxis kontinuierlich“, berichtet Eras. Hauptsächlich habe sie Patienten aus der unmittelbaren Umgebung. „Aber es kommen auch zunehmend mehr von weiter weg, also Wackersberg, Lenggries, sogar ein paar aus Bad Aibling“, berichtet die Medizinerin. „Vor allem ältere Menschen sind froh, dass es wieder eine Praxis in fußläufiger Nähe gibt“, bemerke sie.

Nachdem die Ärztin bisher in einer Praxis in Bad Wiessee angestellt war, habe sie lange überlegt, ob sie den großen Schritt, eine eigene Praxis zu eröffnen, gehen solle. „Man kann die negativen Punkte und Risiken nicht ausblenden.“ Schließlich sei eine Niederlassung mit einem „unglaublichen Bürokratieaufwand, Planungsunsicherheiten mit den Kassen und der Regressgefahr“ verbunden. Bisher sei sie dennoch zufrieden in Reichersbeuern. „Das Sprichwort ,Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne‘ trifft bisher glücklicherweise zu“, sagt sie. Dabei sei Eras auch über ihr zuverlässiges Personal froh. Sie hat bisher allerdings nur einen halben Kassensitz. „Ich könnte mir eine Erweiterung gut vorstellen, das liegt aber nicht nur in meinen Händen“, sagt sie.

Auch der Münsinger Hausarzt Dr. Jörg Lohse spürt das Ungleichgewicht zwischen Patientenaufkommen und Hausarztkapazitäten. „Trotzdem haben wir im bundesweiten Vergleich noch paradiesische Zustände, was die Hausarztversorgung betrifft.“

Ein Grund für den Mangel sei, „dass die Generation Hausärzte, die 70 Stunden pro Woche arbeiten, am Aussterben ist“, meint Lohse. Dies liege nicht zuletzt daran, dass viele Menschen zunehmend auf einen gesunden Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit achten. „Vielleicht haben es auch bisher nicht alle gesehen, mit welcher Selbstaufgabe der Beruf teils einhergeht.“

Laut Lohse spiele auch mit rein, dass mehr Frauen in der Medizin tätig sind. „Eine Frau, die Kinder hat, kann eine 70-Stunden-Woche nicht mit der Familie vereinbaren. Das ist klar.“ Lohse selbst hat drei erwachsene Töchter. Alle sind Ärztinnen. „Aber keine will die Praxis übernehmen.“

„Viele Kassen sind nur für gesunde Menschen“

Weiter komme hinzu, dass „nicht alle, aber sehr viele“ Kassen Hausärzten das Leben erschweren. „Wenn statt von einem Patienten von einem Kunden die Rede ist, weiß man, was es geschlagen hat“, sagt er. Problematisch sei, dass viele Krankenkassen „eher für einen gesunden Menschen ausgelegt sind.“

Doch was ist als Arzt dann ein attraktiver Job? „Junge Kollegen arbeiten gerne in der Klinik. Ansonsten empfinden es viele Ärzte in Facharztpraxen als unverbindlicher und angenehmer.“ Der Hausarzt ist eben auch der Familienarzt und Koordinator aller medizinischer Belange, das hat eine privatere Ebene, ist sich Lohse sicher. In seiner Praxis gebe es noch keinen Aufnahmestopp. „Wer eine hausärztliche Versorgung benötigt, bekommt diese auch. Für gewisse Sachen, die zeitlich nicht drängen, muss man längere Wartezeiten in Kauf nehmen.“

An eine absehbare Entspannung der Lage glaubt Bohnenberger nicht. „Die Kassen schlagen den Ärzten jährliche Honorar-Nullrunden vor, obwohl Energiepreise und Personalkosten neben der Inflation explodieren“, gibt er zu bedenken.

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