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Impfpflicht: Was Sie zur Masernimpfung wissen müssen

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.08.2022 Marthe Ruddat

Das Bundesverfassungsgericht hat die Masernimpfpflicht bestätigt. Was heißt das für Kinder und Eltern? Wie ansteckend sind Masern, und warum ist die Impfung wichtig? Der Überblick.

© KatarzynaBialasiewicz / iStockphoto / Getty Images

Vor rund zweieinhalb Jahren wurde die Masernimpfpflicht unter anderem für Kitakinder eingeführt. Nun hat das Bundesverfassungsgericht mehrere Klagen betroffener Familien abgewiesen, das Gesetz bleibt also in Kraft. Was bedeutet das für Kinder und ihre Eltern? Wie funktioniert die Impfung, und wie gefährlich sind die Masern überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum gibt es die Masernimpfpflicht?

Es sind zwar viele Menschen gegen die Masern geimpft. Die Quote ist aber nicht hoch genug, um das Zirkulieren des hochansteckenden Virus und Ausbrüche zu verhindern. Dafür müssten mindestens 95 Prozent der Bevölkerung immun sein. Deutschland hat sich auch gegenüber der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet, die Masern zu eliminieren.

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Wie sieht die Impfpflicht aus?

Die Impfpflicht setzt bei denjenigen an, die regelmäßig in Gemeinschafts- und Gesundheitseinrichtungen mit anderen Personen in Kontakt kommen. Das sind vor allem Kitas und Schulen. Die Impfpflicht gilt aber zum Beispiel auch in Flüchtlingsunterkünften und für Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen. Eine Ausnahme gibt es für Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Zwangsweise geimpft wird sowieso niemand.

Was bedeutet das speziell für Kinder und Eltern?

Seit 1. März 2020 dürfen Kinder ab einem Jahr nur noch in einer Kita oder bei einer Tagesmutter aufgenommen werden, wenn sie geimpft sind oder schon die Masern hatten. Das müssen die Eltern nachweisen. Für die Schule gelten dieselben Regeln – hier geht allerdings im Zweifel die Schulpflicht vor. Für Kinder, die damals schon in ihrer Kita oder Schule waren, gab es für den Nachweis eine mehrfach verlängerte Übergangsfrist. Sie ist zum 31. Juli 2022 ausgelaufen.

Was passiert bei Verstößen?

Liegt der Nachweis nicht rechtzeitig vor oder gibt es Zweifel an der Echtheit, muss die Einrichtung das Gesundheitsamt informieren. Das Amt kann dann – Schulen ausgenommen – nach einer angemessenen Frist im Einzelfall je nach Risiko ein Betretungsverbot aussprechen. Alternativ kann eine Geldbuße von maximal 2500 Euro verhängt werden.

Wie gefährlich sind die Masern?

Masern sind eine Viruserkrankung, die schneller übertragen wird als etwa die Grippe. Schon ein Nieser oder Huster genügt, damit die Erreger – in Tröpfchen verpackt – von einem Menschen zum anderen gelangen. Infizierte können bereits ansteckend sein, bevor der typische Hautausschlag auftritt. Masern sind keine reine Kinderkrankheit, auch Jugendliche und Erwachsene, die die Masern nicht durchgemacht haben und nicht geimpft sind, können erkranken. Symptome sind Fieber, Bindehautentzündung, Schnupfen, Husten, Kopfschmerzen und der typische Hautausschlag. Als Komplikationen können Durchfall, Mittelohr- und Lungenentzündungen auftreten. Zudem kann es in sehr seltenen Fällen zu einer Gehirnentzündung, der Masern-Enzephalitis, kommen. Als seltene Komplikation kann Jahre nach der Erkrankung die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten, die in jedem Fall tödlich endet. Außerdem warnen Expertinnen und Experten davor, dass eine Infektion für längere Zeit das Immunsystem schwächt. Wer einmal die Masern hatte, ist für den Rest seines Lebens immun.

Wie verbreitet sind die Masern in Deutschland?

In den Coronajahren wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) nur 76 (2020) und 10 (2021) Fälle gemeldet. Vorher waren es in der Regel mehrere hundert im Jahr, 2015 sogar 2465. Kritikerinnen und Kritiker der Impfpflicht verweisen auch auf diese relativ niedrigen Zahlen. Andererseits gibt es besonders gefährdete Menschen, die selbst nicht geimpft werden können, wie Säuglinge, Kranke mit Immunschwäche oder Schwangere. Wenn sich genügend andere impfen lassen, sind sie mitgeschützt (»Herdenimmunität«).

Ist die Masern-Impfung bedenklich?

Vor allem nach der ersten Impfung können Reaktionen wie Fieber und Kopfschmerzen auftreten. Manche Geimpfte bekommen auch Hautausschlag, die sogenannten Impfmasern. »Schwere unerwünschte Wirkungen der Impfung sind selten«, heißt es auf dem Informationsportal des Bundes.

Wie funktioniert die Impfung?

Für Kinder empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfung ab elf Monaten und eine zweite ab 15 Monaten. Nach 1970 geborene Erwachsene, die nur eine oder noch keine Impfung erhielten, sollten einmal geimpft werden. Gespritzt wird ein sogenannter Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Masernviren. In Deutschland gibt es nur Kombinationsimpfstoffe, mit denen gleichzeitig auch gegen Mumps, Röteln und teilweise Windpocken geimpft wird. Auch das kritisieren die Klägerinnen und Kläger.

Wo gibt es Impflücken?

Nach neuen Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) sind bundesweit 75,6 Prozent der Kinder im Alter von 24 Monaten zweimal gegen Masern geimpft. Bis zur Einschulung werden die Impfungen oft nachgeholt – bei der entscheidenden zweiten Impfung liegt die Impfquote bei den Schulanfängern bei 92,7 Prozent. Die notwendigen 95 Prozent werden bislang nur in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern erreicht. Allerdings gibt es bei den Erwachsenen noch größere Lücken. Der Deutsche Ethikrat hielt es 2019 daher nicht für gerechtfertigt, eine Impfpflicht für Kinder einzuführen.

Wie argumentieren die klagenden Familien?

Sie wollten sich die Entscheidung über die Impfung nicht aus der Hand nehmen lassen. »Eltern, die sich informiert und wohlüberlegt gegen die Masernimpfung entscheiden oder erst später impfen wollen, wird jede Möglichkeit einer externen Betreuung ihrer Kinder genommen«, heißt es in einer Mitteilung der Vereine Ärztinnen und Ärzte für individuelle Impfentscheidung und Initiative freie Impfentscheidung, die die Verfassungsbeschwerden unterstützten. »Dies stellt einen nicht zu rechtfertigenden Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Eltern für ihr eigenes soziales Lebens- und Erziehungskonzept dar.« Auch das Grundrecht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit werde verletzt.

Was sagen die Gerichte?

Das Bundesverfassungsgericht bestätigte nun die Masernimpfpflicht. Die Grundrechtseingriffe seien nicht unerheblich, aber derzeit zumutbar, teilten die Karlsruher Richterinnen und Richter mit. »Ohne Verstoß gegen Verfassungsrecht hat der Gesetzgeber dem Schutz durch eine Maserninfektion gefährdeter Menschen den Vorrang vor den Interessen der beschwerdeführenden Kinder und Eltern eingeräumt.«

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte billigte 2021 eine Impfpflicht in Tschechien unter anderem gegen die Masern, die dort ebenfalls mit Geldbußen und verwehrtem Kita-Zugang durchgesetzt wird.

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