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Lebensmittel-Unverträglichkeiten: Das ist wirklich an ihnen dran

Freundin-LogoFreundin 21.04.2017 freundin Redaktion

Essen ist für viele zum Problem geworden. Aber leiden wirklich immer mehr Menschen unter Unverträglichkeiten oder ist das alles nur Hysterie? Wir haben den renommierten Allergologen Professor Johannes Ring gefragt!

das müssen sie über lebensmittelunverträglichkeiten wissen © iStockphoto das müssen sie über lebensmittelunverträglichkeiten wissen

Der eine fragt, ob Butter in der Sauce ist; der andere will zwar Pasta, aber ohne Weizen; der Dritte fürchtet sich vor der Sellerie. Es wird nicht mehr gegessen, was auf den Tisch kommt: "Das vertrage ich nicht", hört man immer öfter. Der Allergologe und Dermatologe Prof. Johannes Ring aus München beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Wir haben ihn gefragt: Woher kommt es, dass immer mehr Menschen betroffen sind? Wie stellt man Diagnosen und kann man die Probleme wieder loswerden?

freundin im Gespräch mit: Prof. Dr. med. Dr. Phil Johannes Ring

Unser Experte leitete rund 20 Jahre die Haut- und Allergieklinik am Biederstein der TU München. Seit drei Jahren ist er in freier Praxis tätig und widmet sich weiter der Allergie-Forschung. Nach einer Verkostung von glutenfreiem Bier mit seinen Söhnen steht für ihn eines fest: Freiwillig würde er nie auf Gluten verzichten.

freundin: Herr Prof. Ring, derzeit hat man das Gefühl, dass kaum einer mehr normal essen kann. Nehmen Unverträglichkeiten zu?

Prof. Ring: 20 Prozent der Menschen glauben derzeit, sie vertragen irgendwelche Lebensmittel nicht. Wenn man diese Leute dann aber wissenschaftlich untersucht, bleiben nur noch zwei Prozent übrig. Also sind zum einen glücklicherweise viel weniger Menschen davon betroffen, als sie das glauben. Zum anderen steigt aber die Zahl derer, die eine echte Lebensmittelallergie haben. Gerade Pollenallergiker reagieren häufiger auch auf Essen. Aber besonders stark, nämlich um das 6-fache, nehmen laut einer englischen Studie die schweren Reaktionen auf Lebensmittel zu, das nennt man Anaphylaxie.

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Wie lässt sich der Anstieg erklären?

Letztendlich weiß man es noch nicht genau. Ich philosophiere oft mit Kollegen darüber: Zwischen 1960 und 1990 haben die Allergien stark zugenommen. Warum? Unser Leben wurde in dieser Zeit deutlich steriler und die Essgewohnheiten vielfältiger. Es könnte sein, dass die vielen Fremdstoffe unseren Organismus überfordern. Dafür spricht auch eine Studie, wonach Menschen in Papua-Neuguinea kaum Allergien haben, wenn sie abgeschieden leben. Sobald sie den westlichen Lebensstil übernehmen, treten solche aber auf.

Allergien, Intoleranzen – für Laien ist die Unterscheidung schwierig. Wann leidet man denn unter welcher Form?

Wir teilen die Nahrungsmittelunverträglichkeiten in drei Gruppen ein: Von einer Allergie spricht man, wenn das Immunsystem fehlgeleitet ist und Antikörper gegen ein Lebensmittel (wie Nüsse, Soja, Sellerie) produziert. Daneben gibt es die Pseudoallergien, die wir oft bei Reaktionen auf Zusatzstoffe beobachten. Sie lösen die gleichen Symptome wie Allergien aus, also z. B. Hautausschlag oder Schwellungen im Mund, aber wir finden im Körper keine Antikörper. Als Drittes beobachtet man die Intoleranzen durch Enzymdefekte, etwa gegen Laktose. Hier lösen schon geringe Mengen einer Substanz die Beschwerden aus, die jeder bekommt, wenn er zu viel davon essen wurde. Anders als Allergien können sie sehr unangenehm sein und Magen-Darm-Probleme verursachen, aber sie sind nicht tödlich.

Ist die Hysterie ums Essen also nicht übertrieben?

Jedes Jahr sterben bei uns ein bis drei Menschen je Million Einwohner an einem Schock infolge von Lebensmittelallergien. Ein anaphylaktischer Schock ist eine Überreaktion des Immunsystems. Beim Kontakt mit dem Allergen weiten sich die Blutgefäße und der Blutdruck sackt so stark ab, dass der Kreislauf zusammenbrechen kann. Zudem können die Atemwege anschwellen, sodass man keine Luft mehr bekommt. Passiert das jemandem, sollte man den Notarzt rufen. Die häufigsten Notfälle mit Schock-Folge treten bei einer Allergie gegen Hülsenfrüchte (Erdnuss, Soja) und tierische Proteine auf. Das betrifft aber verhältnismäßig wenige Menschen. Wir befinden uns derzeit auf einem schmalen Grat zwischen Bagatellisierung und starker Dramatisierung. Es gibt wenige Leute, denen muss ich Angst machen: "Lass die Finger davon, sonst haut es dich nächstes Mal um." Vielen anderen muss ich die Angst nehmen, die kommen sonst noch vor Furcht um.

Sie meinen das sicher im übertragenen Sinn …

Nein, nicht ganz. Die Psyche spielt bei Unverträglichkeiten eine große Rolle. Viele entwickeln tatsächliche oder stärkere Symptome, allein weil sie glauben, es wäre etwas im Essen, das sie nicht vertragen. Man kann sich eine Unverträglichkeit auch einreden. Aus diesem Grund machen wir unsere Provokationstests in der Klinik, mit denen man das nachweist, immer placebokontrolliert: Eine Ökotrophologin bereitet an einem Tag einen Brei mit dem Allergen zu, am anderen einen ohne. Das ist gar nicht so einfach, denn der Brei muss genau gleich schmecken, damit der Patient nicht weiß, in welchem das Allergen enthalten ist. Es kommt dabei glücklicherweise fast immer heraus, dass die Leute viel mehr essen dürfen, als sie vorher meinen.

Kann man Unverträglichkeiten dann über die Psyche auch positiv beeinflussen?

Genau das versuchen wir bei unseren Anaphylaxie-Schulungen. Allergiker lernen dort beispielsweise nicht nur den richtigen Umgang mit der Adrenalinspritze im Falle eines Schocks, sondern auch Methoden, um ihre Angst in den Griff zu bekommen und Stress zu reduzieren. Dafür haben wir extra ausgebildete Psychologen.

Wirkt sich Stress denn auch negativ aus?

Natürlich: Wenn es mir gut geht, vertrage ich Allergene oder andere Stoffe in Lebensmitteln viel besser. Zu mir kam einmal eine Krankenschwester. Sie aß jeden Morgen das exakt gleiche Müsli, bis sie eines Tages ein Kribbeln im Mund davon bekam. Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass sie kurz vorher einen Riesenzoff mit der Oberschwester gehabt hatte. Das Gleiche ist ihr noch mal passiert, als sie morgens eine deutlich größere Runde joggen war als sonst. Auch körperliche Anstrengung, ein Infekt oder Alkohol können dazu führen, dass Unverträglichkeiten heftiger auftreten.

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Können Allergien im Umkehrschluss dann auch wieder verschwinden, wenn sich die Lebensumstände ändern?

Ja. Ich würde nie jemandem sagen, er müsse sein Leben lang z. B. auf Nüsse verzichten. Ich rate immer, die betreffenden Lebensmittel erst mal ein Jahr lang zu meiden. Danach ist es oft schon viel besser und man muss probieren, ob man eine kleine Menge wieder vertragt – aber bitte unter ärztlicher Aufsicht! Das gilt übrigens auch für Menschen mit einer Laktoseintoleranz: In unseren Breiten leiden nur sehr wenige unter der genetisch bedingten Milchzuckerunverträglichkeit, viel häufiger entsteht sie etwa infolge eines Darminfekts. Und was kommen kann, kann auch wieder gehen. Eine Ausnahme bildet hier die Zöliakie, eine schwere Autoimmunerkrankung, bei der das Gluten und die Immunreaktion die Darmschleimhaut entzündet. Bei ihr muss man konsequent auf Dauer das Gluten meiden.

Also reden sich viele eine Unverträglichkeit ein. Warum?

Viele Leute akzeptieren lieber die Diagnose einer "Allergie", als ihr Leben zu andern. Das Böse von außen ist leichter anzunehmen, als an sich selbst zu arbeiten. Die Industrie unterstützt das und bringt zahlreiche laktose- oder glutenfreie Produkte auf den Markt – sie trifft damit den Nerv der Zeit.

Viele Hollywood-Stars verkünden stolz, dass sie nur noch gluten- oder laktosefrei essen. Haben gesunde Menschen denn dadurch irgendwelche Vorteile?

Sie können sich so vielleicht interessant machen. Medizinisch hat ein freiwilliger Verzicht keine Vorteile: Andere Produkte sind nicht gesünder, sie enthalten genauso viel Fett, Kohlenhydrate oder Eiweiß.

Ohne Grund ist der Verzicht also Quatsch?

Ja, wer bestimmte Lebensmittel weglässt, kann unter Umstanden einen Mangel entwickeln. Zudem schränkt jede Diät die Lebensqualität ein, das sollte man bedenken. Wer glaubt, etwas nicht zu vertragen, sollte beim Arzt die Unverträglichkeit austesten lassen.

Wie wird das gemacht?

Bei Lebensmittelallergien wird häufig nur ein Prick-Test veranlasst, der aber interpretiert werden muss: Viele reagieren auf die aufgetragenen Allergene zwar mit Hautrötungen, aber diese zeigen noch lange nicht an, ob man das betreffende Lebensmittel wirklich nicht verträgt. Die Diagnose muss immer durch sachgerechte Anamnese oder mithilfe eines Provokationstests abgesichert werden, bei dem man unter Aufsicht isst.

Sind Intoleranzen leichter nachzuweisen?

Nicht unbedingt: Eine Laktoseintoleranz und eine Fruktosemalabsorption, bei der Fruchtzucker nur ungenügend verdaut wird, werden eindeutig durch einen Atemtest angezeigt. Um eine Zöliakie nachzuweisen, muss man eine Gewebeprobe aus dem Darm nehmen. Schwieriger wird es bei einer Histaminintoleranz, wo die Nachweistests umstritten sind. Auch der sogenannten Weizensensitivität kommt man bislang nur durch eine Diät auf die Schliche, bei der das Lebensmittel eine Zeit lang gemieden werden muss.

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Wie kann man die Unverträglichkeiten dann therapieren?

Bislang bleibt fast immer nur der Verzicht auf die Lebensmittel. Den Rest erledigt die Zeit: 30 bis 40 Prozent verlieren mit den Jahren die Allergie. Die Hyposensibilisierung, wie gegen Pollen, steht bei Nahrungsmittelallergien noch im Forschungsstadium.

Gibt es etwas, womit man Beschwerden vorbeugen kann?

Dafür hat die Industrie einiges entwickelt. Bei Allergien haben sich "Mastzellblocker" und "Antihistaminika" bewährt, die die allergische Reaktion abpuffern können. Bei einer Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption und Histaminunverträglichkeit kann man vor dem Genuss der Speisen Kapseln mit den fehlenden Enzymen nehmen, damit die Lebensmittel besser verstoffwechselt werden und keine oder weniger Beschwerden auslösen.

Und kann man etwas tun, um von Unverträglichkeiten ganz verschont zu bleiben?

Nach der Geburt gibt es ein "Window of Opportunity", in dem sich immunologisch vieles entscheidet. Während man früher riet, die häufigsten Allergene im ersten Lebensjahr zu meiden, überlegen wir gerade, ob wir den Kontakt sogar empfehlen. Einem Forscherkollegen aus England war aufgefallen, dass in London die Erdnussallergie bei Kindern ein Riesenproblem ist, während man sie in Tel Aviv kaum kennt. Warum? Dort lutschen schon die Kleinsten Lollis mit Erdnussbutter, was wohl eine Toleranz erzeugt. Mittlerweile legen Untersuchungen nahe, dass Allergene, die etwa über eine geschädigte Haut eindringen, nicht nur lokale Reaktionen verursachen. Die Haut könnte also einen Schlüsselfaktor bei der Entstehung von Allergien spielen. Das wird zurzeit genauer untersucht.

Interview: Barbara Sonnentag

Das Interview sowie viele Tipps rund um Ernährung & Co. lesen Sie in der neuen freundin, Ausgabe 9/2017, die ab dem 5. April 2017 im Zeitschriftenhandel erhältlich ist. Hier geht’s zum Abo-Shop

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