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Placebo-Effekt: Werden Scheinmedikamente immer besser?

Life Goes On-Logo Life Goes On 16.01.2018 LGO-Redaktion

Placebos sind Scheinmedikamente ohne Wirkstoff. Dennoch können sie kranken Menschen helfen. Die Forschung auf dem Gebiet läuft auf Hochtouren. Und es scheint als ob die Wirkung besser wird. Wie kann das sein?

Tablettenbox © iStock-Viperfzk Tablettenbox

Kleine weiße Pillen aus Milchzucker und Stärke, Spritzen mit einer Kochsalzlösung oder auch nur ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Arzt: Oft genügt das bereits, um Kranke gesund zu machen. Die Wirkung von Placebos, also Scheinmedikamenten ohne Wirkstoff, ist erstaunlich: Solange ein Patient nur das Gefühl hat, ihm werde ein wirksames Medikament verschrieben, setzt sich oft bereits ein Heilungsprozess in Gang. Warum solche Scheinmedikamente Kranke kurieren können, weiß man bis heute nicht genau. Umso merkwürdiger ist das, was Ergebnisse aus der klinischen Pharmaforschung vermuten lassen: Placebos wirken nicht nur – sie wirken offenbar auch immer besser.

Placebo versus Medikament

Wenn ein neues Medikament entwickelt wird, muss seine Wirksamkeit bewiesen werden. Normalerweise dient die bisherige Standardtherapie als Vergleich. Wenn es diese nicht gibt, kommen Placebos zum Einsatz. In solchen Wirksamkeitsprüfungen bekommt ein Teil der Versuchspersonen ein Medikament, ein anderer ein Placebo. Weder Arzt noch Patient wissen, ob der Patient die echte oder die Scheintablette erhält – ein sogenannter Doppelblindversuch. Auf diese Weise soll die Wirkung des neuen Produkts bewiesen werden. 

Seit einigen Jahren nun kommen beispielsweise in den USA immer seltener neue Arzneien auf den Markt. Wurden im Jahr 1996 noch 57 neuartige Produkte von der Food And Drug Administration (FDA) zugelassen, waren es 2016 nur noch 22. Und auch in Deutschland ist die Zahl rückläufig. Grund ist, dass neue Medikamente die immer aufwändigeren Tests zunehmend nicht bestehen. Oft scheitern sie auch im Vergleich gegen ein Placebo - zum Leidwesen der Pharmaindustrie.

Auch bewährte Medikamente stehen in der Kritik

Selbst Medikamente, die seit vielen Jahrzehnten erfolgreich verschrieben werden, haben immer wieder mit diesem Problem zu kämpfen. In neueren Prüfungen schwächeln manche der einstigen Erfolgsprodukte. Professor Irving Kirsch von der Psychologie-Fakultät in Hull kam 2008 zu dem Schluss, dass ein Großteil der modernen Antidepressiva in Tests oft kaum effektiver ist als schlichte weiße Zuckerpillen. Seiner Ansicht nach hätten diese Medikamente unter heutigen Auflagen Schwierigkeiten gehabt, jemals eine Zulassung zu erhalten.

Der Siegeszug wirkungsloser Pillen

Doch wie kann das sein? Viele der Medikamente wurden schließlich seit Jahrzehnten erfolgreich verschrieben. Warum schneiden sie dann in Versuchen häufig nicht besser ab als ein Scheinmedikament? Einige Forscher vermuten, dass der Placeboeffekt immer stärker wird – und die Produkte deshalb vermehrt Schwierigkeiten in den Testverfahren bekommen. Doch kann das sein? Kann sich die Wirkung von "Nichts" steigern? 

Frau nimmt Tablette © iStock-spukkato Frau nimmt Tablette

Gesund mit Scheinmedikamenten?

Placebo bedeutet "Ich werde gefallen". Die Erwartung einer positiven Wirkung verstärkt den eigentlichen Inhaltsstoff – und hat sogar dort einen Effekt, wo gar kein Wirkstoff vorhanden ist. Die Scheinmedikamente setzen bislang nicht völlig geklärte psychologische und biologische Prozesse in Gang, die offenbar die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren. Das Interessante: Eine schlichte Pille, ohne Kommentar verabreicht, hat zunächst kaum einen Effekt. Stimmen jedoch Farbe und Form mit einem bekannten Medikament überein, nimmt sich der Arzt Zeit für den Patienten, spricht der Mediziner fachmännisch über die positive Wirkung und wird viel Wirbel um die Behandlung gemacht, steigt ihre Wirkung deutlich an.

Das Gute daran ist nicht das Gute darin

Warum das so ist und welche Prozesse nach der Gabe von Scheinmedikamenten im Körper genau stattfinden, ist Wissenschaftlern bis heute ein Rätsel. Man vermutet, dass Endorphine ausgeschüttet werden. Welche das jedoch genau sind und wo sie im Körper wirken, ist unklar. Vermutlich sind sogar mehrere Komponenten an der Wirkung im Körper beteiligt. Am besten untersucht ist die Wirkung von Placebos bei Schmerzen. Auch sie wirken umso besser, je aufwendiger die Behandlung ist. Der schmerzlindernde Effekt von Placebos läuft über körpereigene morphiumähnliche Substanzen, die endogenen Opiate, ab. Der Körper schüttet sie aus, um den Schmerz zu unterdrücken. Erwartet der Patient den positiven Effekt einer Behandlung, aktiviert sein Körper sein eigenes System zur Unterstützung.

Suizidversuch mit Zuckerpillen

Seit vielen Jahren richten Wissenschaftler ihr Augenmerk verstärkt auf die Macht der Placebos. Und die Ergebnisse ihrer Studien sind erstaunlich: Der Placeboeffekt stellt sich als weitaus stärker dar als bislang angenommen. Einer der bekanntesten Placeboforscher Deutschlands Professor Dr. Paul Enck vom Universitätsklinikum Tübingen zum Beispiel konnte nachweisen, dass wir uns bereits beschwipst fühlen, wenn wir nur glauben, Alkohol zu trinken. Kaum erfuhren seine Versuchspersonen, dass sie gar keinen Alkohol zu sich genommen hatten, verflog ihr Rauschzustand. In den USA wiederum schluckte 2007 ein Student, der sich umbringen wollte, aus Versehen Placebopillen. Trotzdem sackte sein Blutdruck dramatisch ab, er wurde in eine Klinik eingeliefert. Als die Ärzte ihm mitteilten, dass er lediglich weiße Zuckerpillen geschluckt hatte, fühlte er sich schlagartig besser.

Placebos auf dem Vormarsch

Aber kann es sein, dass die Wirkung von Placebos im Laufe der Zeit immer besser wird? "Fest steht, dass der Placeboeffekt lange Zeit unterschätzt wurde", sagt Professor Enck, "und tatsächlich zeigen einige aktuelle Studien höhere Placeboeffekte als früher. "In seinen Augen sind die Testverfahren dafür verantwortlich, die heute wesentlich aufwändiger gestaltet werden als früher. "Es gibt immer mehr Fragebögen, Besprechungen, die Patienten führen Tagebücher - das treibt natürlich den Placeboeffekt in die Höhe.“ Unter diesen Bedingungen würden sie viele Mittel, die längst auf dem Markt sind, heute nicht mehr testen wollen. Der Placeboeffekt ist teils so hoch, dass es für neue Medikamente schwer ist, sich signifikant davon abzuheben. "Ich kenne eine Reihe von Fällen, in denen die Wirkung des Medikaments letztlich gerade mal zehn Prozent über der Wirkung des Placebos lag", berichtet Enck.

Arzt verabreicht Tabletten © iStock-psphotograph Arzt verabreicht Tabletten

Effekte sind schwer zu differenzieren

Klinische Studien werden deshalb immer schwerer zu interpretieren. "Früher ging man davon aus, dass die Wirkung eines Medikaments die Differenz aus dem gemessenen Effekt und dem Placeboeffekt ist", sagt Professor Enck. Doch heute weiß man, dass sich das nicht so einfach trennen lässt. Professor Dr. Fabrizio Benedetti von der Universitätsklinik Turin beispielsweise, seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Placeboforschung tätig, hat ermittelt, dass die heilende Wirkung von Schmerzmitteln oder Antidepressiva überhaupt nur zu 25 Prozent auf den eigentlichen Wirkstoff zurückzuführen sind - darüber hinaus aber zu 50 Prozent auf den Placeboeffekt.

Der Ruf eilt ihnen voraus

Dass Patienten Pillen aller Art so positiv gegenüberstehen, liege auch am offensiven Marketing der Pharmaunternehmen, glaubt der amerikanische Autor Steve Silberman. Patienten verbänden einen Markennamen mit einer positiven Wirkung – die sich auch dann einstelle, wenn das Produkt gar keinen Wirkstoff enthalte. In Studien schnitt ein Placebo, das als Markenprodukt angepriesen wurde, tatsächlich besser ab als ein anderes Placebo, das als No-Name-Mittel ausgegeben wurde. 

Kein Wunder also, dass Pharmafirmen Milliardenbeträge in Werbung stecken, meist sogar mehr als in die eigentliche Forschung. Der Erfolg scheint ihnen Recht zu geben: Die Ausgaben für Medikamente steigen in Deutschland jedes Jahr um mehrere Prozent. Laut der AOK betrugen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen für Arzneimittel 2016 über 38 Milliarden Euro, immerhin 3,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein Grund dafür sind vermutlich die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und zahlreiche Kampagnen in den Medien. Patienten haben heute aber auch selbst mehr Möglichkeiten, ihre Lieblingstabletten weiterzuempfehlen. In Internetforen beispielsweise können sie sich über die positive Wirkung bestimmter Medikamente austauschen und sich gegenseitig beraten.

Placebos: Eine bittere Pille für die Pharmadindustrie

Doch gibt es Möglichkeiten, wie sich der Placeboeffekt besser von der eigentlichen Medikamentenwirkung trennen lässt? Dazu müssten die klinischen Tests optimiert werden, doch das ist keine leichte Aufgabe. Zwar können Wissenschaftler unter Laborbedingungen viele Varianten ausprobieren, doch die für eine Zulassung relevanten Tests finden im klinischen Alltag statt und unterliegen strengen Auflagen. Dazu zählt beispielsweise, dass die Patienten über alle Risiken, Nebenwirkungen und möglichen Effekte aufgeklärt werden - was von vornherein den Placeboeffekt erhöht. "Uns sind die Hände gebunden", sagt Professor Enck, "denn es gibt kaum Alternativen."

Kann man klinische Studien optimieren?

Sein Kollege Fabrizio Benedetti vom Universitätsklinikum Turin versucht die Studien zu verbessern. Hierzu experimentierte er mit versteckter Medikamentengabe. Dabei wussten seine Versuchspersonen weder, ob sie überhaupt ein Medikament erhalten haben, noch zu welchem Zeitpunkt. Eine andere Möglichkeit besteht in einem so genannten "Random-In, Random-Out"-Verfahren. Dabei durchläuft jeder Proband verschiedene Phasen, bei denen er nicht weiß, ob er gerade ein Medikament oder ein Placebo erhält. Auch moderne neurowissenschaftliche Verfahren helfen wahrscheinlich nicht weiter: Denn oft laufen dieselben biochemischen Prozesse im Körper ab, egal ob ein echtes oder ein Scheinmedikament geschluckt wurde.

Wirkt nicht, gibt's nicht...

Medikamentenherstellern und Pharmafirmen bleibt also zunächst nur, abzuwarten - und auf neue Ergebnisse auf dem Gebiet der Placeboforschung zu hoffen. Denn solange die geheimnisvollen Effekte der Scheinmedikamente nicht entschlüsselt sind, sind auch bessere Testverfahren nur schwer möglich.

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