Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Psychologe: "Es geht nicht bloß darum, sich der Angst zu stellen"

derStandard-Logo derStandard 17.09.2021 Lisa Breit

Ängste sind bedrohlich und schränken uns ein. Wie können wir uns davon lösen? Ein Psychologe und eine Biologin haben ein Buch für Kinder und Eltern geschrieben

© Foto: Getty Images

"Du schaffst das schon!" sei nicht der beste Satz, um jemandem seine Angst zu nehmen, sagen Ulrike Légé und Fabian Grolimund. Die Biologin und der Psychologe haben gemeinsam ein Buch geschrieben, das kürzlich im Hogrefe-Verlag erschienen ist. Es heißt "Huch, die Angst ist da!" und richtet sich an Kinder und ihre Eltern. Im Interview erklären Légé und Grolimund, wie Ängste entstehen und was sie so gefährlich macht. Sie beschreiben, welche wichtige Botschaft ängstliche Eltern ihren Kindern mitgeben können, was bei Trennungsangst und bei der Angst vor Monstern gilt und wann Angst zu einer ernstzunehmenden Krankheit wird. Ihnen ist wichtig zu sagen, dass auch Erwachsene sich mit den eigenen Ängsten auseinandersetzen sollten. Sie seien ein gut zu behandelndes Problem, so die positive Nachricht der Buchautoren.

Ein Gespräch über eines der bedrohlichsten Gefühle – und darüber, wie frei es macht, sich mit ihm auszusöhnen.

STANDARD: Ihr Buch richtet sich an Kinder und ihre Eltern. Wie unterscheiden sich die Ängste von Kindern und Erwachsenen?

Grolimund: Sie unterscheiden sich inhaltlich. Kinder haben Ängste, die Erwachsene meist überwunden haben, zum Beispiel vor dem Dunkeln oder vor Monstern. Was interessant ist: Es braucht eine gewisse kognitive Reife für die Angst. Als mein Sohn eineinhalb war, konnte ich einfach das Licht ausmachen und es war okay für ihn. Irgendwann kam dann das Alter, wo er sich vorstellen konnte, dass da im Dunkeln etwas Gefährliches lauert – und damit die Angst vor der Dunkelheit. Später hat er verstanden, dass da nichts Gefährliches ist und es keine Gespenster gibt. Bei Erwachsenen sieht man häufiger Sorgen – zum Beispiel um die Kinder und deren Zukunft, die Angst, dass einem selbst etwas zustoßen oder man krank werden könnte und man dann nicht mehr für seine Familie da sein könnte.

Légé: Es gibt noch einen Unterschied: Ein Kind kann einer Angstsituation nicht einfach entkommen so wie wir. Es hat dann ein ganz starkes Bedürfnis nach Nähe, und wir als Eltern sollten dem nachkommen.

STANDARD: Wie Sie schreiben, ist Angst aber nicht nur schlecht. Sie schützt uns und unsere Kinder auch. Können Sie das nochmals erläutern?

Légé: Angst ist ein Gefühl, das uns durch die gesamte Menschheitsgeschichte begleitet hat. Es wird dadurch ausgelöst, dass unsere Sinnesorgane immer wieder unsere Umgebung scannen. Ist da etwas Bedrohliches, wird eine ganze Kaskade an körperlichen Reaktionen ausgelöst. Wir sind wachsamer, nähern uns in kleineren Schritten. Das ist natürlich die optimale Reaktion in einer potenziell gefährlichen Situation. Egal, ob es wie früher der Säbelzahntiger ist oder wie heute die vierspurige Hauptstraße – die Angst lässt uns vorsichtig werden.

Durch die Evolution lässt sich auch die Angst vor der Dunkelheit erklären. Früher waren die Menschen in der Nacht am stärksten bedroht, denn da waren die ganz großen Beutegreifer unterwegs. Wer sich aus der Höhle gewagt hat, hatte wenig Überlebenschancen. Heute leben wir nicht mehr in Höhlen und haben keine Säbelzahntiger mehr um uns herum, aber die Angst ist geblieben. So ist es auch zu verstehen, dass Kinder sich nachts immer wieder vergewissern wollen, dass da jemand ist, der sie im Zweifelsfall schützen kann. Die technischen Lösungen wie das Babyphone beruhigen die Eltern, nicht das Kind. Dieses braucht die Nähe von Erwachsenen für dieses Sicherheitsgefühl.

STANDARD: Einen guten Teil Ihres Buches widmen Sie neurowissenschaftlichen Erklärungen. Warum ist es denn so wichtig zu begreifen, wie Angst entsteht?

Grolimund: Weil es dabei hilft, damit umzugehen. Es gibt Ängste, die direkt über die Amygdala ausgelöst werden, wie zum Beispiel die Angst vor Hunden. Andere laufen zuerst über den Kortex, zum Beispiel die Angst, eine wichtige Prüfung nicht zu schaffen.

STANDARD: Erstere sind situationsbezogen, zweitere entstehen durch unser Denken. Wir empfinden eine Situation als bedrohlich oder machen uns Sorgen über etwas. Was bedeutet das für die Art und Weise, wie man den Ängsten begegnet?

Légé: Amygdala-basierte Ängste bringen unseren Körper sofort in den Überlebensmodus: kämpfen, fliehen oder erstarren. Es sind jene Ängste, die uns plakativ gesagt "so richtig reinfahren". Ein Kind geht über die Straße, und plötzlich stürmt ein nicht angeleinter Hund aus einem Garten. Diese Situation schreibt sich in der Amygdala fest. Und mit der Amygdala kann man nicht argumentieren und ihr sagen: "Aber schau, das war doch nur der eine Hund! Die anderen sind ganz lieb!" Wenn ein Kind solche Ängste erlebt, sollte man ihm neue, positive Erfahrungen ermöglichen, damit diese schlechte Erfahrung überschrieben wird.

STANDARD: Und die Devise dabei ist: in kleinen Schritten?

Légé: Am besten lässt man das Kind selbst bestimmen, was der erste dieser kleinen Schritte sein soll. Vielleicht, den süßen kleinen Welpen des Nachbarn einfach mal aus sicherer Entfernung anzuschauen? Morgen wird es sich vielleicht schon trauen, näher zu kommen, wenn der Nachbar den Hund gut festhält. Vergessen wird man die Angst wahrscheinlich nie ganz. Aber man kann lernen, dass es auch ganz schön sein kann mit einem Hund.

Grolimund: Es geht also nicht bloß darum, sich der Angst zu stellen. Vor zwei Wochen im Streichelzoo habe ich eine schreckliche Situation miterlebt: Da hat sich ein Mädchen hinter seiner Mutter versteckt, weil es Angst vor einer Ziege hatte. Irgendwann hat es dem Vater gereicht, er hat seine Tochter an der Hand genommen und sie zur Ziege geschliffen. Das Mädchen hat geschrien.

Wichtig ist nicht nur, irgendeine Erfahrung zu machen – es sollte eine positive sein. Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Mädchen auf den Arm zu nehmen, ihm die Ziegen zu zeigen und zu erklären, wie sie reagieren, wenn man ihnen näher kommt. Es muss spüren: Meine Eltern unterstützen mich in dieser Situation. Sie trauen mir etwas zu, aber sie sind auch da für mich. Wenn sie das Kind einfach hinziehen, werden sie zu einer zusätzlichen Bedrohung.

STANDARD: Was gilt denn für die anderen Ängste? Die Prüfungsangst, die Zweifel, die Sorgen?

Grolimund: Sinnvoll ist, sie zu benennen und zum Beispiel zu sagen: "Das macht dir jetzt Angst, oder?" Manche Eltern haben das Gefühl, dass sie die Situation damit schlimmer machen, aber das stimmt nicht. Denn indem man ein Gefühl benennt, entsteht eine Distanz dazu, und das reduziert den Stress. Ist das gelungen, kann man den Ursachen auf den Grund gehen und fragen: "Was genau macht dir Angst?" So findet man vielleicht heraus, dass das Kind Angst hat, uns Eltern mit einer schlechten Note zu enttäuschen. Es gilt dann, ihm glaubhaft zu versichern, dass man gelassen damit umgehen würde. Und es lieb hat, egal welche Note es schreibt. Auch keine gute Reaktion wäre "Ich weiß, dass du das schaffst!" Das Kind könnte dann das Gefühl haben, dass seine Eltern gar nicht in Erwägung ziehen, dass es auch nicht gutgehen könnte.

STANDARD: Die Forschung zeigt: Das Verhalten der Eltern bedingt auch die Ängste der Kinder. Sind sie selbst ängstlich, übervorsichtig, wird es das Kind auch.

Légé: Ängstlichkeit wird in Familien oft über Generationen weitergegeben. Deshalb ist es sinnvoll, dass sich Eltern mit ihren eigenen Ängsten auseinandersetzen, sich fragen: Welche Dinge machen mir eigentlich Angst? Welche Botschaften habe ich selbst mitbekommen? Und wie habe ich gelernt, damit umzugehen? Es ist nicht schlimm, wenn Eltern ängstlich sind, sofern sie Strategien haben, selbstbewusst damit umzugehen.

Grolimund: Wenn ein Kind ängstliche Eltern hat, die sich von der Angst aber nicht dominieren lassen, kann es davon sogar sehr viel lernen. Verwirrend für Kinder sind jedoch Doppelbotschaften: Die Eltern sagen ihm, dass schon alles gutgehen wird, wirken aber selbst nervös. Sie senden verbal andere Signale als nonverbal. In so einem Fall wäre es wichtig, dass sie über ihre eigenen Ängste nachdenken – und wie sie damit umgehen. Damit sie auch dem Kind gegenüber klarer kommunizieren können.

Légé: Wir hatten eine ganz interessante Reaktion auf unser Buch. Eine Mutter schrieb, dass ihre Tochter Angst vor den Bienen auf dem Schulweg hat. Ich fragte, ob sie das denn von sich selbst kenne. Sie gab zu, dass alles, was krabbelt, ihr scheußliche Angst mache. Ich habe sie ermutigt, sich ihren Ängsten gemeinsam zu nähern. Mutter und Tochter begaben sich daraufhin eine Reise, die ich absolut toll finde. Sie haben sich im ersten Schritt Dokus über Insekten angeschaut, sind dann in ein Schmetterlingshaus gegangen, haben schließlich einen Besuch beim Imker gemacht. Nun sagen sie: Wir sind nach wie vor nicht die großen Insekten-Fans, aber finden, dass das interessante Tiere sind, und der Honig beim Imker war lecker. Wir haben uns mit mit unserer Angst ausgesöhnt.

STANDARD: Es ist auch sehr stark von der Mutter, sich ihre Angst einzugestehen! Viele Eltern meinen ja, sie müssen unfehlbar sein.

Grolimund: Aber man ist ja nicht Vorbild, indem man zeigt: Ich habe keine Schwächen, sondern indem man zeigt: Ich habe Schwächen, aber ich setze mich damit auseinander. Es ist auch eine wunderbare Erziehungsbotschaft: Für dich bin ich bereit, mich mit meinen Schwächen auseinanderzusetzen!

STANDARD: Wie verändern sich denn Ängste im Laufe der Kindheit?

Légé: Säuglinge reagieren vor allem auf laute Geräusche und fürchten sich, wenn sie alleine gelassen werden. Wer sich um sie kümmert, ist ihnen dabei relativ gleichgültig. Mit ungefähr sechs bis acht Monaten beginnen Babys zu "fremdeln". Sie haben plötzlich Angst, wenn sie mit einer Person alleine gelassen werden, die ihnen nicht vertraut ist. Im Kleinkindalter kommt dann die Angst vor dem Dunkeln, von der wir schon gesprochen haben, und die vor Monstern. Volksschulkinder machen sich Sorgen, nicht gut genug zu sein, etwas nicht zu können oder den Anschluss nicht zu finden. Oder um Krankheit und Tod.

STANDARD: Wann kommt die sogenannte Trennungsangst?

Grolimund: Klassischerweise bei Kindergartenkindern. Deshalb ist wichtig, dass man sich für die Eingewöhnung viel Zeit nimmt und das Kind anfangs nur kurz dort lässt. Was hilft, ist, wenn die Eltern signalisieren: Wir sind uns sicher, dass du in guten Händen bist! Gelingen kann das, indem sie mit der Erzieherin sprechen und eine Verbindung aufbauen.

Trennungsängste können aber auch später auftauchen. Das Kind fürchtet, dass den Eltern etwas passiert, während sie nicht da sind, und will zum Beispiel nicht in die Schule gehen. Viele Eltern glauben dann fälschlicherweise, dass es Angst vor der Schule hat. Häufig gibt es auch einen Auslöser, das Haustier oder die Großeltern sind gestorben. Kinder mit Trennungsangst reagieren oft wie viel jüngere Kinder – sie sind besonders verletzlich, haben einen hohen Kuschelbedarf. Dem darf und soll man als Eltern ruhig nachkommen, das schafft Sicherheit.

Légé: Auch bei der Trennungsangst ist es möglich, die Methode der kleinen Schritte anzuwenden. Ein Fall, wo das sehr gut gelungen ist, war in der Klasse meiner Tochter. Ein Mädchen hatte Angst, mit der Klasse wegzufahren. Der Lehrer reagierte ganz wunderbar. Er sagte ihr, dass sie mit einer Übernachtung anfangen und er auch die Eltern anrufen könne, falls sie nach Hause will. Er baute für das Kind ein Sicherheitsnetz auf – und es ging ausgesprochen gut. Vor der Schullandwoche diskutierte der Lehrer das Thema Heimweh dann ganz offen mit allen. Er sagte, dass auch er sich in ungewohnten Situationen nicht wohlfühle und sich, wenn er weg von zu Hause ist, nach seinem eigenen Bett sehne. Das Mädchen fuhr mit – mit einer Klassenkameradin an der Seite, die ihr vertraut war –, und sie kam mit einem Erfolgserlebnis nach Hause. Sie hat sich das in kleinen Schritten aufgebaut, wurde aber gleichzeitig nie zu weit aus ihrer Komfortzone gerissen.

Grolimund: Oft weichen Kinder diesen Situationen einfach aus und sagen, dass sie krank sind. Die Eltern meinen dann, sie würden "simulieren". Das finde ich einen scheußlichen Begriff! Denn entweder ist das Kind wirklich krank – oder es hat Bauch oder Kopfweh, weil es Angst hat. Das ist aber kein Simulieren! Auch hier gilt wieder, die Angst anzuerkennen, aber das Kind zu bestärken. Etwa so: "Ich weiß, wie viel Mut es jetzt braucht, in die Schule zu gehen!"

Légé: Als Eltern sollten wir auch immer im Kopf behalten, dass sich Kinder ja nicht freiwillig fürchten. Auch sie wollen die Angst überwinden. Die Angst ist ein viel zu unangenehmes Gefühl, um es sich darin gemütlich zu machen. Indem man es gemeinsam angeht, wird die Bindung gestärkt. So wie bei Mutter und Tochter, die sich gemeinsam ihrer Angst vor Insekten stellten. Das Kind merkt dann: Ich muss das nicht alleine schaffen.

STANDARD: Was sagt man einem Kind, das Angst vor Monstern hat?

Grolimund: Man kann ein Stück mitgehen mit den Fantasien. Mein Sohn hatte früher Angst vor Einbrechern. Wir haben darüber gesprochen, wie wir im Fall der Fälle vorgehen würden. Er hat sich dann das Holzschwert nebens Bett gelegt, wir haben ausgemacht, dass er mich rufen würde und wir würden die Räuber dingfest machen.

Jedenfalls sollte man die Angst ernst nehmen. Für das Kind ist das eine reale Gefahr, und es bringt nichts, wenn man einfach sagt: "Monster gibt es nicht!" Sich in diese irrationalen Ängste hineinzuversetzen ist gar nicht so schwer. Auch als Erwachsener muss man nur abends einmal alleine in den Wald gehen und hat plötzlich wieder Angst vor Tieren. Man weiß, dass es keine Bären gibt, aber fürchtet sich trotzdem, wenn es knackst.

STANDARD: Bei circa zehn Prozent der Kinder wird Angst zu einem ausgewachsenen Problem. Was sind Anzeichen für eine Angststörung?

Grolimund: Wenn die Angst immer größer wird, das Leben dominiert und der Leidensdruck zunimmt. Spätestens dann ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen. Die gute Nachricht: Ängste sind ein Problem, das man gut behandeln kann. Es gibt Übungen, die Halt und Sicherheit geben. Ich würde empfehlen, möglichst früh etwas zu unternehmen. Angst ist ein sehr unangenehmes Gefühl, und wenn man in diesem Gefühl jeden Tag viel Zeit verbringen muss, ist das schlimm. Außerdem: Wenn ein Kind durch seine Angst eingeschränkt wird, kann es viele Entwicklungsschritte nicht machen.

Légé: Es passiert schnell, dass wir als Eltern dem Kind etwas abnehmen, um es kurzfristig zu entlasten. Wenn es etwa Angst hat, selbst im Restaurant zu bestellen, übernehmen wir das. Ab einem gewissen Alter sollte ein Kind aber schon selbst sagen können, was es haben möchte. Mit fortschreitender Entwicklung ist es auch zu viel, wenn Eltern die anderen Kinder jedes Mal am Spielplatz fragen müssen: "Darf mein Sohn mitspielen?" Das Kind bleibt so längerfristig gefangen in einer Rolle, die man wirklich nicht für sein Kind möchte.

STANDARD: Was passiert, wenn die Angst nicht behandelt wird? Bleibt sie einem erhalten?

Grolimund: Leider. Ich hatte in meinen Seminaren schon einige Studierende mit massiven Redeängsten, Prüfungsängsten oder Leistungsängsten. Aber auch im Erwachsenenalter sind Ängste kein Schicksal und können verändert werden. Man muss nur einmal beschließen, sich aktiv damit auseinanderzusetzen.

STANDARD: Und das kann sehr befreiend sein, oder? Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke sagte einmal diese sehr einprägsamen Sätze: "Ich hätte mit 16 gern gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist und dass man sie nicht füttern darf, indem man ihr nachgibt. Ich hätte gern gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet."

Grolimund: Oft ist es so, dass die Angst das Ich immer mehr zudeckt. Es fällt dann immer schwerer, das zu machen, was man möchte. Man macht das, was die Angst von einem verlangt. Es geht deshalb nicht darum, eine Angst zu überwinden, nur um der Angst willen. Sondern um seiner selbst willen. Es geht darum zu fragen: Was sind meine Bedürfnisse? Was würde ich machen, wenn die Angst nicht da wäre? Diesen Freiraum kann man sich zurückerobern.

Légé: Dazu gehört auch, sich die eigenen Ausweichmechanismen bewusst zu machen. Angst ist evolutionär eben so gestaltet, dass wir flüchten wollen. In manchen Situationen kann das hilfreich und schützend sein – in anderen schränke ich mich damit immer mehr selbst ein. Schaffe ich es, mir darüber klar zu werden, gelingt es mir vielleicht, Dinge trotz meiner Angst zu tun. Ja, trotz und mit meiner Angst, denn sie geht ja nicht weg. Aber ich lasse nicht zu, dass sie mich um wertvolle Erfahrungen bringt.

Grolimund: Das ist ein wichtiger Punkt: Ziel sollte es nicht sein, die Angst loszuwerden, sondern, wieder handlungsfähig zu werden. Dazu gehört auch, sich selbst gut zuzureden: "Ich habe Angst, mein Herz klopft, und ich werde jetzt diesen Vortrag halten. Es ist mir ein bisschen mulmig, trotzdem kann ich auf diesen Hund zugehen. Ich bin nervös, aber ich schaue einmal, wie das wird." Analog dazu funktioniert es auch nicht, Kindern die Angst zu nehmen. Besser ist, darüber zu reden, sie anzunehmen.

Vor kurzem war ich mit meinen Kindern im Vergnügungspark. Am Riesenrad meinte mein achtjähriger Sohn, dass er schon ein bisschen Angst habe. Ich sagte, dass auch ich Angst habe. Darauf erwiderte meine sechsjährige Tochter: "Papa, du musst die Angst willkommen heißen, dann geht das schon." (lacht) Sie hat also mitgenommen: Die Angst darf im Riesenrad mitfahren – wir können trotzdem Spaß haben! (Interview: Lisa Breit, 17.9.2021)

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von derStandard

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon