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Tödlicher Keim aus der Radiologie

WELT-Logo WELT 16.05.2019 Norbert Lossau
Computeranimation des Bakteriums Pseudomonas aeruginosa © Getty Images/Science Photo Library Computeranimation des Bakteriums Pseudomonas aeruginosa

In einer Kölner Radiologiegroßpraxis haben sich in diesem Frühjahr in einem Zeitraum von zweieinhalb Wochen 28 Menschen mit einem Krankenhauskeim angesteckt.

Mehrere der Betroffenen sollen in der Folge an einer Hirnhautentzündung erkrankt sein. Ein ebenfalls infizierter 84-Jähriger sei nach Komplikationen und einer Operation gestorben, berichtete jetzt der „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Bei den Betroffenen waren Schmerzmittel und Entzündungshemmer via Nadeln an die Wirbelsäule injiziert worden, etwa zur Behandlung von Bandscheibenvorfällen. Dieser Eingriff wurde radiologisch per Computertomografie kontrolliert, damit keine Nerven verletzt werden.

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Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Sie wurde von der Praxis selber eingeschaltet. Es soll untersucht werden, ob der Tod des 84-jährigen Rentners auf eine Infektion mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa zurückzuführen sei, erklärt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Geklärt werden soll auch, ob die anderen, ebenfalls erkrankten Patienten mit diesem Erreger infiziert wurden.

Pseudomonas aeruginosa ist ein häufiger Krankenhauskeim. Er kann Lungenentzündungen, Harnwegs- und Wundinfektionen bis hin zu einer Sepsis verursachen. Gegen eine Reihe von Antibiotika ist dieses Bakterium resistent. Deshalb sind Infektionen mit diesem Erreger oft schwer behandelbar.

„Wie viele andere Bakterien kann Pseudomonas aeruginosa Infektionen verursachen, wenn er in Regionen des Körpers – Gewebe, Blut, Liquor – gelangt, die normalerweise bakterienfrei sind“, erklärte Sören Gatermann, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für gramnegative Krankenhauserreger an der Universität Bochum, „je nach Ort und Menge der eingebrachten Bakterien kann es dann unterschiedlich lange dauern, bis Krankheitszeichen auftreten.“

Im konkreten Fall, so berichtet Oberstaatsanwalt Bremer, habe sich der 84-Jährige Anfang 2019 wegen Rückenproblemen behandeln lassen. Nachdem er eine Spritze erhalten hatte, sei es wiederholt zu Komplikationen gekommen. Nach einer Operation starb er Mitte April an Multiorganversagen. Die Ermittlungen zu dem Fall stünden derzeit noch am Anfang, so Bremer. Der ärztliche Geschäftsführer der betroffenen Radiologiepraxis verwies auf die laufenden Ermittlungen und wollte sich nicht zu dem Fall äußern.

„Treten Infektionen mit dem Erreger in einer Arztpraxis wie berichtet auf, ist man geneigt, Hygienefehler bei dem durchgeführten Eingriff zu vermuten“, sagt Gatermann. Auch der Leiter der Infektiologie an der Kölner Universitätsklinik, Professor Gerd Fätkenheuer, interpretiert die Dinge ganz ähnlich: „Die Umstände und der Umfang des Ausbruches sprechen dafür, dass in der betroffenen Praxis ein Hygieneproblem im Rahmen der angewendeten medizinischen Maßnahme aufgetreten ist. Worin dieses Problem genau bestand, ist bisher nicht bekannt.“ Die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene bezeichnet die Vorkommnisse als „schwersten Ausbruch mit diesem Erreger in einer ambulanten medizinischen Einrichtung überhaupt.“

„Die Infektion mit dem Bakterium Pseudomonas aeruginosa ist grundsätzlich eine ernste Erkrankung“, sagt Fätkenheuer, „für die Behandlung sind eine frühzeitige Diagnose und der Einsatz effektiver Antibiotika von großer Bedeutung.“

Der Erreger kommt aus der Wasserleitung

„Pseudomonas aeruginosa kommt in vielen Quellen von Wasser, auch im häuslichen Trinkwasser vor“, erläutert Gatermann, „normalerweise verursacht er keinerlei Infektionen, wenn nicht besondere Umstände vorliegen. Solche besonderen Umstände sind typisch bei Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen gegeben, weswegen Infektionen dort auch häufiger sind.“

Was jetzt in der Kölner Radiologiepraxis beobachtet wurde, ist ein „Ausbruchsgeschehen, das leider immer wieder in Europa beschrieben wird“, weiß Professor Alexander Friedrich, Direktor des Lehrstuhls Medizinische Mikrobiologie und Infektionsprävention an der Universität Groningen in den Niederlanden.

„Meist betrifft es einen einzelnen Patienten, in den meisten publizierten Fällen weniger als zehn Patienten, selten aber auch mehr. Eigentlich macht es keinen Unterschied, ob eine ambulante oder stationäre Einrichtung betroffen ist. Ein Patient muss davon ausgehen können, dass er vor einem solchen Risiko durch bekannte Hygienemaßnahmen und Qualitätssicherungsmaßnahmen geschützt wird.“ Doch leider scheint das nicht immer zu funktionieren.

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