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Unser Schmerzgedächtnis

SZ.de-Logo SZ.de 13.01.2019 Von Werner Bartens
Schmerzexperte Marcus Schiltenwolf: © imago/Panthermedia Schmerzexperte Marcus Schiltenwolf:

Frauen und Männer erleben Schmerz unterschiedlich. Kurzfristig sind Männer intensiver beeinträchtigt, langfristig trifft es Frauen stärker. Eine entscheidende Rolle aber spielen die Erwartungshaltung - und der Ort.

Der Spielraum für Interpretationen ist jetzt natürlich groß. Je nach Vorurteil und Geschlechtszugehörigkeit lassen sich die neuesten Erkenntnisse der Schmerzforschung schließlich entweder so lesen, dass Männer nun mal ewige Memmen sind - oder dass sie die empfindlichere Hälfte der Menschheit ausmachen. Eindeutig sind die Befunde allemal, die Psychologen aus Kanada im Fachmagazin Current Biology ausbreiten: Männer haben demnach - zumindest kurzfristig - ein besseres Schmerzgedächtnis. Werden sie im Abstand von wenigen Tagen in einer ähnlichen Situation erneut mit Schmerzen konfrontiert, ist ihre subjektiv empfundene Pein deutlich größer als die der Frauen. Für männliche Mäuse gilt übrigens der gleiche Befund.

Forscher um Jeffrey Mogil von der McGill Universität in Montreal hatten zunächst an Nagetieren untersucht, wie schnell diese sich bei leichten Schmerzen davonmachen und wie ihre Stressreaktion dann ausfällt. Die Ergebnisse zeigten so deutlich, dass männliche Mäuse bei einer wiederholten Exposition empfindlicher und ängstlicher reagierten als weibliche, dass die Wissenschaftler die Versuchsanordnung unbedingt auch auf Menschen ausdehnen wollten.

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Hier ergab sich ein ganz ähnliches Bild. Dazu ließen sich Freiwillige im Alter zwischen 18 und 40 Jahren Hitzereize am Unterarm setzen, deren Temperatur kontinuierlich von 32 Grad an gesteigert wurde, bis sie den Versuch abbrachen, was jederzeit möglich war. Etwas später sollten die Probanden mehrmals kräftig die Faust ballen, was recht schmerzhaft war, weil zuvor die Blutzufuhr in den Armen mit einer Manschette gedrosselt worden war. Entscheidend war allerdings der darauffolgende Tag. Die Probanden ahnten ja bereits, was auf sie zukommen würde, denn erneut sollten sie nun am Unterarm mit Hitzereizen traktiert werden.

Wenn ihnen der selbe Versuchsleiter im selben Raum die Torturen zufügte, war das subjektive Schmerzempfinden bei Männern diesmal deutlich größer als beim ersten Mal. Auch ihre Stressreaktion fiel stärker aus. Bei Frauen war dieser Effekt hingegen nicht zu beobachten; im Gegenteil. Sie bewerteten die Schmerzen beim zweiten Mal sogar als etwas geringer, schienen sich also daran gewöhnt zu haben.

Tipp für den Zahnarztbesuch: Nicht mit Schmerzen rechnen, sonst tut es stärker weh

"Uns haben die Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung zwischen Männern und Frauen umgehauen", sagt Psychologe Mogil. "Besonders als wir sahen, dass sich die Beobachtungen bei Mäusen auch bei Menschen bestätigt haben." Interessanterweise ist das Schmerzgedächtnis offenbar stark abhängig vom Kontext. Wurde den Männern nämlich von einem anderen Versuchsleiter in einem anderen Gebäude das zweite Mal Schmerz zugefügt, empfanden sie diesen keineswegs als schlimmer. Für die Frauen machte es keinen Unterschied, ob ihnen die Umgebung vertraut oder fremd vorkam. Auch hier zeigte sich, dass männliche Mäuse ähnliche Überempfindlichkeiten wie Männer zeigten - und weibliche Mäuse genauso unbeeindruckt wie die Frauen reagierten.

"Dass die Männer stärker reagiert haben, ist besonders überraschend", sagt Loren Martin von der Universität Toronto, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Schließlich ist es seit längerem in der Forschung bekannt, dass Frauen empfindlicher gegenüber Schmerzen sind als Männer und davon auch stärker beeinträchtigt werden." Unter Schmerzpatienten finden sich ebenfalls mehr Frauen als Männer.

Dass die Erwartungshaltung das Ausmaß von Schmerzen moduliert, ist unter Schmerzforschern schon länger bekannt. Auch Angst, Ausgrenzung und niedergeschlagene Stimmung lassen das Empfinden für körperliche Beschwerden steigen. Zudem prägt die Umgebung, wie der Schmerz erlebt wird. Wer an Orte im Elternhaus, in der Nachbarschaft, eine bestimmte Ecke in der Schule oder eine Klinik zurückkehrt, die mit schmerzhaften Erlebnissen verbunden ist, wird sich schnell wieder unwohl fühlen - und kann mit höherer Schmerzempfindlichkeit rechnen.

"Wir hatten gute Gründe, damit zu rechnen, dass die Schmerzempfindlichkeit am zweiten Tag größer ist", sagt Jeffrey Mogil. "Nur eben nicht damit, dass dies nur bei Männern so ist." Vielleicht können sie eben doch in manchen Situationen ihre Umgebung aufmerksamer wahrnehmen - und dann umso empfindlicher reagieren.

Versuchsleiter und Raum wurden als feindselig erlebt und sofort negativ besetzt, wenn sie wieder betreten wurden. Diese Mechanismen sind auch für den Alltag von Schmerzpatienten wichtig, die immer wieder in Situationen kommen, die ihnen Pein bereiten. Was dagegen hilft? "Es ist wichtig, aus dem Status als Opfer herauszutreten", sagt Marcus Schiltenwolf, Schmerzexperte am Uniklinikum Heidelberg. "Man muss sich bewusst machen, dass man dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern sich wehren kann."

Der Reiz, der negative Erwartungen hervorruft - und damit auch vermehrte Schmerzen - ist in der aktuellen Studie der Raum und der Versuchsleiter, bezieht sich allgemein aber auch auf Orte, die in der Vergangenheit mit Schmerzen verbunden waren, auf unangenehme Situationen oder Menschen, deren bloße Anwesenheit bereits weh tut. "Das gilt übrigens auch für die Therapie", sagt Schiltenwolf. Wer immer nur denkt, dass er ohne Medikamente oder Massage nicht auskommt, macht sich davon abhängig und es bringt auf Dauer wenig. "Die stärkste Währung ist der Patient selbst, der für sich erkennt, dass er handlungsfähig ist", so der Heidelberger Schmerzexperte.

Bei Mäusen ließ sich im Versuch das Kurzzeitgedächtnis medikamentös hemmen. Dadurch fiel ihre Stressreaktion auf die zweite Schmerzattacke genauso aus wie auf die erste - die Umgebungsbedingungen riefen also keine negativen Erwartungen hervor, weil sich die Tiere schlicht nicht mehr an sie erinnerten.

Die Untersuchungen sind wahrscheinlich wichtiger, um das Schmerzgedächtnis besser zu verstehen als die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Wer jenseits der Geschlechter-Stereotype etwas hineindeuten will, kann sich vielleicht mit dieser Lesart anfreunden: Männer können sich kurzfristig besser an Schmerzen und unangenehme Umstände erinnern - aber Frauen haben länger und öfter etwas davon.

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