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Warum sich manche Menschen trotz hohen Risikos nicht infizieren

RP ONLINE-Logo RP ONLINE 08.03.2022 RP ONLINE

Düsseldorf. Für viele ist es unerklärlich: Obwohl die Infektionszahlen Rekordhöhen erreicht haben, stecken sich manche Menschen selbst nach engem und anhaltendem Kontakt nicht mit Corona an. Wie das sein kann und welche Faktoren man sogar selbst in der Hand hat.

Die ganze Familie ist mit Corona infiziert. Nur die sechsjährige Emily nicht. Obwohl sie rund um die Uhr mit ihren Corona-positiven Eltern und Geschwistern zusammen ist und sogar Körperkontakt zu ihren Familienmitgliedern hat, bleibt das Kind bei allen Schnelltests und auch beim PCR-Test negativ. Ähnlich ist das bei Susanne und Markus Blum. Vor dem Start zur Arbeit küssen sie sich, wenige Stunden später bekommt Susanne ein positives Schnelltest- und dann auch PCR-Test-Ergebnis. Während Susanne danach mehr als eine Woche mit den Corona-Symptomen kämpft, pflegt ihr Mann sie. Trotzdem bekommt er kein Corona.

Wie ist es möglich, dass sich so viele Menschen innerhalb weniger Wochen mit hochinfektiösen Corona-Varianten anstecken, bei anderen die Corona-Warn-App dauerhaft auf Rot steht, sie jedoch gesund bleiben?

Erklärungen dafür gibt es verschiedene. Eine Rolle spielt zum Beispiel die Virusmenge, das eigene Alter und Geschlecht, der sogenannte Gewebetypus, die Ausstattung des eigenen Immunsystems und sogar die Uhrzeit, zu der man Kontakt zu dem Erreger hatte.

  • Die Rolle des Schwellenwerts und der Viruslast

Nach über zwei Jahren in Koexistenz zum Coronavirus ist allgemein bekannt: Am häufigsten ist die Ansteckung über die Atemwege. Husten, niesen oder küssen – auf all diesen Wegen kann das Virus über Aerosole oder direkten Schleimhautkontakt weitergegeben werden. Ob es danach jedoch zu einer Infektion kommt, ist zunächst einmal davon abhängig, ob man lange und intensiv genug Kontakt zu den Coronaviren hatte. Von einem Infizierten in einem geschlossenen Raum angehustet zu werden ist, wie man weiß, ungünstiger als an der frischen Luft. Beim Küssen spielt hingegen ein anderer Faktor eine größere Rolle: „Wie groß die Menge der Viruspartikel ist, die man selbst aufnimmt“, sagt Lothar Rink, Immunologe im Uniklinikum der RWTH Aachen. Jeder Erreger hat eine gewisse Dosis, die nötig ist, um sich zu infizieren. Man spricht hierbei vom sogenannten Schwellenwert.

Je höher die Viruslast einer infizierten Person ist, desto größer ist dabei die Wahrscheinlichkeit, diesen Schwellenwert rasch zu überschreiten und sich anzustecken. Eine besondere Situation ergibt sich für Menschen, die an einem angeborenen Immundefekt, einer erworbenen Immunschwäche leiden oder beispielsweise Immunsuppressiva nehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Für solche Menschen ist die natürliche Schwelle niedriger. „Diese Menschen bekommen mit der gleichen Menge an Viruspartikeln, die einem anderen Menschen nichts anhaben könnte, eine Infektion“, sagt Rink.  

Zeigt nun die Corona-Warn-App Rot, gibt dies zunächst nur eine Auskunft über die räumliche Nähe, die man zu einer infizierten Person hatte. Ob man sich aufgrund der Nähe jedoch selbst infiziert, bemisst sich unter anderem daran, wie stark die Virusausscheidung der infizierten Person ist. Bei Omikron ist diese grundsätzlich sehr hoch, denn diese Variante vermehrt sich vorwiegend in den oberen Atemwegen und gilt darum als besonders ansteckend. Der Schwellenwert wird also schneller überschritten als beispielsweise bei der Urvariante. Es stellt sich also die Frage, mit wie viel Viren man in Kontakt kommt, ob ihre Menge die eigene Schwelle überschreiten kann und wie gut das eigene Immunsystem darin ist, die Virenattacke abzuwehren. Wie gut die körpereigene Abwehr dies kann, hängt unter anderem von der Tageszeit ab.

  • Die Rolle der Tageszeit

Das Immunsystem ist nicht immer gleich fit. „Nachts regenerieren sich nicht nur das Gehirn und das Nervensystem. Auch das Immunsystem geht dann aus diesem Grund schlafen“, sagt Rink. Evolutionsbiologisch erklärt sich dieser Zeitpunkt zur Regeneration daraus, dass man in der Schlafenszeit weniger Kontakt zu Keimen hat und damit das Immunsystem am wenigsten gefordert ist. Das Risiko, sich anzustecken, sei darum nach dem nächtlichen Reset des Immunsystems am Morgen und am frühen Vormittag geringer als im fortschreitenden Tagesverlauf.

Zu tun hat das mit dem über den Tagesverlauf schwankenden Cortisolspiegel. Seine Konzentration ist zwischen sechs und acht Uhr morgens am höchsten und erreicht gegen Mitternacht ihren Tiefpunkt. Cortisol hat unter anderem Einfluss auf den Blutzucker, den Fettstoffwechsel und wirkt entzündungshemmend. Aus Studien mit Schichtarbeitern weiß man, dass diese beispielsweise mehr Infektionen haben als Menschen mit einem normalen Tag-Nacht-Rhythmus, sagt Rink. Schüler und Studenten, die morgens in die Schule und Uni gehen, haben laut Rink ein deutlich geringeres Ansteckungsrisiko, als wenn sie abends auf eine Party gehen. In diesem Sinne sei es bei der Pandemiebekämpfung sinnvoll gewesen, als eine der ersten Maßnahmen vieler Länder die Nachtclubs zu schließen.

  • Die Rolle des Alters

Im Alter lässt nicht nur das Hören und Sehen nach – auch die Leistung der Immunabwehr nimmt ab. Ab dem Alter von circa 65 Jahren tritt die sogenannte Immunoseneszenz ein, mit der das Infektionsrisiko steigt. Der Grund: Das Immunsystem springt schlechter an und wird zudem langsamer. Das Virus hat also die Chance, sich schneller zu verbreiten.


Video: Warum sich manche Menschen trotz hohen Risiken nicht infizieren (SAT.1)

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„95 Prozent der Corona-Toten in Deutschland sind 60 plus“, sagt Rink. Das erklärt, warum die älteren Menschen als erste gegen Covid-19 geimpft wurden. Es macht auch klar, warum das Robert Koch-Institut bereits für Menschen ab 60 Impfungen wie die gegen Influenza, Pneumokokken, Gürtelrose und andere Erreger empfiehlt.

  • Die Rolle des Geschlechts

Frauen sind aufgrund ihres stärkeren Immunsystems weniger anfällig für eine Covid-19-Infektion und sterben auch seltener daran. Besonders unter Männern ist der Anteil der Covid-19-Toten überproportional hoch. „Zwei Drittel der Corona-Toten sind Männer“, sagt Rink. Es sind die weiblichen Sexualhormone, die den immunologischen Vorteil bringen. Diese sorgen bei Infektionen und auch bei Impfungen generell für eine stärkere Immunantwort. Das bringt zwar einen Geschlechtervorteil bei allen Infektionskrankheiten – einen Nachteil jedoch für das Auftreten von Autoimmunkrankheiten, die aus einer überschießenden Immunantwort resultieren. Die Zahl von Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet, ist darum bei Frauen deutlich höher.

  • Die Rolle des Gewebetyps:

Es gibt Menschen, die immun gegen das Coronavirus sind. Sie verdanken ihre Immunität ihrem HLA-Gewebetypus. Dieser spielt beispielsweise auch in der Transplantationsmedizin eine große Rolle: Ob man passend zu einem Empfänger ist oder nicht, ist von ihm abhängig. Evolutionär ist eine Vielfalt von Gewebetypen sinnvoll, damit es auch bei gefährlichen Erregern immer eine gewisse Anzahl an Menschen gibt, die damit zurechtkommen, sich nicht infizieren und den Erreger abwehren können.

„Ein Beispiel dafür ist HIV. Es gibt Menschen, die können sich fast nicht mit diesem Erreger anstecken“, sagt Rink. Dieser Gewebetypus ist also in der Lage, die HIV-Antigene so effektiv zu erkennen, dass die HIV-infizierten Zellen sofort ausgemerzt werden. Umgekehrt gibt es ebenfalls Menschen, die aufgrund ihres Gewebetyps besonders anfällig für bestimmte Erreger sind, dessen Antigene, also seine körperfremden Strukturen, nicht gut erkannt werden.

  • Die Rolle der Interferone:

Wenn Viren in Körper eindringen und eine Zelle infizieren, beginnt die Zelle Interferone zu bilden. Dadurch werden alle Zellen in der Nachbarschaft in einen antiviralen Zustand gebracht. Das Interferonsystem versetzt also den Körper insgesamt in einen antiviralen Zustand. Dieses System ist besonders bei Kindern hoch aktiv. „Darum spielen Kinder in der Pandemie quasi gar keine Rolle, sofern sie nicht schwer vorerkrankt sind“, sagt Rink.

  • Die Rolle der T-Zellen:

Manche Menschen weisen eine sogenannte T-Zellen-Immunität auf. T-Zellen spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern im menschlichen Immunsystem. Sie erkennen also körperfremde Strukturen wie beispielsweise Coronaviren in Zellen und töten die Wirtszellen ab. Britische Wissenschaftler der University College London haben in einer im Januar 2022 veröffentlichten Studie herausgefunden, dass sich manche Menschen aufgrund einer sogenannten Kreuzimmunität nicht mit Corona-Viren infizieren. Was steckt dahinter? Die Wissenschaftler untersuchten mehrfach das Blut von Krankenhausmitarbeitern. Während sich die meisten mit Corona ansteckten, blieb eine Gruppe Mitarbeitern über einen Zeitraum von vier Monaten negativ. Auch fanden sich in ihren Proben keine Antikörper auf das Virus.

Das könnte daran liegen, dass diese Krankenhausmitarbeiter bereits vor der Pandemie eine Infektion mit einem schon früher bekannten Coronavirus durchgemacht haben, das lediglich eine Erkältung ausgelöst hat. Durch die Auseinandersetzung mit den harmlosen mit Covid-19 verwandten Viren habe sich laut Annahme der Forscher der Körper einiger Krankenhausmitarbeiter gewissermaßen auf SARS-Cov-2 vorbereitet. In ihren Blutproben war der Wert bestimmter T-Zellen (Killerzellen) erhöht. Durch die vorab durchlaufene Erkältungsinfektion konnten die T-Zellen die mit Covid-19 infizierten Zellen erkennen und sie unschädlich machen.

  • Infektions-Faktoren, die man selbst in der Hand hat

Ob man sich ansteckt oder nicht, ist jedoch nicht ausschließlich Gott gegeben. Es gibt auch Faktoren, die Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Infektion haben, auf die man entweder ganz oder zumindest zu Teilen selbst Einfluss nehmen kann. Dazu zählen Stress, Schlaf, Ernährung, Bewegung und der Konsum von Zigaretten, Alkohol und Drogen.

Dauerstress zwingt beispielsweise das Immunsystem in die Knie, man ist deutlich anfälliger für Infektionen. Auch bei jungen Menschen kann es ein nicht zu unterschätzender Einflussfaktor sein: „Wir kennen das von unseren Studierenden, die vor ihren Examina Tag und Nacht lernen. Unter solchen Voraussetzungen bricht bei einigen eine Gürtelrose aus, was man sonst eher bei alten Menschen kennt“, erklärt Rink. Durch den Dauerstress kommt es nämlich zu einer permanenten Cortisolausschüttung. Diese wirkt dämpfend auf die körpereigene Abwehr.

Ausreichend Schlaf und ein regelmäßiger Tag-Nacht-Rhythmus, eine gesunde und ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung – also mindestens 30 Minuten am Stück jeden Tag - stellen das Immunsystem gut auf. „Wer jeden Tag nur vor dem Computer sitzt, ist immunologisch nicht gesund“, so sagt der Experte. Gleiches gelte jedoch auch für einen Hochleistungssportler, der jeden Tag 50 Kilometer Fahrrad fährt. Dieses Phänomen kennt man auch als Open-Window-Effekt beispielsweise bei Marathonläufern. Der Körper benötigt nach einer solchen Beanspruchung mindestens eine Woche zur Regeneration. Währenddessen ist der Körper laut Information des Immunologen hoch gefährdet für Infektionen.

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