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Weshalb die Welt an den globalen Corona-Impfzielen gescheitert ist

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 24.06.2022 Eike Hoppmann
12 Milliarden Impfdosen gegen das Coronavirus wurden weltweit verabreicht. Das klingt nach viel – ist aber immer noch zu wenig. ; Lukas Barth / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland 12 Milliarden Impfdosen gegen das Coronavirus wurden weltweit verabreicht. Das klingt nach viel – ist aber immer noch zu wenig. ; Lukas Barth / Reuters

Als sich im Juni 2021 in der britischen Stadt St. Ives die Staats- und Regierungschefs der G-7-Länder trafen, war als Gast auch Tedros Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, eingeladen. Er sagte: «Um die Pandemie wirklich zu beenden, muss es unser Ziel sein, mindestens 70 Prozent der Weltbevölkerung zu impfen, wenn Sie nächstes Jahr in Deutschland wieder zusammenkommen.» Der Satz wurde zum weltweiten Leitgedanken zur Bekämpfung der Pandemie.

Ab Sonntag (26. Juni) trifft sich die G-7 in Deutschland. Das 70-Prozent-Ziel wurde deutlich verpasst – und die Pandemie ist noch da.

Wie sieht die Impfbilanz aus?

Eine Auswertung von Zahlen der Plattform Our World in Data zeigt: Lediglich 61 Prozent der Weltbevölkerung haben das ursprüngliche Impfprotokoll erfüllt, das je nach Impfstoff ein oder zwei Dosen umfasste. Auch jedes einzelne Land sollte nach WHO-Vorstellungen bis Ende Juni eine Impfquote von 70 Prozent aufweisen. Lediglich 58 haben das laut WHO-Angaben geschafft.

In Afrika ist zwar der mit Abstand geringste Anteil der Bevölkerung geimpft. Lediglich Mauritius und die Seychellen sind über die 70-Prozent-Schwelle gekommen. Aber von allen Erdteilen haben nur Südamerika und Asien kumuliert die Ziele erreicht. Und auch dort haben dies längst nicht alle Länder geschafft.

Warum wurden die Impfziele so deutlich verfehlt?

Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig – und sie beginnen bereits beim Verständnis des Ziels. «Es gibt viele Beispiele dafür, dass Menschen, Länder oder Gemeinschaften das 70-Prozent-Ziel falsch verstanden haben», sagt Kate O’Brien, Direktorin der Abteilung für Impfstoffe bei der WHO. «Viele hatten ein zu enges Verständnis davon, was die 70 Prozent sind. Es ist sehr wichtig, wie man zu diesem Anteil kommt. Das ist vielleicht sogar wichtiger, als die Zahl selbst zu erreichen.»

Anstatt einen beliebigen Teil der Bevölkerung zu impfen, sollte ein besonderer Fokus auf den Risikogruppen liegen. Diese Botschaft ging zu oft unter. China etwa hat eine Impfquote von 70 Prozent zwar erfüllt. Aber gerade bei den besonders vulnerablen Älteren nimmt die Impfquote wieder ab.

Ein weiterer Grund für das Scheitern liegt bereits beim Zustandekommen der Zahl. Es sollte ein einheitliches Ziel für die ganze Welt sein. O’Brien sagt: «Das Virus kennt keine Grenzen. Es kann nicht eine Strategie für eine Gruppe von Ländern und eine Strategie für eine andere Gruppe geben. So funktioniert die Biologie nicht.» Die 70 Prozent wurden festgelegt, «weil wir wollten, dass alle Erwachsenen und Jugendlichen geimpft werden». Es ist der Anteil der erwachsenen und jugendlichen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung. Eine 100-Prozent-Quote ist immer unrealistisch.

Dennoch war der Auftakt vielversprechend. 2021 war die Nachfrage riesig, aber der Impfstoff fehlte. Reiche Länder schlossen bilaterale Verträge ab. Die globale Initiative Covax, die für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe sorgen sollte, hatte das Nachsehen. «Erst im vierten Quartal 2021 gab es deshalb ein zuverlässiges und umfangreiches Angebot für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen», sagt O’Brien. Man sei sich inzwischen «weitgehend darüber im Klaren, dass wir besser dastehen würden», wenn Impfstoffgerechtigkeit früher priorisiert worden wäre.

Nun wäre Impfstoff für alle da. Aber kaum jemand möchte ihn noch. Die weltweite Impfgeschwindigkeit sinkt seit Monaten. Die Zahl der neuen Erstimpfungen sinkt immer weiter.

«Es gibt jetzt einen Überschuss an verfügbaren Dosen, und es geht mehr um die Verteilung dieser Dosen und darum, wie wir das von Land zu Land handhaben», sagt Louise Blair, die die Impfstoff-Abteilung der Datenanalyse-Firma Airfinity leitet. Laut Airfinity haben Länder mit niedrigem Einkommen gegenwärtig 57 Prozent der ihnen zur Verfügung gestellten Impfdosen genutzt. Das liegt zum Teil an logistischen Schwierigkeiten, aber nicht nur.

Diese Länder orientierten sich auch an dem, was gleichzeitig im Rest der Welt passiere, sagt O’Brien. «Sie sehen, dass sich die Welt öffnet. Und so denken die Menschen in diesen Ländern: Warum ist es so dringend, sich jetzt impfen zu lassen?»

Auch falsche Annahmen über die Impfstoffe halten sich: Es gebe immer noch den «Irrglauben», sagt O’Brien, dass man sich nicht impfen lassen müsse, wenn man sich bereits infiziert habe oder an einem Ort lebe, an dem sich viele andere Menschen infiziert hätten. In Wirklichkeit gibt es Belege dafür, dass man einen wesentlich besseren Schutz erhält, wenn man sich trotz Infektion impft.

Ein weiteres Missverständnis herrscht rund um die abnehmende Immunität durch die Impfung. Es fehle am Bewusstsein, dass die seit der Impfung verstrichene Zeit sich auf den Schutz auswirke, sagt Blair. «Die Kommunikation war am Anfang eindeutig nicht gut. Aber es gibt damit auch jetzt noch Probleme.» Was ebenfalls nicht hilft: Die Debatte um Impfreaktionen und Nebenwirkungen hat sich ebenfalls verstärkt.

Wie geht es jetzt weiter?

Die WHO überarbeitet nun ihre Strategie. Die Zahl 70 Prozent soll aber bleiben. «Wir ziehen das nicht zurück», sagt O’Brien. Implizit werden die Ziele sogar verschärft. Die ursprünglichen ein oder zwei Dosen reichen nicht mehr – es braucht eine Booster-Impfung. «Bei den 70 Prozent ging es immer um eine wirksame Impfung», sagt sie. «Das schliesst Auffrischungsimpfungen ein.» Davon ist die Welt weit entfernt. Laut Airfinity-Daten haben lediglich sieben Länder 70 Prozent ihrer Bevölkerung geboostert.

Bei der WHO scheint man nun aber den Fokus der Kommunikation zu verschieben. «Durchschnittswerte sind schlecht, weil sie verschleiern, was im Durchschnitt steckt», sagt O’Brien. «Wir versuchen die Menschen dazu zu bringen, den Risikogruppen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.»

Und noch ein grundsätzliches Problem bleibt für den weiteren Kampf gegen die Pandemie: die Qualität der Impfstoffe. Ursprünglich bestand die Hoffnung, dass die Vakzine die Verbreitung des Virus stoppen und einen hohen Schutz vor einer Infektion bieten könnten. Dann hätte eine Impfquote von 70 Prozent die Pandemie zum Erliegen bringen können.

Neue Varianten haben diese Hoffnung vorerst zerstört. Was man nun brauche, sagt O’Brien, sei eine «transformative Forschung mit Impfstoffen, die auf der Seite der Infektionen etwas Wesentliches bewirkt». Gemeint sind damit neue oder angepasste Impfstoffe, die wieder besser vor Ansteckung schützen. Sonst könnte auch eine Impfquote von 70 Prozent zu wenig sein, um die Pandemie wirklich zu beenden.

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