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Krankheitsgedächtnis: Masern greifen das Immunsystem an - und schwächen es langfristig

stern-Logo stern vor 4 Tagen ikr

© Getty

Masern gelten oft als harmlose Krankheit, die Kinder mal "durchgemacht" haben sollten. Zwei neue Studien zeigen nun, wie gefährlich diese Annahme ist - und befeuern die Debatte rund um das Thema Impfpflicht neu.

Masern gelten oft als harmlose Krankheit, die Kinder mal "durchgemacht" haben sollten. Wie falsch - und gefährlich - diese Annahme ist, zeigen nun zwei Studien, die in den Fachblättern "Science" und "Science Immunology" erschienen sind. Die Arbeiten belegen, wie groß der Einfluss von Masern auf das Immunsystem  ist: Eine Masern-Erkrankung zerstört zahlreiche, im Laufe des Lebens gebildete Antikörper. Der Körper kann dann bestimmte Erreger nicht mehr abwehren und muss bereits überstandene Infektionen erneut durchstehen. Teile des Immungedächtnisses werden durch die Krankheit gewissermaßen ausgelöscht - das Immunsystem leider unter einer Art "Amnesie".

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Seit längerem ist bekannt, dass Masernviren das Immunsystem schwächen. Die beiden Forschergruppen untersuchten nun, welcher Mechanismus dieser "Immunamnesie" zugrunde liegt. Im Zentrum der Studien standen Blutproben von 77 ungeimpften Kindern. Ein Forscherteam aus Boston analysierte das Antikörper-Repertoire in den Proben - jeweils vor und nach einer Maserninfektion. Ein britisches Forscherteam widmete sich den Oberflächen-Rezeptoren von B-Zellen. B-Zellen gehören zu den Leukozyten, auch weiße Blutkörperchen genannt. Sie spielen eine wichtige Rolle im menschlichen Immunsystem und bilden Antikörper. Beide Expertenteams kommen zu demselben Schluss: Eine Maserninfektion reduziert die Vielfalt der Antikörper gegen diverse Krankheitserreger drastisch.

Immunsystem für Monate oder Jahre geschwächt

"Oberflächlich betrachtet erholt sich unser Immunsystem nach einer Maserninfektion nach wenigen Wochen", sagt Klaus Überla, Direktor des Virologischen Institutes am Universitätsklinikum Erlangen, der nicht an der Studie beteiligt war. "Die neuen Untersuchungen weisen nun darauf hin, dass die Schädigung Monate bis Jahre anhalten und zu einem generell erhöhten Infektionsrisiko führen könnte. Dies erklärt, wieso Kinder, die Masern durchgemacht haben, für bis zu fünf Jahre ein höheres Erkrankungs- und Todesfallrisiko aufweisen."

Nach einer Masern-Infektion erhole sich zwar die Gesamtheit der Abwehrzellen rasch, sagt Johannes Trück, Leiter der Forschungsgruppe Immunologie am Universitäts-Kinderspital Zürich. Die Zusammensetzung sei aber verändert. "Teile des vormals durch Impfungen oder Durchmachen der Erkrankungen gestärkten Immungedächtnisses wurden dabei ausgelöscht und müssen neu aufgebaut werden."

Die Erkenntnisse würden zeigen, wie wichtig ein konsequenter Maserimpfschutz sei, so Trück. Ein solcher Schutz verhindere nicht nur direkte, durch das Masernvirus ausgelöste Komplikationen, sondern auch die Folgen der indirekt verursachten Immunschwäche.

Die Impfung wird mit lebenden, abgeschwächten Masernviren durchgeführt. Eine Immunschwäche sei durch die Impfung selbst aber nicht zu erwarten, so der Experte weiter. "Es gibt weder epidemiologische noch immunologische Hinweise, dass eine Masernimpfung das Immunsystem beeinträchtigt."

Experten raten zu Masern-Impfung

Auch Richard Neher, Leiter der Forschungsgruppe Viren und Bakterien an der Uni Basel betont, wie wichtig der Impfschutz sei: "Diese Arbeiten unterstreichen einmal mehr, dass Masern eine gefährliche Krankheit sind, die selbst bei unkompliziertem Verlauf das Immunsystem über Jahre schwächt. Die Impfung ist sicher und effektiv. Kinder aus ideologischen Gründen nicht gegen Masern zu impfen ist unverantwortlich."

Masern werden durch Masernviren ausgelöst, die zum Beispiel durch Husten, Niesen oder Sprechen übertragen werden. Masern gelten als hochansteckend. Zu den Symptomen zählen zunächst hohes Fieber, gerötete Augen und Husten. An den Schleimhäuten bilden sich kleine weißliche Flecken, sogenannte "Koplik-Flecken". Kurz danach folgt der typische Hautausschlag im Gesicht, der sich schließlich über den ganzen Körper ausbreitet.

Masern können zu  Folgeinfektionen, etwa einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung, führen. Gefürchtete Komplikationen von Masern sind eine Gehirnentzündung oder die sogenannte SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis). Sie tritt im Mittel sieben Jahre nach der Erkrankung auf. Bei der SSPE werden fortschreitend Nervenzellen des Gehirns zerstört. Vier bis elf von 100.000 Masernfällen erkranken daran.

"Eine Masern-Infektion ist damit anders als vielfach angenommen keine 'harmlose Kinder-Krankheit'", schreibt dazu das Bundesgesundheitsministerium. "Den besten Schutz vor Masern bieten Impfungen. Sie sorgen für eine lebenslange Immunität." Die Impfung sei gut verträglich, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Schwere Nebenwirkungen seien sehr selten. Die Einstichstelle könne sich röten und schmerzen. Bei zwei bis fünf von 100 Geimpften könnten sich ein bis vier Wochen nach der Impfung sogenannte "Impf-Masern" bilden. Sie seien aber nicht ansteckend.

Das Kabinett hat am 17. Juli das sogenannte "Masernschutzgesetz" auf den Weg gebracht. Der Gesetzesentwurf sieht unter anderem vor, dass Kinder bei Eintritt in den Kindergarten oder die Schule vollständig gegen Masern geimpft sein müssen. Impfverweigerern drohen ein Kita-Verbot oder hohe Bußgelder. Das Gesetz soll ab März 2020 in Kraft treten.

+++ Mehr zu dem Gesetzesentwurf lesen Sie hier +++

2018 gab es in Deutschland 544 Masernfälle. 2019 wurden bis Mitte Juni etwa 429 Fälle registriert.

Quellen: Science Media Center (SMC) / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) / Bundesgesundheitsministerium

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