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Selbstschutz: Sich von toxischen Menschen zu trennen tut sehr weh – aber es tut auch sehr gut

NEON-Logo NEON vor 4 Tagen Eugen Epp
Nicht immer verletzen uns Menschen. Manchmal verletzen wir uns auch an ihnen. © Getty Images/kamisoka Nicht immer verletzen uns Menschen. Manchmal verletzen wir uns auch an ihnen.

Menschen, Themen und Situationen, mit denen man gerade nicht umgehen kann, aus seinem Leben zu verbannen, klingt erst einmal feige. Manchmal aber ist es das, was man tun muss, um sich selbst zu schützen.

Menschen, die nur an sich denken, genießen keinen guten Ruf. Und zwar, das muss gleich am Anfang gesagt werden, völlig zu Recht. Wer sich seine Freunde nur nach guter Laune zusammensucht, der sollte sich wohl mal dringend hinterfragen.

Dementsprechend sehen es manche Kommentatoren kritisch, wenn in diversen Ratgebern und in den sozialen Netzwerken dazu aufgefordert wird, sich von sogenannten toxischen Menschen in seinem Leben zu befreien. Haben sie damit Recht? Kommt drauf an. Wer sich schon bei den kleinsten Problemen von Freunden, Partner oder sogar Familie zurückzieht, möge bitte erst einmal hier und hier weiterlesen.

Warum Liebe wie Zwiebelschneiden ist

Vielleicht handelt es sich hier aber auch um ein Missverständnis. Toxisch: Das klingt brutal und heimtückisch, im schlimmsten Falle sogar tödlich. Das muss es aber gar nicht sein. Es gibt Menschen, die andere vorsätzlich aussaugen und ausnutzen, ohne Rücksicht. Die sind jedoch – zumindest wollen wir das mal stark hoffen – sehr eindeutig in der Unterzahl. Dafür gibt es in dem Umfeld der meisten Menschen einige Personen, die ihnen nichts Böses wollen – und ihnen doch leider so gar nicht guttun. Nicht selten sind das sogar diejenigen, die wir eigentlich besonders gern haben und die für uns besonders wichtig sind. Denn es ist ja tatsächlich so, dass das, was man am meisten liebt, einem auch am meisten wehtun kann.

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Liebe – in welcher Form auch immer – sei wie Zwiebelschneiden, hat mal jemand behauptet: Zuerst denkt man, es geht schon, und am Ende sitzt man doch wieder in der Küche und heult. Wenn dem so ist, dann sind die toxischen Menschen, um die es hier geht, so etwas wie das Schneidemesser.

Nicht sie verletzen uns bösartig, wir verletzen uns an ihnen. Sie wollen uns nicht wehtun, aber so wie sie sind, erwischen sie uns in unserer Verletzlichkeit, an unseren Schwachpunkten. Manchmal sind wir selbst dran schuld. Manchmal ist das Leben einfach so. Manchmal kommt alles zusammen.

Manchmal braucht es Abstand. Manchmal auch einen Schnitt.

In solchen Fällen ist es mitunter besser, eine Trennlinie zu ziehen. Das kann bedeuten, für bestimmte Zeit auf Abstand zu gehen, oder jemanden nur noch alle zwei Wochen zu sehen statt alle paar Tage. Es kann aber auch heißen, sich einzugestehen, dass es nie wieder so wird, wie es mal war (oder wie es vielleicht auch nie war). Nicht einmal annähernd. Wenn klar ist, dass die Erwartungen aneinander so weit divergieren, dass man sie nie erfüllen kann. Wenn sich bei jedem Foto auf Facebook das Herz zusammenkrampft. Wenn man sich in Gegenwart einer Person oder innerhalb einer Gruppe jedesmal etwa doppelt so schwer fühlt wie sonst. Wenn dabei ständig schwierige Erinnerungen hochkommen. Wenn man jedes Mal traurig und still wird – dann ist es Zeit für einen Schnitt. Ohne Streit, ohne Vorwürfe, aber eben doch konsequent.

Dieser Schnitt macht keinen Spaß, im Gegenteil: Er tut am Anfang weh, schweineweh sogar ("The more you suffer, the more it shows you really care", heißt es ja), er lässt einen nachts nicht schlafen und wenn man schläft, träumt man davon. Sich von Personen, die einen runterziehen, zu distanzieren, wirkt auf den ersten Blick auch nicht stark, selbstbestimmt und erwachsen. Möglicherweise entspricht es nicht dem Anspruch, den man eigentlich an den eigenen Charakter und den von anderen stellt. Jeder von uns will doch fair und souverän mit allen Menschen und Situationen umgehen, die ihm Probleme bereiten. 

Stark, selbstbestimmt und erwachsen

Lassen wir aber mal die Ideale, Allgemeinplätze und den kategorischen Imperativ beiseite, ist so ein Schritt oft genau das: stark, selbstbestimmt und erwachsen. Nichts zu ändern wäre nämlich die bequemste Lösung, die in diesem Fall keine Lösung ist. So leidet man nur auf unbestimmte Zeit weiter unter der Situation. Jeder Fall ist verschieden, doch mitunter kann auch etwas mehr Egoismus nicht schaden. Oder um es mit einem anderen, harmloseren und wahrscheinlich auch treffenderen Wort zu sagen: mehr Selbstschutz.

Man muss sich nicht selbst zwingen, ständig mit der besten Freundin und ihrem Freund abzuhängen, wenn man selbst gerade schlimme Erfahrungen mit dem Konzept Liebe gemacht hat. Oder sich dauernd anzuhören, wie glücklich und erfolgreich andere an ihrem Arbeitsplatz sind, während man selbst seinen Job hasst. Es gibt schon gar keine Verpflichtung zum berüchtigten "Freunde bleiben". Man kann in solchen Situation wunderbar pathetische Tagebucheinträge oder Tweets schreiben, sich in Gedichten, Liedern und Büchern wiederfinden, selbstmitleidige Songzeilen auf Instagram posten oder – entsprechende Fähigkeiten vorausgesetzt – selbst welche schreiben. Das wird allerdings nur bedingt weiterhelfen.

Oder man kann endlich die Wirklichkeit annehmen und mit ihr arbeiten. Stark, selbstbestimmt und erwachsen ist es nämlich, sich darüber klar zu werden, dass die Dinge nun einmal gerade sind, wie sie sind – und dass man hier im eigenen Interesse möglicherweise einmal so handeln muss, wie es eigentlich nicht im Lehrbuch steht. Sich von etwas oder jemandem zu lösen, bedeutet auch, endlich Verantwortung für sich selbst, seine Emotionen und auch seine Gesundheit zu übernehmen. Das ist doch die Definition von Erwachsensein, oder? 

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