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Eine Idee Liebe: Schatz, warum hast du mich angelogen?

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 16.01.2022 Rahel Arleth

Wir lügen alle, jeden Tag. Aber ab welchem Punkt gefährden Lügen unsere Beziehungen?

Streitendes Paar © ZEITjUNG Streitendes Paar

Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Lügen haben kurze Beine, das wissen wir alle und dennoch lügen wir ständig. Im Job, in der Familie, beim Einkaufen. Durchschnittlich lügt jeder Mensch 25-mal am Tag. Auch in der Beziehung wird gelogen, selbst, wenn wir uns das nur ungern eingestehen. Schließlich ist doch die Ehrlichkeit die Basis jeder Beziehung, oder?

Den Partner oder die Partnerin anzulügen gilt als absolutes No-Go, denn Lügen beeinträchtigen das Vertrauen zueinander und führen dazu, dass man sich voneinander distanziert. Es ist, als würde jede aufgeflogene Lüge einen faden Beigeschmack hinterlassen. Etwas bitteres auf der Zunge, was in Momenten des Zweifels an Dominanz gewinnt. Dennoch setzt das Ideal der absoluten Ehrlichkeit viele von uns unter einen enormen Druck. Muss ich meinem Partner wirklich alle erzählen? Und was, wenn es sich um eine Notlüge handelt? Sollte ich immer ehrlich sein, selbst, wenn ich meine*n Partner*in damit sehr verletze?

Weiße Lügen

Fangen wir doch zunächst einmal mit der scheinbar harmlosesten Lüge an. Es ist Dezember, kurz vor Weihnachten und wir wollen ein Geschenk für unsere*n Liebste*n besorgen. Nun können wir aber nicht sagen, dass wir noch eben alleine ins Kaufhaus müssen, das würde ja auffallen. Also erzählen wir vielleicht eher, dass wir uns mit einer alten Freundin auf einen Kaffee verabredet haben. Ab ins Auto, rein in den Laden, vielleicht noch eben in den H&M nebenan – soll ja auch glaubwürdig wirken – und dann wieder ab nach Hause. Hat doch alles super geklappt und am 24. Dezember ist die Freude bei allen Parteien groß. „Wann hast du das denn besorgt? Das habe ich ja gar nicht mitbekommen!“ Ende gut, alles gut.

Gibt es andere Bereiche in der Beziehung, auf die sich dieses Prinzip übertragen lassen? Sicher, meint zumindest die Paartherapeutin Kirsten Hellwig. Wenn wir in der Uni oder im Job jemanden kennenlernen, den wir so richtig attraktiv finden und der sich dann vielleicht auch in unsere kühnsten Träume schleicht, ist das noch kein Grund, den Partner oder die Partnerin in diese Fantasien einzuweihen. Denn träume und Fantasien sind per se nicht beziehungsgefährdend und liegen in unsere eigenen Autonomie. Gleiches gilt für Ticks des Partners, die uns zeitweise zur Weißglut treiben. Hat unser Partner beispielsweise die Angewohnheit, seine Socken überall herumfliegen zu lassen, dann können wir uns entscheiden, ob wir ihm sagen, dass uns das kolossal nervt oder wir denken uns einfach unseren Teil, weil wir ja wissen, dass wir auch hier und da unsere Macken haben. Auch lügen wir in Beziehungen gerne, wenn wir nach unserer Meinung gefragt werden. Der Klassiker hier wäre wohl das gute alte: „Schatz, das Kleid steht dir ausgezeichnet.“ Hier lügen wir, weil wir sehen wie glücklich das neue Kleidungsstück unser Gegenüber macht, auch, wenn es sich hier vielleicht nicht um den vorteilhaftesten Schnitt handelt.

Solche Lügen nennt man „prosoziale Lügen“. Sie sollen dem anderen helfen, ein gutes Gefühl zu wahren oder zu bekommen. Außerdem werden sie häufig eingesetzt, um das Gegenüber zu schützen. Forscher der Universität Aalto fanden heraus, dass sogenannte „weiße“ Lügen das soziale Gefüge sogar stabilisieren können. Prosoziale Lügen werden sogar von den vermeintlich Geschädigten häufig toleriert. Es kommt dabei jedoch sowohl auf die Intention als auch auf die Schwere der Lüge an. Die Dosis macht das Gift. Ob weiße Lügen deswegen aber gleich moralisch richtig sind, muss jede*r für sich entscheiden.

Egoistische Lügen

Ganz anders sieht es jedoch bei antisozialen oder egoistischen Lügen aus. Diese Zielen lediglich darauf ab die oder den Lügende*n zu schützen und sollen ihm oder ihr dabei helfen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. In Beziehungen kommen solche Lügen häufig zum Tragen, wenn es um Themenfelder wie Betrug, Affären oder Seitensprünge geht. Diese Art der Lüge klingt oftmals wie eine besser ausformulierte Form des kindlichen: „Ich war’s nicht, er war‘!“ und sind meist ebenso unglaubwürdig. Antisoziale Lügner zeichnen sich dadurch aus, dass sie bewusst versuchen zu Täuschen oder aber wichtige Informationen zu verschweigen. Unter Psycholog*innen und Sozialwissenschaftler*innen gelten antisoziale Lügen als potentiell beziehungszerstörend. Doch aus welchen Gründen lügen Menschen? Ist jeder Lügner gleich ein Narzisst?

Nein, man sollte nur wissen, warum der Partner oder die Partnerin das Bedürfnis hat zu lügen und ob diese Lügen und ihr Ursprung die Beziehung ernsthaft gefährden. Da kann es durchaus hilfreich sein, wenn man zwischen den verschiedenen Arten von Lügen unterscheiden kann.  

Grundsätzlich gibt es vier Arten der Lüge, auf die in Beziehungen gerne zurückgegriffen wird.

Die Geltungslüge

Zunächst wäre da die Geltungslüge. Diese tritt immer dann ans Tageslicht, wenn der Partner lügt, um sich besser zu machen als er ist. Insbesondere zu Anfang einer Beziehung passieren Geltungslügen noch häufiger. Da wird geschwindelt was das Zeug hält. „Ich gehe mindestens 5-mal die Woche zum Sport“, oder „Quatsch, ich rauche höchstens zwei Zigaretten am Tag.“ Jedoch sollte man aufpassen, Menschen, die auch nach mehreren Monaten oder Jahren Beziehung noch viele Geltungslügen nutzen, haben in der Tendenz ein schlechteres Selbstbewusstsein und ein sehr großes Bedürfnis nach Anerkennung. Da lohnt es sich nachzufragen, woher dieser Drang zur Lüge kommt.

Die skrupellose Lüge

Skrupellose Lügen basieren häufig auf einem schlechten Gewissen. Sie werden eingesetzt, m andere zu täuschen oder sie hinters Licht zu führen. Quasi der böse Bruder der „Überraschungslüge“. Hier geht es dem Lügenden darum, sich selbst als unschuldig darzustellen, in dem er die Schuld auf jemand anderen abwälzt. Dabei kommen dann Sätze heraus wie: „Ich habe das Auto nicht zerkratzt, dass war der Nachbar.“ Das einzig gute an solchen Lügen ist, dass sie leicht zu entlarven sind, was sie jedoch nicht weniger schlimm macht.

Die Angstlüge

Angst gehört zu einer der häufigsten Gründe für Lügen in einer Beziehung. Dabei können die Gründe für die Angst ganz unterschiedlich aussehen. Es muss nicht immer Angst vor Gewalt sein, die uns in die Lüge treibt. Manchmal reicht es schon, dass wir glauben unser Partner hätte ein anderes/besseres Bild von uns, damit wir durch eine Lüge unser Gesicht waren wollen. In anderen Fällen ist es das antizipierte Unverständnis des Partners oder die Angst vor einer Eifersuchtsreaktion. „Ich treffe mich nach der Arbeit noch mit den Jungs auf ein Bier“, geht da leichter über die Lippen als: „Meine Ex-Freundin ist momentan aus New York hier und ich würde sie heute Abend gerne wiedersehen, weil sie so ein interessanter Mensch ist.“

Die pathologische Lüge

Hierzu muss wirklich nicht viel gesagt werden. Es gibt Menschen, die ständig lügen. Sie sind daran gewöhnt und es macht ihnen nichts aus, bei manchen Personen geht es sogar so weit, dass sie mit dem Lügen gar nicht aufhören können. Diese Art des Lügens ist pathologisch und sollte psychologisch behandelt werden. Das ist jedoch nicht die Aufgabe des Partners oder der Partnerin und man sollte sich gut überlegen, ob man eine Beziehung mit einem pathologischen Lügner weiterführen möchte, wenn dieser seine Erkrankung nicht einsieht.

Wie geht es nach der Lüge weiter?

Doch was tun, wenn man die oder den Partner*in belogen hat und einen nun das schlechte Gewissen zerfrisst. Psycholog*innen sind sich da einig, es führt nichts an der Auflösung der Lüge und dem Tragen der Konsequenzen vorbei. Tut man dies nicht, verstrickt man sich schnell in einem Teufelskreis aus aufbauenden Lügen und das schlechte Gewissen wird nur noch größer. Auch wenn es weh tut und man Angst vor der Reaktion des Partners hat, gibt es selten einen Weg an der Ehrlichkeit vorbei, denn eine verschwiegene Lüge kann auch für einen selbst weitreichende Konsequenzen haben. Dazu gehören neben Schlafstörungen und Schreckhaftigkeit auch Kopfschmerzen und Depressionen. Denn Lügen erzeugen Spannungen im Körper, die sich irgendwann entladen, auf dem einen oder anderen Weg.

Doch keine Panik, das Auflösen einer Lüge muss nicht immer das Ende der Partnerschaft bedeuten, denn wie immer in Konflikten lohnt sich retrospektiv die Frage, wie es so weit kommen konnte. Warum hat man gelogen? Warum hat man das Gefühl, dem Partner nicht die Wahrheit erzählen zu können? Was würde man gerne am eigenen Verhalten ändern? Und zu guter Letzt: Was macht das mit unserer Partnerschaft? Denn, ob das Aufarbeiten einer Lüge Nähe oder Distanz schafft, hängt ganz davon ab, wie beide Parteien mit ihr umgehen.

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Bildquelle: Alex Green von Pexels; CC0-Lizenz


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