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Können Polyamorie und Co. wirklich glücklich machen? - Offene Beziehung

Women’s Health-Logo Women’s Health 29.09.2020

Die Ewigkeit ist ein ganz schön langer Zeitraum. Deswegen setzt ein neues Beziehungsmodell auf emotionale Treue – und sexuelle Freiheiten: die offene Beziehung oder auch "quasi monogam"

Freie Liebe? Wie kann eine Beziehung ohne Exklusivität funktionieren? © Jacob Lund / Shutterstock.com Freie Liebe? Wie kann eine Beziehung ohne Exklusivität funktionieren?

Viele Leute reden derzeit über Polyamorie, also Liebe mit vielen. Freie Liebe? Also nur so quasi treu? Kennen wir doch, gab’s schon mal. Nach der sexuellen Re­volution in den 70ern hieß die Spielart noch "offene Beziehung" – was aber im Rückblick klingt wie "Sex, egal mit wem".

Das wirkt schon irgendwie beliebig statt liebevoll. Wir kennen den Katzenjammer dieser Bewegung aus Erzählungen, Filmen oder People-Magazinen: Irgendwer war am Ende immer unglücklich. Und nun kommt das Ganze mit neuem Namen als brand­aktueller Trend daher: "Quasi monogam" heißt das Beziehungs­modell jetzt. Andere praktizieren "Polyamorie". Wir gehen dem mal nach.

Wie klappt sexuelle Freiheit ohne Tränen und Eifersucht?

Bei "quasi monogamen" Beziehungen ist das Fundament die emotionale Treue, auf der ein Paar sexuelle Offenheit aushandelt. Die Beziehung ist also der sichere Hafen, von dem man von Zeit zu Zeit ausläuft für kleine Abenteuer auf stürmischer See.

"Die Liebe basiert auf Ehrlichkeit zueinander, nicht auf Exklusivität", erklärt Sexkolumnist Dan Savage aus Seattle, der dem Trend den Namen gab: "monogamish", was man mit "quasi monogam" oder "ziemlich treu" übersetzen kann, also eine ziemlich offene Beziehung. Ein Widerspruch in sich? Mal sehen.

Macht eine offene Beziehung glücklich?

Esther, 32 Jahre, fiel jedenfalls aus allen Wolken, als Leo, mit dem sie seit 5 Jahren glücklich war, die Sprache darauf brachte. "Ich fand den Vorschlag, unsere Beziehung zu öffnen, zuerst bizarr", erzählt die Marketing-Fachfrau aus Düsseldorf. Klar, sie ­hatten über einen Dreier fantasiert. Aber das war doch etwas völlig an­deres! Leo fühlte sich unverstanden: "Ich hab mich einfach nur getraut, eine Fantasie auszusprechen. Danach fragst du doch immer", muffelte er. Und außerdem ginge es ja um beiderseitige Freiheit.

Sie ließen das Thema fallen. Bis Esther einige Wochen später merkte, dass ihr Leos Vorstoß nicht mehr aus dem Kopf ging. Nicht, weil sie sich noch ärgerte. Sondern weil es verlockend klang. Ja, sie war glücklich mit ihm. Aber sie hatte sich auch schon gefragt: Ist er wirklich der einzige Mann, mit dem ich in meinem Leben noch Sex haben werde? Dieser Gedanke hatte sie befremdet. Und so begannen die beiden, vorsichtig zu diskutieren, was überhaupt und wie das gehen könnte mit der sexuellen Freiheit – und landeten anschließend immer erregt zusammen im Bett.

Ist offene Monogamie das ideale Modell für die Liebe von heute?

Immerhin bringt sie zwei gegenläufige Strömungen zusammen: Einerseits werden Werte wie Treue und Vertrauen wieder hoch gehandelt. In einer Umfrage der Dating-Website Parship erklärten 88 Prozent der Befragten, Treue sei ihnen besonders wichtig.

Andererseits diskutieren Evolutionsforscher, ob der Mensch monogam gemacht ist, weil unsere Vorfahren wohl nicht nur Höhle und Mammut, sondern auch die Partner teilten. Selbst bei den Primaten und Säugetieren sind nur 3 bis 5 Prozent der Arten treu. Beleg für die Wirkung der Steinzeit-DNA: Es wird fremdgegangen, und zwar in jeder zweiten Ehe. "Das heutige Treuemodell 'Alles mit einem für immer' gibt es noch gar nicht so lange", kommentiert Psychologe Holger Lendt aus Hamburg.

Warum ist Liebe für uns immer Paar-Liebe?

Die Idee der romantischen Liebe kam erst in den letzten Jahrhunderten auf. "Das pflanzt völlig überzogene Erwartungen an die Partnerschaft in uns ein", so Lendt. Jenseits von Biologie und Moral lässt das 21. Jahrhundert die Treue ziemlich alt aussehen: "Ökonomie, Technologie und Demografie haben unser Sozial­leben umgekrempelt", sagt US-Historikerin Pamela Haag, die sich mit der flexiblen Monogamie beschäftigt.

Konkret: Frauen haben die finanzielle Freiheit, um über ihre Beziehungen zu bestimmen. Das Internet verbindet Menschen mit gleichen emotionalen und erotischen Wünschen im Nu. ­Zudem leben wir heute deutlich länger und haben dabei noch viel mehr ­Möglichkeiten bei der Partnersuche.

Holger Lendt und die Paarberaterin Lisa Fischbach plädieren in ihrem Buch "Treue ist auch keine Lösung" (Piper Verlag, um 10 Euro) für mehr Freiheit in der Liebe und stellen die Zweierbeziehung als einzig erstrebenswerte Form des Zusammenlebens generell infrage. Ihre Argumentation: "Liebe und das Besitzen eines anderen schließen einander aus", so Lendt.

Wie einst Popstar Sting beschwor: "If You Love Somebody, Set Them Free." Sprich, wer liebt, muss seinem Partner Freiheit schenken – womöglich auch die, intime Erfahrungen ohne ihn zu machen. (Nicht so dein Ding? So gehst du am besten mit Eifersucht um.)

Monogamie, Polyamorie: Was für Formen der Liebe gibt es eigentlich?


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Die Auswahl unter den Beziehungsformen wird tatsächlich eher größer als kleiner, aber letztlich unterscheiden sie sich vor allem darin, wie viel Toleranz dem Partner gegenüber gelebt wird. Das hier sind die gängigsten Varianten:

Monogamie

Treue zu zweit – bis dass der Tod euch scheidet. Bedeutet im Ursprung: Ehe mit einem Partner oder exklusive Beziehungen.

Polygamie

Steht eigentlich für Vielehe – also mehrere, auch sexuelle Beziehungen parallel. In der Eheform rechtlich nicht erlaubt und als sexuelle Lebensform verpönt.

Polyamorie

Stellt das Konzept der Treue ganz infrage. Die Partner erlauben sich im vollen Wissen und Einverständnis Liebesbeziehungen zu anderen.

Verhandelte Monogamie

Als neuer Trend: Setzt die emotionale Treue zu einem Partner voraus, die Paare öffnen die Beziehung aber in sexueller Hinsicht und verhandeln miteinander, was sie sich gegenseitig erlauben.

Wie klappt eine offene Beziehung in der Praxis?

Das hängt von euch beiden ab! Die Regeln sind frei verhandelbar: Manche Paare erlauben sich One-Night-Stands, andere noch etwas mehr, manche vereinbaren Stillschweigen, andere totale Ehrlichkeit.

Aber was ist besser daran, mit Ansage statt heimlich in ein fremdes Bett zu steigen? "Die Öffnung zu vereinbaren ist in jedem Fall besser", rät Holger Lendt. "Denn den Betrogenen schmerzt der Verlust an Vertrauen am stärksten – und nicht die Tatsache, dass der ­Partner Sex mit anderen hatte."

Was tun, wenn es mir zu sehr wehtut?

Dann muss neu verhandelt werden, sprich: offen darüber reden und die Vereinbarungen anpassen. Esther und Leo fanden für sich ­folgenden Kompromiss. Erste Regel: nicht mit irgendjemand schlafen, sondern nur mit jemand Besonderem.

Zweite Regel: nur Sex, nicht "Liebe machen", also nix Romantisches – um die Gefahr für die Beziehung zu minimieren. Die Bilanz nach einem knappen Jahr: Leo ging während einer Geschäftsreise fremd, Esther hatte eine Miniaffäre vor Ort.

Wie viele Menschen leben eine offene Beziehung?

Schwer zu sagen. In unserer Online-Umfrage gaben 7 Prozent der 832 Teilnehmerinnen an, sie würden bereits in einer offenen Beziehung leben. Das ist rein statistisch also jedes 14. Paar. Das heißt aber nichts. Die wenigsten tragen solch ein persönliches Arrangement vor sich her. Dazu gilt Fremdsex für viele als moralisch immer noch zu zweifelhaft – vor allem, wenn ihn eine Frau genießt.

Dabei wünscht sich fast ein Drittel der befragten Frauen, Sex mit einem anderen zu haben. An fehlender Lust kann es also nicht liegen. "Vor 70 Jahren waren Sex vor der Ehe und die gemischte Ehe auch noch ­geächtet", erklärt Historikerin Haag. Heutzutage regt sich kaum einer ­darüber auf.

In einer Umfrage von Haag unter 1879 Befragten beider Geschlechter sagten 41 Prozent, dass nichtmonogame Liebe funktionieren kann, wenn sich das Paar darüber verständigt hat. Haag prophezeit deshalb nicht gleich, dass die Beziehungsform bald überwiegen wird, nur dass der Trend langfristig zunimmt.

Für wen eignet sich eine offene Beziehung mit sexuellen Freiheiten?

Nicht alle sind für die neue Freiheit geschaffen: "Die Öffnung der Beziehung ist nur für solche ­Menschen ratsam, die den Partner auch wirklich freigeben können", sagt Psychologe Lendt.

Zwangsläufig ­brauchen beide Partner eine hohe Kommunikationsfähigkeit und sehr viel Vertrauen ineinander. "Die Sache ist dann zum Scheitern verurteilt, wenn man mit der Öffnung eine an­ge­schlagene Beziehung kitten oder etwas kompensieren möchte, was in der Liebe fehlt", erklärt der Psy­chologe.

Ein weiterer häufiger Fehler ist, es nur dem Partner zuliebe zu tun. Das funktioniert nie. Stattdessen sind gewisse Grundvoraussetzungen gefragt: zum Beispiel sexuelle Abenteuerlust und die Bereitschaft, die Beziehung ständig neu auszutarieren.

Was bringt mir eine offene Beziehung?

Wer viel riskiert, kann viel gewinnen – aber auch verlieren. Esther und Leo genossen das Liebesarrangement. Sehr. Bis Esther sich verliebte. Als der Lover sich nicht mehr meldete, war sie verletzt – und Leo tröstete sie. "Das war schwierig. Aber hinterher war ich noch sicherer, dass ich den richtigen Mann liebe", erzählt Esther. Ihre Lektion: Re­den hilft. Immer. Und über alles: Wünsche, Ängste, Liebe und Sex.

"Uns hat das Experiment zusammengeschweißt, auch wenn es jetzt auf Eis liegt", sagt sie. Dafür hat der Sex eine neue Qualität. Und das Gefühl, zusammenzugehören und gemeinsam alles schaffen zu können, ist stärker als jemals zuvor. "Liebe ist Entwicklung! Wir fühlen uns vollkommener, wenn wir lieben, und wir reifen nirgends so sehr wie durch Partnerschaften", so Lendt.

Eine offene Beziehung kann eine Liebe bereichern, wenn ihr offen und fair miteinander umgeht, sexuell und emotional. Vielleicht hält die große Liebe ja dann doch für immer und ewig. Quasi monogam – und fast immer treu.

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