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LiebesLeben: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – Die Ambivalenzen der Liebe

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 08.12.2021 Katja Stenzel

Die Liebe ruft in uns Emotionen hervor, die wir nie für möglich gehalten hätten - im positiven wie im negativen Sinn. Wohin führt das?

Die Liebe schickt uns auf ungeahnte Höhen, aber kann uns auch ins tiefe Abgründe stürzen. Bild: Pexels © ZEITjUNG Die Liebe schickt uns auf ungeahnte Höhen, aber kann uns auch ins tiefe Abgründe stürzen. Bild: Pexels

Katja malt mit Sprache Bilder auf ihre Wortleinwand. In ihrer Kolumne nimmt sie euch mit in ihr Atelier: Als absoluter Gefühlsmensch schreibt sie über die Liebe und das Leben – ein bisschen philosophisch und ein bisschen psychologisch, mit einem Hauch von Melancholie.

Wenn ich eines über die Liebe weiß, dann ist es, dass sie die Macht hat, in uns Gefühle freizusetzen, von denen wir nicht einmal wussten, dass es überhaupt möglich ist, sie in dieser Intensität zu empfinden.

Die Liebe greift, ohne nachzudenken, nach unseren Händen und reißt uns schonungslos mit. Sie zerrt uns auf ein Karussell, fährt mehrere Runden mit uns, sodass uns schwindelig wird und wir infolgedessen im Freudentaumel über den Rummel stolpern, auf der Suche nach dem nächsten Fahrgeschäft.

Sie euphorisiert uns, therapiert uns, macht uns ganz – und hat paradoxerweise zugleich doch auch die Kraft, uns zu brechen. Sie kann uns auf die höchsten Berge treiben, kann uns andererseits aber auch in die tiefsten Täler verweisen. Wer hoch steigt, fällt tief, sagt schon das Sprichwort. Die Liebe ist die einzige Emotion, die die Kraft hat, uns in Abgründe zu stürzen, von denen uns bis dato nicht klar war, dass sie existieren.

Die Achterbahnfahrt der Gefühle

Das wohl prominenteste Beispiel ist die Eifersucht – eines der abscheulichsten Gefühle überhaupt. Allein die Vorstellung, eine Person, die wir lieben, könnte mit einem anderen Menschen eine bessere Zeit haben, lässt uns bitterelend fühlen. Bei dem bloßen Gedanken daran, „unseren“ Menschen zu verlieren, wird uns speiübel. Das positive Gefühl des leicht beschwipst-beschwingten Schwindels verwandelt sich schlagartig in eine ganz andere Art Schwindel, an der sich rein gar nichts mehr gut anfühlt.

Liebe ruft Ängste in uns hervor. Eifersucht ist nur eine von vielen Formen. Wir sorgen uns, wenn es einer Person, die wir lieben, nicht gut geht. Wir sorgen uns, wenn sie krank ist. Wir sorgen uns, wenn sie nachts unterwegs ist und nicht wiederkommt. Ist ihm oder ihr vielleicht etwas zugestoßen? Wir sorgen uns, wenn die Person eine weite Strecke mit dem Auto fährt und nicht sofort Bescheid gibt, wenn sie gut angekommen ist. Ist etwas passiert? Liebe bringt immer auch Sorgen und Ängste mit sich.

Wenn ich mir das so vor Augen führe, dann will ich mir gar nicht vorstellen, wie es wohl sein muss, ein Kind zu haben – ein kleiner Mensch, den man wahrscheinlich noch viel mehr liebt, als man eine*n Partner*in je lieben könnte; den man mehr liebt als alles andere auf dieser Welt. Ist es überhaupt noch möglich, eine Nacht in Frieden zu verbringen? Ruhig zu schlafen? Ich bezweifle es.

Aber bevor wir über Kinder sprechen, lasst uns vorerst zurück zur Liebe im romantischen Sinne kommen. Denn es gibt noch eine weitere negative Emotion, mit der man wahrscheinlich hin und wieder zu kämpfen hat, wenn man jemanden liebt und plötzlich die Schattenseiten dieser Liebe hindurchschimmern: Wut. In meiner ersten Beziehung habe ich sehr oft Wut empfunden, die mir in diesem Ausmaß zuvor so gut wie fremd war.

Zugegeben: Mit mir und meinem Ex-Freund sind zwei Menschen aneinandergeraten, die in Kombination eine hochexplosive Mischung abgegeben haben. Wir haben uns ziemlich oft gestritten und einander gegenseitig nicht verstanden, weswegen ich meistens eigentlich grundlegend ein bisschen passiv-aggressiv gestimmt und darüber hinaus auch wirklich häufig wütend war. Wir sind uns angegangen, haben uns angeschrien und ich bin oftmals sowohl vor ihm als auch vor mir selbst erschrocken – beziehungsweise vor dem, was wir einander an den Kopf geworfen und was wir darüber hinaus noch getan haben. Kaum ein anderer Mensch auf der Welt hat so viel von meiner Wut zu spüren bekommen wie mein Ex-Freund – und das, obwohl ich auch rückblickend noch sagen würde, dass ich ihn sehr geliebt habe. Dass man jemanden liebt, heißt aber noch lange nicht, dass diese Liebe auch gesund ist. Die immense Wut, die ich meinem Ex-Freund gegenüber empfunden habe, ist das beste Beispiel dafür.

Hass und Liebe liegen so nahe beieinander, Schatz

Eine Emotion, die noch extremer ist als Wut, ist Hass. Ein Freund von mir hat mal über eine Frau, die er eigentlich geliebt hat, gesagt: „Ein Teil von mir hasst sie“ – ich werde den Klang dieser Worte aus seinem Mund nie vergessen. Vielleicht, weil er etwas ausgesprochen hat, was viele Menschen hin und wieder für ihre Partner*innen empfinden. Es ist erschreckend, wie nahe Hass und Liebe manchmal beieinander liegen.

Und vor allem ist es völlig absurd, dass Liebe als das positivste aller Gefühle Emotionen in uns hervorrufen kann, die von Grund auf negativ sind. Hass ist dabei natürlich ein besonders intensives Gefühl, das die Frage aufwirft: Kann es sich überhaupt um Liebe handeln, wenn man zwischenzeitlich das Gefühl hat, die Person zu hassen?

Intuitiv würde ich die Frage mit Ja beantworten, denn auch ich habe in bestimmten Momenten Menschen gehasst, von denen ich mit großer Gewissheit sagen kann, dass ich sie wirklich sehr geliebt habe – jedenfalls nach meinem zur jeweiligen Zeit aktuellen Verständnis von Liebe.

Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass ich alle Menschen, für die ich im Laufe meines bisherigen Lebens zeitweise so etwas wie Hass empfunden habe, eigentlich sehr geliebt habe. Vielleicht braucht es eine gewisse emotionale Grundlage, damit man ein so intensives Gefühl wie Hass überhaupt empfinden kann. Eine Liebe, von der man in einzelnen Momenten so enttäuscht ist, dass sie in ihr Gegenteil umschlägt.

Liebe kann ambivalent sein. Und gerade weil sie so großes Potenzial birgt, negative Emotionen freizusetzen, ist es wichtig, darauf zu achten, wen man sich an seine Seite holt. Und weil ich weiß, dass man sich nicht aussuchen kann, wen man liebt, möchte ich an dieser Stelle mal wieder einen Dialog aus meiner Guilty-Pleasure-Serie Gossip Girl zitieren:

„Wen man liebt, kann man sich nicht aussuchen.“

– „Aber man kann sich aussuchen, auf welche Art man denjenigen liebt. Und es gibt nun einmal Menschen, die kann man nur aus der Ferne lieben.“

Es gibt Menschen, die ich geliebt habe und die immer einen Platz in meinem Herzen haben werden. Aber ich weiß mittlerweile, dass es bei dem Menschen, mit dem man den Großteil seiner Zeit verbringt, nicht nur wichtig ist, dass man ihn liebt, sondern auch, dass man miteinander harmoniert. Dass man sich ergänzt. Dass man die Schwächen des anderen akzeptieren kann und dass man seine Stärken gegenseitig noch mehr zum Vorschein bringt.

Liebe ruft intensive Emotionen in uns hervor – sowohl positive als auch negative. Gelegentlich werden wir in jeder Liebe tiefe Abgründe erblicken. Aber es geht darum, wie oft wir in Tälern und wie oft wir auf Bergen stehen.

Denn ja: Liebe greift, ohne nachzudenken, nach unseren Händen und reißt uns schonungslos mit. Sie zerrt uns auf ein Karussell, fährt mehrere Runden mit uns, sodass uns schwindelig wird. Entweder überwiegt die Art Schwindel, die dafür sorgt, dass uns speiübel wird – oder es überwiegt die Art Schwindel, die uns im Freudentaumel über den Rummel stolpern lässt. Die Entscheidung liegt bei uns.

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Bildquelle: cottonbro on Pexels; CCO-Lizenz


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