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Phänomen „365 Days“: Warum der Chauvi-Netflix-Softporno paradoxerweise bei Frauen so gut ankommt

ELLE-Logo ELLE 07.07.2020 Britta Wintgens
Netflix-Erotik-Hit „365 Days“ Getty Images , dvulikaia © Getty Images , dvulikaia Netflix-Erotik-Hit „365 Days“ Getty Images , dvulikaia

Ausgerechnet ein „Fifty Shades of Grey“-Abklatsch avanciert gerade zum absoluten Netflix-Hit des Sommers: Die polnische Softporno-Version „365 Days“ polarisiert – und wird trotzdem gerade von Frauen geliebt! Dabei könnte der Plot nicht frauenverachtender sein: Stinkreicher, brandgefährlicher Mafioso entführt wunderschöne, anderweitig liierte Frau, sperrt sie in seine Gemächer ein, fesselt und dominiert sie. Bis zum ersten Blowjob vergehen dann 68 Minuten.

Und die Lehr‘ von der Mär: Wenn du dich einem Mann komplett unterwirfst, wirst du mit Yachturlaub, Millionen und multiplen Orgasmen belohnt. Das Makabre: Dieses Stück stammt nicht etwa aus der Feder eines chauvinistischen Mannes, sondern ist die Romanvorlage der Polin Blanka Lipińska – und wurde von einer Drehbuchautorin adaptiert… vielen Dank für nichts!

365 Days: BDSM zum Schmunzeln und Augenrollen

Er ist ein Macho par excellence und erfüllt alle Attribute: muskulös, riesengroß, attraktiv, Anzug- und Waffenträger, natürlich tätowiert. Und er ist besessen. Von dieser einen Frau, die ihm in seinem Traum erschienen ist, kurz bevor er von einer Kugel getroffen wird und halb verblutet. Und selbstverständlich muss man das Objekt der Begierde zu seinem Glück zwingen. Notfalls eben mit Gewalt. Hilft ja nix. Schließlich ist dieser Mann unwiderstehlich und darf sich selbstverständlich nehmen, was er braucht. Dass sie sich ein wenig ziert, als die Beute gefangen ist, macht das Spiel doch umso reizvoller. Oder etwa nicht?

Anschnallen, Mr. Grey! Fifty Shades of Dingens bekommt Konkurrenz

Aber ein Glück, dass dieser Mann ja in seinem riesigen Fort Knox eine begehbare Dusche hat, die so groß ist wie anderer Leute Wohnung. Und dort trifft man sich dann eben morgens. Ganz zufällig. Und zufällig splitterfasernackt. Mit leicht zerzausten Haaren. Und welch Überraschung – die von ihrer Beziehung zu einem unattraktiven Primitivling gelangweilte und sexuell ausgehungerte Frau findet langsam Gefallen an diesem Adonis. Weil: Sein Body ist nun mal a wonderland! Und seine Libido offensichtlich auch. Also ran an den Speck… pardon, an das testosterongeladene Muskelpaket!

Geht da jetzt bitte endlich was!?

Na, na, na, nicht so schnell! Wer wird denn hier das Vorspiel überspringen wollen? Stil- und klischeesicher ziert sich jetzt natürlich der Mann. Denn: Er bestimmt die Spielregeln und das Tempo. Nicht sie. Da muss dann leider die völlig hungrige Frau direkt mal ans Bett gefesselt werden und darf nur zugucken, wenn es ihm eine Mätresse nach allen Regeln der Kunst besorgt. Das weckt die Eifersucht und die Sehnsucht ins Unermessliche. So ist es nicht verwunderlich, dass sie in Minute 58 nach diesem Mann lechzt und ihn förmlich anfleht („Bitte tue es!“). Während er nur ein müdes „Ich werde mit dir machen, was ich will“ entgegenzusetzen hat. Mit „uneingeschränktem Zugriff auf deinen Körper“, versteht sich.

Und dann passiert es doch. Mit einer plumpen „Du bist nass“-Feststellung ihrerseits muss er nach einem unfreiwilligen Bad im Meer seine Unterhose ausziehen – nicht dass man hier noch eine gefährliche Harnwegsinfektion riskiert. Und dann wird auch schon oral losgelegt.

365 Days: Glorifizierung des Stockholm-Syndroms

Das mag jetzt alles sehr trivial und beinahe schon urkomisch klingen – aber dahinter steckt leider am Ende des Tages eine ernstzunehmende Gefahr: Das Netflix-Movie (FSK: 16) ist letztlich eine Parabel auf das sog. Stockholm-Syndrom, das besagt, dass sich Entführungsopfer aus der Abhängigkeit heraus in ihren Peiniger verlieben. Nur leider sehen die Priklopils und Fritzls in realita nicht so aus wie dieser italienische Gigolo. Es ist ein völlig überzogenes Märchen, das Misogynie sowie emotionalen Missbrauch unterstützt und unterschwellig jungen Frauen suggeriert: Ein Mann darf dich besitzen, ein Mann darf mit dir anstellen, was er will. Vor allem dann, wenn er stinkreich ist. Sei ein Golddigger und wenn du nur genug artig bist, dann wirst du am Ende vielleicht ja sogar von diesem Widerling geheiratet. Der sich irgendwann in einen Prinzen verwandelt.

Mit Filmen wie diesen werden Unterwerfungsfantasien verherrlicht – und salonfähig gemacht. Und das wiederum ist eine Botschaft, die gerade in Zeiten von MeToo und Female Empowerment einen frustrierenden und verstörenden Rückschritt bedeutet.

Auch die Sängerin Duffy klagt an

Die Juso möchte „365 Days“ seit Erscheinen verbieten. Weil er frauenfeindlich sei. Und Stalking sowie sexuelle Gewalt verharmlose. Auch die britische Organisation Pro Empower hat sich eingeschaltet und kämpft für die Löschung des Films. Und die britische Sängerin Duffy erhebt schwere Vorwürfe. Weil sie selbst vor Jahren entführt, unter Drogen gesetzt und vergewaltigt wurde. In einem offenen Brief wandte sie sich direkt an Netflix-Boss Reed Hastings: Sie sei schockiert, dass Netflix „eine Plattform für solches ‘Kino‘ bietet, das Entführungen erotisiert und sexuelle Gewalt und Menschenhandel als ‘sexy‘ Film verzerrt“. Paradoxerweise spielte der Erotik-Streifen in Polen an den Kinokassen rund 9 Millionen Euro ein und landete direkt auf Platz 1 der deutschen Netflix-Charts. Und: Der Streaming-Dienst möchte auch Teil 2 und 3 des Buches verfilmen…


Video: Ungewöhnliche Phobien: Davor haben Menschen Angst (ItsinTV)

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