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Durchgesuchtet: das (Hör-)Buch „American Gods“ von Neil Gaiman

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 09.11.2019 Felicia Hofmann

American Gods jagt uns über die Amerikanischen Highways, begleitet von Trick-Betrügern, Göttern und toten Ehefrauen.

© ZEITjUNG

Wer einmal ein Buch von Neil Gaiman gelesen oder gehört hat, kann sich seinen geheimnisvollen, charismatischen Geschichten nicht wieder entziehen. Seine Fantasie brennt für das Untergründige, für das Irrwitzige, für alles was wir Normalsterblichen nicht so ganz zu fassen vermögen. Wo wir mit Sinn und Verstand darum ringen, zu verstehen, es uns aber nie richtig gelingt, da setzt er an, da entführt er uns in Welten, wo Sinn und Verstand so ungreifbar sind, wie die Nebelschwaden auf den nie zur Ruhe kommenden Friedhöfen eben dieser Welten. Er verwischt Grenzen und Horizonte, da wo keine sein sollten, er taucht in tiefe Ozeane, bis er den Meeresboden durchdringt und auf der anderen Seite auf neue Universen stößt. Und wir reiten mit auf den Rücken der Götter, begeistert, verwirrt, geblendet, aber immer voll ekstatischer Neugier auf die nächste Wendung, die uns keiner so waghalsig zumuten kann wie Neil Gaiman.

Alt gegen jung

Amerikas alte Götter stecken in der Krise: Vor Jahrhunderten kamen sie mit ihren Anbetern auf Schiffen aus Afrika und Europa ins Land der unendlichen Möglichkeiten und hofften, wie ihre Menschen, auf ein erfüllteres Dasein und gesicherte Existenz. Doch mit dem Fortschreiten der neuen Welt, mit der Entwicklung neuer Technologien und Werte, geraten die einst vorherrschenden Götter immer mehr in Vergessenheit: die neuen Götter des Fernsehens, des Internets und des Kapitalismus übernehmen die Macht in Amerika und gewinnen die Gunst der Menschen. Sie sind jung und schön und heiß begehrt, sie fahren in Limousinen und leisten sich teure Schuhe. Währenddessen schlägt sich der nordische Allvater Odin als Trick-Betrüger durch, Bilquis, eine Göttin der Liebe, verschlingt Männer in schmuddeligen Highway-Motels und der ägyptische Totengott Anubis leitet mit seinem Kumpel Thot ein schlecht besuchtes Bestattungsinstitut.

Ein mysteriöser Mr. Wednesday will das ändern: Er engagiert Shadow – ein Mann wie sein Name und kein Freund großer Worte – als seinen Bodyguard und zusammen begeben sie sich auf einen furiosen Roadtrip durch ganz Nordamerika. Mr. Wednesday will die alten Götter seines Landes zusammentreiben, um in einen großen, allesentscheidenden Krieg gegen die jungen Götter zu ziehen. Unterwegs treffen die beiden immer wieder auf Shadows verstorbene Ehefrau, die als Wiedergängerin von den Toten zurückgekehrt ist, werden zeitweilig von einem irischen Leprechaun begleitet und geraten in die Fänge des sehr zwielichtigen Mr. World. Und am Ende weiß Shadow selber nicht mehr, was auf dieser Reise Traum, Realität oder Parallelwelt war.

Zwischen Olymp und Highyway-Diner

Mit American Gods schafft Neil Gaiman eine stimmungsvolle Roadtrip-Romantik, irgendwo zwischen antikem Götterolymp und schmuddeligen Highway-Diners, ihre grellen Leuchtreklame fast schmerzhaft gegen den dunklen Nachthimmel. Die Geschichte lebt von zahlreichen Nebenerzählungen, die die Mythologien hinter den einzelnen Göttern lebendig machen und ihre Reise aus dem Herkunftsland über Sklavenhandel oder Gesetzesflucht schildern. So lernen wir Götter des westafrikanischen Voodoo-Glaubens kennen, begegnen der biblischen Königin von Saba und Ostern oder treffen im kalten Norden auf Loki, Bruder des Odin. Und schließlich führt uns Gaiman an die Erkenntnis, dass sie alle ohne den Glauben der Menschen nichts weiter sind als Schwindler und Prostituierte.

Es ist aber nicht nur spannend und rasant erzählt, sondern auch so detailreich und ausgearbeitet, dass wir nebenbei auch noch ganz viel über diese Mythologien aus aller Welt erfahren: Was der Wochentag Mittwoch mit Odin und Loki zu tun hat, was der Spinnengott Anansi für die westafrikanische Religion der Akan bedeutet und wo sich Jesus so rumtreibt, wenn er gerade nicht am Kreuz hängt. Aber nicht nur mit den Göttergeschichten schafft es Gaiman, uns mit seinen guterforschten Legenden in den Bann zu ziehen. Wir möchten alles googeln und nachforschen und weiterlesen und wenn wir dann googeln und weiterlesen, erkennen wir, dass es das House on the Rock, wo Mr. Wednesday ein großes Treffen organisiert, tatsächlich gibt. Es steht in Wisconsin, USA, und ist für seine architektonische Einzigartigkeit bekannt – inklusive dem riesigen Karussell mit 269 Figuren und 20.000 Glühbirnen. Oder dass der Weltenbaum Yggdrasil eigentlich eine Esche ist und in der nordischen Geschichte die Schöpfung verkörpert. Und wer schließlich noch mehr aus Gaimans Feder über Parallelwelten und vermenschlichte Götter lesen oder hören will, ist mit „Anansi Boys“ oder „Norse Mythology“ bestens bedient. Denn kein anderer verbindet uraltes Wissen so aufregend bunt mit Unterhaltung wie er.

Den aufziehenden Herbstwolken lauschen

American Gods ist mittlerweile auch als Serie verfilmt worden. Wie aber alle, die jemals verfilmte Bücher gesehen haben, behaupten würden, wird die filmische Umsetzung gerade diesem Buch überhaupt nicht gerecht. Die Macher von „Hannibal“ setzen auf viel Blut, Kopfweh-Cuts und düstere Bilder. Mit wenig Feingefühl versuchen sie der Geschichte zu folgen und schaffen es nicht. Deshalb unbedingt lieber das Hörbuch durchsuchten, als die Serie! Und die Stimmung könnte nicht passender sein: Wie sich nämlich über Amerika Bedrohliches zusammenbraut, ziehen auch bei uns langsam die schweren Herbstwolken auf. Perfekt um sich mal wieder ein Bad zu gönnen oder mit einem Tee aufs Sofa zu kuscheln – und dem nahenden Unheil in Stefan Kaminskis Stimme zu lauschen.

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Bildquelle: Eichborn Verlag

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