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Primark: Kann ein Shirt für 8 Euro wirklich fair sein, Herr Krogmann?

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.01.2020 Ileana Grabitz, Zacharias Zacharakis

Ausgerechnet der Deutschlandchef von Primark sagt, sein Textildiscounter sei vorbildlich bei der Wahrung von Menschenrechten. Er fordert strengere Regulierung für alle.

Wolfgang Krogmann, Deutschlandchef des Textildiscounters Primark (in Münster) © Guido Kirchner/​dpa Wolfgang Krogmann, Deutschlandchef des Textildiscounters Primark (in Münster)

Wolfgang Krogmann ist seit 2010 Deutschlandchef der Modekette Primark. Der Textildiscounter betreibt in Deutschland 28 und international 370 Läden. Gegründet wurde Primark 1969 in Irland.

ZEIT ONLINE: Herr Krogmann, kleidet man sich als Primark-Manager eigentlich auch selbst ganz in Primark?

Wolfgang Krogmann: Na, unbedingt! Alles, was ich heute anhabe, die Jeans, der Pulli, die Socken und auch die Unterhose, kommt aus dem Hause Primark. Alles. Bis auf die Schuhe.

ZEIT ONLINE: Und was haben Sie für das Outfit bezahlt?

Krogmann: Da muss ich kurz nachrechnen. Die Jeans 16 Euro, das T-Shirt 8 Euro, die Unterhose … Also, was ich jetzt anhabe, hat insgesamt weniger als 45 Euro gekostet.

ZEIT ONLINE: Das ist überschaubar. Kann Primark diese Preise nur anbieten, weil es an anderer Stelle faule Kompromisse eingeht, etwa bei den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in Bangladesch?

Krogmann: Nein! Der Preis sagt nichts darüber aus, unter welchen Bedingungen produziert wurde. Er sagt höchstens etwas darüber aus, ob ein Unternehmen in seiner Kalkulation einen hohen oder einen niedrigen Preisaufschlag vornimmt. 98 Prozent der Produktionsstätten, die Produkte für Primark herstellen, fertigen auch Kleidung für die Wettbewerber, die ihre Textilien zu ähnlichen Preisen einkaufen wie wir, sie dann aber zu deutlich höheren Preisen auf den Markt bringen. Wir Discounter setzen auf hohe Stückzahlen, um möglichst geringe Preisaufschläge anzubieten. Die anderen lassen vielleicht noch hochwertige Etiketten einnähen oder die Ware einzeln verpacken und schlagen dann beim Preis auf.

ZEIT ONLINE: In der Textilbranche gilt in der Regel, Einkaufspreis mal drei ist gleich Verkaufspreis. Gilt das bei Ihnen auch?

Krogmann: Nein, wir liegen deutlich darunter.

ZEIT ONLINE: Im Geschäftsjahr 2019 haben Sie trotzdem einen operativen Gewinn von 913 Millionen Pfund erzielt. Wie geht das?

Krogmann: Wir tun eben alles dafür, die Kosten so gering wie möglich zu halten. Unsere Ware wird bei den Lieferanten zum Beispiel direkt gekennzeichnet und in Kartons gepackt, die ungeöffnet direkt an die Filialen gehen. Alle Zwischenschritte sparen wir uns. Wir machen kaum Werbung und wir betreiben keinen Onlinehandel. Das spart viel Geld. Hinzu kommt, dass wir auf eine sehr schlanke Organisation setzen. Ich bin zum Beispiel gemeinsam mit einer Kollegin für 7.000 Leute zuständig, wir haben aber keine Assistentin. Die Arbeit machen wir selbst.

ZEIT ONLINE: Aber wie können Sie von hier aus sicherstellen, dass wirklich alle Zulieferer in Produktionsländern wie Indien oder Bangladesch zu jeder Zeit zu fairen Bedingungen arbeiten?

Krogmann: Indem wir unsere Lieferanten und deren Fabriken engmaschig kontrollieren. Unsere Ethikdirektorin in London leitet ein Team von mehr als 110 Spezialisten, die vor Ort in den Zuliefererfabriken regelmäßig Prüfungen durchführen. Allein im vergangenen Jahr waren das annähernd 3.500 Stück. Bei diesen Prüfungen geht es in erster Linie nicht um betriebswirtschaftliche Eckdaten, sondern um die Einhaltung unserer ethischen Standards, die wir in einem Kodex formuliert haben. Dieser Kodex basiert auf den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der UNO und muss von unseren Lieferanten eingehalten werden. Die darin enthaltenen Vorgaben betreffen etwa die Arbeitszeiten und die Bezahlung, die Pausenzeiten und die Mitbestimmungsrechte genauso wie Sicherheits- und Umweltstandards. 

ZEIT ONLINE: Aber am Ende bekommt man vor Ort doch nur eine Momentaufnahme. Oder noch schlimmer, ein geschöntes Bild, das die Zulieferer extra für die Prüfer inszenieren.

Krogmann: Nein, unsere Prüfungen sind sehr umfangreich. Wir gehen zum Beispiel auch in die Personalbüros und schauen uns genau an, wie die Stunden abgerechnet werden. Wir fragen die Mitarbeiter, ob sie ihr Gehalt erhalten haben. Und wir führen auch anonyme Befragungen durch, um herauszufinden, wie sich die Belegschaft vom Management behandelt fühlt. Wir suchen aktiv nach Fehlern, mit dem Ziel, die Standards langfristig zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Bräuchte es nicht externe Prüfkompetenz, um da wirklich zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen?

Krogmann: Wir arbeiten mit externen Prüfern vor Ort zusammen, aber auch mit zahlreichen Partnern. Wir sind zum Beispiel Mitglied der britischen Ethical Trading Initiative, die die Achtung der Arbeitnehmerrechte weltweit fördert. Wir führen aber inzwischen seit vielen Jahren auch eigene Prüfungen durch und dokumentieren die Ergebnisse jedes Jahr detailliert. Daran lässt sich ablesen, dass wir über die Jahre Verbesserungen erreicht haben.

Ist billig notwendigerweise unethisch? Primark-Store in Großbritannien © Hollie Adams/​Bloomberg/​Getty Images Ist billig notwendigerweise unethisch? Primark-Store in Großbritannien

ZEIT ONLINE: Ihre Bemühungen sind freiwillig. Aus Sicht einiger deutscher Minister reicht das aber nicht aus. Sie fordern ein Lieferkettengesetz, mit dem Unternehmen zu fairen Produktionsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verpflichtet werden sollen. Was halten Sie davon?

Krogmann: Wir unterstützen die Einführung eines Lieferkettengesetzes sehr, auch wenn wir die Details noch nicht kennen. Wir schließen uns auch dem offiziellen Aufruf von mehr als 40 Unternehmen an, ein solches Gesetz auf den Weg zu bringen und zu beschließen.

ZEIT ONLINE: Aber warum? Große Teile der deutschen Wirtschaft schlagen Alarm, weil sie den zusätzlichen Aufwand und vielleicht auch Sanktionen fürchten.

Krogmann: Weil es dazu führen wird, dass sich die Einhaltung von Menschenrechten verbessert. Weil sich alle Firmen dann an dieselben Auflagen halten müssen. Und damit wäre endlich auch ein Vorwurf vom Tisch: Dass ein billiges T-Shirt unter Missachtung von Menschenrechten produziert worden ist. Billig heißt nicht notwendigerweise unethisch, das ist eine Mär.

Faire Produktionsbedingungen haben aber absolute Priorität, egal, was es kostet

ZEIT ONLINE: Müssen Sie nicht fürchten, dass Ihr knapp kalkuliertes Preismodell schnell an Grenzen gerät, wenn es strenge Auflagen gibt?

Krogmann: Nein, im Gegenteil. Wir hoffen sehr, dass das Gesetz kommt. In England gibt es schon seit 2015 den sogenannten Modern Slavery Act, der Unternehmen zu Sorgfaltspflichten gesetzlich verpflichtet. Insofern sind wir überzeugt, dass wir auch in Deutschland den entsprechenden Anforderungen gerecht werden. Falls Deutschland höhere Auflagen vorgibt, müssen wir natürlich nacharbeiten. Taktgeber ist dann immer das Land, das die schärfsten Vorgaben macht.

ZEIT ONLINE: Auch Frankreich hat schon ein entsprechendes Gesetz. Was bringt ein solcher Flickenteppich der Regulierung in einer globalisierten Marktwirtschaft?

Krogmann: Natürlich ist das nicht optimal. Mit gutem Grund wurde vor Jahren auf einem G-7-Gipfel entschieden, dass es eine weltweit bindende Regelung braucht. Aber die gibt es noch nicht. Insofern müssen wir auf nationaler Ebene anfangen.

ZEIT ONLINE: Uns wundert Ihre Sorglosigkeit. Hat Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer nicht einen Punkt, wenn er angesichts des Lieferkettengesetzes davon spricht, dass er bald mit beiden Beinen im Gefängnis steht?

Krogmann: Wir unterliegen in England seit dem Jahr 2015 dem Modern Slavery Act. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir haben vor sieben Jahren in Indien ein Baumwollprojekt gestartet und 1.251 Farmerinnen ausgebildet, wie man umwelt- und sozialverträglich höhere Produktivität erreicht. Das war aufwendig, hat aber den Vorteil, dass wir jetzt alle Produktionsschritte genau kennen und auch kontrollieren können. Wir haben dieses Modell nun auf andere Länder übertragen. Bis Ende 2022 sollen im Rahmen von Primarks Förderprogramm für nachhaltige Baumwolle 160.000 Farmer in Indien, Pakistan und China im Anbau nachhaltiger Baumwolle geschult werden.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Zusatzkosten müssen Sie rechnen, wenn das Gesetz in Deutschland kommt?

Krogmann: Das wissen wir erst, wenn wir das Gesetz kennen. Noch ist nichts formuliert. Faire Produktionsbedingungen haben aber absolute Priorität, egal, was es kostet. Wenn wir große Mehrkosten haben, müssen wir die an anderer Stelle wieder reinholen. Sonst wären wir kein Discounter mehr. Die Kunden kommen zu uns, weil sie billig einkaufen wollen. Wir werden kaufmännisch alles tun, um unsere niedrigen Preisaufschläge zu halten.

ZEIT ONLINE: Wie sind denn Ihre Erfahrungen mit dem Modern Slavery Act? Gab es Auffälligkeiten bei Ihren Zulieferern, und wenn ja, wie wurden die sanktioniert?

Krogmann: Wir führen jedes Jahr mehr als 3.000 Überprüfungen in den Fabriken unserer Zulieferer durch und suchen aktiv nach Fehlern. Wenn wir Fehler finden, analysieren wir sie, besprechen sie mit unseren Zulieferern und fordern sie auf, das abzustellen. In Ausnahmefällen kann es dazu kommen, dass wir uns von einem Zulieferer oder einer Fabrik trennen. 

ZEIT ONLINE: Und? Von wie vielen Partnern haben Sie sich getrennt?

Krogmann: Dazu kann ich mich nicht äußern. Grundsätzlich ist es aber unser Ziel, langfristig mit unseren Zulieferern zusammenarbeiten. Ein Lieferantenhopping, wenn einer einen Fehler macht, führt nicht dazu, dass sich die Prozesse für die Menschen verbessern.

Einige T-Shirts habe ich bei Primark vor zehn Jahren gekauft und trage sie immer noch

ZEIT ONLINE: Ein Argument gegen ein Lieferkettengesetz lautet, dass es die Entwicklung in den Schwellenländern bremst, wenn sie sich an unsere strengen Regularien halten müssen. Was halten Sie davon?

Krogmann: Man kann durch eine langfristige und gute Kooperation die Dinge vor Ort wirklich verändern. Und zwar auch so, dass die Lieferanten und Fabrikbesitzer das mit den Mitteln schaffen, die ihnen zu Verfügung stehen.

ZEIT ONLINE: Neben den Sozialstandards wird für die Textilindustrie die Umweltfrage immer wichtiger. Der CO2-Ausstoß der Branche ist immens. Halten Sie das schnelllebige Modegeschäft in Zeiten der Klimakrise noch für vertretbar?

Krogmann: Unsere Produkte sind dafür geschaffen, lange zu halten. Das kann ich selbst bestätigen. Einige T-Shirts habe ich bei Primark vor zehn Jahren gekauft und trage sie immer noch. Viele unserer Kunden können sich übrigens auch gar nicht die Frage stellen, ob sie unser T-Shirt wegwerfen wollen. Sie können sich das schlichtweg nicht leisten. Kunden, die Sachen einmal tragen und wegschmeißen, stellen sicherlich nicht die Mehrheit dar.

ZEIT ONLINE: Ist es für die Textilindustrie angesichts globaler Lieferketten überhaupt vorstellbar, klimafreundlicher zu produzieren, vielleicht sogar CO2-neutral?

Krogmann: Als wir begonnen haben, uns mehr Gedanken über die Produktionsbedingungen zu machen, stand die Situation der Beschäftigten im Vordergrund. Mittlerweile hat sich das Feld natürlich erweitert. Wir haben eine ganze Reihe von Projekten aufgesetzt, um in der Produktion stärker Energie zu sparen und weniger chemische Mittel einzusetzen. 2014 hat Primark etwa die Detox-Verpflichtung von Greenpeace unterzeichnet. Diese hat das Ziel, über die geltenden EU- und US-Gesetze hinaus bestimmte Chemikalien aus der Lieferkette zu entfernen.

ZEIT ONLINE: Die Frage ist, ob das ausreicht. Gerade Ihre junge Zielgruppe, die Fridays-for-Future-Generation, dürfte genau hinschauen. Ist das für Sie nicht ein Riesenproblem?

Krogmann: Wir beobachten natürlich, was gesellschaftlich um uns herum passiert und wollen uns dieser Debatte nicht verschließen. Wenn wir keine Antworten geben, könnte das zum Problem werden. Wir stehen mit unseren Kritikern aber in Kontakt und hören genau zu. Wir müssen sehen, dass wir auch in Zukunft ein Unternehmen bleiben, das für die jungen Menschen attraktiv ist.

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