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Impfgegner: Sie reden von Sorge um die Freiheit, doch eigentlich geht es um Frustrationen

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 13.12.2021 Maurizio Ferraris
Ein grosses Pflaster für eine kleine Spritze. Und trotzdem fürchten sich manche vor dem Piks. Angel Navarrete / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Ein grosses Pflaster für eine kleine Spritze. Und trotzdem fürchten sich manche vor dem Piks. Angel Navarrete / Bloomberg

Noch selten wurde so intensiv über die Freiheit debattiert wie in den letzten zwei Jahren. Gleich mit Beginn der Pandemie ging es los, als manche behaupteten, das Virus sei bloss ein Vorwand, um eine biopolitische Diktatur zu errichten. Als wäre es eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewesen, bekamen wir es sodann mit dem Lockdown zu tun, mit Masken, Impfstoffen und Zertifikaten. Eine Massnahme folgte der nächsten, so dass wir alsbald vergassen, dass in manchen Ländern nach Ausbruch der Pandemie sogar das Tragen von Hygiene-Handschuhen vorgeschrieben war.

Wer heute gegen die Impfung ist, stellt sich als Opfer einer verfolgten Minderheit dar. Verfolgt aber wofür? Der Rasse wegen? Oder wegen politischer oder religiöser Überzeugungen? Nein, wegen einer Impfung. Wenn aber der Widerstand hauptsächlich mit den unbekannten Langzeitfolgen begründet wird, dann könnte man geradeso gut gegen das Leben protestieren, dessen Ausgang in der langen Frist allerdings feststeht: Es endet tödlich. Man wird einwenden, dass es bei der Impfung um mehr gehe, denn es stehe nicht weniger als die Freiheit auf dem Spiel. Machen wir uns darüber doch ein paar Gedanken. Denn wie stets bei grundlegenden Ideen: Auch über Freiheit kann man in vielerlei Art reden.

Freiheit bedeutet zunächst einmal die Möglichkeit, frei zu sein von Zwängen, wie sie einem beispielsweise mit der Zertifikatspflicht auferlegt werden. Ein Slogan der italienischen Impfgegner lautet: «Erst haben sie Schafe geimpft, jetzt sind die Wölfe dran.» Es müsste aber ein seltsamer Wolf sein, der sich vor einer Impfung fürchten würde, und es müssten komische Schafe sein, die zum Nutzen der Gemeinschaft ein Risiko eingingen – und liege es auch in weiter Ferne.

Zweifel ohne Ende

In Turin trug im letzten Sommer ein Demonstrant ein anderes Motto vor sich her , das nun wiederum eine sehr paradoxe Haltung zum Ausdruck brachte, die vermutlich noch nicht einmal der Urheber selber durchschaute: «Lieber tot als versklavt.» Der junge Mann riskierte nichts, da waren keine berittenen Kosaken zur Stelle, um den Protest zu beenden, und auch keine Wasserwerfer, nicht so, wie Monate später in Triest. Dort beschuldigte ein Demonstrant die Polizei, ihre Mitarbeiter seien verantwortlich für seine Erkältung. Wenn aber der Turiner Impfgegner überzeugt war, dass ein Verzicht auf die Impfung den Tod bedeutete, was ihn intelligenter erscheinen liesse, als man zunächst denken würde, so versteht man erst recht nicht, warum er denn überhaupt demonstrierte.

Freiheit heisst zweitens, die eigene Meinung frei äussern zu dürfen. Auch das scheint in unseren Demokratien garantiert zu sein. Seltsamerweise richtet sich, jedenfalls in Italien, heftiger Protest gegen das angeblich doktrinäre Denken. Mit der Impfkampagne, so heisst es, sei sogar der Zweifel in die Verbannung geschickt worden. Nun steht es allerdings ausser Frage, dass die Mitglieder der Gruppe «Dubbio e precauzione» («Zweifel und Vorsicht»), die sich in Italien in diesen Tagen zur Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten geformt hat, so viel zweifeln dürfen, wie sie wollen, und es auch bereits zuvor schon durften.

Man wird aber sehen müssen, welche praktischen Folgen ihre Position haben wird. Sie werden sich selbstverständlich nicht auf Zweifel beschränken, sondern hoffentlich begründete Überzeugungen äussern, die ihrerseits wieder in Zweifel gezogen werden dürfen. Das könnte sich dann endlos in einem hermeneutischen Zirkel fortsetzen, was zwar in einem akademischen Seminar interessant sein mag, aber untauglich ist in der Politik. Es sind nicht nur Philosophen, die solche Ideen verbreiten, es finden sich in der Gruppe auch Wissenschafter anderer Disziplinen, Politiker, einige Journalisten sowie natürlich manche Querulanten. Ich wünschte mir nur, es entginge keinem das Paradox, dass sich hier am Ende der Zweifel in den eigenen Schwanz beisst.

Es gibt eine weitere, etwas kompliziertere Vorstellung von Freiheit. Es ist jene des Denkens, die im Grund niemand bedrohen kann. Denn keinem kann der Glaube verboten werden, die Erde sei flach, das Virus sei Ergebnis einer Verschwörung oder die Impfung sei gefährlicher als die Krankheit selbst. Die grundlegende Idee der Aufklärung besteht nach Kant darin, autonom denken zu lernen, auch auf die Gefahr hin, Fehler zu machen. Indessen erlaube die Freiheit des Denkens nicht, so ergänzt Kant, die eigenen Ansichten über jene des Gemeinwesens zu stellen. Dabei berief er sich auf ein Friedrich dem Grossen zugeschriebenes Bonmot: «Räsoniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!»

Dringendere Probleme

Übersetzt in unsere Begriffe, heisst das: Wenn eine frei gewählte Regierung Pflichten beschliesst, ist es, nach Ausschöpfung aller rechtlichen und demokratischen Mittel, unsere Aufgabe als Bürger, sie zu erfüllen. Und wir können gewiss sagen, dass selbst eine Impfung nicht zu den schwersten Bürgerpflichten zählen würde. Man denke bloss an die nicht so fernen Zeiten, als es nicht um Zertifikate ging, sondern um den Stellungsbefehl, mit dem der Staat von seinem Vorrecht Gebrauch machte, über das Leben seiner Bürger zu verfügen. Nicht etwa nur in totalitären Ländern, sondern gerade auch in Demokratien, wenn es galt, die Freiheit zu verteidigen.

Waren die Offiziere, an die sich am 25. Juli 1940 General Guisan auf dem Rütli wandte und die er auf die bedingungslose Verteidigung der Schweiz im Falle eines Angriffs der Achsenmächte einschwor, Opfer oder Vollstrecker eines biopolitischen Programms? Wer mag, soll es glauben. Ich bin überzeugt, dass diese demonstrative Standhaftigkeit das «Dritte Reich» von einem Angriff abhielt und der Eidgenossenschaft die Freiheit bewahrte.

Warum also diese Fixierung auf die Freiheit, da sie doch in keinem ernstzunehmenden Sinn des Wortes gefährdet ist? Weil es andere, dringendere Probleme gibt, an denen manche Menschen derzeit leiden, die sie aber nicht ändern können. Ich vermute, dass die gleichen Leute, die heute gegen Impfung und Zertifikate protestieren, auch auf die Strasse gingen, wenn kein Impfstoff zur Verfügung stehen würde.

Wir beobachten seit einiger Zeit eine fortschreitende Herabsetzung vieler Menschen, denen es nicht mehr gelingt, sich politisch zu beteiligen, die weder in der Gesellschaft noch in ihrer Arbeit – die sie nicht haben oder die prekär ist – Anerkennung finden. Letztlich machen darum die Verfechter der Freiheit einen Missstand offenkundig, dem gegenüber sie tatsächlich unfrei sind.

Die Welt in Zeiten der Pandemie ist keineswegs freiheitsfeindlich, in ihr aber regiert nicht mehr die Hoffnung, sondern vielmehr die Angst. Vor ein paar Tagen hat Italiens bedeutendstes Institut für sozioökonomische Studien eine Erhebung zum Gemütszustand der Impfgegner durchgeführt. Die Untersuchung kam zum Ergebnis, dass Orientierungslosigkeit, prekäre Anstellungsverhältnisse, Einbusse an ökonomischem und sozialem Kapital, Statusverlust sowie Misstrauen gegenüber Institutionen und neuen Technologien zu den zermürbenden Folgen des Ausnahmezustands gehören.

Es resultiert, mit anderen Worten, ein Verlust an sozialen Bindungen und darum auch der daraus sich ergebenden Verpflichtungen, die dem Dasein erst Sinn verleihen. Im Protest gegen die angebliche Bedrohung der Freiheit manifestiert sich also, schaut man genauer hin, insgeheim der Wunsch nach Aufmerksamkeit, nach Sicherheit und Leitlinien. Das gilt für revoltierende Heranwachsende wie für Erwachsene, die von sozialen Ungewissheiten geradeso verunsichert werden wie Jugendliche.

Das Verlangen nach Einbindung

Daran zeigt sich einmal mehr, wie falsch Jean-Jacques Rousseau mit seiner These lag, der Mensch sei frei geboren, aber liege überall in Ketten. Nein: Der Mensch wird in Ketten geboren, da er ein abhängiges Tier ist und sich nur langsam entwickelt (eine Katze ist mit vier Monaten eigenständig), und er bleibt angewiesen auf die Fürsorge anderer und die gesellschaftliche Anerkennung. Darum befindet sich der Mensch sein Leben lang in einem dialektischen Prozess von Einbindung und Befreiung.

Das hat eine Folge, die nur scheinbar paradox ist: Es ist der Wunsch, ernst und wichtig genommen zu werden, der die Menschen auch zu der Überzeugung verleitet, dass ein phantomatischer Überwachungskapitalismus nichts Besseres zu tun habe, als ihre Ideen auszuspionieren, um in Komplizenschaft mit dem Panoptikum des Internets eine neue Weltordnung zu errichten. Mit diesem Argwohn wird dann die Forderung nach Freiheit umso vehementer befeuert, je weniger er begründet ist.

Das Fehlen von Zukunftsperspektiven schafft Frustrationen, die sich als Sorge um die Freiheit äussern. Im Kern steckt darin indessen der Wunsch nach Anerkennung und Einbindung. Es ist ein wichtiges Verlangen, dem gegenüber kein Mensch und keine Regierung sich gleichgültig verhalten kann: Aber das alles hat mit der Impfung nichts zu tun.

Maurizio Ferraris ist Professor für Philosophie an der Universität Turin. – Übersetzung aus dem Italienischen von rbl.

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