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Eine Urlaubsreise in den Tod – der Vierfachmord von Annecy

TRAVELBOOK-Logo TRAVELBOOK 29.09.2022 Angelika Pickardt

Es gibt Mordfälle, bei denen die Ermittlungen trotz zahlreicher Spuren, Hinweise und Verdächtiger ins Leere laufen. Bei denen sich kein klares Motiv ergibt und der Täter ein unentschlüsselbares Phantom bleibt. Ein solcher Fall ist der Mord an drei Urlaubern und einem Mountainbiker, der sich vor genau 10 Jahren in der idyllischen Landschaft der französischen Alpen bei Annecy ereignet hat. TRAVELBOOK berichtet, was damals geschah.

Der Fall schockierte im Jahr 2012 die Welt: In den französischen Alpen wurde eine Familie aus Großbritannien während einer Campingreise von einem Unbekannten angegriffen. Vater, Mutter und Großmutter starben durch Schüsse in den Kopf, zwei kleine Kinder überlebten den Angriff nur knapp. Zudem musste auch ein vermutlich unbeteiligter Radfahrer sterben. Ein Täter konnte trotz umfangreicher Ermittlungen bis heute nicht gefasst werden. Dafür gibt es um den Vierfachmord von Annecy jede Menge Mutmaßungen, Spekulationen und seltsame Zufälle. TRAVELBOOK fasst die Ereignisse zusammen.

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Der Vierfachmord von Annecy – was damals geschah

Es ist der Nachmittag des 5. September 2012, wir befinden uns im französischen Département Haute-Savoi in der Nähe von Annecy. Die Landschaft ist hier sehr pittoresk, es sind zu dieser Jahreszeit noch viele Urlauber unterwegs – die bewaldete Bergregion ist beliebt bei Wanderern und Mountainbike-Fahrern. An diesem Tag macht hier auch ein britischer Tourist namens Brett Martin mit seinem Fahrrad einen Ausflug, er besitzt in der Nähe ein Ferienhaus.

Wie Brett Martin später aussagen wird, legt er am Nachmittag dieses 5. September in einem Hochtal beim Dorf Chevaline nahe Annecy eine Pause ein, um die beeindruckende Landschaft zu fotografieren. Während dieses Stopps überholt ihn ein anderer Radfahrer. Brett Martin fährt nach seiner Fotopause weiter, begegnet auf seiner Strecke noch einem Geländewagen und einem Motorrad. Und dann schließlich kommt er an einem Waldparkplatz an. Hier stößt er auf eine Szenerie, bei der er sofort merkt: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht.

Zeuge dachte zunächst an einen Autounfall

Als Erstes sieht er einen weinroten Kombi. Der Motor läuft, das Auto hängt aber halb in einer Böschung und die Hinterräder drehen durch. Neben dem Wagen taumelt ein schwer verletztes und blutüberströmtes kleines Mädchen hervor. Brett Martin denkt zunächst, dass hier ein Autounfall passiert ist. Er bringt das Mädchen vom Wagen weg und legt es in eine stabile Seitenlage. Dann bemerkt er einen leblosen Mann neben dem Wagen. Es ist der Radfahrer, der ihn noch kurz zuvor bei einem Fotostopp überholt hat. Der Mann hat keinen Puls mehr. Wie es dann weitergeht, hat Brett Martin in einem Interview mit BBC News eine Woche nach der Tat wie folgt beschrieben:

„Ich musste die Scheiben einschlagen, um ins Wageninnere zu gelangen, aber die Scheibe war ohnehin zerborsten. Ich sah Löcher und dachte: ‘Ist das ein Einschussloch?‘. Ich hatte meine Fahrradhandschuhe an und drückte damit die Scheibe förmlich ein. Dann stellte ich die Zündung ab. Es wurde viel leiser, weil der Motor nicht mehr lief. Die Räder drehten sich nicht mehr. Ich fing an, mir die Menschen im Inneren genau anzusehen. Es wurde recht klar, dass ihre Verletzungen nicht zu dem passten, was man bei einem Autounfall auf einem Parkplatz erwarten würde. Es wurde ziemlich klar, dass es ein Verbrechen mit Schusswaffen war.“

Brett Martin, der früher Soldat bei der britischen Luftwaffe war, reagiert geistesgegenwärtig. Weil er mit seinem Handy in dem abgelegenen Gebiet keinen Empfang hat, radelt er sofort los, hält eine Gruppe von Wanderern in ihrem Auto an und kann mit deren Hilfe Polizei und Rettungskräfte alarmieren. Nach deren Eintreffen kommt das schwer verletzte Mädchen sofort ins Krankenhaus, es hat eine Schussverletzung in der Schulter und einen Schädelbruch, weil, wie man später rekonstruieren wird, der Täter mit einem stumpfen Gegenstand mehrmals auf seinen Kopf geschlagen hat, vermutlich um es zu töten.

Wo ist das zweite Kind?

Anhand des Autokennzeichens finden die Ermittler heraus, dass es sich bei den Toten um einen Touristen aus Großbritannien, dessen Ehefrau sowie die Mutter der Frau handelt. Das schwer verletzte Kind ist ihre 7-jährige Tochter. Es stellt sich heraus, dass die Familie zu dieser Zeit auf einem nahe gelegenen Campingplatz Urlaub machte. Dann der Schock: Beim Befragen der Zeltnachbarn erfahren die Ermittler, dass die Familie nicht ein Kind hatte, sondern zwei!

Sofort wird eine großangelegte Suche nach dem vermissten 4-jährigen Mädchen gestartet, Spürhunde suchen nach dem Kind, ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera wird eingesetzt. Aber das Mädchen bleibt verschwunden. Gegen Mitternacht, also acht Stunden, nachdem man den Tatort abgeriegelt hat, finden die Ermittler das Kind schließlich. Und zwar dort, wo es schon seit dem Angriff gewesen war: im Auto der Eltern. Die Kleine hatte sich die ganze Zeit über unter den Leichen ihrer toten Mutter und Großmutter versteckt.

Aber warum hat man das Kind nicht schon längst entdeckt? Dazu heißt es später, dass man die Leichen bis dahin nicht habe bewegen dürfen, weil noch spezielle Forensiker aus Paris zum Tatort kommen sollten. Zudem hatte sich die Vierjährige anscheinend sehr gut unter dem Rock ihrer Mutter versteckt und keinen Mucks von sich gegeben. Zum Glück ist sie, als sie gefunden wird, äußerlich unverletzt, aber was so ein Erlebnis mit der Psyche eines Kindes macht, kann man nur erahnen.

Auch interessant: Die Geschichte des grausamen Camping-Mords am Chiemsee

Vom Täter keine Spur

Obwohl die Tat am helllichten Tag verübt wurde und zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Urlauber in der Gegend unterwegs sind, fehlt von einem Täter jede Spur. Einige Hinweise gibt es jedoch: So können die Ermittler die Patronen einer bestimmten Waffe zuordnen, und zwar einer Luger P06, die insbesondere von der Schweizer Armee und Polizei in den 1920er- und 1930er-Jahren verwendet wurde. Zudem geht man davon aus, dass es sich bei dem Täter um einen Profi oder womöglich sogar einen Berufskiller handeln muss, weil mehrere der Opfer durch gezielte Kopfschüsse starben. Außerdem geht man von einem Einzeltäter aus, auch, weil die Tochter, die den Angriff schwer verletzt überlebt hat, von nur einem „Bösen“ sprach, den sie gesehen hat. Aber viel mehr Anhaltspunkte hat man nicht.

Wer genau sind die Opfer?

Zunächst mal ist da der Radfahrer, der tot neben dem Auto lag. Bei ihm handelt es sich um den Franzosen Sylvain Mollier, einen 45 Jahre alten dreifachen Familienvater, der aus dem Ort Ugine nicht weit von Annecy entfernt stammt. Er ist gerade erst vor Kurzem Vater geworden und hat zu diesem Zeitpunkt Vaterschaftsurlaub. Am Tag der Tat macht er in der Gegend einen Ausflug mit seinem Mountainbike. Bei ihm gehen die Ermittler aber zunächst davon aus, dass er ein Zufallsopfer ist, also dass er zufällig Zeuge des Mordes an den Insassen des Autos wurde und deshalb selbst erschossen wurde.

Die Ermittlungen im Vierfachmord von Annecy konzentrieren sich daher zunächst vor allem auf die Familie aus Großbritannien und deren Umfeld. Konkret handelt es sich bei den Opfern um den Ehemann und Vater Saad al-Hilli aus London, ein irakischstämmiger Brite, dessen Ehefrau Iqbal (47), eine schwedische Zahnärztin ebenfalls irakischer Abstammung, sowie deren 74-jährige Mutter Suhaila. Außerdem die beiden Töchter, die siebenjährige Zainab und die vierjährige Zeena. Diese Familie ist am 29. August, also eine Woche zuvor, mit der Fähre über Calais eingereist und machte mit ihrem Wohnwagen Urlaub auf einem Campingplatz etwa 13 Kilometer vom Tatort entfernt. Es war laut französischen Medien schon das dritte Jahr in Folge, dass sie am See von Annecy Urlaub machten.

Erbstreitigkeiten oder Wirtschaftsspionage als Motiv?

Vor allem das Umfeld von Familienvater Saad al-Hilli durchleuchten die Ermittler in den folgenden Wochen sehr genau. Saad al-Hilli war Akademiker, hatte zwei Universitätsabschlüsse und eine eigene Firma. Zuletzt hat er als Ingenieur für ein britisches Luft- und Raumfahrtunternehmen gearbeitet, das sich auf die Entwicklung von Mikrosatelliten spezialisiert hat. Deshalb gehen die Ermittlungen zeitweise in diese Richtung, man vermutet einen Zusammenhang mit Wirtschaftsspionage. Aber diese Spur verläuft sich letztlich im Sande. Zeitweise nehmen die Ermittler den Bruder von Saad Al-Hilli fest, weil man vermutet, Erbstreitigkeiten könnten als Motiv infrage kommen. Aber auch diese Vermutung lässt sich nicht erhärten.

Dann wiederum findet man heraus, dass der Vater des ermordeten Saad al-Hilli einst eng verbandelt mit der Baath-Partei des irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein war. Er soll eine Million Euro Parteigelder auf einem Schweizer Konto verwaltet haben. Nach dem Tod des Vaters hatte Sohn Saad al-Hilli offenbar Zugriff auf das Konto. Man vermutet, dass der Mörder davon gewusst haben könnte oder ein Auftragskiller war. Aber auch das erweist sich schließlich als Humbug.

Einige Tage nach der Tat: Trauernde haben am Tatort Blumen niedergelegt Foto: Getty Images © Getty Images Einige Tage nach der Tat: Trauernde haben am Tatort Blumen niedergelegt Foto: Getty Images

Ex-Mann der erschossenen Frau starb am selben Tag in den USA

Im Laufe der Ermittlungen stellt sich heraus, dass Iqbal al-Hilli, also die ebenfalls erschossene Frau von Saad al-Hilli., von Februar 1999 bis Dezember 2000 schon einmal verheiratet gewesen war, und zwar mit einem Amerikaner. Sie lebte damals selbst in den USA, ließ sich dann aber scheiden und kehrte nach Europa zurück. Angeblich soll ihr neuer Mann Saad von dieser Ehe nichts gewusst haben. Was schließlich herauskommt: Dieser Amerikaner und Ex-Mann von Iqbal al-Hilli ist am selben Tag wie seine Ex-Frau in den USA an plötzlichem Herzversagen gestorben. Das war nur sieben Stunden nach der Ermordung seiner Ex-Frau.

Ob es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Vorfällen gibt oder ob sie rein zufällig am selben Tag geschahen, wird man wohl nicht mehr herausfinden. Denn dass der Ex-Mann am selben Tag wie Iqbal al-Hilli gestorben ist, haben die Ermittler erst zwei Jahre nach dem Vierfachmord von Annecy, also 2014, herausgefunden. Seine Familie hat ihn nach dessen Tod in den USA ganz normal beisetzen lassen. Ein Untersuchungsrichter in Annecy hat zwar 2014 mit Zustimmung des FBI die Exhumierung der Leiche beantragt, aber die Familie des Verstorbenen lehnte dies ab.

War doch der Radfahrer das eigentliche Ziel?

Im Laufe der Jahre gab es viele weitere Richtungen, in die ermittelt wird. So wird auch das Umfeld des ermordeten Radfahrers Sylvain Mollier durchleuchtet, bei dem man zunächst von einem „Kollateralschaden“ ausgegangen war. War womöglich er das eigentliche das Ziel des Angriffs gewesen, und die Familie al-Hilli war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort? Dafür könnte die Tatsache sprechen, dass Sylvain Mollier mit sieben Schüssen getötet wurde. Das heißt, auf ihn wurde mit Abstand am häufigsten geschossen.

Tatsächlich wird ein Bekannter der Familie Mollier, ein ehemaliger Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion, einige Monate nach dem Vierfachmord von Annecy als Verdächtiger ins Visier genommen. Doch auch er wird wieder laufen gelassen. Der Mann nimmt sich kurze Zeit später das Leben – angeblich, weil ihn die Befragungen und der Verdacht durch die Polizei zu sehr belastet haben.

Suche nach einem mysteriösen Motorradfahrer

Dann war da noch ein Motorradfahrer, der genau zum Zeitpunkt des Massakers in der Nähe auf einem für Motorräder gesperrten Waldweg von Forstarbeitern erwischt worden war. Aber dieser Mann hat sich nie als Zeuge gemeldet. 2013 veröffentlichen die Ermittler ein Phantombild von eben diesem Motorradfahrer. Im Februar 2014 nimmt man einen Mann fest, einen 48-jährigen Polizisten und Waffensammler, der in der Gegend wohnt. Dieser kommt als Täter dann aber doch nicht infrage.

Den eigentlich gesuchten Motorradfahrer spürt man erst 2015 auf, weil man eine Handyortung von 4000 Mobiltelefonen durchführt und ihn so schließlich aufspürt. Er wird auch vernommen, aber er versichert den Ermittlern glaubwürdig, dass er nichts mit dem Fall zu tun hat, sodass auch er wieder entlassen wird. Dann wiederum nimmt man den Verdächtigen in einem anderen Mordfall ins Visier, aber auch der hat offenbar mit dem Vierfachmord von Annecy nichts zu tun. Und auch das Motorrad und den Geländewagen, denen Brett Martin – der erste Zeuge am Tatort – noch begegnet war, können nicht ausfindig gemacht werden.

Trotz diverser weiterer Hinweise und Festnahmen ist bisher weiterhin nicht bekannt, wer im Fall des Vierfachmordes von Annecy der Täter ist. Und auch ein klares Motiv konnten die Ermittler bisher nicht ausmachen. Erst vor Kurzem haben französische Medien berichtet, dass die Ermittler den Fall inzwischen als Cold Case behandeln.

Was wurde aus den beiden Töchtern der al-Hillis?

Die beiden Mädchen, die Kleine war damals 4, die größere 7, kamen nach der Tat nicht zu Verwandten, sondern in eine Pflegefamilie. Etwa ein Jahr später sind beide Medienberichten zufolge zu ihrer Tante gekommen, die um das Sorgerecht gekämpft hatte. Aber den genauen Aufenthaltsort der beiden halten die Ermittler streng geheim, die Mädchen stehen bis heute unter Polizeischutz. Im Juni dieses Jahres hat man sich dann entschlossen, die ältere der beiden, also Zainab, erstmals nochmal zu den Ereignissen von damals zu befragen. Das Mädchen ist heute 16 Jahre alt. Ein paar mehr Details konnte das Mädchen den Ermittlern laut einem Bericht der britischen „Daily Mail“ zwar nennen. Aber den Durchbruch in einem der brutalsten und rätselhaftesten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte Frankreichs brachten auch diese Aussagen bisher nicht.

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