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Freundschaftspflege ist wie Muskeltraining

SZ.de-Logo SZ.de 09.09.2019 Von Jan Stremmel
Der erste Schritt zu weniger Einsamkeit: akzeptieren, dass Freundschaften Arbeit kosten. © Helena Lopes Unsplash Der erste Schritt zu weniger Einsamkeit: akzeptieren, dass Freundschaften Arbeit kosten.

Warum wir anfangen sollten, Freundefinden zu sehen wie eine Rentenversicherung: Wer früh genug damit anfängt, hat am Ende genug.

Wasser zu Wein, Blinde heilen, alles schön und gut. Aber warum redet keiner über das größte Wunder Jesu: in seinen Dreißigern noch zwölf enge Freunde gehabt zu haben?

Dieser Witz kursiert seit ein paar Monaten in verschiedenen Versionen im Netz. Er wird auch deshalb mit solcher Inbrunst geteilt, kommentiert und verschickt, weil er bei der angesprochenen Alterskohorte einen empfindlichen Punkt trifft. Die Älteren der sogenannten Millennials, zu denen auch der Autor dieses Textes zählt, waren schließlich die erste Generation mit vierstelligen Freundeszahlen, erst bei Myspace, dann auf Facebook. Jetzt, da wir Mitte dreißig sind, merken wir, wenn der Laptop zu ist: Oha. Wo sind denn alle hin? Gerade gab's noch ständig Party und jedes Wochenende drei neue Bekanntschaften - und plötzlich ist man froh, wenn man einmal im Sommer die besten Freunde auf mehr als zwei Bier trifft.

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Das Thema Freundschaft genießt gerade große Aufmerksamkeit. Sie ist schließlich der Gegenentwurf zur Einsamkeit, einem der größten Probleme moderner Gesellschaften. Vor allem Alte, aber auch Junge fühlen sich zunehmend alleine. Spätestens als Großbritannien Anfang 2018 ein "Ministerium für Einsamkeit" ins Leben rief, hörten alle hin. Gleichzeitig bringt die Forschung faszinierende Erkenntnisse über den positiven Effekt von Freundschaften hervor: Sie sind nicht nur hilfreich, sondern sogar notwendig für ein gesundes Leben. Die sogenannten Blue Zones, also die Gegenden mit den meisten Hundertjährigen, verbindet vor allem eines: Überall gibt es enge Gemeinschaft bis ins hohe Alter - und zwar nicht nur innerhalb der Familie.

Die meisten Freunde hat man im Alter von 25. Kurz darauf setzt ein wahrer Massenschwund ein

Und obwohl wir lernen, dass Einsamkeit so schädlich sein soll wie 15 Zigaretten am Tag, lässt sich bei jungen Menschen eine interessante Tendenz beobachten: die Rückbesinnung auf eine Art Kernfreundeskreis. Auf die ältesten, vermeintlich wichtigsten Kontakte. Das zugehörige Schlagwort taucht gerade überall als Hashtag auf: "No new friends", keine neuen Freunde.

So steht es, wie als Warnhinweis, unter fröhlichen Gruppenfotos von ehemaligen Schulfreundinnen oder alten Bolzplatzcliquen. Keine neuen Freunde: ein seltsam aggressiver Claim, der bislang unter immerhin 1,5 Millionen Bilder allein auf Instagram geschrieben wurde. Denn was wäre schlecht an neuen Freunden?

Woher die Sache kommt, ist schnell erklärt: aus einem Song des kanadischen Rappers Drake. Der wendete sich 2013 gegen alle Schmarotzer und Schönwetterfreunde: "I still ride with my day one niggas, I don't really need no new friends". Das Zitat wurde in diesem Frühjahr aufgegriffen, in einem Hit der Pop-Supergroup LSD. Und das klang dann schon weniger nach dem Luxusproblem eines Multimillionärs - Hilfe, zu viele Freunde, Aufnahmestopp! -, sondern eher nach Verunsicherung und Rückbesinnung auf die gute alte Zeit: "I got all I need in a world of doubt (...) we got all we need, no new friends now".

Das scheint die Botschaft zu sein, die bei vielen Leuten im Sommer 2019 etwas angestoßen hat. Alles, was wir brauchen in dieser unsicheren Welt, sind die Leute von früher. Vielleicht ist das auch ein spezielles Bedürfnis einer Generation mit vielen digitalen Pseudofreunden. Kein Wunder, dass das Foto-Netzwerk Instagram im vergangenen Winter eine neue Funktion namens "Close Friends" eingeführt hat.

Abgesehen davon, dass alte Freunde natürlich eine der wunderbarsten Erfindungen des Lebens sind, ist die Ablehnung neuer Bekanntschaften allerdings eine ziemlich schlechte Idee.

Statt mit der Gießkanne pflegen wir unsere Netzwerke mit der Pipette

Denn es werden von ganz allein weniger, das belegte eine finnisch-britische Studie 2007 ziemlich eindrucksvoll. Unter der Leitung des Oxford-Psychologen Robin Dunbar, der als Koryphäe der Erforschung menschlicher Netzwerke gilt, untersuchten die Wissenschaftler die Telefondaten von drei Millionen Europäern. Sie wollten wissen: Wie viele Freundschaften pflegen Männer und Frauen über den Zeitraum ihres Lebens? Der Höhepunkt liegt demnach beim Alter von 25 Jahren. Männer haben dann im Schnitt Telefonkontakt zu 19 Personen, Frauen zu 17,5, und die Zahl dieser Kontakte hängt eng mit der Zahl der tatsächlich getroffenen Freunde zusammen. Die Forscher nennen das die Phase der "sozialen Promiskuität", man könnte auch sagen: die Jahre des unkomplizierten Anfreundens. Der spontanen WG-Partys. Des "Gib mal deine Nummer, ich mag dich!". Danach folgt ein wahrer Massenschwund.

Unser Gehirn kann höchstens 150 zwischenmenschliche Beziehungen verarbeiten

Biologen überrascht das nicht, es ist ein Prozess, den man auch bei vielen Tieren beobachten kann: der Übergang von der Entwicklungsphase eines Lebewesens hin zur reproduktiven Phase. Bei Menschen heißt das: Feste Paare bilden sich, Wohnungen werden zusammengelegt, Nachwuchs kommt zur Welt. Die ersten eigenen Kinder sind der größte Freundschaftskiller überhaupt.

In dieser Phase, etwa zwischen 30 und 45, wechseln die Menschen ihre Investmentstrategie (die Forscher nennen das wirklich so). Plötzlich steht viel weniger von der Ressource zur Verfügung, die für Freundschaften am allerwichtigsten ist: Zeit. Statt wie früher mit der Gießkanne pflegen wir unsere Netzwerke jetzt sozusagen mit der Pipette. Statt zu 19 Menschen hält der durchschnittliche Mann mit 39 zu gerade noch zwölf Menschen Kontakt. Die eigene Familie ist da schon inbegriffen. Laut einer norwegischen Studie von 2018 sind 40-jährige Männer heute genauso häufig einsam wie 80-Jährige.

Allerdings ist dieser Freundesexodus kein Grund, keine neuen Freunde mehr aufzunehmen. Denn auch wenn die Familiengründer nun mehr mit sich beschäftigt sind - neue Freundschaften sind wichtig. Der Sozialwissenschaftler spricht von "tend and befriend", also in etwa: sich kümmern und anfreunden. Der Kumpel, mit dem man als Student monatelange Rucksackreisen unternommen hat, fällt möglicherweise weg - dafür findet man beim Elternabend neue Freunde, die auch mal einspringen, wenn ein Kind krank wird.

Allerdings: Die Zahl der Menschen, mit denen wir gleichzeitig Beziehungen führen können, hat eine Obergrenze. Sie heißt "Dunbar's number", nach Robin Dunbar, und liegt bei 150. So viele Individuen umfasste, mehr oder weniger, eine Gruppe von Jägern und Sammlern. Mehr geht auch heute nicht, selbst wenn die Freundesliste bei Facebook 1400 Namen umfasst. Entscheidend ist die Größe des menschlichen Gehirns.

Nun sind wir aber keine Jäger und Sammler mehr. Wir leben in Städten, ziehen durchschnittlich fast fünfmal im Leben um, wechseln auch mit 50 noch den Partner, und unsere Lebenserwartung hat sich im Vergleich zur Steinzeit locker verdoppelt. Die reproduktive Phase, nach der bei Tieren nur noch der Tod kommt, macht beim Menschen lediglich einen Bruchteil des Lebens aus. Wir sollten also umdenken, wenn wir nach dem Auszug der Kinder nicht allein dastehen wollen.

Freundschaften schließen ist wie eine Rentenversicherung: Wer früh loslegt, hat am Ende genug

Freundschaften schließen und pflegen ist wie ein Muskel, bei mangelnder Bewegung erschlafft er. Man kann ihn aber auch trainieren. Wer sich früh angewöhnt, neue Menschen in sein Leben zu lassen, dem fällt es auch später nicht schwer, nach Trennungen oder Todesfällen sein Netzwerk anzupassen. Denn ob man Freunde findet oder nicht, ist keine Frage des Zufalls. Tatsächlich zeigt eine kanadische Langzeitstudie, dass allein der Glaube, Freundschaften entstünden automatisch, mit einem deutlich erhöhten Risiko korreliert, fünf Jahre später einsam zu sein. Umgekehrt ist schon die Erkenntnis, dass Freundschaft Mühe kostet, ein Faktor für weniger Einsamkeit.

Höchste Zeit, das Freundefinden zu sehen wie eine Rentenversicherung: Wer früh genug damit anfängt, hat am Ende genug. Konkrete Empfehlungen dafür bietet die Psychologie jede Menge. Erstens: Geh hin! Setz dich neuen Menschen aus, ob in der Crossfit-Gruppe oder im Aquarellkurs. Allein die regelmäßige Anwesenheit in einer Gemeinschaft lässt uns auf diese Menschen sympathisch wirken. Zweitens: Tritt in Kontakt! Als wie freundlich man eine Gruppe wahrnimmt, hängt entscheidend davon ab, ob man interagiert. Und ein kleiner Plausch ist oft schon genug, um den Grundstock zu legen. Studien zeigen nämlich, dass Menschen systematisch unterschätzen, wie sehr ein Gesprächspartner eine Unterhaltung genossen hat, wir werden also mehr gemocht, als wir glauben. Diese Lücke, das sogenannte liking gap, sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir das nächste Mal aus Schüchternheit schweigend rumstehen.

Natürlich: Bequemer wäre es, wenn Freundschaften auch jenseits der 25 Jahre noch so organisch entstünden wie in Kindheit und Jugend. Aber je früher wir akzeptieren, dass unsere künftige beste Freundin nicht mehr nach den Ferien zufällig neben uns in der Schulbank sitzt, desto besser. Wer auch im Alter noch gut leben will, sollte jetzt anfangen, die Leute dafür zu kuratieren. Dass trotzdem welche wegfallen, ist nicht weiter schlimm, ein bisschen Schwund ist immer. Nicht mal Jesus blieben alle zwölf Freunde treu.

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