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„Was uns fehlt, ist ein Plan für den Ausstieg“

WELT-Logo WELT 26.03.2020 Michael Kruse
Durch die Corona-Krise ist in fast ganz Deutschland Ruhe eingekehrt. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, die Wirtschaft wird heruntergefahren. Die Frage ist nur: Wie lange geht das gut? Quelle: WELT/ Matthias Heinrich © WELT/ Matthias Heinrich Durch die Corona-Krise ist in fast ganz Deutschland Ruhe eingekehrt. Die meisten Geschäfte haben geschlossen, die Wirtschaft wird heruntergefahren. Die Frage ist nur: Wie lange geht das gut? Quelle: WELT/ Matthias Heinrich

Folgt man dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit, dann werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie wohl noch länger dauern: „Wir stehen sicherlich am Anfang dieser Krise. Wir müssen abwarten, was sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigt.“

Der Präsident des Weltwirtschaftsinstituts, Gabriel Felbermayr kritisiert genau diese Haltung: „Was uns fehlt, ist ein Plan für den Ausstieg.“

Doch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, SPD, will nichts von einem möglichen Ausstiegsdatum wissen: „Die wesentliche Priorität ist der Gesundheitsschutz von Bürgerinnen und Bürgern.“

Theologin Margot Käßmann mahnt in der jetzigen Situation zur Zuversicht: „Ich denke, es gibt in Deutschland gerade Angst, aber es gibt auch viel Vertrauen, in die Politik, in die Handelnden, in die Ärzte.“

Die alles bestimmende Frage

Es ist die alles bestimmende Frage: Wann hört dieser Corona-Alptraum wieder auf? Das öffentliche Leben in Deutschland ist zunächst einmal bis Ostern heruntergefahren. Doch erste Politiker, wie Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann, fordern spätestens nach Ostern den Ausstieg aus den Maßnahmen.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler Felbermayr mahnt an, dass die Wirtschaft wissen müsse, wann es wieder losgehe: „Die Mittel, die jetzt bereitgestellt werden, reichen für fünf Monate. Was darüber hinaus geht, wird man nachlegen müssen. Was uns fehlt, ist ein Plan für den Ausstieg. Dass wir den Menschen Leitplanken geben können, wie es weitergeht.“

In Maischbergers Woche wird mit der gebotenen sozialen Distanz über Wege aus der Coronakrise geplaudert © Bereitgestellt von WELT In Maischbergers Woche wird mit der gebotenen sozialen Distanz über Wege aus der Coronakrise geplaudert

Felbermayr nennt auch einen ganz konkreten Grund, warum es ein Ende brauche: „Es macht uns alle ärmer, wenn wir heute einen Monat lang nur 50 Prozent der Waren oder Dienstleistungen erbringen. Es handelt sich um große Einbußen, die da anfallen, die man auch nicht einfach wegretuschieren kann.“

Düstere Aussichten

Dieser wirtschaftliche Stillstand kommt Deutschland teuer zu stehen: „Es wird sehr tief runtergehen. Tiefer als in jeder Rezession in der Nachkriegszeit“, prophezeit Felbermayr. Und es kommt noch düsterer: „Wenn es bei uns nach oben geht, dann schwächelt der amerikanische Markt.“

In Zahlen ausgedrückt, klingt das noch bedrohlicher: „Eine Woche auf 50 Prozent kostet die deutsche Volkswirtschaft etwa 35 Milliarden Euro“, rechnet Felbermayr vor. „Wenn wir das mal vier multiplizieren, sind wir bei 140 Milliarden Euro. Das sind etwa vier Prozent der Wirtschaftsleistung unseres Landes. Wenn wir länger brauchen, wird der Einbruch stärker.“

Das pessimistischste Szenario der Kieler Wirtschaftsforscher um Felbermayr geht von einem Rückgang der Wirtschaft um 9 Prozent aus, aber: „Das Ifo-Institut in München hat sogar minus zwanzig Prozent errechnet.“

Hoffnungsschimmer

Härter als die Wirtschaft trifft es die Erkrankten. Eine von ihnen ist Karoline Preisler. Die FDP-Politikerin hat es so schwer getroffen, dass sie einige Tage im Isolierzimmer einer Klinik in Stralsund verbringen musste.

Für sie brachte der Abend eine große Erleichterung: „Vor wenigen Augenblicken kam unsere Quarantäneaufhebung. Der letzte Test ist negativ. Als allererstes haben wir uns minutenlang umarmt und geküsst als Familie, denn das ist etwas, worauf wir sehr lange verzichten mussten.“ Länger als zwei Wochen durfte Preisler keinen direkten Kontakt mit ihren Kindern haben, musste zuhause den nötigen Sicherheitsabstand halten.

Die Erfahrung der FDP-Politikerin zeigt: Der Kampf gegen das Virus ist selbst bei mittelschwerem Verlauf kein Spaziergang: „Zu den Halsschmerzen kam sehr bald ein starker Schmerz in der Lunge, die Lunge fühlte sich steinern an. Ich hatte Atemnot. Man atmet ein, und die Luft kommt nicht in der Lunge an, das ist wie, wenn man versucht, unter Wasser Luft zu holen“, berichtete Karoline Preisler. Erst Sauerstoff im Krankenhaus habe ihr geholfen.

Nach der überstandenen Krankheit gibt es nun jedoch Hoffnung: „Dass ich immun bin, das ist die große Hoffnung. Für ein Jahr kann ich mich nicht mehr anstecken. Das ist ein enormes Privileg.“

Blick in die Zukunft

Es werden sich weiterhin Menschen mit dem Virus anstecken, wie Karoline Preisler. Virologe Schmidt-Chanasit klärt auf: „Das Ziel ist ja nicht, dass wir in zwei Wochen keine neuen Infektionen haben. Wir sind erst am Ziel, wenn wir eine Herden-Immunität haben oder wenn ein Impfstoff da ist. (...) Es ist ein komplexes Spiel zwischen den Infektionen die stattfinden, den Intensivkapazitäten und den wirtschaftlichen Fragen.“ Und den so sehr herbeigesehnten Zeitpunkt, an dem das Gleichgewicht gefunden werde, könne derzeit niemand benennen.

Der Journalist Georg Mascolo möchte die Debatte darüber erst gar nicht führen: „In diesem Stadium kann niemand sagen, ob die Maßnahmen, die getroffen wurden, übertrieben und überzogen oder völlig unzureichend sind. Wir werden mit den Sorgen umgehen müssen. Im Angesicht von so wenigen verlässlichen Fakten, schwankt der Boden zu stark, um jetzt eine verlässliche Debatte zu führen.“

Dennoch kann man wie Margot Käßmann die Hoffnung haben, dass es wieder besser wird: „Es gibt eine Situation nach dieser Lage. Dann kann eine Gesellschaft auch an so etwas wachsen, auch der Alltag eine andere Wertschätzung haben. Wir leben ja eigentlich in einer Gesellschaft, in der es nie Mangel gibt.“

Sie meint dort sicherlich nicht den Mangel an Mundschutz und Schutzkleidung. Denn an diesem gibt es die einzige leise Kritik am Abend: „In diesem zentralen Bereich der Bevorratung von Schutzkleidung hätte man mehr tun müssen. Sie kaufen einem Feuerwehrmann schließlich auch nicht erst einen Schlauch, wenn es brennt“, merkt Mascolo an.

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