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„Wirklich erschreckend“

WELT-Logo WELT 29.06.2020 Ulrich Exner
Pandemie?! Welche Pandemie? Quelle: dpa © dpa Pandemie?! Welche Pandemie? Quelle: dpa

Es gibt Dinge, auf die ist auch in Zeiten einer Pandemie noch Verlass. In Schleswig-Holstein zum Beispiel ist es Jahr für Jahr so, dass die Autobahn 1 zwischen Hamburg und der Ostseeküste noch vor Beginn der Urlaubszeit mit einer Großbaustelle versehen wird. Mit den üblichen Folgen. Stau und Stress werden im Laufe der Urlaubsanfahrt noch ein wenig größer als nötig – damit dann auch alle wirklich froh und glücklich sind, wenn sie tatsächlich ankommen an ihrem Ferienziel.

Auch im Corona-Sommer ist das wieder gut gelungen. Auf 8,3 Kilometern, zwischen Reinfeld, Lübeck und Bad Schwartau, sind die Fahrbahnen in beiden Richtungen nicht nur weniger, sondern auch viel enger geworden. Seit April bilden sich hier immer wieder lange Staus. Am ersten Ferienwochenende ging also wie gewohnt viele Stunden wenig bis nichts mehr rund um Lübeck. Eine Stunde Stauzeit durften Anreisende locker einplanen; wer auf die üblichen Ausweichrouten umsteuerte, war auch nicht früher am Ziel. Willkommen im Urlaub an der Ostsee!

Der wird allerdings – trotz, manchmal vielleicht auch wegen aller Lockerungen der Corona-Regeln, die insbesondere die schleswig-holsteinische Landesregierung in den vergangenen Wochen vorgenommen hat – nicht ganz so relaxt bis übermütig ausfallen wie in den vergangenen Jahren. Zwar dürfen seit diesem Montag die Hotels wieder Frühstücksbuffets anbieten und Restaurants sowie Kneipen am Abend unbegrenzt lange öffnen. Aber die üblichen Distanz- und Hygieneregeln gelten auch an Nord- und Ostsee.

In Timmendorfer Strand zum Beispiel weist die örtliche Tourismus-Verwaltung nicht nur auf die Verpflichtung hin, beim Betreten von Hotels, Gaststätten und Geschäften eine Mund-Nasenbedeckung zu tragen. Auch für den Strandbesuch gibt es neue Regeln. So dürfen die in einem Abstand von 3,25 Metern platzierten Strandkörbe nicht verschoben werden. Zwischen zwei Körben darf sich niemand sonnen – und auch sonst ist der übliche Corona-Abstand von 1,50 Metern zwischen Urlauber und Urlauber einzuhalten. Das fällt, wie schon am ersten Ferienwochenende klar wurde, nicht allen Gästen leicht.

Quelle: Ulrich Exner © Ulrich Exner Quelle: Ulrich Exner

Weshalb die Menschen vor Ort, gerade an der Lübecker Bucht, einigermaßen skeptisch auf die kommenden Wochen blicken. Die Sorge, durch Unachtsamkeit gepaart mit einem dummen Zufall zu einem Corona-Hotspot zu werden und alles wieder schließen zu müssen, ist allgegenwärtig bei den Gastgebern dieses Urlaubssommers. Die Scharbeutzer Bürgermeisterin Bettina Schäfer (parteilos) findet es jedenfalls „wirklich erschreckend“, was sich gleich zum Auftakt der Saison in ihrer Gemeinde, einem der gefragtesten Urlaubsorte Schleswig-Holsteins, abspielte.

In Scharbeutz haben zum Ferienbeginn vor allem jüngere Gäste die Nacht zum Tag gemacht, die verbliebenen Distanz- und Hygieneregeln missachtet und dem von den örtlichen Behörden engagierten Sicherheitsdienst zu erheblichen Überstunden verholfen. So mussten laut Schäfer rund 30 unterschiedliche Gruppen Shisha-Pfeife rauchender Jugendlicher des Strandes verwiesen werden; es habe im Ort bereits mehrere Schlägereien gegeben und eine große Gruppe junger Leute, die den Ferien- und Urlaubsbeginn an der Scharbeutzer Strandpromenade unbedingt abstandslos feiern wollten. Schlussfolgerung der Bürgermeisterin: „Wir werden für die kommenden Wochen beim Land mehr Polizeipräsenz anfordern und auch unseren privaten Sicherheitsdienst aufstocken.“

Letzterer hatte am sonnenreichen ersten Ferien-Wochenende nicht nur mit feiernden Jugendlichen viel zu tun, sondern – den üblichen Autobahnhindernissen zum Trotz – auch mit dem Anreiseverkehr. Bereits am Samstagvormittag wurde Scharbeutz für die Anreise von Tagesgästen gesperrt, später folgte dann auch das benachbarte Haffkrug dieser Maßnahme. Nur, wer eine Übernachtungsbuchung vorzeigen konnte, wurde durchgelassen.

„Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie die Parkplätze vollliefen“, berichtet Schäfer. Die Folgen konnten wenig später an den Scharbeutzer Stränden beobachtet werden. „Dicht an dicht“, so ein Mitarbeiter der Wasserrettungsgesellschaft DLRG zu WELT, hätten die Leute bereits ab dem vergangenen Freitag im Sand gelegen. Ein Zustand, den erst kräftige Gewitterschauer beendeten – und den die Verantwortlichen auf Dauer nicht dulden wollen.

Voraussichtlich ab Donnerstag soll an der Lübecker Bucht ein „Ampelsystem“ in Betrieb gehen, mit dem Urlauber wie Tagesgäste in Echtzeit über die Situation an den verschiedenen Strandabschnitten informiert werden. Die nötigen Daten sollen zunächst noch von den jeweiligen Strandkorbvermietungen an die Tourismus-Agentur Lübecker Bucht übermittelt werden. Ab Mitte Juli sollen dann Sensoren diese Aufgabe übernehmen. Sie sollen an den für Touristen attraktiveren Strandabschnitten an drei Meter hohen Masten installiert werden.

Ziel: Strände, an denen sich auf einer Breite von 150 Metern mehr als 600 Menschen aufhalten, sollen automatisch gesperrt werden. Strandkörbe, das steht bereits fest, wird man an diesen gefragten Küstenabschnitten nicht mehr mieten können. Sie sind nach Angaben von Vermietern bis Ende der Ferien ausgebucht.

Während Schleswig-Holstein, und hier insbesondere die Lübecker Bucht, also einen turbulenten Auftakt der großen Ferien meldeten, ging es an der Küsten Mecklenburg-Vorpommerns und auch auf den ostfriesischen Inseln in Niedersachsen etwas beschaulicher zu. Ein Grund: Sowohl in Mecklenburg als auch auf der vergleichsweise gut erreichbaren ostfriesischen Insel Norderney waren Tagesgäste am vergangenen Wochenende noch nicht zugelassen. Das hinderte die zuständigen Kreisbehörden in Aurich allerdings nicht daran, für Norderney eine Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes anzuordnen.

Eine Maßnahme, die bisher noch kein anderer Urlaubsort getroffen hat und die zunächst nur auf den vier wichtigsten Einkaufsstraßen gilt. Dort, so heißt es in der Begründung, herrsche „normalerweise im Sommer ein dichtes Gedränge“, in dem der Mindestabstand nicht einzuhalten sei. Das gilt erst recht, wenn ab diesem Mittwoch auch wieder Tagestouristen nach Norderney kommen dürfen.

Die Landesregierung in Schwerin bleibt dagegen auch nach Ferienbeginn bei ihrer im Vergleich zu anderen Bundesländern harten Linie im Kampf gegen die Pandemie. So verbietet Schwerin weiterhin die Einreise von Erholungssuchenden in ihr Bundesland, wenn diese keine Übernachtung vor Ort gebucht haben. Zwar gibt es nach Angaben der Behörden keine Einreise-Kontrollen, stichprobenartige Überprüfungen in den Urlaubsorten seien aber möglich.

Weiterer Grund für den vergleichsweise ruhigen Ferienstart in Mecklenburg-Vorpommern: Dort gilt, anders als in anderen Bundesländern, noch immer eine Corona-Regel, nach der sowohl Hotels und Pensionen als auch Campingplätze ihre Kapazitäten nur zu 80 Prozent belegen dürfen. Ob und, wenn ja, wann sich dies im Verlauf der Sommersaison noch ändert, hat das Schweriner Kabinett noch nicht entschieden.

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