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Ausgangsbeschränkung: Quarantäne und Internet als Sozialkitt

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 27.03.2020 Josef Joffe

© ShutterStock

Vereinzelung und Krieg um Klopapier? Überraschung, es gibt auch gute Nachrichten: Corona vereint in der Vernunft und beflügelt im virtuellen Raum das neue Miteinander.

Die üblen Nachrichten vermehren sich so rasend wie Sars-CoV-2. Deshalb ein paar gute, die so unerwartet sind, wie es Angela Merkels Rede an die Nation war, als sie über sich selbst hinauswuchs. Keine Merkeleien, sondern entschiedene Ansagen mit der richtigen Balance zwischen Vor- und Zuversicht. Geben wir hier dem Erfreulich-Erbaulichen eine Chance – trotz des Schreckens, der Gesundheitssystem und Wirtschaft heimsucht.

Beginnen wir mit dem Einschluss. Hier heißt es für Gläubige, "näher, mein Gott, zu Dir". Ihnen hatte der Herr befohlen: "Achte auf den Sabbat. Halte ihn heilig. Der siebte Tag ist ein Ruhetag." In den Zeiten der Corona ist für alle, auch die Ungläubigen, jeder Tag Sonntag. Die hochschießende Arbeitslosigkeit ist der Fluch, die verordnete Muße der Segen.

Die Hektik fällt. Die Heimarbeiter, nicht die Bosse, schreiben den Dienstplan. Davon konnte Karl Marx nur träumen. Die Produktionsmittel – PC, Telefon, Drucker – gehören auch uns. Dito die Familie. Mutter ist nicht mehr Chauffeuse und Terminberaterin der Brut, Vater darf sich länger als eine halbe Stunde lang vor der Bettzeit um die Dereinst-Erben kümmern. Quality-Time 24/7.

Ebenso anheimelnd: Die lieben Kollegen schätzen wir jetzt noch mehr, weil physische Zudringlichkeit unmöglich ist. In den Konferenzen konnten wir nur wegschalten, indem wir unter dem Tisch das Smartphone befingerten. Jetzt laufen die Meetings per Video; die Stummtaste verschafft Ruhe.

Befreiend auch die Erlösung von Flugzeug, Zug und Autobahnbaustellen. Vom Jonglieren mit Terminen, denn die sind gestrichen. Von kargen Hotels, in welche die XY-Akademie die Gäste mit der Mahnung eingewiesen hat: "Wir müssen sparen, bitte nehmen Sie statt Taxi die Straßenbahn." Apropos: Wer die trotz Quarantäne nicht meiden kann, findet Ayurveda-mäßige Entspannung. Da sitzt fünf Meter weiter nur ein einziger Fahrgast.

Freunde: "Ohne Gefährten ist kein Glück erfreulich", dozierte Seneca. Das wächst jetzt. Mit Freund und Familie verbindet uns gewöhnlich die SMS, die Kurznachricht. Oder die Zwei-Zeilen-Mail ohne Anrede und Gruß. Plötzlich klingelt wieder das Festnetztelefon; es ertönt die warme Stimme von Mutter, Tochter, dem verschollenen Studienfreund.

Zeit und Muße, Neugier und Mitgefühl verdichten sich zur Intimität, zur Neuen Geselligkeit. Corona-Witzchen fliegen durch die Leitung und trösten mit schwarzem Humor. "Wie geht’s der (Neudeutsch) Family?" transportiert neuerdings keine Floskel, sondern Zuwendung und aufrichtiges Interesse. Aus drei Minuten werden fünfzig. Es entfalten sich Vertraulichkeit und Vertrauen. Vor Corona rief nur die schwatzhafte Erbtante an oder ein aufdringlicher Meinungsforscher.

Jetzt philosophieren wir über den hässlichen Weltlauf und das Verhältnis von Freiheit und Staatsmacht im Anti-Virus-Kampf. Wie verkraften wir den Einschluss, die Hiobsbotschaften aus dem Freundeskreis? Wir rücken zusammen. Wir empfehlen einander Bücher wie Liebe in Zeiten der Cholera, Sartres Eingeschlossene von Altona oder Die Pest von Camus. Zum erheiternden Ausgleich die neue Comedyserie auf Netflix oder die Tante Jolesch von Friedrich Torberg, geistvolle Komik aus dem versunkenen Kakanien, dem Habsburger Kulturkreis. Sodann: "Kann ich etwas für Dich tun?"

Die Kids, die vor einer Generation stundenlang am Telefon hingen, nutzen wie eh und je Skype und Insta, vollziehen aber einen ersprießlichen Kulturwandel. Denn sie haben, weil Schule und Uni zu sind, plötzlich Zeit für das kohärente Gespräch – auch mit den Erzeugern über Länder und Ozeane hinweg. Corona entpuppt sich als beste Familientherapeutin: Vereint durch die Bedrohung, wollen Kinder und Eltern miteinander über Gott und die Welt reden. Genörgelt wird nicht.

Sex und Dating: Überhaupt erweist sich die vermaledeite IT als Segen. "Safe Sex", wie die Alten gern predigen? Nimm’s Telefon, und zwar nicht, um eine räuberische 0900ER-Nummer anzuwählen, sondern die Freundin. Jemand kennenlernen? Vergiss Rave-Paläste, die sowieso geschlossen sind. Vergiss auch Tinder, die Verkupplungs-App, um mit einem Fremden aus der Einsamkeit auszubrechen.

Schon haben zwei findige Jungs aus San Francisco einen Instagram-Account – Love is Quarantine – entwickelt, der virtuelle Begegnungsräume für jeweils zwei Suchende bereitstellt. Ein Moderator hat sie sorgfältig nach Auswertung langer Fragebögen ausgewählt. Die beiden führen ausgiebige Gespräche, unbehelligt von lästigen Lauschern wie an der Bar. Romeo und Julia hätten in dieser keim- und giftfreien Welt keine Tragödie erlebt.

Virtuelle Gemeinschaften: Eine Binse besagt, die digitale Technik werde das Sozialleben durch Vereinzelung killen. Ironischerweise stimmt das Gegenteil. Die IT verwandelt Isolierung in Gemeinschaft. Videopartys sind die neue Geselligkeit. Nur Heiraten geht noch nicht virtuell. Doch die Hochzeitsgäste jubeln auf dem Bildschirm – per Videoschalte auf Zoom oder Google Hangouts.

Per FaceTime lesen die Eingeschlossenen zusammen Bücher. Oder sie machen eine Pokerrunde auf. Sie meditieren oder musizieren miteinander. Sie hören im Pulk Avantgarde-Jazz und rauchen gefahrlos einen illegalen Joint. In Los Angeles hat eine Gastgeberin sechzig Freunde zur Happy Hour auf Hangouts eingeladen. Nur die Bandbreite des Internets wird Grenzen setzen. Jetzt aber fand gerade ein Rave für 5.000 statt – mit neun Stunden elektronischer Musik aus einer leeren Lagerhalle, wo die braven DJs ihre Apparate mit OP-Handschuhen bedienten.

Es geht auch ohne Streaming. Das bezeugen die singenden Italiener auf den Balkonen von Bergamo. Das Beispiel wandert durch Deutschland. In Nymphenburg zu München geigte die Tochter "Freude, schöner Götterfunken", die Eltern sangen aus voller Kehle, die Enkel winkten im Takt. Die vereinzelten Passanten in der autoleeren Straße winkten zurück.

Das erhebendste Beispiel kommt aus Jerusalem und Ramallah, wo sich Erzfeinde nach hundert Jahren gegen den gemeinsamen Feind zusammentun. Ein Leitender der Palästinenserbehörde zitiert die "Gefahr für uns alle". Israels Präsident bedankt sich bei seinem Amtskollegen Mahmud Abbas für das "hohe Maß an Kooperation und Koordination". So läuft’s im Leben der Völker, wenn plötzlich ein mörderischer Dritter uralte Widersacher zusammenzwingt.

Drei weitere gute Nachrichten zum Schluss. "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf," lehrt ein römisches Wort. Nicht in unserer Zeit, da das Gefühl der Zusammengehörigkeit anschwillt: keine Panik, kein Kampf aller gegen alle, sondern eine Herde, die sich gegen das Raubtier zusammenrottet – ohne Polizeistaatsmethoden.

Zweitens: Bei Discountern gibt’s wieder Klopapier; Hamsterer dürfen wegtreten.

Drittens: Wenn die Menschen verantwortungsbewusst bleiben und simple Abwehrregeln befolgen, können sie den Feind zumindest einmauern. Zwei frühere Corona-Arten – Sars und Mers – seien entwaffnet worden, berichtet der Stanford-Mediziner Charles Prober. "Es ist meine Hoffnung, dass Covid-19 nicht überleben wird." Die beiden Vorgänger haben ihre Macht verloren. Inzwischen heißt es: Abstand halten, Hände waschen und die digitale Geselligkeit genießen.  

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