Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Corona in München: Das "Klopapier-Phänomen" betrifft jetzt die FFP2-Masken

SZ.de-Logo SZ.de 14.01.2021 Von Ekaterina Kel, Lisa Schnell und Sebastian Theuner
Viele Apotheken haben noch genug FFP2-Masken auf Vorrat, sie zu © Angelika Warmuth/dpa Viele Apotheken haben noch genug FFP2-Masken auf Vorrat, sie zu

Sie sind stellenweise vergriffen, kaum dass die neue Verpflichtung für den Nahverkehr und den Einzelhandel verkündet ist. Während die einen strenge Kontrollen ankündigen, üben andere jede Menge Kritik - nicht nur aus fachlichen Gründen.

Das "Klopapier-Phänomen" betrifft jetzt die FFP2-Masken

Die Meldung war kaum im Umlauf, schon ging in der Rat-Apotheke in Berg am Laim die Tür auf, und geordert wurde die erste Zehnerpackung FFP2-Masken. Es sei das altbekannte "Klopapier-Phänomen", sagt Inhaber Oliver Tüting, der einen regelrechten Ansturm auf die Masken erlebt, seit die bayerische Staatsregierung am Dienstag die Verpflichtung zum Tragen einer FFP2-Maske im öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel verkündet hat. Vom kommenden Montag an soll sie gelten. "Wenn die Leute denken, es gibt nicht genug, fangen sie an zu hamstern", sagt Tüting.

Seine kleine Apotheke habe noch genug FFP2-Masken auf Lager. "Der Vorrat ist aktuell ausreichend, da wir im Dezember mehr bestellt haben, als am Ende benötigt wurden." Damals konnten sich bereits alle über 60-Jährigen kostenlos mit drei solcher Masken ausstatten. Was er von der Einführung der FFP2-Maskenpflicht für alle im Alter über 15 Jahre halten soll, da ist sich Tüting unsicher: "Wenn die Menschen sie nicht richtig tragen, machen sie nicht mehr Sinn als herkömmliche Stoffmasken." Von der Politik hätte er sich eine frühere Ankündigung gewünscht, um besser vorbereitet zu sein. Am Dienstag habe er Masken nachbestellen wollen, bisher aber keinen Liefertermin bekommen.

In der Rondell-Apotheke in Harlaching haben die Kunden die Möglichkeit, sich über die Zertifizierungen von FFP2-Masken verschiedener Hersteller zu informieren. Angelika Ramspott, stellvertretende Geschäftsleiterin, zeigt einen eigens hierfür angelegten Ordner. Die neue Regelung hält sie für sinnvoll, FFP2-Masken schützten nicht nur das Gegenüber, sondern auch einen selbst, sagt sie. In Stoffmasken sieht sie dagegen keinen ausreichenden Schutz. Daher wäre Ramspott eigentlich eine noch frühere Einführung dieser Pflicht lieber gewesen. Kunden hätten bereits bis zu 50 Masken auf einmal geordert, erzählt sie. Von begrenzten Abgaben halte sie aber nichts: "Wenn sich die Leute schützen wollen, sollen sie das auch tun dürfen." Um die 14 000 Masken seien derzeit noch bei ihnen auf Lager.

Sollten wirklich mal alle Masken ausverkauft sein, dann sei das in der Regel nur eine Frage von ein paar Stunden, beteuert Peter Sandmann, Sprecher des Bayerischen Apothekerverbands. In seiner Nauplia-Apotheke am Mangfallplatz hätten er und sein Team am Dienstag etwa 400 und am Mittwochvormittag 500 Masken verkauft. Trotzdem sagt er: "Ich glaube nicht, dass es einen Engpass geben wird." Allerdings kritisiert der Verbandssprecher den Zeitpunkt für die neue Regelung als "nicht ideal". Viele über 60-Jährige hätten ihre Coupons für drei vergünstigte FFP2-Masken noch nicht eingelöst. Diese Menschen hätten jetzt "große Panik, dass für sie keine Masken mehr übrig bleiben".

FFP2-Masken erfordern sorgfältige Handhabung, damit sie auch wirklich schützen. Man dürfe sie etwa nicht waschen, weil sie dann unbrauchbar werden, erklärt Sandmann. Detaillierte Informationen, wie man sie richtig verwendet, bietet das Gesundheitsreferat auf muenchen.de/ corona unter "Maskenpflicht". Sandmann empfiehlt zudem, auf die Zertifizierung zu achten: Da müsse ein CE-Kennzeichen drauf sein, das anzeigt, dass die Maske den europäischen Richtlinien entspricht, dazu eine vierstellige Prüfnummer und die Aufschrift FFP2 oder KN95. Beide Bezeichnungen bedeuten, dass die Masken mindestens 95 Prozent der Partikel filtern. Wer Zweifel habe, solle am besten bei der Apotheke nachfragen, sagt Sandmann.

Jedoch sind die FFP2-Masken nicht apothekenpflichtig und können auch im Einzelhandel erworben werden. Am Mittwoch offenbarte ein Blick in die Supermärkte und Drogerien leere Regale. Innerhalb einer halben Stunde seien die Masken schon am Dienstag vergriffen gewesen, seitdem warte man auf Nachschub, sagte eine Mitarbeiterin im Münchner Osten. In einer Filiale eines großen Lebensmittelmarkts in Berg am Laim hört man, dass sich diese Masken noch bis Dienstag grundsätzlich nicht im Sortiment befunden hätten. Man habe nun zunächst welche für die eigenen Mitarbeiter bestellt.

© Yoav Kedem

Die Pflicht zur FFP2-Maske im Einzelhandel gelte nach jetzigem Stand sowohl für Kunden als auch für Mitarbeiter, bestätigt der Sprecher des Bayerischen Handelsverbands für Oberbayern, Bernd Ohlmann. Allerdings gebe es da Bedenken, denn eine ganze Schicht lang mit so einer Maske zu arbeiten, könne sehr anstrengend sein. Man versuche deshalb, für Mitarbeiter eine Ausnahme zu erwirken, so Ohlmann. Ansonsten kündigte er bei den Kunden Kontrollen an: "Wir werden ab Montag penibel darauf achten, wer eine FFP2-Maske trägt. Die Zeiten von Stofftüchern und Schals sind Geschichte."

Auch der MVG-Sprecher kündigte an, dass von Montag an alle Mitarbeiter angehalten werden, die Fahrgäste des öffentlichen Nahverkehrs auf die FFP2-Pflicht aufmerksam zu machen. Man werde dies auch kommunizieren, etwa über das Fahrgastfernsehen. Die Münchner Polizei wartet noch die endgültige Verordnung ab, in der Details zu Kontrollen und Bußgeldhöhen bekannt gegeben werden. "Dann werden wir im Rahmen unserer Möglichkeiten kontrollieren", sagte ein Sprecher.

Der Vorstoß des Freistaats sorgte auch wegen einer anderen Frage für Diskussion: Wie sollen sich Geringverdiener und sozial Benachteiligte die ab Montag obligatorischen FFP2-Masken leisten? Stadtrat Stefan Jagel (Die Linke) rechnete auf Twitter vor: "Eine Alleinstehende Hartz-IV-Empfängerin muss in München von 467 Euro Regelsatz leben. Zehn FFP2-Masken kosten ca. 50 Euro." Selbst wenn man sie günstiger ergattere, seien die Ausgaben für viele nicht zu stemmen - zumal man immer wieder neue brauche, so Jagel. Seine Fraktion beantragte, die Stadt solle allen Sozialleistungsempfängern und München-Pass-Beziehern kostenlose FFP2-Masken zur Verfügung stellen. ÖDP und Freie Wähler stellten einen ähnlichen Antrag. Die Partei Volt ging noch weiter und forderte in einer Online-Petition kostenfreie FFP2-Masken für alle. Auch Angelika Pilz-Strasser (Grüne) sagt: "Ich persönlich wäre für die freie Ausgabe von Masken für alle."

Gesundheitsreferentin Beatrix Zurek (SPD) begrüßte im Bayerischen Rundfunk die Regelung, sagte aber auch: "Ich finde es schwierig, dass man solche Entscheidungen trifft, ohne die sozialen Aspekte zu berücksichtigen." Viele seien gerade in Kurzarbeit und hätten "den Euro nicht so locker in der Tasche." Hans Theiss von der CSU-Fraktion im Stadtrat sagte, dass er den Vorstoß des Freistaats klug finde. Jedoch gab auch er zu bedenken: "Der Schutz darf natürlich keine Frage des Geldbeutels sein." Das Sozialreferat erklärte, man prüfe "derzeit schnellstmöglich", wie eine finanzielle Unterstützung Bedürftiger bei der Beschaffung von FFP2-Masken möglich sei.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) blickte in Richtung Staatsregierung: "Ich erwarte mir aber auch, dass der Freistaat, der diese Regelung ja beschlossen hat, hier kurzfristig bereit ist, ebenfalls seinen Beitrag zu leisten", sagte er. Die Staatsregierung reagierte auf die Kritik am selben Tag. In Bayern sollen Bedürftige kostenlose FFP2-Schutzmasken bekommen, kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an. Insgesamt will der Freistaat 2,5 Millionen Masken an Menschen mit ungesichertem Einkommen ausgeben.

Auch andere Kritik an der kommenden neuen FFP2-Pflicht ist zu hören. Etwa von Christoph Spinner, Pandemiebeauftragter und Infektiologe am Klinikum rechts der Isar: "Die Nutzung von FFP2-Masken in der Öffentlichkeit sehe ich sehr kritisch, insbesondere weil sie einen erheblich erhöhten Atemwiderstand mit sich bringen und das Tragen ein entsprechendes Training erfordert." Spinner sagt, er verspreche sich "kaum zusätzlichen Schutz". Auch außerhalb von Bayern gab es Kritik: "Was Söder da macht, ist falsch", erklärte Christian Kühn, Sachverständiger für Schutzausrüstung aus Schleswig-Holstein. Er ist Fachbereichsleiter Rettungsdienst beim Verband VDSI und prüft Schutzausrüstung für Rettungsdienste, Kliniken, Feuerwehr und Polizei. "Der Markt für Schutzausrüstung ist schon jetzt angespannt", sagt Kühn: "Wir werden Schwierigkeiten haben, für Rettungskräfte und Krankenhauspersonal vernünftiges Material zu bekommen."

| Anzeige
| Anzeige

Zur Webseite

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon