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Corona in Süditalien: Planlos ins Chaos

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 3 Tagen Michael Braun

Das süditalienische Kampanien ist Covid-Krisenzone. Regionalpräsident Vincenzo De Luca suggerierte, alles sei unter Kontrolle. Doch jetzt greift Rom ein.

Corona-Teststation in einer Kirche in Neapel in Kampanien, Italien © Ciro De Luca/​Reuters Corona-Teststation in einer Kirche in Neapel in Kampanien, Italien

Es waren Bilder, die ganz Europa schockierten, im März, nur wenige Wochen nach Ausbruch der Corona-Pandemie. Sie zeigten die Situation in den Notaufnahmen der Krankenhäuser im norditalienischen Bergamo, die übervollen Flure, auf denen dutzende Pritschen geparkt waren, voll mit schwerkranken Patientinnen und Patienten, für die sich kein freies Bett mehr fand.

Jetzt sind diese Bilder wieder da, doch diesmal kommen sie aus dem süditalienischen Kampanien, aus dessen Hauptstadt Neapel. In den Hospitälern müssen dort Kranke tagelang in der Notaufnahme ausharren, unter katastrophalen Bedingungen, und draußen vor der Tür warten die Rettungswagen stundenlang in langer Schlange, ehe ihre Patienten überhaupt ausgeladen werden. Schlimmer noch: In dieser Schlange warten auch private PKW mit nach Atemluft Ringenden, weil einfach kein Rettungswagen zu bekommen war.

Und als wäre das noch nicht genug, machte letzte Woche ein kurzes, mit dem Smartphone aufgenommenes Video die Runde: Es zeigt einen im Waschraum der Notaufnahme des Cardarelli-Hospitals in Neapel tot zusammengebrochenen alten Mann. Der Covid-Patient verstarb, ohne dass das Personal es überhaupt bemerkte. Die Krankenhausleitung empörte sich, ebenso die Regionalregierung – nicht jedoch über den Vorfall selbst, sondern über den Anonymus, der das Video verbreitet hatte.

Eine hochdramatische Realität auf der einen Seite, eine politische Führung auf der anderen, die sich weiter in Realitätsverweigerung übt, der das Management der Krise entglitten ist: Dies ist das traurige Bild, das Kampanien in der zweiten Pandemie-Welle vermittelt.

Präsident der Region ist seit nunmehr gut fünf Jahren der 71-jährige Vincenzo De Luca aus der gemäßigt linken Partito Democratico (PD), die in Rom Koalitionspartner in der Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte ist. In Kampanien heißt De Luca nur "lo sheriffo", der Sheriff, denn schon in seiner Zeit als Bürgermeister von Salerno hatte er sich den Ruf eines hart durchgreifenden Law-and-Order-Mannes erworben, man sieht ihn als entschlossenen Macher. Nur wenige Monate vor Ausbruch der Pandemie hatte er sich für die erfolgreich abgeschlossene Sanierung des Gesundheitswesens gefeiert und verkündet, von nun an gelte dort das Motto "Patient im Mittelpunkt".

Und diesen Ruf hatte er auch in der ersten Phase der Pandemie verteidigt. Jede Woche spricht er per Facebook zu seinen Wählern. Mit rollenden Augen drohte er, er werde "mit dem Flammenwerfer" bei den Partys derer anrücken, die sich nicht an die Corona-Auflagen halten.


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Noch heute lobt De Luca sich denn auch für "das Wunder", das er vollbracht habe: Kampanien unbeschadet durch die erste Welle der Pandemie gebracht zu haben. Die Zahlen geben ihm auf den ersten Blick recht. Von Anfang März bis zum 13. Oktober hat es in der Region mit ihren sechs Millionen Einwohnern nur knapp 20.000 Infizierte gegeben und die Gesamtzahl der Toten blieb unter 500. Geschuldet waren diese vergleichsweise positiven Zahlen aber vor allem dem nationalen Lockdown von März bis Mai, der griff, bevor die Seuche vom Norden des Landes in den Süden übergreifen konnte. Doch De Luca rechnete sich das Ergebnis als sein ganz persönliches Verdienst zu – und die Bürger glaubten ihm. Am 21. September bestätigten sie ihn bei den Regionalwahlen mit 70 Prozent als ihren Präsidenten.

Doch dann kam im Oktober die zweite Welle, und sie erwischte Kampanien mit voller Wucht: Die Region und Neapel wurden zum größten Seuchen-Hotspot in Süditalien: In nur fünf Wochen versechsfachte sich die Zahl der Infizierten auf 120.000 und die Zahl der Toten stieg auf fast 1.200. Und De Lucas Regionalregierung muss sich fragen lassen, was sie den ganzen Sommer über getan hat, um sich auf den neuen Infektionsschub vorzubereiten.

Schließlich ist das Gesundheitswesen in Italien Sache der Regionen – und schließlich ist Kampaniens kaputtgespartes Gesundheitssystem das schwächste des Landes: Die jährlichen Ausgaben pro Kopf liegen mit nur 2.100 Euro deutlich unter dem nationalen Durchschnitt von gut 2.500 Euro. Auch bei der Zahl der Krankenhausbetten – 2,6 pro 100.000 Einwohnern – belegt Kampanien unter allen Regionen den vorletzten Platz.

Schon vor der Covid-Krise berichteten Medien über die verheerenden Zustände in der Notaufnahme zum Beispiel des Cardarelli-Hospitals in Neapel. Schon damals waren Patienten notdürftig auf den Gängen geparkt, schon vor der Covid-Krise betrug im Stadtgebiet Neapels die durchschnittliche Wartezeit für einen Rettungswagen knapp eine halbe Stunde.

Doch die Regionalregierung ließ den Sommer verstreichen. Noch im Oktober gab es hier – für sechs Millionen Einwohnerinnen und Einwohner – nur 110 Intensivbetten. Und sie bildete auch nur einen Teil der von der nationalen Regierung vorgesehenen mobilen Ärzte-Krisenteams, die Covid-Patienten zu Hause betreuen und so die Kliniken entlasten sollen.

Von Oktober auf November dann verachtfachte sich die Zahl der Intensivbetten plötzlich auf 856 – wenigstens auf dem Papier. Und De Luca nutze das, einen Gesundheitsnotstand in der Region trotz der bedrückenden Fernsehbilder rundweg abzustreiten. Und er forderte, in Kampanien solle kein Lockdown verhängt werden wie in der Lombardei oder im Piemont.

Doch dann schickte die nationale Regierung in der letzten Woche eine Untersuchungskommission, weil sie den Zahlen aus Kampanien nicht traute. "Elf Privatwagen" befänden sich vor dem Cardarelli-Hospital in der Warteschlange, schrieben die Fahnder auf. Deren Insassen würden mit Sauerstoffflaschen und warmen Decken notdürftig versorgt. Und in einer anderen Großklinik Neapels notierten sie, dort seien 72 Intensivbetten gemeldet, faktisch aber könnten wegen fehlenden Personals nur 32 genutzt werden. Generell fiel ihnen das "völlige Fehlen einer Planung" bei der Anti-Covid-Strategie auf, genauso wie die mangelnde Koordinierung zwischen Krankenhäusern und der territorialen Ebene der Gesundheitsversorgung, also den Hausärzten und den lokalen Gesundheitsdiensten.

Statt aber über die Versäumnisse seiner Regierung zu reden, ergeht sich De Luca – wie immer auf Facebook – lieber in Verbalgefechten mit "den Schakalen", die seiner Meinung nach Kampanien in den Schmutz ziehen. Ganz oben auf seiner Liste steht Italiens Außenminister Luigi Di Maio von den Fünf Sternen, auch er ein Politiker aus Kampanien. Di Maio hatte festgestellt, die Region sei in der Pandemie mittlerweile "außer Kontrolle", deshalb werde die nationale Regierung intervenieren. De Luca titulierte den Minister daraufhin als "Subjekt", das samt der ganzen Regierung sofort nach Haus geschickt gehöre.

Nur von Beleidigungen unterbrochene Sprachlosigkeit herrscht auch zwischen dem Regionspräsidenten und dem Bürgermeister Neapels, Luigi de Magistris. Die beiden müssten das Krisenmanagement koordinieren – doch lieber überziehen sie einander mit Schmähungen. De Magistris prangerte über Tage hinweg an, die Situation sei mittlerweile erschütternd, in Kampanien herrsche "ein sehr ernster Notstand". De Luca keilte zurück, der Bürgermeister sitze "immer bloß im Fernsehen", er habe nichts gegen die Menschenansammlungen auf Neapels Uferpromenade unternommen.

Ein "Sheriff ohne Stern" sei da mittlerweile unterwegs, hämt die Tageszeitung La Repubblica, und der aus Kampanien stammende Schriftsteller Roberto Saviano bilanziert, De Luca sei "politisch erledigt".

Derweil versucht die nationale Regierung unter Giuseppe Conte zu retten, was zu retten ist: Sie erklärte Kampanien am letzten Sonntag zur Roten Zone mit komplettem Lockdown und legte eine Blitzausschreibung auf, um im Eilverfahren 450 Ärztinnen und Ärzte für die Region zu rekrutieren.

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