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Corona-Sterberaten: Warum das Virus in Italien tödlicher ist

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 6 Tagen Elena Erdmann, Linda Fischer

Fast jeder Zehnte der bekannten Corona-Infizierten überlebt in Italien nicht. In Deutschland sind es bisher nur 0,5 Prozent. Woran liegt das?

Abgesehen von China und Spanien dürfte es weltweit kein anderes Land geben, das bisher von dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 so sehr betroffen ist wie Italien. © Flavio Lo Scalzo/​Reuters Abgesehen von China und Spanien dürfte es weltweit kein anderes Land geben, das bisher von dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 so sehr betroffen ist wie Italien.

Die Situation ist ernst in Italien. Abgesehen von China und Spanien dürfte es weltweit kein anderes Land geben, das bisher von dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 so sehr betroffen ist. Jeden Tag kommen mehrere Hundert Menschen hinzu, die eine Infektion mit dem Coronavirus nicht überlebt haben. Die Zahl der Toten liegt mit knapp 7.500 weit über der offiziellen Zahl Chinas und Berichten zufolge schaffen es Krematorien in der norditalienischen Region Lombardei nicht mehr, alle Verstorbenen rechtmäßig zu verbrennen. Das Heer muss aushelfen und bringt die Leichname, die täglich aus den Krankenhäusern geholt werden müssen, in andere, weniger überlastete Regionen. Italien vermeldet aktuell mehr als 70.000 offiziell Infizierte.

Auch wenn in Deutschland die Zahlen der Infizierten ebenfalls rasant steigen, unterscheidet sich die Situation doch eklatant. Besonders deutlich wird das an den bisher bekannten Sterblichkeitsraten: Zehn Prozent der Menschen, die sich in Italien offiziell mit Sars-CoV-2 infiziert haben, sind gestorben – in keinem Land ist der Anteil so hoch. In Deutschland liegt der Anteil der Verstorbenen bei 0,54 Prozent und damit erstaunlich niedrig.

Es ist unwahrscheinlich, dass das Virus Sars-CoV-2 während des Ausbruchs so sehr mutiert ist, dass es in Italien grundsätzlich schwerere Infektionen hervorruft oder ansteckender wäre als in Deutschland. Schließlich haben sich wahrscheinlich viele Menschen hierzulande in Italien angesteckt, die Ausbrüche verlaufen außerdem seit Wochen parallel. Die Gründe müssen also andere sein. Forschende haben ein paar Erklärungsversuche:

Die Krankenhaussituation im Land

Die Überlebenschancen für Covid-19-Erkrankte sind höher, wenn sie ausreichend medizinisch versorgt werden und verschlechtern sich, sobald das nicht mehr möglich ist. "Wenn das Gesundheitssystem deutlich überlastet ist, ist es möglich, dass Infizierte sterben, die unter anderen Umständen überlebt hätten", sagt die klinische Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Zum Beispiel, weil es nicht genug Betten und Geräte für schwer Erkrankte gibt, die beatmet werden müssten.

Genau das ist in einigen Regionen Italiens passiert. Am Wochenende hatten Medizinerinnen und Mediziner vom Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo im Magazin NEJM Catalyst über die Zustände an ihrem Arbeitsplatz berichtet (Nacoti et al., 2020). Die Infektionen hätten den Gesundheitsapparat überfordert, schreiben sie in dem Bericht. "Unser eigenes Krankenhaus ist hochgradig kontaminiert und wir haben längst den kritischen Punkt erreicht." Kontaminiert bedeutet, dass das Krankenhaus nicht ausschließen kann, dass sich Nichtinfizierte über Viren auf Oberflächen ebenfalls anstecken können. 

Zudem würden alte Patientinnen und Patienten nicht wiederbelebt und allein, ohne Palliativversorgung, sterben. Das Fazit der Autoren: Diese Katastrophe, in der es einfach zu viele Kranke für zu wenig Kapazitäten gibt, könnte überall passieren.

Der beschriebene absolute Ernstfall ist in Deutschland noch nicht eingetreten. Insgesamt muss das Krankenhauspersonal auf den Intensivstationen nicht sortieren, welche schwer kranken Corona-Patienten behandelt werden können und welche nicht. 

Das deutsche Gesundheitssystem ist zum einen besser ausgestattet, um Schwerkranke zu versorgen. Schließlich hat Deutschland mit 28.000 deutlich mehr Intensivbetten als Italien. Das seien bezogen auf 1.000 Einwohner zweieinhalb Mal so viele, sagte Reinhard Busse, Professor für Gesundheitsmanagement an der Technischen Universität Berlin, dem deutschen Science Media Center. So gebe es in Deutschland mehr Kapazitäten für Coronavirus-Infizierte.

Doch der Hauptgrund ist ein anderer: eine Überlastung mit zu vielen Covid-19-Patientinnen an einem Ort zur selben Zeit. Allein in Bergamo gab es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des italienischen Berichtes mehr als 4.000 Corona-Infizierte. In Deutschland gibt es keine Stadt, in der so viele gemeldet sind. Schwer Erkrankte bekommen hierzulande im Normalfall also immer noch die Behandlung, die sie brauchen, damit ihr Immunsystem die Infektion selbst bekämpfen kann.  

In Italien haben sich bisher mehr Alte infiziert

Eine ebenfalls große Rolle dürften nach Ansicht von Berit Lange andere Aspekte gespielt haben. Zum Beispiel das Alter der Infizierten. In Italien sind nach Angaben des Istituto Superiore di Sanità (ISS) ältere Altersgruppen in den offiziellen Statistiken deutlich häufiger vertreten. Mehr als ein Drittel der Infizierten ist älter als 70 (PDF: ISS Epidemiologischer Bulletin, 20. März 2020). Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) ist der überwiegende Großteil der in Deutschland bekannten Infizierten jünger als 60.

Ein Grund dafür könnte sein, dass sich hierzulande viele Skireisende im österreichischen Ischgl oder im italienischen Südtirol infiziert und das Virus nach Deutschland getragen haben – häufig eher junge Menschen, bei denen das Virus im Durchschnitt seltener eine schwere Infektion auslöst als bei älteren.

Das wird aber nicht so bleiben. Auch in Deutschland infizieren sich zunehmend Ältere, fügt Lange hinzu. Die deutsche Bevölkerung gehört genau wie die italienische zu den ältesten in Europa. Das heißt, je weiter der Ausbruch in Deutschland voranschreitet, desto mehr ältere Menschen werden sich auch hierzulande infizieren und schließlich an der Krankheit Covid-19 sterben.

Entscheidend könnte zudem sein, wie es Betroffenen ging, bevor sie sich infiziert haben und wie sie lebten. Dazu gehört zum einen, dass in Italien oft alte und junge Menschen unter einem Dach leben und sich so gegenseitig anstecken könnten. Das ist allerdings bisher nur eine Hypothese. Zum anderen der Gesundheitszustand.

"Wir wissen aus anderen Ländern und mittlerweile auch aus Deutschland, dass viele Infizierte gestorben sind, die bereits Vorerkrankungen hatten", sagt die Epidemiologin Lange. Ob sich in Italien allerdings mehr Vorerkrankte infiziert haben als in Deutschland, ließe sich aus den bisher veröffentlichten Daten nicht ablesen. Und auch über die allgemeinen Lebensumstände der Infizierten sei noch wenig bekannt: Haben die italienischen Infizierten häufiger geraucht als die deutschen? Wie haben sie sich ernährt? Haben sie sich regelmäßig bewegt? All das könnten ebenfalls Faktoren sein, die beeinflussen, ob jemand an einer Sars-CoV-2-Infektion stirbt oder nicht – ob das so ist, ist bisher nicht bekannt. 

Wo wenig getestet wird, wird die Sterblichkeit höher

Epidemiologen schätzen, dass etwa 0,7 Prozent der mit dem neuen Coronavirus Infizierten sterben. Zu diesem Wert kommen verschiedene Studien über Fälle in China, Südkorea und auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, wo besonders gründlich getestet wurde. Dass viele Länder so sehr davon abweichen, kommt vor allem daher, dass nicht bekannt ist, wie viele Infizierte es tatsächlich im Land gibt. Gerade leichte Krankheitsverläufe werden häufig nicht erkannt, Verstorbene hingegen selten übersehen.

Je mehr ein Land testet, desto besser lässt sich einschätzen, wie viele Infizierte es dort gibt. Forschende halten es derzeit für wahrscheinlich, dass die Infizierten-Statistiken für Deutschland näher an der Realität sind als jene aus Italien. Im internationalen Vergleich testet Deutschland eher viel.

Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Schätzungen zufolge wurden aber schon deutlich mehr als 200.000 Menschen deutschlandweit getestet. Zum Vergleich: Bis zum 22. März wurden in Italien 258.402 Menschen getestet, also nicht viel mehr als in Deutschland. Obwohl der Ausbruch dort zu diesem Zeitpunkt schon deutlich weiter fortgeschritten war. "Ich gehe davon aus, dass es in Italien, Frankreich und Spanien sehr viel mehr Fälle gibt, als im Moment bekannt sind", sagt Richard Neher, der am Biozentrum Basel an der Evolution von Viren und Bakterien forscht.

Außerdem haben verschiedene Länder unterschiedliche Herangehensweisen, wann eine Person auf Sars-CoV-2 getestet werden soll. Denn für alle, die sich krank fühlen, reichen die Testkapazitäten nicht aus. Für Deutschland etwa sieht das Robert Koch-Institut vor, dass Menschen nur dann getestet werden, wenn sie sich zuvor in einem Risikogebiet aufgehalten haben oder Kontakt zu einem bestätigten Infizierten hatten und Symptome zeigen. In Italien werden vor allem Patienten getestet, die mit Symptomen ins Krankenhaus kommen. Noch ein Punkt, der eine Statistik zur Sterblichkeit verzerren kann.

Erst Tage oder Wochen nach der Infektion entscheidet sich, wer wieder gesund wird und wer stirbt

Die niedrige Zahl Verstorbener, die Menge der Tests, die bisher noch nicht ausgelasteten Krankenhausbetten: All das deutet darauf hin, dass Deutschland im Gegensatz zu Italien noch am Anfang der Epidemie steht. Und dass sich das Virus in Italien wohl schon deutlich früher lokal verbreitet hat, als es die Zahl der bestätigten Infektionen vermuten lässt. Weil die ersten Fälle bei einem Automobilzulieferer in Bayern gut nachverfolgt wurden, aber wahrscheinlich auch mit etwas Glück, ist das Virus erst später ganz in Deutschland angekommen, vermutlich erst bei der Karnevalsfeier in Heinsberg.

Eine Entwarnung ist das jedoch nicht. "Ich denke, es gibt wenige Gründe anzunehmen, dass die Ausbreitung des Virus in Deutschland grundsätzlich anders ist als in Norditalien oder in Wuhan. Ohne massive Gegenmaßnahmen werden die Fallzahlen zunehmen und das Gesundheitssystem wäre komplett überlastet", sagt Neher.

Wer heute positiv auf Covid-19 getestet wird, für den entscheidet sich erst in einigen Tagen bis Wochen, ob er wieder gesund wird oder ob er an der Krankheit verstirbt. Das ist der Grund, warum der Anteil der Gestorbenen in Deutschland sogar noch weit niedriger liegt als die von Wissenschaftlern geschätzten 0,7 Prozent. "Die Zahl der Toten ist immer ein Abbild dessen, was vor einiger Zeit passiert ist", sagt die Epidemiologin Berit Lange.

In einer noch nicht begutachteten Studie des Centre for the Mathematical Modelling of Infectious Diseases der London School of Hygiene & Tropical Medicine berechnen Forschende, dass in China nach dem Test durchschnittlich 13 Tage vergingen, bis eine Person an den Folgen der Krankheit verstarb (Russel et al., 2020). Würde man das genauso auf Deutschland übertragen, müsste man die heutige Zahl der Toten mit der Infiziertenzahl von vor 13 Tagen gegenrechnen und käme so auf eine Sterberate von mehr als fünf Prozent.

Allerdings lassen sich Daten aus China nicht einfach auf Deutschland übertragen. Schließlich hängt auch hier vieles davon ab, auf welche Weise und wie viel getestet wird. Fällt ein Patient erst dann als positiv auf, wenn er schon schwer krank ins Krankenhaus eingeliefert wurde – so wie es vielerorts in Italien passiert – würde die Todesrate anders aussehen, als wenn gleich nach der Infektion getestet wird. Dass die deutsche Todesrate nach der Epidemie weiter so niedrig bleibt, wie sie bisher erscheint, ist jedenfalls unwahrscheinlich.

Maßnahmen wie das Arbeiten aus dem Homeoffice, das Schließen von Schulen, der besondere Schutz von älteren und erkrankten Menschen und das konsequente Isolieren von Infizierten wirken beim Eindämmen der Pandemie. Das zeigen Daten aus China und aus Südkorea. Doch auch von der Ansteckung über die ersten Symptome und bis zum Test vergehen einige Tage. Bis also die zuletzt beschlossenen, strengeren Regeln zur Kontaktreduktion wirken, wird die Zahl der Infizierten und die Zahl der Toten wohl erst noch weiter steigen.

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