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Coronavirus in Iran: Die doppelte zweite Welle

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL vor 2 Tagen Alexander Sarovic

Iran war ein frühes Zentrum der Coronakrise. Nach einem vergleichsweise kurzen Lockdown steigen die Fallzahlen wieder deutlich. Es ist nicht das einzige Problem, mit dem die Islamische Republik zu kämpfen hat.

© Ebrahim Noroozi/ dpa

Es begann mit Ärzten, die in den Körpern von Patienten ein rätselhaftes Virus entdeckten. Die Fälle mehrten sich schnell. Binnen Wochen hatten sich Zehntausende mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt, mehrere Tausend starben an den Folgen - und das waren nur die offiziellen Zahlen. Im Februar und März wurde Iran zu einem der weltweit ersten Brandherde der Pandemie.

Das Regime spielte die Krise lange herunter. Doch das Virus breitete sich auch unter seinen hohen Vertretern aus: Mindestens 20 Geistliche und Politiker sollen an den Folgen gestorben sein; mehrere enge Berater von Ajatollah Ali Khamenei, dem geistlichen und politischen Führer des Landes, steckten sich Berichten zufolge an.

Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang steigt die Zahl der Neuinfektionen nun wieder deutlich an. Mehr als 2300 Menschen hätten sich seit dem Vortag mit dem Virus angesteckt, teilte das Gesundheitsministerium am Freitag mit. Anfang Mai hatte die Zahl noch bei unter 1000 gelegen. Acht Provinzen und die Hauptstadt Teheran wurden in der vergangenen Woche zu "roten Zonen" erklärt.

Die genauen Todeszahlen sind unbekannt

Die Lage in Iran spitze sich zu, sagt der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour dem SPIEGEL. Der in Teheran geborene außenpolitische Sprecher der Grünenfraktion sieht das Land mitten in einer zweiten Welle.

Es ist gleichsam eine zweite Welle mit Ankündigung. Nach einem knapp zweiwöchigen Lockdown ließ Präsident Hassan Rohani einen Großteil der Beschränkungen ab der zweiten Aprilhälfte schrittweise wieder aufheben. Gesundheitsexperten warnten vor den Folgen; Kritiker warfen Rohani vor, die Wirtschaft über die Gesundheit der Bevölkerung zu stellen. Dennoch kehrte vielerorts der Alltag wieder ein: U-Bahnen, Busse und Märkte füllten sich. Gläubige beteten während des Fastenmonats Ramadan abends wieder gemeinsam in den Moscheen. In zehn der 31 Provinzen sei die Epidemie inzwischen unter Kontrolle, sagte Rohani am Samstag im iranischen Fernsehen. Museen und historische Stätten im ganzen Land werden demnach ab Sonntag wieder für Besucher geöffnet.

Obwohl Iran am frühesten und am härtesten im Nahen Osten vom Virus getroffen wurde, wurden lange keine nennenswerten Maßnahmen zur Eindämmung erlassen: Zum persischen Neujahrsfest am 20. März reisten Millionen Iraner durch das ganze Land. Keine der am stärksten betroffenen Städte wurde unter Quarantäne gestellt. Ajatollah Khamenei verbreitete stattdessen Verschwörungstheorien.

Nun muss sich die Staatsführung den Vorwurf gefallen lassen, nicht nur zu spät auf den Ausbruch regiert, sondern auch die einmal erlassenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu früh wieder aufgehoben beziehungsweise gelockert zu haben.

Offiziellen Angaben zufolge liegt die Zahl der Corona-Fälle im Land bei knapp 132.000; davon seien mehr als 102.000 Personen wieder genesen. 7300 Menschen sind demnach an den Folgen gestorben.

Fachleute im In- und Ausland gehen - ebenso wie eine Reihe iranischer Politiker – davon aus, dass die Zahlen in Wahrheit um ein Vielfaches höher liegen. Das Regime kontrolliert den Informationsfluss streng: Berichten zufolge wird die offizielle Zahl der Toten künstlich niedrig gehalten, indem Ärzte und Krankenhausleitungen unter Druck gesetzt werden.

"Fehlende Transparenz, Korruption und Missmanagement sind eine tödliche Mischung im Kampf gegen das Virus", sagt der Grünen-Politiker Nouripour. Die Situation spitze sich deshalb zu, weil genau diese drei Elemente zusammenfielen. "Obendrein erschweren die US-Sanktionen das Leben der normalen Bevölkerung."

Irans wirtschaftlicher Spielraum ist besonders eng

Wie schützt man die Gesundheit der Bevölkerung und begrenzt zugleich so gut wie möglich den Schaden für die Wirtschaft? Regierungen auf der ganzen Welt stehen derzeit vor dieser Frage. Doch Irans Spielraum ist dabei besonders eng. Schon vor der Krise befand sich die Wirtschaft des Landes in einem desolaten Zustand:

  • Sie schrumpfte um sieben Prozent.

  • Die Inflation war so hoch wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.

  • Die Wiedereinsetzung von Sanktionen nach der einseitigen Aufkündigung des Atomabkommens durch die USA im Jahr 2018 führte zu einem dramatischen Niedergang des Außenhandels und der Ölexporte.

Die Unterbrechung des Wirtschaftslebens durch die Coronakrise setzt vielen im Land weiter zu: Schätzungen zufolge kostete sie ein bis zwei Millionen Iraner den Arbeitsplatz. Weitere Millionen sollen von Lohn- beziehungsweise Arbeitszeitkürzungen betroffen sein. Den Gesundheitsexperten, die Rohani wegen der Öffnung der Wirtschaft kritisierten, standen deshalb 50 Ökonomen gegenüber, die den Präsidenten warnten, dass eine Verschärfung der wirtschaftlichen Lage zu einem Wiederaufflammen von Protesten führen könnte, wie sie das Land schon im vergangenen November gesehen hat.

Heuschreckeninvasion als weitere Herausforderung

Hinzu kommt, dass das Land eine weitere zweite Welle durchlebt: Laut der iranischen Ernteschutzbehörde haben sieben Provinzen des Landes mit einer Invasion von Wüstenheuschrecken zu kämpfen.

Die Plage verwüstete Anfang des Jahres ganze Landstriche in Afrika und dem Nahen Osten und suchte im März auch Iran heim. Fachleute sagten für Mai eine zweite Welle voraus, die das Land nun ganz offenbar trifft. Die wirtschaftlichen Schäden sollen sich auf sieben Milliarden Dollar belaufen.

Amtsträger und Gewerkschafter in den am stärksten Betroffenen Landesteilen sprechen von einer beispiellosen Plage: Die Heuschrecken seien größer als im vergangenen Jahr. Anderen Berichten zufolge sollen sich nach dem Einsatz von Pestiziden die toten Insekten 15 Zentimeter hoch türmen.

Den wirtschaftlichen Schäden, die mit den Krisen einhergehen, hat die Staatsführung in Teheran kaum etwas entgegenzusetzen. Ihr geht zunehmend das Geld aus. Während etwa Deutschland als viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ein Hilfspaket schnürt, das einem Drittel seiner Wirtschaftsleistung entspricht, stellt die Regierung in Teheran Hilfen in Höhe von zwei Prozent des - zuletzt deutlich geschrumpften - Bruttoinlandsprodukts für die Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen in Aussicht.

Ferner könnten sich die zu erwartenden Folgen weiterer Corona-Ausbrüche auch als wirtschaftliches Desaster herausstellen. Geschäfte könnten erneut gezwungen sein zu schließen. Das Gesundheitssystem würde hart getroffen. Die Wirtschaft am Leben zu halten, würde unter solchen Bedingungen immer schwieriger.

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