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Coronavirus in Pflegeheimen: Ohnmächtig vor der Scheibe

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 29.06.2020 Ruth Johanna Benrath

Nur zweimal pro Woche. 30 Minuten lang. Hinter Plexiglas. Die Kontaktbeschränkungen in Pflegeheimen machen die Treffen von Demenzerkrankten und ihren Familien zur Qual.

Getrennt von Plexiglas kann keine wirkliche Nähe aufkommen. Für viele Bewohnerinnen von Pflegeheimen ist das nicht nachvollziehbar. © Action Pictures/​imago image/​dpa Getrennt von Plexiglas kann keine wirkliche Nähe aufkommen. Für viele Bewohnerinnen von Pflegeheimen ist das nicht nachvollziehbar.

Ich habe mir angewöhnt, in einfachen Sätzen zu reden, wenn ich mit meiner Mutter spreche. Damit sie mich versteht. Weil sie an Alzheimer leidet. Ich sage zum Beispiel "Ich bin dein Kind", da es nicht so wichtig ist, wie ich heiße oder ob ich ihre Schwester oder ihre Tochter bin. Die Hauptsache ist, dass sie weiß, dass ich für sie da bin. Während der letzten Monate wiederholte ich immer wieder den Satz "Ich komme, sobald ich kann". Denn in der Pflegeeinrichtung meiner Mutter war das Coronavirus ausgebrochen. Es waren einige Zeit lang die einzigen Infektionszahlen in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg. Wochenlang glich das Heim einem Hochsicherheitstrakt. Die Bewohner*innen waren voneinander isoliert, durften ihr Zimmer nicht verlassen. Meine Mutter lag nur noch im Bett.

Ich konnte ihr nicht erklären, warum das Gesundheitsamt mit Schutzanzügen anrückte und einen mehrere Zentimeter langen Stab in ihre Nase rammte. Warum sie plötzlich von Menschen mit Gesichtsmasken umringt war, deren Mimik sie nicht erkennen konnte, obwohl dies für sie unerlässlich ist, um sich zu orientieren, wen sie vor sich hat. Und schlimmer noch – ich konnte meiner Mutter nicht erklären, warum ich sie drei lange Monate nicht besucht habe.

Ruth Johanna Benrath ist freie Autorin. Sie schreibt Lyrik, Prosa, Kinder- und Jugendtheaterstücke und Hörspiele. Ihr Stück © Bernd Suchland Ruth Johanna Benrath ist freie Autorin. Sie schreibt Lyrik, Prosa, Kinder- und Jugendtheaterstücke und Hörspiele. Ihr Stück

Während der Kontaktsperre habe ich versucht, per Skype mit ihr Kontakt aufzunehmen. Um zu verhindern, dass sie vergisst, dass sie Kinder hat. In einem Schreiben hat die Pflegeeinrichtung die Ausstattung mit einem Tablet und mit Skype angekündigt, aber die diensthabende Pflegekraft bewegt die Kamera zu schnell. In verwischten Pixeln baut sich das Bild des Zimmers meiner Mutter auf dem Monitor auf. Ein Schwenk auf das Bett. Die Kamera streift den Haarschopf meiner Mutter, ihr Gesicht ist abgeschnitten. Hektischer Schwenk auf die Wand. Die Fotos von uns Kindern hängen schief. Seitens der Pflegekraft noch einmal der Versuch, meine Mutter mit ruhigerer Hand ins Bild zu bekommen. Sie schaut nicht in die Kamera. Sie liegt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen da. Ich rufe ihren Namen, stoße lockende Rufe aus, die in zwitschernde Laute übergehen. Wie bei einem Kind. Die Kamera verharrt jetzt auf dem Kopfkissen meiner Mutter. Keine Reaktion. Das Einzige, was sich bewegt, ist ihr Brustkorb. Die Atembewegung bringt die Bettdecke dazu, sich zu heben und zu senken und damit heben und senken sich auch die gefalteten Hände meiner Mutter, die in unregelmäßigen Abständen von einem leichten Zittern erfasst werden. Ich rufe ihren Namen. Immer wieder. Keine Reaktion. Ich sehe nur dieses leise Zittern. Aber sie atmet wenigstens.

Ich möchte hier nicht diskutieren, ob die Infektion im Heim hätte vermieden werden können: Ein Bewohner, der in die Klinik kam, war dort vor seiner Rückkehr nicht auf Corona getestet worden. Ich schaue nicht zurück. Nicht auf die mangelnde Informationspolitik der Heimleitung, von der wir als Angehörige ein tägliches Update der Infektionszahlen, die zu Beginn rasant anstiegen, erst einfordern mussten. Tag für Tag diese Panik, ob es meine Mutter getroffen hat. Es waren die schwierigsten Wochen dieses Jahres.

Aber kein Blick zurück im Zorn, sondern ein Blick nach vorn. Die Infizierten sind alle wieder gesund, man geht zur Tagesordnung über. Die aber keineswegs dem Heimalltag vor der Pandemie gleicht. Und darum geht es. Um den Blick nach vorn. Im Zorn. Um das, was die Demenzerkrankten erwartet, wenn Körperkontakt und persönliche Nähe immer noch massiv eingeschränkt bleiben. Verunsicherung, Angst und Aggressionen werden weiter zunehmen. Denn die Pflegeeinrichtung erlaubt bisher nur zweimal in der Woche einen Besuch. 30 Minuten lang. Hinter Plexiglas.

"Ich habe Angst, dass du kaputtgehst". Meine Mutter sagt das, als ich von meiner bevorstehenden Reise erzähle. Sechs Stunden im Zug, bis ich bei ihr bin. Dieser Abstand von 619 Kilometern, den ich in den letzten drei Monaten nur in Gedanken sekundenschnell überfliegen konnte. Und jetzt freue ich mich darauf, sie endlich zu sehen.

Das erste Treffen findet hinter einem zur Absperrung umfunktionierten Bauzaun statt. Zum Glück ist mein Bruder mitgekommen. Meine Mutter erscheint in der Schiebetür des Pflegeheims. Als ich sie das letzte Mal sah, konnte sie noch am Rollator gehen, jetzt sitzt sie im Rollstuhl. Kann sie mittlerweile gar nicht mehr laufen? Als sie uns entdeckt, reißt sie die Arme in die Luft und bewegt ihren Oberkörper hin und her wie bei einem Freudentanz. Aber sie versteht nicht, warum wir sie nicht umarmen dürfen. Ein mitgebrachter Blumentopf muss erst desinfiziert werden.

Wir versuchen, sie aufzuheitern und intonieren Die Affen rasen durch den Wald auf unseren Luftgitarren. Mit ihrem Rollstuhl versucht sie, so nah wie möglich an das Gatter zu rollen. Was von der begleitenden Pflegekraft sofort unterbunden wird. Ich darf sie nicht anfassen, und sie kann mein Gesicht nicht berühren, wie sie es so gern macht, wenn sie mich das erste Mal wiedersieht. Vorsichtig fährt sie dann mit den Fingerspitzen meine Augenbrauen entlang und tastet sich über meine Nase bis zu meinem Mund, um sich zu vergewissern, dass ich wirklich da bin. "Ich bin dein Kind." Ich kann ihr nicht erklären, was los ist.

Wegen Regens findet die nächste Begegnung im präparierten Besuchszimmer statt. Zwei Tischlängen voneinander entfernt und getrennt von einer durchgehenden Plexiglasscheibe darf ich mich mit meiner Mutter unterhalten, obwohl ein Gespräch im herkömmlichen Sinne gar nicht mehr möglich ist. Und darüber hinaus versteht meine Mutter aufgrund ihrer Schwerhörigkeit auch nicht, was ich durch die Scheibe zu ihr sage. Unsere Besuche laufen normalerweise ganz anders ab. Wir schmusen miteinander, ich schaue Fotos mit ihr an, helfe beim Aufspießen der Salatblätter auf die Gabel, lese ihr vor. Wir singen Abendlieder und manchmal beten wir auch. Wie soll das hinter einer Scheibe und in Anwesenheit der Pflegekraft funktionieren? Ich habe eine Handpuppe mitgebracht, eine Eule, mit der ich fliegende Bewegungen mache, von denen ich hoffe, dass meine Mutter sie imitiert. Dass dadurch irgendeine Verständigung möglich ist.

Aber meine Mutter rebelliert. Sie will es nicht hinnehmen, dass sie von mir getrennt ist. Sie fängt an, die Schraubzwinge, mit der die Scheibe an einer Halterung festgeschraubt ist, abzumontieren. Woran sie von der anwesenden Pflegekraft gehindert wird. Dabei entdecke ich ein Hämatom mit Einblutungen auf ihrem Handgelenk. Was ist da passiert? Die Pflegekraft weiß es nicht. Meine Mutter rüttelt am Tisch. Ich kann ihr nicht erklären, was hier vorgeht. Gegen meinen Willen werde ich zur Erfüllungsgehilfin einer untragbaren Situation. Schließlich verliert meine Mutter die Geduld. Ohne noch einen Blick auf mich zu werfen, wendet sie sich ab, sie möchte auf ihr Zimmer. Noch nie ist es vorgekommen, dass sie sich nicht von mir verabschiedet hat. Ohnmächtig stehe ich vor der Scheibe. Ich weiß noch nicht einmal, ob meine Mutter noch laufen kann, so lange habe ich sie nicht mehr auf ihren Beinen stehen sehen.

Ich habe der Geschäftsleitung des Einrichtungsträgers einen Brief geschrieben, auf den ich die Antwort bekam, dass demnächst Besuche ohne Plexiglasscheibe, aber mit Gesichtsmaske und Schutzkittel in einem Besucherraum möglich sind. Doch das reicht nicht. Wir können mit Demenzkranken nicht unter diesen Umständen kommunizieren. Wann wird wieder Ruhe und Intimität in die Begegnung mit ihnen einkehren? Wann dürfen wir sie auf ihrem Zimmer besuchen? Wir können nicht darauf warten, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Der Sommer findet jetzt statt. Was ist dagegen zu sagen, dass man als Angehörige seine Mutter im Rollstuhl mit Abstand durch den Park schiebt? Ein ganzer Frühling ist an unseren alten Menschen vorübergegangen und ein ganzer Sommer wird an ihnen vorübergehen. Vielleicht ist es der letzte Sommer für meine Mutter.

"Ich habe Angst, dass du kaputtgehst."

Ich bin mehr als 1.200 Kilometer für ein Zeitfenster von zweimal 30 Minuten gefahren. Als ich in Berlin ankomme, erkenne ich den einzigen Vorteil, den meine Gesichtsmaske hat, die ich auch außerhalb des Bahnhofs nicht absetze. Sie fängt die Tränen auf, die mir übers Gesicht laufen.

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