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Coronavirus in Spanien: Ein Land im Schockzustand

SZ.de-Logo SZ.de vor 6 Tagen Von Thomas Urban, Madrid
Arbeit ohne Ende: Eine Mitarbeiterin des La Paz Krankenhauses in Madrid winkt aus einem Fenster. © dpa Arbeit ohne Ende: Eine Mitarbeiterin des La Paz Krankenhauses in Madrid winkt aus einem Fenster.

• 3434 Menschen sind in Spanien inzwischen infolge des Coronavirus gestorben - damit ist Spanien nach Italien das zweite Land, das China bei den Corona-Sterbefällen überholt.

• Für große Aufregung sorgten Berichte, dass in einer Eissporthalle im Norden Madrids mehrere Dutzend Leichensäcke und Särge zwischengelagert worden seien.

• Schutzkleidung und -masken fehlen - knapp 14 Prozent aller Infizierten gehören dem medizinischen Personal an.

• Die Debatte um das unzureichend vorbereite Gesundheitswesen nimmt heftige Züge an.

Ein Land im Schockzustand

Als zweites Land nach Italien hat Spanien am Mittwoch, zumindest nach den offiziellen Statistiken, China bei der Zahl der Corona-Toten überholt. Das Gesundheitsministerium teilte am Mittag mit, dass ihre Zahl auf 3434 gestiegen sei, mehr als die Hälfte davon entfalle auf die Region Madrid. Im ganzen Land seien 47 600 Ansteckungen registriert. Zudem gab die Regierung am Abend bekannt, dass Vize-Regierungschefin Carmen Calvo sich mit dem Corona-Virus infiziert hat - als nunmehr drittes Mitglied des Kabinetts.

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In der heftig ausgetragenen Debatte über die unzureichende Vorbereitung des gesamten Gesundheitswesens auf die Pandemie setzte das Oberste Gericht in Madrid einen Akzent: Es wies in einem Eilverfahren den Antrag des Verbandes der Medizinergewerkschaften zurück, die Regierung zur sofortigen Verteilung von Schutzkleidung und -masken zu zwingen. Dafür sei die Zentralregierung nicht zuständig. Doch ein Sozialgericht in Madrid verurteilte die konservative Regionalpräsidentin Isabel Ayuso dazu, die Bestände an derartigen Materialien sofort an die Krankenhäuser zu verteilen.

Geklagt hatte der Verband der promovierten Oberärzte, der sich auf Mitteilungen des Gesundheitsministeriums berief, nach denen alle erforderlichen Materialien in Magazinen vorhanden seien. Doch ein Sprecher Ayusos sagte, in der Region Madrid werde nichts davon zurückgehalten. Die Madrider Zeitungen beklagen seit Tagen ein Kompetenz- und Informationswirrwarr zwischen den Behörden.

Krankenpfleger: Patienten über 75 Jahren kommen nicht mehr auf die Intensivstation

Das Ministerium gab bekannt, dass für 432 Millionen Euro Materialien in China geordert seien, darunter 550 Millionen Schutzmasken, 5,5 Millionen Virustests und 950 Beatmungsgeräte. Transportflugzeuge der spanischen Luftwaffe sollen das Material abholen. Die Regierung bat auch die Nato-Partner, bei der Deckung der Versorgungslücken auszuhelfen. Knapp 14 Prozent der Infizierten gehören dem medizinischen Personal an.

Bekannt wurde, dass auch zwei Ärzte am Virus gestorben sind, eine 59-jährige Hausärztin in Salamanca, die eigentlich nur leichte Symptome aufgewiesen habe, sowie der 63-jährige Arzt eines öffentlichen Gesundheitszentrums in Córdoba.

Der Direktor der Behörde für Gesundheitliche Notfälle (CCAES), Fernando Simón, erklärte, dass die Zunahme der Infektionen und Todesfälle sich stark verlangsamt habe. Man rechne damit, dass in der kommenden Woche der Höhepunkt erreicht sei, danach würden die Kurven vermutlich wieder sinken. Nach seinen Worten bedeutet dies, dass die rigorosen Maßnahmen greifen: Ausgangssperre, abgesehen von Arztbesuchen, dem Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten; erlaubt sind auch Fahrten zur Pflege von Angehörigen. Das Parlament verlängerte die zunächst für zwei Wochen verfügten Maßnahmen bis zum 11. April. Allerdings meinten Vertreter der Ärzteverbände, dass dies nicht reiche; es sei zu erwarten, dass das öffentliche Leben bis mindestens Ende April paralysiert sei.

Schnellverfahren für die Beisetzung von Urnen und Särgen

Für große Aufregung hatten am Vorabend Berichte gesorgt, dass in der großen Eissporthalle im Norden Madrids mehrere Dutzend Leichensäcke und Särge zwischengelagert worden seien. Durch die internationalen Medien ging die Meldung, dass in Madrid so viele Menschen stürben, dass die Krematorien völlig überlastet seien. Am Mittwoch kam die Entwarnung: Das größte städtische Krematorium nahm nach anderthalb Tagen Unterbrechung wieder die Arbeit auf, nachdem Schutzkleidung für die Mitarbeiter eingetroffen war.

Unterdessen hat die katholische Kirche Schnellverfahren für die Beisetzung von Urnen und Särgen genehmigt: Ein Priester besprengt lediglich den langsam zur Grabstätte fahrenden Leichenwagen mit Weihwasser und spricht ein Gebet, nur engste Angehörige sind zugelassen, haben aber bei der Beisetzung Abstand zu wahren.

Die Statistik der Toten führt mit großem Abstand die Altersgruppe ab 70 Jahren an. Krankenpfleger berichteten, dass Patienten über 75 Jahre erst gar nicht auf die Intensivstation kämen, die Ärzte müssten diejenigen bevorzugen, die große Überlebenschancen haben. Gefahrenorte sind aber nach wie vor die schlecht ausgestatteten Altersheime. Es wurden mehrere Fälle bekannt von rüstigen Alten, die auf eigene Faust ihr Heim verlassen haben, um zu Verwandten zu gelangen. Doch warnen die Experten, dass in den vergangenen Tagen immer mehr Erkrankte unter 40 Jahren in Krankenhäuser kommen.

In mehreren Städten, darunter Madrid, haben Behörden Hotels angemietet, um medizinischem Personal lange Anfahrtswege zu ersparen. Zum Einsatz verpflichtet wurden auch Medizinstudenten der höheren Semester, und zahlreiche Ärzte aus Venezuela, die sich in Spanien um politisches Asyl bewerben, bekamen eine befristete Arbeitsgenehmigung.

Alle aktuellen Informationen und Empfehlungen des Gesundheitsministeriums finden Sie hier.

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