Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Das sagen Virologen über die Zeit nach der Vollbremsung

WELT-Logo WELT vor 3 Tagen
Deutschland hört diesen Virologen aufmerksam zu: Christian Drosten und Alexander Kekulé Quelle: Tobias SCHWARZ / AFP, picture alliance / Eventpress Stauffenberg © Tobias SCHWARZ / AFP, picture alliance / Eventpress Stauffenberg Deutschland hört diesen Virologen aufmerksam zu: Christian Drosten und Alexander Kekulé Quelle: Tobias SCHWARZ / AFP, picture alliance / Eventpress Stauffenberg

Viele Menschen halten sich an die strengen Bestimmungen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch auf Dauer ist das nicht nur schwer umsetzbar, sondern auch wenig sinnvoll, sagen Virologen. Hoffnung könnte ausgerechnet eine große Dunkelziffer machen.

Die große Hoffnung auf eine erste Entspannung, auf einen der gewohnten Normalität ähnlichen Alltag, richtet sich gerade auf die Zeit nach Ostern. Bis dahin erhoffen sich Wissenschaftler und Politiker neue Erkenntnisse darüber, ob die umfangreichen Maßnahmen Wirkung zeigen. Die verschärften Ausgangsbeschränkungen wegen des Corona-Virus gelten bis 5. April. Vorerst. Ob und wie der Kampf gegen die Epidemie in Deutschland weitergehen wird, dazu wagt bislang kaum jemand eine Prognose.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist derzeit groß. 95 Prozent fanden es nach dem ARD-“Deutschlandtrend“ richtig, dass man sich vorerst nur in der häuslichen Gemeinschaft oder mit einer weiteren Person treffen darf.

Doch der Druck für einen Plan für die Zeit nach der „Vollbremsung“ wächst von unterschiedlichen Seiten. Wissenschaftler, Ökonomen, Rechtswissenschaftler und Psychiater weisen auf die Folgen für den Einzelnen und für die Gemeinschaft hin und fordern neue Denkmodelle und Ansätze, eine nächste Phase im Umgang mit der Corona-Krise.

Psychotherapeuten warnen vor einer möglichen Zunahme von Suiziden, wenn die Kontaktsperre länger als zwei, drei Wochen anhalten sollte. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Andreas Heinz, geht davon aus, dass rund 30 Prozent der Deutschen eine schwere psychische Belastung haben, von Angststörungen bis zu schweren Psychosen. Er warnt im Gespräch mit den Zeitungen der Essener Funke Mediengruppe vor steigendem Alkoholkonsum, aus denen häufig Gewalttaten entstehen. In Deutschland geschehe etwa jede zweite Gewalttat unter Alkoholeinfluss.

Ökonomen zeichnen schlimmste Szenarien, wie der Shutdown wöchentlich an Wohlstand vernichtet. Das Ifo-Institut rechnet schon nach einem einmonatigen Shutdown im günstigsten Fall mit 152 Milliarden Euro an Produktionsausfällen - eingerechnet ist darin, dass sich die Wirtschaftsaktivität nach dieser Zeit schnell wieder hochfahren lässt. Bei einer dreimonatigen Auszeit und einer verzögerten Erholung danach ist mit einem Wertschöpfungsverlust von 729 Milliarden Euro zu rechnen.

Auch aus Sicht von führenden Virologen braucht es darum jetzt dringend ein Nachdenken über neue Maßnahmen, welche die drastischen Einschränkungen ablösen. Der Biochemiker und Virologe Alexander Kekulé nennt die Frage für das, was nach den Einschränkungen kommen soll, in seinem Podcast beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) die „Gretchenfrage“.

Er gehe davon aus, dass man nach Ostern ein gutes Bild davon haben werde, was diese drastischen Einschränkungen in Deutschland gebracht haben. Kekulé selbst ist sich sicher, dass es zu einer deutlichen Verlangsamung der Epidemie in Deutschland kommt, da man derzeit versuche, innerhalb der kommenden zwei bis drei Wochen die Zahl der Infektionen so weit es geht zu drücken. Er würde aber deshalb nicht sagen wollen, dass alle Restriktionen aufgehoben werden. Denn es stelle sich ja die Frage: „Was macht man damit?“

Die Fragen sei nicht nur, wann man „den Deckel“ wieder aufmachen könne, sondern auch, welchen Ersatz man finde. „Wir müssen uns auf jeden Fall für nach Ostern etwas anderes ausdenken, was einen ähnlichen Effekt hat“, sagt Kekulé. Ansonsten drehe man den jetzt zugedrehten Wasserhahn wieder auf und es werde wieder zu Überschwemmungen kommen. Um das zu verhindern brauche es „Konzepte“.

Kekulé analysiert den Stand in Deutschland ausgehend von drei Phasen, wie man eine Pandemie normalerweise strukturiert bekämpfen solle. Die erste Phase, eine Einschleppung zu verhindern, habe Deutschland verpasst. Die zweite Phase, in der man im eigenen Land die Fälle aufspüre um die Kette zu unterbrechen, in diese komme Deutschland „hoffentlich wieder zurück“. Doch derzeit sei Deutschland in der dritten Phase:  “Es gibt so viele Einzel- und Initialherde im Land, dass es gerade keine Rolle mehr spielt, wer Fall Null und wer Fall 1 war.“ Dies könne und müsse dann aber in zwei bis drei Wochen wichtig werden, um neue Formen der Isolation zu überdenken.

Fakt sei: „Weil die ersten Phasen verpasst wurden, sitzen wir jetzt alle in der Bude.“ Dies sei keine inhaltliche Kritik an der Politik, stellt Kekulé klar, es sei eine reine Analyse des Tempos. Politiker müssen sich immer auch sicher sein, dass die Bevölkerung emotional und intellektuell mitmache. Für Fieberkontrollen Ende Februar hätte es keine Akzeptanz gegeben.

Kekulé weist auf eine möglicherweise sehr hohe Dunkelziffer hin. In Italien geht man von zehnmal so vielen Fällen aus, dies sehe nach einem allgemeinen Phänomen aus, das auch für andere Länder gelten könne. Das kann eine gute Nachricht sein. Ein Hinweis darauf sind für ihn ausbleibende oder geringe Symptome, sodass viele gar nicht bemerkten, dass sie schon erkrankt gewesen seien: „80 Prozent der positiv Getesteten haben nur sehr leichte Symptome, einige hatten drei Tage Kopfschmerzen oder leichtes Fieber.“

Die gute Seite der Dunkelziffer

Seine Hypothese sei: „Wir haben eine sehr, sehr große Dunkelziffer derer, die sich vielleicht schlecht fühlen, aber weder Husten noch Fieber hätten.“ Diese Menschen seien „wahrscheinlich immun“. Die schlechte Nachricht daran: Die Gesundheitsämter müssten „Sysiphosarbeit“ leisten. Die gute, wenn dies so sei: „Unsere Bevölkerung wird unauffällig durchimmunisiert während wir uns alle aufregen.“ Somit könne sich der Virus dann auch weniger stark verbreiten.

Der Berliner Virologe Christian Drosten mahnt in seinem jüngsten Podcast beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) dazu, die jetzige Zeit zu nutzen, in der die Infektionen voraussichtlich zurückgehen werden: „Das kann man nicht mehr einholen.“

Für die nächsten Wochen sei es wichtig, an eine „Nachsteuerung der Maßnahmen“ zu denken, etwa an den Schutz der Risikogruppen. Mit wissenschaftlicher Unterstützung könnten dann andere Maßnahmen zurückgefahren werden, bestimmte Prozesse im Sozial- und Wirtschaftsleben wieder aufleben lassen. Eine „Stellschraube“ seien die Schulen, sagt Drosten. Man müsse dringend überlegen, ganze Schulen oder einzelne Jahrgangsgruppen wieder langsam zuzulassen. Auch betont Drosten erneut, dass umfangreiche Tests wichtig seien: „Es wird in allernächster Zeit Antikörpertests geben“, prognostiziert er. Damit kann man erkennen, wer schon am Virus erkrankt war und somit voraussichtlich immun ist.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin Quelle: dpa-infocom GmbH © dpa-infocom GmbH Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin Quelle: dpa-infocom GmbH

Jetzt seien Mathematiker und Modellentwickler gefragt, um die Auswirkungen der jetzigen Maßnahmen zu analysieren und daraus Ableitungen zu machen. „In zwei bis drei Wochen werden wir die Veränderungen bei den Verstorbenen sehen. Die Zahl wird steigen, denn der Effekt läuft nach. Daran wird man auch einiges ablesen können.“

Zum Beispiel, wie viele schwere Fälle es gab, um neu einschätzen zu können, wie das Gesundheitssystem tatsächlich aufgestellt ist, ob die Zahl der Betten und Beatmungsgeräte reicht. In „allernächster Zeit“ werde die Frage anstehen, wo wir stehen, wo man nachjustieren müsse und wo man die Bremse lockern könne. „Das ist keine rein wissenschaftliche Überlegung. Die jetzigen Maßnahmen richten sozial und wirtschaftlich große Schäden an“, stellt der Virologe klar.

Alle aktuellen und weltweiten Entwicklungen zum Coronavirus können Sie in unserem Live-Ticker verfolgen.

Alle aktuellen Informationen und Empfehlungen des Gesundheitsministeriums finden Sie hier.

Immer auf dem Laufenden mit der kostenlosen Microsoft News App für Android oder iOS. Hier geht's zum Download.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon