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Hals über Kopf ins Chaos

WELT-Logo WELT 15.08.2020 Lennart Pfahler
Nach der Testpanne in Bayern haben rund 100 Menschen ihr Testergebnis noch immer nicht bekommen. Bundesgesundheitsminister Spahn lobt die grundsätzliche Teststrategie, doch von anderen Seiten hagelt es Kritik. Quelle: WELT/David Schafbuch © WELT Nach der Testpanne in Bayern haben rund 100 Menschen ihr Testergebnis noch immer nicht bekommen. Bundesgesundheitsminister Spahn lobt die grundsätzliche Teststrategie, doch von anderen Seiten hagelt es Kritik. Quelle: WELT/David Schafbuch

Noch am Montag gab sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) selbstsicher. „Wir testen an der Grenze für ganz Deutschland“, betonte Söder bei einer Pressekonferenz staatstragend. Sein Tenor: Auch andere Bundesländer sollten dem Beispiel der Regierung in München folgen und Urlaubsrückkehrern Corona-Testzentren an Autobahnen kostenlos zur Verfügung stellen.

Am Mittwochabend allerdings war das Fiasko bereits perfekt. Die Bayerische Staatsregierung musste bekannt gegeben: Mehr als 44.000 getestete Menschen sind noch immer nicht über ihr Ergebnis informiert worden. Auch 900 mit dem Virus Infizierte wüssten noch nichts von ihrem Befund. Im schlimmsten Fall könnten sie bereits viele weitere Menschen angesteckt haben.

Das Corona-Vorzeigebundesland Bayern droht so zur Drehscheibe des Virus zu werden. Das immer wieder hochgelobte Krisenmanagement Söders wird zum Problemfall. Fast scheint es: Der CSU-Chef wollte zu viel – und übernahm sich. Mit noch kaum absehbaren Folgen. Mit jedem Tag, mit dem sich die Identifikation der positiv Getesteten verzögerte, sind die Zweifel gewachsen, ob und wie die Ausbreitung des Coronavirus noch eingedämmt werden kann.

Strapaziöser Einsatz ohne Vorbereitung

Am 1. August stehen Helfer von Rotem Kreuz an der Raststätte Hochfelln Nord an der A8 und der Rastanlage Donautal. Viele von ihnen haben eine Nachtschicht hinter sich. Denn erst 18 Stunden zuvor erfahren sie, was die Bayerische Staatsregierung mit ihnen vorhat: In Drive-In-Manier sollen Coronatests von Urlaubsrückkehrern genommen, ihre Daten erfasst und die Proben an Labore versendet werden. Die Hilfsorganisation dokumentiert ihren Einsatz in den sozialen Medien.

Eigentlich sollten spätestens ab dem 3. August private Dienstleister diese Aufgaben übernehmen. Doch die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, mögliche Kandidaten hätten zum fraglichen Zeitpunkt nicht genügend Mitarbeiter zur Verfügung stellen können. Das unter anderem involvierte Analyselabor Eurofins übernimmt erst an diesem Donnerstag – fast zwei Wochen nach Start der Testungen. Auf Anfrage beim Unternehmen heißt es, man hätte „nach kürzester Vorbereitungszeit sukzessiv“ die Arbeit aufgenommen.

ARCHIV - 09.08.2020, Bayern, Bergen: Ein M;ann im Schutzanzug nimmt an einem Corona-Testzentrum an der Autobahn 8 (A8) an der Rastanlage Hochfelln-Nord einen Abstrich bei einem Autofahrer. Mit Blick auf zuletzt steigende Corona-Infektionszahlen warnte die bayerische Staatsregierung vor Nachlässigkeit und startete eine Testoffensive. Reiserückkehrer können sich an verschiedenen Rastanlagen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. (Zu dpa "Söder sagt wegen Panne mit Corona-Tests Besuch an der Nordsee ab") Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa/Sven Hoppe ARCHIV - 09.08.2020, Bayern, Bergen: Ein M;ann im Schutzanzug nimmt an einem Corona-Testzentrum an der Autobahn 8 (A8) an der Rastanlage Hochfelln-Nord einen Abstrich bei einem Autofahrer. Mit Blick auf zuletzt steigende Corona-Infektionszahlen warnte die bayerische Staatsregierung vor Nachlässigkeit und startete eine Testoffensive. Reiserückkehrer können sich an verschiedenen Rastanlagen kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. (Zu dpa "Söder sagt wegen Panne mit Corona-Tests Besuch an der Nordsee ab") Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Zuvor sind Helfer verantwortlich, die teils Hals über Kopf zusammengetrommelt werden. Einer von ihnen sagt später gegenüber WELT aus, er habe erst sechs Stunden zuvor von dem spontanen Einsatz an der Rastanlage Donautal erfahren. Zwölf Stunden dauert seine Schicht in der prallen Sonne. Mehr als 250 Tests pro Stunde werden in besonders verkehrsreichen Stunden durchgeführt.

Söder spricht später selbst vom „Provisorium Hilfsorganisationen“. Es ist ein Provisorium, das offenbar zu Fehlern führt. Denn die Helfer füllen viele Formulare per Hand aus, einige davon offenbar mit Bleistift. Probleme bei der händischen Übertragung dieser Daten trugen laut Andreas Zapf, dem mittlerweile versetzten Präsident des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, maßgeblich zu den Verzögerungen bei. Manche Formulare seien auch unvollständig oder schwer leserlich ausgefüllt worden. Es entstand ein Zettelchaos.

Rotes Kreuz forderte digitale Ausstattung an

Dabei hatte das Rote Kreuz offenbar schon frühzeitig beim Landesamt für Gesundheit um die notwendige technische Infrastruktur gebeten. „Mit einem Endgerät, einem Barcode-Scanner hätten wir die Datensätze problemlos den Proben zuordnen können - mit einer ganz geringen Fehlerquote“, sagte Sprecher Sohrab Taheri-Sohi der Tagesschau.

Das Rote Kreuz sieht sich nach Tagen der Strapazen sogar zu einer Verteidigung gezwungen. Man weise Vorwürfe oder Andeutungen zurück, „die darauf schließen lassen, dass die Hilfsorganisationen eine (Teil-) Schuld an dieser Problematik haben“, teilt die Organisation mit. Es sei bedauerlich, dass „der äußerst kurzfristige und schweißtreibende Einsatz der Ehrenamtlichen aller bayerischen Hilfsorganisationen in ein negatives Licht gerückt“ werde.

Die Verantwortung übernimmt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Zweimal bot sie Söder ihren Rücktritt an. Doch der hielt an Huml fest.

Tests nun digital – Personenkreis der Infizierten dürfte sich vergrößern

Wie sollen die Behörden die Lage nun noch in den Griff bekommen? Für Urlauber, die aus EU-Ländern einreisen, gilt keine Quarantänepflicht. Es lag in den vergangenen Wochen also im Ermessen dieser Personen, ob sie sich vor Erhalt ihres Testergebnisses sozial isoliert haben. Legt man die derzeit laut Robert-Koch-Institut für Deutschland geltende Reproduktionszahl von rund 1 an, nach der jeder Infizierte im Durchschnitt rund einen weiteren Menschen mit Corona ansteckt, könnte sich die Anzahl der Fälle durch die einreisenden Urlauber binnen weniger Wochen verfielfachen.

Der Epidemiologe Friedemann Weber warnt im „Focus“ bereits vor einem drohenden „exponentiellen Anstieg“. „900, eher 1000 positiven Fälle, die von ihrer Infektion wochenlang nicht erfahren haben, fallen da schon ins Gewicht.“

Seit Donnerstagmorgen sollen die fast 1000 positiv getesteten Rückkehrer von Mitarbeitern der Gesundheitsbehörden kontaktiert werden. Wer bis zum Wochenende kein Ergebnis bekomme, solle einen zweiten Test machen, sagt Söder. Auch die Grünen-Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth gab an, noch auf ihr Testresultat vom 2. August zu warten. Sie habe sich daher anderweitig testen lassen und sei nicht infiziert.

Mittlerweile, so teilt das Unternehmen Eurofins mit, laufe auch an den Autobahnen endlich alles digital: „Eurofins nutzt für die Datenerfassung eine eigene digitale Online Registrierung, welche es unnötig macht handschriftliche Einträge aufwendig und zeitraubend zu lesen und zu erfassen.“

Der SPD-Gesundheitesexperte fordert derweil eine ganz andere Testmethode. „Die PCR-Tests sind bei Massentestungen nicht wirklich geeignet“, sagte Lauterbach am Donnerstag WELT. „Massentestungen sind nur möglich, wenn sie schnell und billig erfolgen.“ Die Kosten seien mit 60 Euro hoch, die Wartezeit bis zum Ergebnis lang. „Es ist ausgeschlossen, dass der hohe Testbedarf künftig allein über PCR-Tests gedeckt werden soll.“

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