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Seniorenheim in Würzburg: "Wir fühlen uns allein gelassen"

SZ.de-Logo SZ.de vor 6 Tagen Von Maximilian Gerl und Olaf Przybilla, Würzburg
In einem Würzburger Seniorenheim sind zehn Senioren an einer Covid-19-Infektion gestorben. © dpa In einem Würzburger Seniorenheim sind zehn Senioren an einer Covid-19-Infektion gestorben.

• Im Würzburger Seniorenheim Ehehaltenhaus und St. Nikolaus sind bereits zehn Menschen an einer Covid-19-Infektion gestorben. Sie waren alle über 80 Jahre alt und hatten Vorerkrankungen.

• 32 Mitarbeiter des Heims wurden inzwischen positiv auf das Virus getestet, doch immer noch fehlt Schutzausrüstung.

• In vielen anderen Pflegeheimen macht sich nun die Angst breit, dass sich das Virus ähnlich verheerend wie in Würzburg verbreiten könnte.

"Wir fühlen uns allein gelassen"

Christian Schuchardt beginnt mit dem Positiven. Würzburg sei verglichen mit anderen Regionen Bayerns nicht überproportional betroffen von Corona-Infizierungen, sagt der Oberbürgermeister der Stadt. So relativ aber können solche Zahlen sein, denn was die Corona-bedingten Todesfälle in Bayern betrifft - insgesamt 41 waren es am Mittwoch -, so sind etwa ein Viertel davon in Würzburg zu beklagen.

Allesamt stammen sie aus dem Seniorenheim Ehehaltenhaus und St. Nikolaus, einer Einrichtung des Würzburger Bürgerspitals. Inzwischen sind dort zehn Senioren nach einer Covid-19-Infektion gestorben. Alle, teilt Schuchardt mit, waren über 80 Jahre alt und litten an erheblichen Vorerkrankungen.

Schuchardt ist nicht nur OB der Stadt, er ist auch Stiftungsratsvorsitzender des Bürgerspitals. Wie sehr ihn die Lage des Heims trifft, glaubt man ihm anzusehen. Und es kommen Tiefschläge hinzu: Ein Ersatz von Mitarbeitern durch Sanitätspersonal der Bundeswehr wurde überlegt, die Stiftung hatte sich an die Bundeswehr gewandt. Deren Personal aber stehe nicht zur Verfügung, sagt Schuchardt.

Äußerst kritisch ist auch der Zustand des eigenen Pflegepersonals. 32 Mitarbeiter des Heims wurden inzwischen positiv auf das Virus getestet. Die Stiftungsdirektorin sollte am Mittwoch eigentlich Stellung nehmen zur Situation - musste aber auf eine mögliche Infektion getestet werden und begab sich in Quarantäne. 29 Bewohner des Heims haben sich zudem mit dem Virus infiziert, zehn von ihnen werden in Kliniken versorgt.

Und das Material? "Ist weiterhin Mangelware", sagt der OB. Es fehlt weiter an Schutzkleidung und Schutzmasken. Immerhin sei inzwischen eine erste "Zentrallieferung" eingegangen. Wenigstens für die kommenden Tage scheint das Heim versorgt zu sein.

Gerhard Eck - der Staatssekretär im Innenministerium muss nun im Gesundheitsministerium aushelfen - spricht von "großer Betroffenheit" über die Todesfälle in Unterfranken. Aber er bringt auch Hoffnung mit nach Würzburg: Man sei gerade dabei, zentrale Stäbe in München einzurichten. Sie sollen sicherstellen, dass Material dort ankommt, wo es am nötigsten ist.

Für Georg Ertl, Ärztlicher Direktor der Würzburger Uniklinik, ist das der richtige Weg: Dass die Organisation von Material nun an zentraler Stelle koordiniert werde, sei ein "Fortschritt", sagt er. Jede Klinik bekomme dieser Tage "massenhaft Angebote", vor allem aus China. Den Kliniken sei es aber kaum möglich zu prüfen, welches davon seriös sei und ob der Anbieter überhaupt gute Qualität liefern könne.

Schon vor den Infektionsfällen in Würzburg war die Sorge groß, dass das Virus seinen Weg in Seniorenheime finden könnte. Ältere Menschen gelten als Risikogruppe; und noch einmal gefährdeter sind jene, die mit anderen regelmäßig in besonders engen Kontakt kommen − ein Umstand, der sich in der Pflege nicht vermeiden lässt. Im Gegenteil, in normaleren Zeiten wäre er sogar explizit erwünscht.

Viele Einrichtungen haben inzwischen ihre Sicherheits- und Hygieneregeln weiter verschärft. So wird versucht, Tätigkeiten, bei denen sich Gesichter nahekommen - etwa beim Waschen des Oberkörpers - zu reduzieren. Das Robert-Koch-Institut nennt für derlei "face-to-face-Kontakte" 15 Minuten als Obergrenze. Angehörigenbesuche sind nur im Sterbefall erlaubt. Trotzdem droht, dass sich das Virus in Seniorenheimen weiter ausbreitet. Aus dem Kreis Fürth wurden am Mittwoch zwei weitere Heime gemeldet, die mit dem Virus kämpfen.

Hoffnung gibt, dass allen der Ernst der Lage bewusst zu sein scheint. Der Zusammenhalt, die Hilfs- und Leistungsbereitschaft des Pflegepersonals sind groß. Zugleich ähneln sich die Probleme, vor allem bei der Schutzkleidung. Seitens der Arbeiterwohlfahrt Niederbayern-Oberpfalz heißt es, ihre 21 Einrichtungen hätten die Bestände vorausschauend aufgestockt. Allerdings würden derzeit "horrende Preise auf Schutzrüstungsartikel" auf dem Markt verlangt, "die einen Wohlfahrtsverband auch vor wirtschaftliche Herausforderungen" stellten. Die Heimbewohner selbst seien nachvollziehbar verunsichert, fühlten sich aber "noch sicher und beschützt".

Das Würzburger Seniorenheim hatte zuletzt regelrecht gefleht, von Anfragen Abstand zu nehmen. Für den BR ist nun doch eine Führungskraft vor die Kamera getreten. Sie berichtet, wie die Schutzausrüstung immer weniger werde. Vor allem aber, dass das Personal "an der Grenze" arbeite, manche 15 Tage am Stück ohne freien Tag.

Es gebe freiwillige Helfer, die sich meldeten, berichtet Johann Löw, Leiter der Würzburger Gesundheitsamts. Aber man müsse darauf achten, dass diese für einen Einsatz im Heim geeignet seien. Die Einrichtung setze darauf, Personal aus anderen Einrichtungen abzuziehen und in dem Heim einzusetzen, sagt OB Schuchardt.

Würzburg dient nun ungewollt als Beispiel, was passieren kann. Auch dann, wenn man eigentlich nichts falsch gemacht hat. Michaela Weber vom CAB Caritas Augsburg Betriebsträger berichtet, dass ihren Mitarbeitern vor allem eines Sorge bereite: "Sie haben Angst, dass sie von außen etwas einschleppen." Womöglich ist das in Würzburg passiert, man weiß es nicht.

Manche hätten in Augsburg deshalb gefragt, ob sie mit Mundschutz arbeiten könnten; doch die wenigen Masken müsse man für den Ernstfall aufsparen. Der Katastrophenschutz habe zwar Nachschub geliefert, aber das sei nur "ein kleiner Teil" des Benötigten. Und noch etwas macht Weber zu schaffen: Wenn ein Mitarbeiter Symptome habe, aber keinen Kontakt zu einem Covid-19-Infizierten angeben könne, lehnten die Ämter Tests ab. Dabei "müssen wir wissen, ist der positiv", sagt sie. Auch eine eigene Telefonnummer, unter der sich Heime an die Behörden wenden könnten, fände sie hilfreich. Bislang stecke man bei Anrufen in der Warteschleife fest: "Wir fühlen uns alleingelassen."

Generell ist es überall schwierig, Infizierte und Nicht-Infizierte zu trennen. Im Gegensatz zu Kliniken sind Heime logistisch darauf nicht eingerichtet. Im Würzburger Seniorenheim sollen nun alle Bewohner auf Covid-19 getestet werden. OB Schuchardt sagt, danach werde entschieden, ob alle Infizierten das Heim verließen und auf andere, freigeräumte Heime verteilt würden - oder ob alle Nicht-Infizierten verlegt würden, von denen man aber nie sicher sein könne, dass sie sich nicht doch infiziert hätten.

Einerseits, sagt der OB, fürchte man das "hohe Transportrisiko" - und einen "neuen Hotspot" von Infektionen zu schaffen. Andererseits gelte es, das betroffene Heim zu entlasten und für eine "bessere Separierung" der Infizierten zu sorgen. Zunächst hatte sich Würzburg gegen Evakuierungen und gegen eine Rundum-Testung der Bewohner entschieden, schon mangels Teströhrchen. Nun sei ein "Strategiewechsel" möglich, sagt Schuchardt.

Alle aktuellen Informationen und Empfehlungen des Gesundheitsministeriums finden Sie hier.

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