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Vom Vorbild zum Hotspot: Warum Tschechien die dramatischsten Corona-Zahlen weltweit hat

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 20.10.2020 Christopher Stolz

Tschechien hatte früh mit drastischen Maßnahmen die erste Welle unterdrückt. Dann kam der Leichtsinn - und nun gewaltig die zweite Welle.

Noch vor kurzem präsentierte sich Tschechien als Vorbild für andere bei der Corona-Bekämpfung, doch nun steigen die Infektionszahlen so rasant wie kaum in einem anderen Land Europas. © Foto: Petr David Josek/AP/dpa Noch vor kurzem präsentierte sich Tschechien als Vorbild für andere bei der Corona-Bekämpfung, doch nun steigen die Infektionszahlen so rasant wie kaum in einem anderen Land Europas.

Wie schlimm muss die medizinische Lage in einem Land sein, wenn das Gesundheitsministerium Ärzte, die im Ausland leben, bittet zurückzukehren? Wenn mehr als 1000 Krankenschwestern freiwillig angeboten haben, aus dem Ruhestand zurückzukehren? Wo sogar Medizinstudenten und medizinisch geschulte Menschen rekrutiert werden?

Das alles berichtet "CNN". Tschechien ist das Land, das gemessen an der Einwohnerzahl in den vergangenen Tagen am schwersten von der Corona-Pandemie betroffen war. Zeitweise lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei mehr als 1000 pro eine Million Einwohner. 

In keinem anderen Land der Welt lag die tägliche Zahl im Verhältnis am Wochenende höher. Auch die absolute Zahl erreichte mit mehr als 11.000 neuen Fällen am Freitag einen neuen Tagesrekordwert. Bereits seit Ende September weist das deutsche Auswärtige Amt Tschechien als Risikogebiet aus.

Zum Vergleich: In Frankreich, wo mit zeitweise mehr als 32.000 die meisten Neuinfektionen binnen eines Tages festzustellen sind, lag die Infiziertenzahl pro eine Million Einwohner am Samstag bei weniger als 400. In Deutschland bei 66. In den USA waren es immerhin weniger als 200.

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Tschechien: Jeder vierte Test positiv

Auch der Anteil positiver Tests an der Gesamtzahl an Tests in Tschechien ist laut "Our Wourld in Data" sehr hoch. Am Wochenende war jeder vierte der rund 30.000 Tests pro Tag positiv. Anfang Oktober hatte dieser Wert von bei rund zehn Prozent gelegen - was im Vergleich zu Deutschland damals schon sehr hoch war. Hierzulande liegt die höchste je gemessene Corona-Positivrate vom 2. April - und lag bei rund neun Prozent.

Ähnlich schwer betroffen sind, auf die Einwohnerzahl gerechnet, in Europa lediglich die Niederlande und Belgien. Am Sonntag lagen die Infiziertenzahlen pro eine Million Einwohner in den Niederlanden und Tschechien mit etwa 500 gleichauf, in Belgien waren es im Laufe der vergangenen Woche ebenfalls an einem Tag mal mehr als 1000. 

In Belgien hat sich die dramatische Lage wieder etwas stabilisiert. Dort sank die tägliche Zahl der Neuinfektionen zuletzt binnen einer Woche von mehr als 10.000 auf weniger als die Hälfte. Auch hat die Positivrate auf unter 15 Prozent abgenommen. In den Niederlanden lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen zuletzt bei rund 8000, die Positivrate bei 17 Prozent.

In Tschechien hingegen ist die Lage erst dramatisch geworden: An den ersten 18 Oktobertagen starben mehr als doppelt so viele Menschen in Verbindung mit dem Coronavirus als in der gesamten Pandemie-Zeit seit März zuvor. Vom 24. März, dem Tag des ersten Todesfalls, bis Ende September waren es 636. Von da an bis Montag waren es mehr als 1400.

Am Wochenende hat die tschechische Regierung ein temporäres Krankenhaus auf einer großen Freifläche errichten lassen. Er erwarte, dass die Extrabetten bis zum Ende des Oktobers gebraucht werden würden, sagte der tschechische Gesundheitsminister Roman Prymula zu "CNN".

Maskenpflicht machte Tschechien zum Vorbild

Noch vor zwei Monaten hatte der tschechische Premier Andrej Babis sein Land als eines "der besten im Umgang mit Covid" gerühmt. Die Regierung hatte die Grenzen schnell geschlossen, einen nationalen Lockdown verhängt und sogar eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit beschlossen.

Letztere Entscheidung machte die Regierung in der Bevölkerung nicht beliebter, doch sie erfüllte ihren Zweck. Die Zahlen blieben konstant niedrig. Bis Ende August war der höchste Wert an täglichen Neuinfektionen 408 - und datiert vom Anfang der Pandemie im August. Seitdem wurde die Entwicklung allerdings beunruhigend. Doch was hatte sich geändert?

Die Menschen nahmen die Pandemie nicht mehr ernst und fanden zum Alltag zurück. Bereits Ende Juni feierten Tausende Menschen das Ende von Corona bei einer Straßenparty - ohne Maske. Theater öffneten wieder, Restaurantbesuche wurden wieder erlaubt, die Menschen durften auch wieder Urlaubsreise unternehmen.

"Wir sahen keine toten Menschen mehr, keine Menschen mehr mit Corona in Krankenhäusern - die Leute dachten, dass es vorbei ist und dass sie keine Masken mehr brauchen", sagte der tschechische Mikrobiologe Omar Sery zu "CNN".

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Der Epidemiologe und Regierungsberater Ratislav Madar sah die Entwicklung kommen und riet dem damaligen Gesundheitsminister Adam Vojtech, erneut eine scharfe Maskenpflicht wie im Frühjahr verhängen - doch das lehnte Premier Babis ab. Madar trat ein paar Tage später zurück, Vojtech erst Ende September.

Wissenschaftler glaubt an politische Entscheidung

Wissenschaftler Petr Ludwig glaubt, dass die Entscheidung Babis' eine populistisch kalkulierte war. "Während der ersten Welle waren sie überzeugt, dass die Bürger eine Maskenpflicht wollten, also beschlossen sie diese. Nun sind die überzeugt, dass die Bürger keine Maskenpflicht wollen, also lassen sie es", so Ludwig.

Zwar hat die Regierung einige Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus getroffen, doch kamen die Schließungen von Schulen, Restaurants und Bars offensichtlich zu spät, um eine unkontrollierte Ausbreitung zu verhindern. 

Es gibt inzwischen sogar wieder eine Maskenpflicht - allerdings nur in geschlossenen Räumen und an öffentlichen Bus- und Bahnstationen. Der jetzige Gesundheitsminister Prymula wehrt sich dagegen, dass die Entscheidung gegen eine erneute strenge Maskenpflicht eine politische war. 

"Es ist ja nicht mit der Maskenpflicht getan, da spielen noch ganz andere Faktoren eine Rolle", so Prymula. Der Grund sei, dass sich die Menschen sich nicht daran halten, soziale Kontakte zu meiden. Allerdings gebe es eine fortlaufende Diskussion darüber, ob die Maskenpflicht wieder ausgeweitet werde.

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