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Wie sich das Coronavirus in den USA ungestört ausbreiten konnte

WELT-Logo WELT 31.03.2020 Jean Mikhail

Das Marine-Krankenhausschiff "Comfort" hat zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 in New York angelegt. 1000 Patienten können an Bord behandelt werden, doch es sollen ausdrücklich keine Corona-Infizierten versorgt werden. Quelle: WELT/Jana Wochnik © WELT/Jana Wochnik Das Marine-Krankenhausschiff "Comfort" hat zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 in New York angelegt. 1000 Patienten können an Bord behandelt werden, doch es sollen ausdrücklich keine Corona-Infizierten versorgt werden. Quelle: WELT/Jana Wochnik

Der 19. Januar war ein Schlüsseltag in der Entwicklung der weltweiten Coronavirus-Pandemie. Innerhalb weniger Stunden fielen am Flughafen des südkoreanischen Incheon und 8000 Kilometer entfernt, in der Nähe von Seattle in den USA, jeweils eine Frau und ein Mann mit Fieber und Grippesymptomen auf. Beide 35 Jahre alt, beide reisten gerade aus dem chinesischen Wuhan zurück an ihren jeweiligen Wohnsitz.

Die beiden Menschen kennen sich persönlich nicht, doch seit diesem Tag sind sie auf besondere Art miteinander verbunden. Denn sie waren die jeweils ersten bestätigten Covid-19-Fälle in Südkorea und den USA.

Etwas mehr als zwei Monate später ist die Verbreitung des Coronavirus in Südkorea relativ gut eingedämmt worden. In den USA dagegen gibt es mit gut 175.000 Fällen (Stand Dienstag, 19.30 Uhr) die weltweit mit Abstand meisten offiziell bestätigten Coronavirus-Infektionen, 3415 Menschen kamen in den USA ums Leben. In Südkorea 162.

Beide Staaten hatten völlig unterschiedlich auf den ersten Fall reagiert. Südkorea ließ sofort Corona-Massentests entwickeln, konnte so die Ausbreitung gezielt eindämmen.

In den USA wird erst seit etwa zwei Wochen sehr umfangreich getestet – dazwischen vergingen fast zwei Monate, in denen sich die Krankheit im Land beinahe ungestört ausbreiten konnte und die Dunkelziffer immer größer wurde. Mittlerweile gibt es in den USA keinen einzigen Bundesstaat mehr, in dem das Coronavirus noch nicht aufgetreten ist.

„Social Distancing ist in einem normalen New Yorker Alltag unmöglich“

Hotspot ist seit Wochen der Bundesstaat New York, mit einer verhältnismäßigen Häufung im Stadtteil Queens. Gemeinsam mit Nachbarstaat New Jersey findet sich hier ziemlich genau die Hälfte der US-weiten Fälle und auch Toten.

Gouverneur Andrew Cuomo, besonnen-pragmatisches Gesicht des Ausbruchs, erklärte das am Ende der vergangenen Woche damit, dass New York eben ein Sehnsuchtsort für Menschen aus aller Welt sei – und mit der extremen Dichte in der Stadt. „Social Distancing ist in einem normalen New Yorker Alltag unmöglich“, betonte er. Das mache den Reiz von New York aus, auch einen Teil seines ökonomischen Erfolges – aber für das Virus ist es ein idealer Nährboden.

Am 31. Januar hatte die Regierung von US-Präsident Donald Trump eine Einreisesperre für alle Ausländer verhängt, die in den zwei Wochen davor in China waren – US-Bürger mussten sich nach ihrer Rückkehr aus der Volksrepublik in Quarantäne begeben. Das ist bis heute Trumps großer Beleg dafür, ausreichend früh gehandelt zu haben. Experten sagen, dass die USA dadurch zwar Zeit gewonnen hätten, dies aber das Problem nur verzögerte.

Der erste offiziell bestätigte Fall in New York kam nicht aus China, sondern wurde am 1. März bei einer Frau festgestellt, die gerade aus dem Iran zurückgekehrt war. Doch schon der zweite bestätigte Fall sorgt für Rätsel: Ein Anwalt aus Westchester hatte das Land nicht verlassen, war aber bereits eine Woche zuvor krank geworden, steckte in der Folge Dutzende Menschen an. Womöglich hatte er das Virus wiederum von jemandem bekommen, der asymptomatisch war – genau wie es wohl dem ersten Patienten in Italien erging.

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Weitere Hotspots in Detroit, Chicago und Los Angeles

Der Höhepunkt der Epidemie wird in New York laut Cuomo erst Mitte April erwartet. Bis dahin dürften dort noch weitaus mehr als die New-York-weit bislang etwa 1500 Menschen sterben.

Coronavirus-Fälle in den USA Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Coronavirus-Fälle in den USA Quelle: Infografik WELT

Ähnlich viele Todesopfer forderte das Coronavirus insgesamt im Rest des Landes, wo sich weitere Hotspots gebildet haben. Besonders betroffen sind nach aktuellen Zahlen der jeweiligen Bundesstaaten der Großraum Detroit in Michigan (5300 bestätigte Fälle), der Großraum Chicago (3727 Fälle), der Großraum Seattle (3400), Los Angeles (etwa 2500), der Großraum New Orleans (2300), der Großraum Boston (2250), Miami (1700) sowie der Großraum Philadelphia (1600).

DWO_Teaser_Trump_aw.jpg © Infografik WELT, dpa/Anna Wagner DWO_Teaser_Trump_aw.jpg

Die Todesfälle verteilen sich relativ äquivalent zu den Fallzahlen, wobei es im Großraum Chicago und speziell in Miami bislang zu einer deutlich geringeren Letalität kommt als in Michigan und New York. Dies kann sich allerdings noch ändern, da die Todesfälle auch relativ zunehmen, je länger das Virus an einem Ort wütet. Denn ein nicht geringer Anteil der Virusopfer stirbt erst nach mehreren Wochen, erklärte Cuomo am Freitag.

Im März stieg die Zahl der Fälle in den USA drastisch an – doch nicht wenige dürften schon vorher bestanden haben, denn es wurde kaum getestet Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Im März stieg die Zahl der Fälle in den USA drastisch an – doch nicht wenige dürften schon vorher bestanden haben, denn es wurde kaum getestet Quelle: Infografik WELT

Die Verdopplungsrate der Fälle beträgt derzeit etwa drei bis vier Tage, ist aber schwer mit der Anfangsphase zu vergleichen, weil dort deutlich weniger getestet wurde. Und genau das ist einer der großen Vorwürfe gegen Präsident Trump.

Dann schrie Trump den Gesundheitsminister an

Trumps Hauptsorge war laut seiner öffentlichen Auftritte, seiner Tweets und Expertenmeinung bis vor wenigen Wochen der unter seiner Regierung lange so florierende Aktienmarkt. Eine ernste öffentliche Warnung wie jene von Nancy Messonnier, Expertin für Atemwegserkrankungen im Gesundheitsministerium, am 24. Februar resultierte in einer wütenden internen Rüge Trumps. Wie die „New York Times“ berichtet, schrie Trump den zuständigen Minister Alex Azar am Telefon an, weil Messonnier öffentlich von nötigen Alltagseinschränkungen gesprochen hatte.

„Ernsthaft diskutiert wurden im Weißen Haus lange Zeit lediglich Einreisebeschränkungen“, sagte Jeremy Konyndyk von USAid vor wenigen Tagen dem „Guardian“. Konyndyk nahm im Februar selbst an Treffen hoher Regierungsmitarbeiter zum Coronavirus teil. Krankenhäuser, Risikogruppen, Nachverfolgung des Virus im Land – all das sei kaum behandelt worden.

„Die US-Reaktion auf den Coronavirus-Ausbruch wird über Generationen als Beispiel für einen desaströsen, gescheiterten Versuch dienen“, betonte Ron Klain, ehemaliger Regierungsbeauftragter im Kampf gegen Ebola, Mitte März bei einem Panel der Georgetown University.

Am 16. März veröffentlichte die Trump-Regierung allgemeine Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. So weit möglich, sollten Menschen landesweit künftig von zu Hause arbeiten, Zusammenkünfte von mehr als zehn Menschen seien zu vermeiden, ebenso Bars, Restaurants, Reisen und Besuche in Seniorenheimen. „15 Tage, um die Verbreitung zu verlangsamen“, hießen diese „Richtlinien des Präsidenten“, die seitdem in der US-Öffentlichkeit allgegenwärtig sind. Betroffene Regionen wie New York oder Los Angeles verabschiedeten noch schärfere Ausgangsbeschränkungen.

Umfragen brachten Trump von seinem Kurs ab

Trumps Wunsch war es, diese Beschränkungen zu Ostern wieder zu lockern. Weil Ostern mit der Wiederauferstehung ein schönes Symbol sei und weil er sich um die Wirtschaft sorge, sagte er noch vor einer Woche. Doch Umfragen, die besagten, dass die Mehrheit der Amerikaner dies nicht gutheiße, brachten ihn jetzt davon ab.

Denn eine Mitarbeiterin der Umfrageinstitute erklärte in der „New York Times“, dass Befragte fürchten: Kehre man zu früh zur Normalität zurück, seien die bisher durch Alltagseinschränkungen speziell wirtschaftlich gebrachten Opfer umsonst gewesen, sollte die Verbreitung des Virus dann wieder zunehmen.

Trump selbst hat nun nach eigener Aussage auch im eigenen Umfeld Coronavirus-Fälle, einer davon sei sogar im Koma.

Gegen Vorwürfe, zu langsam gehandelt zu haben, hat Trump das „China-Argument“. Er wiederholt es endlos, gebetsmühlenartig, lässt es in jeder täglichen Pressekonferenz und in jedem TV-Auftritt fallen: Er habe ja frühzeitig Einreisebestimmungen gegen China verhängt – er ganz alleine, betont er dann noch einmal. „Niemand dachte, man sollte das tun – außer mir!“, sagte er auch am Montag im Frühprogramm von Fox News.

Dies habe „Tausende“, manchmal sagt er auch „Hunderttausende“ Leben gerettet. Viel mehr Karten kann Trump nicht spielen, er hofft, dass die alte Taktik, Dinge simpel zu halten und sie vor allem so lange zu wiederholen, bis man sie glaubt, auch in diesem Fall wieder fruchtet.

„15 days to slow the spread“

Die Coronavirus-Taskforce des Weißen Hauses macht – abgesehen von Trump – dagegen eine gute Figur. Speziell die Immunologen Anthony Fauci und Deborah Brix überzeugen die Öffentlichkeit mit fachlicher Kompetenz, Brix strahlt bei den täglichen Pressekonferenzen zudem eine große Ruhe, Empathie und emotionale Intelligenz aus, die als ausgleichender Gegenpol zum mitunter frei drauflosplaudernden Trump wirkt.

Vizepräsident Mike Pence, Vorsitzender der Taskforce, begnügt sich derweil meist damit, seine täglichen Updates mit der fast wortgleichen Feststellung zu beginnen, dass sich die Taskforce auch heute wieder getroffen habe – und auf ebenfalls sehr ruhige Weise sein jedes Mal mitgebrachtes Schild „15 days to slow the spread“ hochzuhalten – 15 Tage, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Dass er dabei selbst von Tag zu Tag müder wirkt, liege am hohen Arbeitspensum. „Der Mann schläft kaum“, sagt Trump.

Falls etwas schiefläuft, es zum Beispiel an medizinischer Ausrüstung fehlt, versucht Trump, dies auf die Vorgängerregierung Obama zu schieben – die wohlgemerkt seit gut drei Jahren nicht mehr im Amt ist – oder auf Gouverneure, die ihn nur kritisieren würden, weil sie es selbst nicht hinbekämen. Wie dünn dieses Argument ist, bewies Trump, als ein Journalist nachfragte, was genau diese Gouverneure denn besser machen könnten.

Trumps Antwort: „Ich weiß es nicht, aber sie sollten etwas dankbarer sein.“ Und Obama? Aufgelöst wurde die Pandemie-Einheit des Nationalen Sicherheitsrates im Jahr 2018, als Trump schon längst Präsident war. Selbst im Februar 2020, als sich das Virus weltweit ausbreitete, kürzte die Trump-Regierung das Budget des CDC, der Behörde des Gesundheitsministeriums mit Fokus auf Krankheiten, um 16 Prozent.

Und dann sind da natürlich die aus Trumps Sicht unfairen Medien, wobei er „unfair“ immer dann verwendet, wenn es um etwas ihm gegenüber Kritisches geht. Vergangene Woche twitterte Trump eine Liste aller Medien, die seiner Meinung nach „Fake News“ seien: „Alles, was ich sehe, ist Hass auf meine Kosten. Sie zerstören sich nur selbst.“

Die Liste war lang, neben CNN, NBC, ABC, der „New York Times“ und der „Washington Post“ erwähnte er dabei sogar seinen Hofsender Fox News. Woraufhin viele Kommentatoren entgegneten, dass doch vielleicht etwas an der Kritik dran sein müsste – wenn sie sogar von Fox komme.

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