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Eltern, legt mal das Handy weg! : So belastet das Smartphone die Familie

Hamburger Morgenpost-Logo Hamburger Morgenpost 08.09.2018
Ein (leider) häufiges Bild auf Spielplätzen: Während die Kinder spielen, achten die Eltern nur auf ihr Smartphone. © Getty Images/iStockphoto Ein (leider) häufiges Bild auf Spielplätzen: Während die Kinder spielen, achten die Eltern nur auf ihr Smartphone.

„Papa, Handy weg“, sagte mein Sohn, knappe zwei Jahre alt, letztens zu mir. Wir saßen in seinem Zimmer. Er hatte einen Ball in der Hand, ich mein iPhone. Ich wollte doch nur Musik für uns anmachen, log ich. Dabei hatte ich gerade Mails gecheckt. Wie schon knappe zehn Minuten vorher. Und keine zehn Minuten davor. Es war einer dieser Aha-Momente, wie es sie glücklicherweise immer mal wieder gibt. Seine drei Worte haben etwas bewirkt bei mir.

Plötzlich ratterte es in meinem Kopf. Der kleine Kerl, der meist sehr gnädig mit meinem überhöhten Smartphone-Konsum ist, hatte die Schnauze voll. Eine klare Ansage: Steck das Scheiß-Ding endlich weg, nutz die Zeit mit mir!

Schon häufig gab es Diskussionen bei uns: Wie oft und wann darf das Handy im Familien-Alltag präsent sein? Sollten wir feste Zeiten vereinbaren, um es zu nutzen – z. B. wenn der Lütte pennt?

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Heute wird ein siebenjähriger Junge, der kleine Emil aus Eppendorf, hoffentlich einige Menschen auf die Straße bringen, um das Thema „Handykonsum von Eltern“ stärker in den Köpfen zu verankern. Die Demo, die der junge Mann organisiert und die ab 11 Uhr von der Grünfläche zwischen Marktstraße und Ölmühle startet, hat das Motto: „Spielt mit MIR! Nicht mit euren Handys.“ Eine deutliche Botschaft.

Emil (7) aus Eppendorf will Kinder und Eltern für seine Demo heute ab 11 Uhr mobilisieren. © Quandt/ Florian Quandt Emil (7) aus Eppendorf will Kinder und Eltern für seine Demo heute ab 11 Uhr mobilisieren.

An zahlreichen Universitäten und Instituten werden die Auswirkungen des Handy-Konsums auf den Alltag, die Familie, das Sozialleben erforscht. Im Jahr 2017 veröffentlichte die „Stiftung Kind und Jugend“ im Auftrag der Bundesregierung eine Studie, die die Auswirkungen „übermäßigen Medienkonsums“ auf Kinder und Jugendliche untersucht hat. Demnach nutzen etwa 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter das Smartphone der Eltern mehr als 30 Minuten täglich. Sie schauen sich den Konsum bei den Eltern ab, bekommen das Gerät zur Beschäftigung. Die Folge sind häufig Sprach- und Entwicklungsstörungen.

Der Grund ist einfach: Eltern haben eine Vorbildfunktion. Nutzen sie häufig Bildschirm-Medien, wollen ihre Kinder das auch. „No Zoff“, die Jugend- und Familienberatung in der Schweiz, empfiehlt Kinder unter drei Jahren weder mit TV, Handy noch Computer in Kontakt zu bringen. Die Kids sind ansonsten Reizen ausgesetzt, die sie (noch) nicht einordnen können. Etwas weniger strikt sieht die Initiative „Schau hin“ das Thema. Sie empfehlen einen begleitenden Medienkonsum. Wichtig: Medien sollten nicht als Belohnung oder Bestrafung eingesetzt, Zeiten begrenzt werden. Andererseits kann es sich auf die Konzentrationsfähigkeit und den Schlaf der Kinder auswirken.

Handy sendet falsche Botschaft an das Kind

Eine Beobachtung, die ich kürzlich auf einem Spielplatz gemacht habe, zeigt ein weiteres Problem deutlich: Zwei Jungen, etwa drei Jahre alt, wollten schaukeln. Der etwas größere der Knirpse haute dem anderen beim Kampf um die Schaukel ins Gesicht. Der Junge weinte bitterlich. Seine Mutter schaute aufs Handy, reagierte selbst auf „Mama“-Rufe des Sohnes nicht. Die Frau musste erst von einem anderen Vater darauf hingewiesen werden, dass ihr Kind sie brauche. Solche Szenen erlebt man täglich zwischen Sandkasten und Rutsche. Für Kinder kommt in so einem Fall die Botschaft an: Das Handy ist wichtiger als ich. So eine Information speichert es ab.

Für einen Journalisten ist das Smartphone mehr als ein technisches Gerät. Schnelle Absprachen, Adhoc-Recherche, Dienstplan-Manager, Archiv – ohne Handy wäre ich manchmal ganz schön aufgeschmissen. Aber vor und nach der Arbeit hat es eigentlich nichts verloren.

In Deutschland gibt es mittlerweile 57 Millionen Smartphone-Nutzer. Repräsentative Studien haben ergeben, dass Jugendliche in Deutschland zusammen 2,5 Milliarden Euro jährlich rund ums Smartphone investieren. Experten gehen von gut 600 000 Internetabhängigen in Deutschland aus.

Ich bin Chef vom Dienst von MOPO.de und damit quasi mit dem Internet verheiratet. Und doch ist es mir wichtig, an dieser Stelle für mehr offline zu plädieren. Das hat ganz einfache Gründe. Eine aufmerksame Beziehung zu meinem Sohn ist nur einer davon, wenn auch ein wichtiger.

Mein Kind soll Ball dem Handy bevorzugen

Denn bei allen Vorteilen unserer digitalen Welt sollte jeder seinen Handykonsum immer mal hinterfragen, beispielsweise durch „Handyfasten“. Man bekommt auf diese Art schnell vor Augen geführt, wie viel man selbst am Tag an den Geräten verbringt.

Ich frage mich: Warum zum Teufel ziehen Eltern ihre Handys nahezu mit dem Betreten der Spielplätze aus der Tasche? Warum liegen die Dinger gefühlt auf jedem zweiten Tisch im Restaurant? So banal es klingen mag, es geht auch ohne – und hat vor allem für Kinder einen positiven Effekt bei der Entwicklung. Sie machen reale Erfahrungen. Mit dem Kind spielen kann man auch ohne es permanent zu fotografieren. Essen macht viel mehr Spaß, wenn man sich mit der Begleitung unterhält, sich vom Handy nicht ablenken lässt.

„Ich muss immer informiert sein, das ist mein Job!“, entgegnete ich daheim bei der Konsum-Diskussion. Was ich nicht gesehen habe: Die wirklich wichtigen Nachrichten habe ich häufig verpasst – die aus meinem privaten Alltag. Mein Kind soll dem Handy einen Ball bevorzugen. Statt auf irgendwas zu wischen, soll er Bausteine türmen. Das erreiche ich nur, wenn ich meinen Konsum aus seinem Alltag raushalte. Nicht einfach. Aber unheimlich wichtig.

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