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Nach Datenleck: Ende von „Google+“ – Vorwärtsverteidigung gegen Amazon

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 09.10.2018 Postinett, Axel
Als Reaktion auf eine Datenpanne wird die 2011 als Konkurrenz zu Facebook gestartete Plattform Google+ für Verbraucher geschlossen. © AFP Als Reaktion auf eine Datenpanne wird die 2011 als Konkurrenz zu Facebook gestartete Plattform Google+ für Verbraucher geschlossen.

Google macht reinen Tisch: Der Onlinegigant gesteht ein vertuschtes Datenleck und verspricht mehr Privatsphäre. Kann das den Angriff Amazons noch abwehren?

Die Entscheidung war überfällig, das Timing ist ungewöhnlich und die Begleitumstände sind suspekt. Google schließt sein marodes Social-Network „Google+“. Das teilte der Onlinegigant am Montag im kalifornischen Mountain View mit und räumt damit auch faktisch ein, was jedem schon klar war: die völlige Niederlage seines Social-Networks gegen Facebook. Jetzt gilt die gesamte Aufmerksamkeit dem Kampf gegen Amazon im Online-Werbemarkt.

Merkwürdigerweise wurde der nüchterne Blog-Eintrag mit der Niederlage aber nur einen Tag vor der großen Google-Show in New York veröffentlicht, auf der am Dienstag die neue Technik vorgestellt werden soll, mit der der Suchmaschinenkonzern seine Machtposition sichern will.

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Erwartet werden Smartphone, Tablets, ein neuer TV-Stick und wohl auch das „Home Hub“, ein intelligenter Bildschirm mit Sprachsteuerung und digitalem Assistenten „Google Assistant“. 2017 war das Jahr der smarten Lautsprecher, 2018 soll der Home Hub gegen Amazons erfolgreichen Digitalassistenten „Echo Show“ antreten, dessen zweite Generation gerade erst vorgestellt wurde.

Suspekt wird es, wenn man dem „Wall Street Journal“ glaubt. Demnach bestand die Datenlücke, die auch Google in dem Blogeintrag einräumt, bereits seit 2015. Google selbst erklärte, man habe sie im März 2018 entdeckt und umgehend geschlossen. Durch die Datenlücke hätten Dritte theoretisch unerlaubten Zugang zu Informationen über registrierte Mitglieder von Google+ gehabt.

Die Frage bleibt, warum Google im März die Öffentlichkeit nicht informiert hatte. Laut Blogeintrag war unklar, ob überhaupt jemand betroffen war und ob man diese Nutzer eindeutig identifizieren könne. Deshalb habe man sich entschlossen, nichts zu unternehmen.

Das „Wall Street Journal“ berichtet unter Berufung auf interne Dokumente und mit der Situation vertraute Personen dagegen, dass Google einfach keine negative Öffentlichkeit wollte und fürchtete, die Regierung würde Parallelen zu Facebooks Cambridge-Analytica-Fall ziehen und auf eine stärkere Regulierung drängen.

Immerhin hatte Google-CEO Sundar Pichai es jüngst noch vorgezogen, eine Einladung zu einer Anhörung vor dem US-Senat in Washington abzulehnen. Vielleicht, um nicht zufällig in die Lage zu geraten, über die Datenpanne aussagen zu müssen.

Im Zuge einer allgemeinen, umfassenden Prüfung aller Schnittstellen im Konzern, dem „Projekt Strobe“, sei, so Google in seinem Blog, nicht nur der Softwarefehler entdeckt, sondern klar geworden, dass das soziale Netz kaum genutzt werde. 90 Prozent aller Besuche auf dem Dienst dauerten weniger als fünf Sekunden. Das ist vernichtend wenig. Also entschied man sich, einen Schlussstrich zu ziehen. Google+ ist nach rund zehn Monaten Übergangszeit Vergangenheit.

Allerdings wird die zugrundeliegende Softwareplattform Geschäftskunden, die sich ein internes Firmennetz aufgebaut haben, weiter zugänglich bleiben. Das hat strategische Gründe. Google ist derzeit in einen erbitterten Kampf um die Herrschaft im Milliardenmarkt Cloud-Computing verstrickt.

Amazon und Microsoft sind die Marktführer und Google ein abgeschlagener Dritter. Ein Grund ist mangelndes Vertrauen in die Produktpolitik des Unternehmens, das unrentable Angebote oft schnell und rigoros einstellt. Für Unternehmen, die langfristige Verlässlichkeit brauchen, ein Alptraum.

Bleibt der Zeitpunkt der Veröffentlichung: Der ergibt nur Sinn vor dem Hintergrund angekündigter Verbesserungen des Schutzes der Privatsphäre beim führenden Smartphone-Betriebssystem Android. Die können in New York in den Vordergrund gerückt werden. Google muss Vertrauen zurückgewinnen. Die Nutzer werden präziser bestimmen können, wie sie ihre Daten teilen, und der Zugriff Dritter auf SMS und E-Mails soll eingeschränkt werden.

Google muss unbedingt vermeiden, in das Fahrwasser von Facebook zu geraten, das immer weiter im Strudel von Datenskandalen, Fake-News und dubiosem Datenhandel versinkt. Ein aktuelles Urteil gegen Google in der EU wegen Monopolmissbrauch beim Betriebssystem Android in Höhe von fünf Milliarden Dollar ist da nicht nur teuer. Der Ruf Googles nimmt immer mehr Schaden.

Nicht zuletzt der massive Angriff Amazons auf den Werbemarkt mit seinem „Alexa“-Digitalassistenten und „Echo“-Lautsprechern, dem am Montag Facebook mit eigenen smarten Bildschirmen folgte, zwingt Google, eine Antwort zu präsentieren.

„Werbetreibende haben bis zu 50 Prozent ihrer Werbebudgets von Google Suche zu Amazon Ads umgeschichtet“, meldet CNBC laut einer Umfrage von Werbemanagern in den USA. Es soll sich bereits um „hunderte Millionen Dollar“ handeln. Die Marktforscher von eMarketer sehen den Newcomer Amazon 2018 bereits als drittgrößten Onlinewerber der Welt hinter Google und Facebook.

Amazons Geheimnis: seine Vormachtstellung bei sprachgesteuerten Digitalassistenten in Wohnzimmern, Autos oder Mikrowellen. Wer etwas wissen will, der fragt Alexa, statt bei Google zu suchen. Google versucht, hier aufzuholen und das neue Datenleck hilft da wenig. Es sieht so aus, als ob Pichai einfach vor seinem großen Auftritt am Dienstag reinen Tisch machen wollte, statt zu riskieren, dass es irgendwann einmal zur Unzeit herauskommt. Jetzt ist der Weg frei für den Neuanfang ohne Google+.

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