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So entstand die beste Kriegsmaschine Griechenlands

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© Wikipedia/F. Mitchell, United States Military Academy

Als Philipp II. 359 vor Christus die Regentschaft von Makedonien übernahm, stand das Land am Abgrund. Mit einem genialen Konzept stieg das Land innerhalb weniger Jahre zur Vormacht von Hellas auf.

Alexander der Große war richtig wütend. Nachdem sie zusammen die Welt erobert hatten, wagte sein Heer wieder einmal den Aufstand, in Opis am Tigris im Jahr 324 vor Christus. Da erinnerte der König der Makedonen seine Soldaten nachdrücklich an die Zeiten, in denen sie noch "als notleidende Nomaden … mit Fellen bekleidet … Schafe auf den Bergen weideten" und glücklos gegen ihre Nachbarn kämpften. "Erst Philipp machte euch zu Herren statt zu Sklaven und Hörigen."

Philipp (um 382–336), das war Alexanders Vater Philipp II. gewesen. Als er 359 als Onkel und Vormund für den erst dreijährigen Sohn seines Bruders Perdikkas nach dessen Schlachtentod die Regentschaft übernommen hatte, schien das Reich der Makedonen dem Untergang geweiht. Illyrer, Thraker und die athenische Seemacht machten sich immer weitere Stücke aus dem bettelarmen Land am Rand der hellenischen Welt zu eigen. Doch nur 22 Jahre später war Makedonien zur Vormacht der griechischen Welt aufgestiegen und schickte sich an, einen groß angelegten Eroberungsfeldzug gegen das Persische Weltreich zu führen, den Alexander schließlich in ungeahnten Dimensionen vollendete.

Ohne Philipp keinen Alexander den Großen, ohne Alexander keine hellenistische Weltzivilisation, und ohne sie hätte es mit Rom kaum das am längsten währende Weltreich der Geschichte gegeben. Wer also war Philipp II. und was war das Geheimnis seines Erfolges? Eine weitreichende Heeresreform, sagt der Aachener Althistoriker Jörg Fündling, der mit seinem Buch "Philipp II. von Makedonien" (Philipp von Zabern) der endlosen Reihe von Lebensgeschichten Alexanders eine facettenreiche Biografie seines Vaters zur Seite stellt.

Das Land, dessen Führung Philipp nach der Niederlage seines älteren Bruders gegen die Illyrer zufiel, war ein "Personenverbandsstaat", verbunden durch gemeinsame Lebensweise, Mythologie und Sprache, von der manche Forscher mit guten Gründen annehmen, dass sie kein griechischer Dialekt war. Eine Schicht hellenisierter, wirtschaftlich privilegierter und gut bewaffneter Familien, eine Art Adel, stand über der breiten Masse von Hirten und Bauern, die mit jenen in ererbten oder erzwungenen Abhängigkeitsverhältnissen standen. Von einer Stadtkultur keine Spur.

Die Königsfamilie der Argeaden selbst bot ein getreues Spiegelbild dieses fragmentierten Staatswesens. Macht gründete auf Durchsetzungsfähigkeit und Charisma, was Prätendenten Tür und Tor öffnete, zumal die Herrscher offene Polygamie pflegten. Allein von Philipp sind sieben Frauen namentlich bekannt, mit denen er aus politischen Gründen die Ehe einging, darunter die Epeirotin Olympias, Alexanders Mutter.

Das militärische Aufgebot Makedoniens war dürftig genug. Insgesamt 10.000 Mann, die meisten schlecht bewaffnet und kaum ausgebildet, standen dem König für ein bis zwei Sommermonate im Jahr zur Verfügung. Kein Wunder also, dass diese zusammengewürfelte Truppe Herausforderern aus der Königsdynastie, Söldnerführern wie dem Athener Iphikrates oder den Strategen der Griechenstädte an der Ägäisküste kaum gewachsen war.

Aber Philipp, obwohl bei Regentschaftsantritt erst 23 Jahre alt, hatte schon einiges von der Welt gesehen. Drei Jahre lang hatte er als Geisel in Theben gelebt, wo er den Drill von dessen Hoplitenheer studieren konnte, dem 371 das Kunststück gelang, die für unbesiegbar gehaltenen Spartaner in offener Feldschlacht zu besiegen und eine neue Hegemonie über Griechenland zu errichten. Ein weiteres richtungweisendes Exempel boten die Reformen des Iphikrates, der ebenfalls gegen die Spartaner Erfolge verbucht hatte und der zeitweise in thrakischem Sold stand.

Um in den unwegsamen Regionen des Nordens flexibler zu sein, hatte der Athener seine tief gestaffelte, schwer gepanzerte Hoplitenphalanx mobiler gemacht, indem er ihren schweren Schild verkleinerte und seinen Kämpfern stattdessen einen verlängerten Speer von etwa drei Metern in die Hand gab. Im Gegensatz dazu verstärkte er den Flankenschutz dieser frontal vorrückenden Schlachtreihen durch eine robustere Ausstattung. Gegenüber der klassischen Schlachtordnung der griechischen Stadtstaaten gewann diese Phalanx deutlich an Beweglichkeit.

Kaum an der Macht, kümmerte sich Philipp zunächst um unliebsame Konkurrenten und brachte sie um. Anschließend machte er sich mit dem Erlös aus dem familieneigenen Tafelsilber und aufgenommenen Krediten daran, seinem Heer eine, wie Fündling schreibt, "maßgeschneiderte Lösung" für die strukturellen Probleme zu verpassen. Die schweren Schilde, Ergebnisse hoch spezialisierter Manufakturarbeit, die sich ohnehin nur wenige leisten konnten, wurden deutlich kleiner und leichter. Das war auch nötig, denn die Fußsoldaten erhielten als Hauptwaffe die Sarisse, eine ebenfalls verlängerte Lanze, die von zwei auf 5,5 Meter anwuchs. Dabei konnte Philipp auf eine strategische Ressource seines Landes zurückgreifen, die Kornelkirsche. Sie lieferte das härteste Holz der griechischen Welt und stand nahezu unbegrenzt zur Verfügung.

© Wikipedia/F. Mitchell, United States Military Academy

"Verlängerte Lanzen bedeuteten aber zugleich eine vergrößerte Kampfdistanz in der Anfangsphase einer Schlacht", folgert Fündling. "Traf die erste Reihe einer konventionellen Phalanx auf die erste einer makedonischen, dann stießen und stocherten bis zu fünf Sarissen gegen den vordersten Angreifer mit seinem einzelnen Speer. Hinter der zweiten oder dritten Reihe waren die Makedonen umgekehrt außer Reichweite, Fernwaffen ausgenommen. Das wiederum erlaubte eine folgenschwere Kostenersparnis: leichte Rüstungen."

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Das Ergebnis war eine "leichte Schwere Infanterie", die zudem in unebenem Gelände beweglicher war als die schwer gepanzerte Hoplitenphalanx. Damit aber wurde sie an den Flanken äußerst verwundbar. Dieses Problem löste Philipp, indem er dort kleinere, mittelschwer gepanzerte Einheiten mit kurzen Speeren aufstellte, die Hypaspisten, die sich bald zu einer Gardeformation entwickelten.

Grundsätzlich veränderte sich die Rolle der Kavallerie. Anders als die Eliten der griechischen Poleis verfügte der makedonische Adel über einen guten Pferdebestand. Ihm kam nun die Aufgabe zu, auf den Flügeln das gegnerische Zentrum zu umgehen und schließlich im Rücken oder an den Seiten zu attackieren. Mit einem säbelartig gebogenen Schwert war diese Reiterei ideal für Schockangriffe und das Aufbrechen verunsicherter Infanterie. Alexander sollte in dieses Grundmuster noch verschiedene Einheiten Leichtbewaffneter – Schleuderer und Bogenschützen – einfügen. Die Taktik der "verbundenen Waffen" wurde zur furchterregenden Waffe seiner Welteroberung.

Mit diesem neuen Heer zog Philipp in den Überlebenskampf Makedoniens. Wider Erwarten schnell sollten sich die Investitionen bezahlt machen. Die Nachbarn wurden zurückgeworfen, alte und neue Gebiete erobert, Schätze erbeutet. Diese wiederum ermöglichten längere Trainingszeiten und Kampagnen und den Aufbau eines leistungsfähigen Trosses, zu dem neuartige Belagerungsgeräte, eine leistungsfähige Artillerie und eine umtriebige Pioniertruppe gehörten.

Damit aber gerieten bald die ersten Griechenstädte ins Visier der makedonischen Macht. Und nach dem Sieg über Thessalien gewann Philipp auch noch die stärkste Reiterei der hellenischen Welt. Gegen diese Truppe hatten die Bürgerarmeen Thebens und Athens keine Chance. Nach ihrer Niederlage von Charoneia 338 – wo Alexander die Reiterei kommandierte – stieg Philipp als Hegemon des Korinthischen Bundes zum uneingeschränkten Herrscher über Griechenland auf.

Doch der entscheidende Faktor war bei alledem wohl Philipp selbst. Sein militärisches Talent, sein persönliches Beispiel und natürlich seine Erfolge machten das makedonische Heer zu einer gefürchteten Kampfmaschine. Kurz vor seinem Aufbruch zum Perserfeldzug wurde Philipp 336 ermordet. Fündling verzichtet auf einen Indizienprozess, kommt aber nicht umhin, Alexander und seiner Mutter Olympias "starke Motive" zu unterstellen. Dieses mörderische Erbe des makedonischen Herrscherhauses hatte Philipp nicht tilgen können.

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