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Kommentar: Wie viele Corona-Tote wollen wir uns leisten?

dw.com-Logo dw.com 26.03.2020 Henrik Böhme
Provided by Deutsche Welle © Reuters/Inquam Photos/V. Simonescu Provided by Deutsche Welle

Kommentar von Henrik Böhme

Man glaubt, seinen Augen und Ohren nicht zu trauen. Nach zwei Wochen Stillstand fangen die ersten an, Rechnungen aufzustellen: Tote versus Wirtschaftswachstum. Das darf nicht sein, meint Henrik Böhme.

Es ist eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Ich jedenfalls habe keine. Manche glauben, die Antwort zu kennen. Der Kern, um den sich gerade eine gespenstische Debatte dreht: Was ist uns mehr wert? Der Schutz der Gesundheit eines jeden Einzelnen oder der Schutz vor einer verheerenden Wirtschaftskrise?

Ich habe über Jahrzehnte hinweg über die wirtschaftlichen Auswirkungen von Krisen aller Art geschrieben. Nach den Anschlägen vom 11. September, nach dem Crash von Lehman Brothers, sogar den kompletten Zusammenbruch eines Systems habe ich live erlebt, 1989 in der DDR. Und nun dieses Virus. Unsichtbar. Unscheinbar. Unbekannt. Noch. Dieses Unbekannte ist es, was es so gefährlich macht. Was uns so ängstlich macht. Was uns Kontaktsperren und Ausgangsverbote ertragen lässt. Die Beschneidung von Bewegungsfreiheit, das Herunterfahren des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens. Bilder einer Endzeit-Apokalypse. Die Verkehrsnachrichten zur Rushhour haben nichts zu vermelden.

Ganz große Summen

Wir lernen mit noch größeren Zahlen zu jonglieren als zu Zeiten der Weltfinanzkrise. Zwei Billionen Dollar ist das US-Hilfspaket groß, 750 Milliarden Euro macht die EZB locker, 600 Milliarden die Bundesregierung. Überall auf der Welt werden solche Pakete geschnürt. Und natürlich stellen sich viele die Frage: Wer soll das eigentlich alles bezahlen? 

Geht es am Ende wieder so wie nach der Finanzkrise, in dessen Folge sich die Staaten bis zum Hals verschuldeten? Also wurde gespart - freilich vor allem in den Sozialsystemen, im Gesundheitswesen, bei Bildung und Investitionen. Es gibt seriöse Studien britischer Mediziner, wonach in Folge der Finanzkrise zwischen 2008 und 2010 über 500.000 Menschen zusätzlich allein durch Krebserkrankungen gestorben sind, weil sie auf Grund von Sparmaßnahmen oder durch Arbeitslosigkeit (und den dadurch verlorenen Versicherungsschutz) nicht die erforderliche medizinische Behandlung erhalten haben.

Ganz harte Worte

Jetzt also geht es wieder um eine Abwägung. Wie viele Tote wollen und können wir uns leisten? Man kann die Frage auch anders stellen: Was ist uns ein Menschenleben wert? Dürfen wir solche Rechnungen aufmachen, wie es Alexander Dibelius tut (Private-Equity-Manager, Ex-Goldman-Sachs-Chef in Deutschland), der fragt: Ist es richtig, dass zehn Prozent der von Corona besonders bedrohten Bevölkerung geschont werden, aber der Rest samt kompletter Volkswirtschaft extrem behindert werden mit der möglichen Konsequenz, dass die Basis unseres Wohlstands nachhaltig erodiert?

Geht es noch kälter? Noch berechnender? Immerhin, der Mann ist gelernter Mediziner. Wie war das mit dem Eid des Hippokrates? Braucht es noch eindringlichere Bilder als die, die uns aus Italien erreichen? Ärzte, die vor der unmenschlichen Entscheidung stehen, wen sie noch behandeln können - und wen sie sterben lassen müssen. Kollabierende Gesundheitssysteme - dies zu verhindern, darum vor allem geht es doch beim derzeitigen Shutdown. Denn wenn in den Krankenhäusern italienische Verhältnisse herrschen, dann müssen auch viele andere Patienten sterben, die zum Beispiel mit akutem Herzinfarkt oder Schlaganfall eingeliefert werden. Für Dr. Dibelius womöglich Kollateralschäden. Auch die mehr als eine Million Toten in den USA, wie das Londoner Imperial College vorgerechnet hat? Und eine Frage an den gelernten Mediziner Dibelius: Haben Sie von den 20 Jahre jungen Medizinstudenten gelesen, die im französischen Mühlhausen die Toten in Leichensäcke packen und abtransportieren mussten?

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion © Provided by Deutsche Welle Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Ganz viele Betroffene

Natürlich ist der wirtschaftliche Stillstand ein riesiges Problem. Für die Kneipe um die Ecke, die sich eh gerade so über Wasser halten konnte. Für die freischaffende Regisseurin, der ein halbes Jahr alle Aufführungen wegbrechen. Für Eventagenturen, Caterer. Die Liste ist endlos. Oder die ganz Großen: Die Lufthansa, die fast die ganze Flotte am Boden hat, weil das Geschäftsmodell Fliegen gerade nicht funktioniert. Volkswagen hat seine Bänder angehalten und wollte doch eigentlich im Sommer ganz groß den Start des neuen Elektroautos feiern. Wird nichts draus. Aber auch das macht die Dimension der Krise deutlich. Natürlich wurden bei VW und vielen anderen die Fabriken geschlossen, weil die Gesundheit der Mitarbeiter Vorrang hat. Andererseits würde sowieso nur auf Halde produziert, weil derzeit kein Mensch Autos kaufen will.

So frisst sich das Virus in unsere Systeme, in unsere Gesellschaften. Beschneidet unsere Freiheiten. Beschert uns einen Kontrollverlust. Erschüttert unseren Glauben daran, dass wir für jedes Problem eine Lösung haben. Bringt uns die große Rezession. Ja. Und trotzdem darf es nicht sein, dass wir jetzt sortieren. Die Alten wegsperren (es sterben übrigens auch junge Menschen am Virus), damit die Wirtschaft wieder wächst. Natürlich sind sich die Wissenschaftler ihrer Verantwortung bewusst, welche Schäden, soziale und wirtschaftliche, die jetzigen Maßnahmen anrichten. Deswegen wird nachjustiert werden.

Nein, wir müssen die überschaubare Phase des Innehaltens jetzt durchstehen. Das Pflänzchen der Solidarität hüten, was in der Krise entstanden ist. Inmitten einer zutiefst egoistischen Gesellschaft. Das ist das wirkliche Gegenmittel gegen Corona.

Das mit der Wirtschaft kriegen wir schon wieder hin. Da bin ich ganz sicher.

Autor: Henrik Böhme

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